Julian Reichelt oder die alte Geschichte

Der Sturz des Bild-Titanen Julian Reichelt geht gerade durch alle Medien. Wieder einmal wundern sich alle, was Männer so treiben wenn man sie nur lässt. Kommt uns Frauen doch bekannt vor, oder?

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Wer als Frau in der Medienbranche arbeitet oder gearbeitet hat, wer in einer Werbeagentur oder auch nur in einer mittelgroßen Schreibklitsche beschäftigt war, hat mit Sicherheit einen oder mehrere Julian Reichelts getroffen. Männer, die auf mal mehr, mal weniger offensive Art ihre Macht und Stellung ausgenutzt und ausgekostet haben.

Mein Start ins Berufsleben begann in einer kleinen Übersetzungsagentur, ein Ein-Mann-Betrieb. Ich, gerade frisch aus dem Studium entlassen, begann dort ein Praktikum.

Jedes Räuspern wurde zur Peinlichkeit

Schon in der ersten Woche fühlte ich mich dort unwohl, und das lag schlicht und einfach an der Tatsache, dass der Chef und ich uns stundenlang in unangenehmem Schweigen gegenübersaßen und arbeiteten. Nur er und ich, sonst niemand. Jedes Räuspern, jeder Toilettengang wurde für mich zu einer Peinlichkeit, denn er überwachte buchstäblich jeden meiner Schritte. Selbst schuld, könnte man nun sagen. Du hast schließlich gewusst, worauf du dich einlässt, als du bei einem Ein-Mann-Unternehmen angeheuert hast.

Was ich jedoch nicht wusste war, dass mein Chef mich und meine Generation offenbar allesamt für nutzlose Loser hielt, denen man keinerlei berufliche Verantwortung geben darf. Dies und noch einiges mehr bekam ich zu hören, als mir bei der Arbeit ein Fehler unterlief. Ein Dorn im Auge war ihm auch, dass ich nach Ablauf meiner (lächerlich vergüteten) Arbeitszeit ab und zu wagte, einfach aufzustehen und frech wie Bolle nach Hause zu fahren, ohne zu fragen ob ich zuvor noch etwas für ihn erledigen könnte.

Meine morgendliche Verspätung von 5 Minuten, die U-Bahn-bedingt öfters vorkam, legte bei ihm dann offenbar sämtliche Alphamännchen-Instinkte frei. Er schiss mich zusammen bis ich weinte. Es war mein allererster richtiger Job, und er schickte mich nach Hause, damit ich mich beruhigte.

Das Geschenk: eine Box mit Parfüm

Seine Frau, die alle finanziellen Aspekte seiner Firma managte (und by the way auch für meine miserable Vergütung zuständig war), hat ihm dann nach eigener Aussage ins Gewissen geredet. Kurze Zeit später kam er mit einem Entschuldigungsgeschenk an: Es war eine kleine Box mit Parfüm. Was man einer jungen Frau halt so schenkt, um sie wieder gnädig zu stimmen. Ich kündigte trotzdem eine Woche später. Sexuelle Anspielungen oder Übergriffe ließ er sich zwar nicht zuschulden kommen, aber seine schlecht verhohlene Geringschätzung für mich als junge Berufseinsteigerin und meine Arbeit ließ er mich bei vielen Gelegenheiten spüren.

Kurze Zeit darauf heuerte ich bei einer kleinen Agentur an – und freute mich darauf, dass dieser Job mich meinem Traum vom Schreiben etwas näher bringen könnte. Der Job an sich war okay, der Chef des Ladens leider ein geltungssüchtiger Choleriker. Und ein Sexist wie er im Buche stand.

Die Spätschichten des Grauens

Die hauptsächlich männlichen Jungvolontäre und -redakteure der Agentur machten sich im Newsroom die Welt, wie sie ihnen gefiel. Inklusive vieler Poster von „nackten Weibern“ an den Wänden und Spätschichten, vor denen mir als manchmal einziger Frau unter fünf fußballtickernden, dauersprücheklopfenden Testosteronis schon Tage vorher graute.

Zum ersten Mal konnte ich mit dem Begriff „toxische Atmosphäre“ etwas anfangen. Immer wieder derbste Sprüche, gerne noch mit frauenverachtenden Kraftausdrücken garniert. Und immer wieder der Blick zu mir hinüber, um sicherzustellen dass ich die Grenzüberschreitung auch mitbekommen hatte. Die Stimmung war irgendwo zwischen Junggesellenausflug auf der Reeperbahn und Südkurve in der Allianz-Arena. Ich stellte mich taub, stierte auf meinen Rechner und sagte sechs Stunden lang garnichts.

Das Gefühl, nicht nur körperlich unterlegen zu sein, sondern auch als Frischling keinerlei Rechte zu haben, diese Ohnmachtserfahrung machte sich wie Gift in mir breit. Wenigstens die Poster abzuhängen, damit der weibliche Teil der Belegschaft nicht täglich bei der Arbeit auf nackte Hintern und Brüste glotzen muss, dauerte Wochen. Wir Frauen hängten die Poster ab, am nächsten Tag hingen neue an den Wänden. Irgendwann gaben die Männer auf, ein kleiner Sieg immerhin.

Ihr Manko: ein zu platter Hintern

Warum der Boys Club den Arbeitsplatz so ohne jeglichen Widerstand zu seinem Spielplatz machen konnte, war mir bald darauf klar, als der Chef einer Kollegin von mir beim gemeinsamen Kochabend vor versammelter Mann-Schaft bescheinigte, ihr Hintern sei leider zu platt und werde es auch immer bleiben. Ihren fassungslosen und verletzten Blick habe ich bis heute vor Augen. Gesagt hat auch sie damals nichts.

Auf meinem Weg traf ich noch viele weitere solcher Kaliber. Immer dreist, immer aber auch absolut sicher, dass ihr Verhalten keine Konsequenzen haben würde. Der Art Director, der mich in der Kaffeeküche einer großen deutschen Werbeagentur anraunzte, ich sei ja „nur ein kleines blondes Mädchen“. Den nächsten Teil des Satzes musste er nicht aussprechen, wir wussten ihn beide. „Und ich bin hier der Chef“.

Und immer wieder die Kollegen

Sexismus in Kombination mit einem Machtgefälle ist schlimm, aber nicht minder frustrierend fühlt er sich an, wenn ihn Menschen auf gleicher berufliche Ebene ausüben. Denn dann wird das berufliche Machtgefüge zu einem sozialen: Ich bin zwar nicht dein Chef, aber als Mann mit höherem gesellschaftlichem Status als du darf ich dich trotzdem erniedrigen.

Der Kollege, der selbst offenbar keinen Gedanken an sein Aussehen verschwendete, es sich aber angewöhnt hatte, jeden Morgen vor allen anderen Kollegen (es waren wieder nur Männer) wenn ich das Büro betrat, mein Outfit zu kommentieren.

Der andere Kollege, der mich bei der Weihnachtsfeier nach einem kurzen Gespräch lallend fragte, ob denn da jetzt noch was ginge mit uns, ansonsten würde er sich anderweitig umsehen.

Leider noch lange nicht das Ende der Geschichte. Next level, jeder der Kinder hat, kennt es: Elterndiskriminierung. Kein Führungsjob mit Personalverantwortung in Teilzeit, leider leider.

Als Frau bist du Sexobjekt, aber als Frau mit Kind bist du in der Berufswelt noch etwas viel Schlimmeres: ein ausrangiertes Sexobjekt. Nun wird dir endgültig jeglicher Sachverstand abgesprochen. Willkommen im Leben, liebe Damen. Es grüßt herzlich, euer Julian Reichelt.

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