Auf Wiedersehen Big City Life?

Immer wieder höre ich von Leuten, die aus der Großstadt weggezogen sind, wie froh sie sind, diesen Schritt gewagt zu haben. Und immer wieder frage ich mich, ob es für uns auch das Richtige wäre.

Die Jahre vergehen wie im Flug, und nun sind es nur noch dreieinhalb Jahre, dann ist mein Kind schon ein Schulkind. Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, aus der großen Stadt wegzuziehen. Finden zumindest immer mehr Menschen in meinem Umfeld.

Der gute alte Traum vom Eigenheim

Kaum eine Bekannte, die nicht davon träumt, mit ihrer Familie der Großstadt zu entfliehen und sich den „Traum vom Eigenheim“ zu erfüllen. Immer mehr Freunde, die sich bis an ihr Lebensende verschulden, um endlich ihr Reihenhäuschen in der Peripherie beziehen zu können.

Sogar Familienangehörige von mir versuchten neulich auf einer Feier, uns mit einer Fülle an guten und weniger guten Argumenten von der Sinnlosigkeit der Großstadt zu überzeugen. Es sei „höchste Zeit für uns“, dort wegzuziehen.

Einfach bei Dr. Walter über den Zaun hüpfen

Im Vorort gäbe keine Brennpunkte, keine gefährlichen Straßen, keine Ängste ob „falscher“ Kontakte, an die das Kind geraten könnte. Einzig die Teenager-Gang, die ab und zu an der S-Bahn abhängt, die sei nicht so schön. Hier sei jeder sicher, jeder aufgehoben und geborgen in einem Verbund aus Familie, Freunden und Nachbarn.

Mühsam einen Arzttermin organisieren? Überflüssig, schließlich kenne man Dr. Walter persönlich und könnte bei Ohrenschmerzen einfach über den Gartenzaun hüpfen, um sich nachts um eins die Diagnose stellen zu lassen.

Genau das jagt mir Angst ein

Verwirrt stellte ich fest, dass genau das mir Angst einjagte.

Ich bin in einer eng verbundenen Familie aufgewachsen, wir fuhren zusammen in den Urlaub und feierten alle Feiertage und Geburtstage des Jahres zusammen. Anders kannte ich es als Kind nicht. Irgendwann hörte das auf, und ich vermisste es eine zeitlang sehr und tue das auch heute noch ab und zu.

Aber könnte ich mir vorstellen, mein Stück Autonomie für ein dicht gewebtes Netz aufzugeben, in dem ein Faden in den anderen übergeht?

Garten an Garten, Tür an Tür

Meine Bedürfnisse als Erwachsene sind anders als die eines Kindes. Ich möchte mir die Menschen, die ich dauerhaft in mein Leben lasse, selbst aussuchen. Ich möchte mich nicht mit den Nachbarn links und rechts von mir anfreunden müssen, weil das Leben Garten an Garten und Haustür an Haustür sonst unerträglich wäre.

Falls in meiner kleinen Familie mal nicht alles rosig läuft, möchte ich mich nicht vor den Eltern der Klassenkameraden meines Kindes rechtfertigen, nur weil in einem kleinen Ort jeder alles irgendwann erfährt.

Der ständige Kampf um Kontakte

Was ich aber genießen könnte, wäre das Bewusstsein, nicht immer wieder um Kontakte kämpfen zu müssen, wie man sich das in einer großen Stadt irgendwann automatisch so angewöhnt. Sich darauf verlassen zu können, dass Menschen, die man lieb gewonnen hat, auch morgen und vielleicht sogar übermorgen noch mit dir zusammen Kaffee im einzigen Café des Ortes trinken.

Einfach weil auch sie sich für dieses Leben entschieden haben, und es nun mit allen Konsequenzen durchziehen. „Allein schon wegen der Kinder“, wie es immer heißt.

Die vielen Abschiede der letzten Jahre, die mühsame Suche nach gemeinsamen Terminen für Treffen, in dem Wissen dass mindestens wieder Monate vergehen werden, bis man sich wiedersieht, wenn überhaupt.

Orte wie Menschen liebgewinnen

Vielleicht wäre es auch schön, die Hektik der großen Stadt gegen etwas Entschleunigung zu tauschen. Erinnerungen aufzubauen, weil man Orte liebgewinnt wie Menschen. Im Sommer immer an den selben Badesee zu fahren, und im Winter den kleinen Weihnachtsmarkt des Ortes zu besuchen.

Traditionen aufzubauen, die nicht von außen vorgegeben werden, sondern eigene. Vielleicht wäre es schön, irgendwo endgültig Wurzeln zu schlagen, nach Jahren der Wanderschaft von einem Viertel ins nächste und wieder ins nächste.

Vielleicht. Sagen zu können: Wenn ihr mich sucht, ihr findet mich hier. Und das wird auch erstmal so bleiben.

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