Warum geben wir Frauen eigentlich immer so viel?

Die Erschöpfung der Frauen von heute ist mittlerweile fast schon Normalzustand. Überall wird über die ausgelaugte Frau und Mutter von heute diskutiert. Warum hören wir nicht endlich auf damit, uns emotional völlig zu verausgaben?

Photo by Helena Lopes from Pexels
 

Frauen, insbesondere Mütter und andere pflegende Personen, sind bereits im letzten Coronawinter an ihre Grenzen gekommen. Sehr viele von uns auch darüber hinaus. Und der nächste harte Winter steht uns schon bevor. Die Erschöpfung, die in der gleichzeitigen Belastung durch Erwerbsarbeit und Care-Arbeit während Corona ihren Höhepunkt fand, ist seit Jahren Thema in feministischen Diskussionen. Langsam findet das Thema nun auch Eingang in die Mainstream-Medien.

Viele sehen den Grund für die Erschöpfung darin, dass Frauen durch gesellschaftliche Erwartungen nicht nur dazu genötigt werden, ZU VIEL zu geben – sie werden dafür in vielerlei Hinsicht auch noch abgewertet.

Vom Ehrenamt zur Ariermutter

Die Frau als das sich ewig unterordnende, dienende Geschlecht – dieses Bild gibt es, seit es Religion gibt. Frauen dürfen in der heutigen katholischen Kirche zwar nach wie vor gerne Ehrenämter ausführen, verfügen aber trotzdem über lächerlich wenig Gestaltungsmacht. Hier und überall lautet das Motto: Gib gerne, denn dazu bist du geschaffen, aber erwarte nicht, dass du dafür etwas zurückbekommst. Im Nationalsozialismus fand dieses Frauenbild in der „deutschen Ariermutter“, die ihr Leben in den Dienst des Führers stellen, aber bitte keinerlei Ansprüche anmelden sollte, seinen Höhepunkt.

Heute stehen Frauen zwar nicht mehr ausschließlich (wenngleich meist noch neben dem Job) am Herd, aber die Rolle der Sorgenden hat sich fast 1:1 aufs Berufsleben übertragen. Dass Frauen wie selbstverständlich einen Großteil der miserabel bezahlten Jobs in Pflege und Kinderbetreuung übernehmen, heißt noch lange nicht, dass sie hier irgendeine Gestaltungsmacht hätten. Von Anerkennung kann ebenfalls nicht die Rede sein.

Das Ziel: Menschen zu helfen

Sorgen, aufopfern, kümmern – alles Dinge, die von uns erwartet werden, seit wir kleine Mädchen sind. Wenn Männer solche Berufe ausüben, geht damit fast automatisch ein hoher Status einher. Bestes Beispiel: der Arzt. Die Pflegerin, die Hebamme und die Krankenschwester können von so einem Status nur träumen, allenfalls reicht ihr Berufsbild als Projektionsfläche für männliche Fantasien. Dabei ist der Arztberuf an sich in meinen Augen ebenfalls ein „dienender Beruf“, dem zwar ein langes, anspruchsvolles Studium vorausgeht, der aber letzten Endes nur ein Ziel hat: Menschen zu helfen, und das jeden Tag.

Das ewige Aufopfern des weiblichen Geschlechts läuft aber nicht nur in Kirche und Job so, sondern auch im Privatleben: Ich kenne unzählige starke Frauen, die sich zuhause bis zur Erschöpfung um ihren Partner und die Kinder kümmern. Nicht nur übernehmen sie fast den kompletten Haushalt und betreuen (meist in Teilzeitjobs) nachmittags die Kinder, sondern sie fühlen sich auch noch für das mentale Wohl der Familie verantwortlich.

Der „Puffer“, der die schlechten Gefühle der anderen auf magische Weise in sich aufsaugt und abfedert. Und trotzdem noch die Energie aufbringt, mal kurz durchzusaugen und das Klo zu putzen. Am Ende sind meist auch noch sie es, die beim Paartherapeuten anrufen, um die Ehe zu retten.

Wenn Familienväter hingegen Zeit mit Ihren Kindern verbringen oder tatsächlich die Hälfte oder mehr Anteil an der Hausarbeit übernehmen, sich also in die Rolle des klassisch weiblichen Kümmerers begeben, ernten sie dafür von allen Seiten Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und vergessen in der Regel auch nicht, sich ausgiebig selbst für ihr außergewöhnlich hohes Engagement zu loben.

Der Partner wird wieder zum Kind

Frauen ohne Kinder hingegen haben zwar nicht die Verantwortung für einen kleinen Menschen zu tragen, aber der Tenor ist bei vielen: Ich fühle mich für meinen Partner verantwortlich wie für ein Kind. In vielen Gesprächen mit Freundinnen war das der Grund Nummer eins für Unzufriedenheit und letzten Endes das Ende der Beziehung: Frauen rutschen dem Partner gegenüber in die Mami-Rolle, ohne es zu wollen.

Wie leicht es vielen Männern fällt, im Gegenzug wieder zurück in die Kinderrolle zu schlüpfen, ist erstaunlich, aber nachvollziehbar, denn: so bequem. Zugespitzt gesagt, wer immer nimmt, ohne auf emotionaler Ebene je etwas dafür zurückgeben zu müssen, der gewöhnt sich irgendwann an diesen himmlischen Zustand. Leider schwindet dann auch oft der Respekt für den Gebenden, denn der bzw. die scheint es ja gern zu tun.

Liebe wird selbstverständlich

Die Währung Liebe und Sorge wird so in vielen Beziehungen immer selbstverständlicher. Wenn Mann dann im Gegenzug einmal im Jahr Blumen mitbringt oder „Ich liebe dich“ sagt, ist das eine sensationelle Geste der Zuwendung, die gerne gewürdigt, aber bitte nicht zu oft wiederholt werden darf, damit Frau sich nicht zu sehr an diesen Luxus gewöhnt.

Männer, die ohne sich zurückzuhalten oder aufzurechnen einfach Liebe geben, sind scheinbar eine Seltenheit. Wir Frauen werden schon von klein an darauf vorbereitet, dass die Suche nach diesem männlichen „Einhorn“ eine Herkulesaufgabe ist. Und bis wir „ihn“ gefunden haben, geben wir einfach weiterhin noch ein bisschen mehr von uns.

Hinterlasse einen Kommentar