Frühling, Sommer, Herbst und… Stopp!

Bei mir ist es fast jedes Jahr dasselbe – mit voller Wucht schlittere ich in die Endjahresüberforderung. Und das nicht erst, seit ich Mutter bin und Corona die Welt beherrscht. Woher kommt das plötzliche Gefühl, dass alles zu viel wird?

Photo by Nubia Navarro (nubikini) from Pexels

Es gibt Freunde und Kolleginnen von mir, die drehen gegen Ende des Jahres nochmal richtig auf. Sie sprühen vor Energie, wollen gerne noch alles, ALLES auf ihrer To-Do-Liste bis zum Glockenschlag des neuen Jahres erledigt haben. Und scheinen es regelrecht zu genießen. Sie geraten in einen Abarbeitungsrausch, bei dem selbst die Steuererklärung noch Glücksgefühle auslöst.

Ironman-Marathon in der Innenstadt

Master-Challenge: der Geschenkekauf, bei dem die fleißigen Tierchen vier Wochen vorm großen Fest zu Höchstleistungen auflaufen und die Münchener Innenstadt in einem Ironman-artigen Kaufmarathon von hinten aufrollen. Erste Etappe: 10 Kilometer Douglas-Regale Parfümaussuchen für Mutter, Oma und Schwester bis die Nase raucht, danach 5 Kilometer Hugendubel-Freistil, dabei die auswändig gelernte Spiegel-Bestsellerliste vor Augen, und zum Schluss noch die 500 Meter Karstadt Spielzeugabteilung inklusive feindseliger Verkäuferin in unter 60 Minuten.

No hate, ich wäre auch gerne so.

Bin ich aber nicht. Sobald das erste Mal Last Christmas im Radio dudelt, legt sich in meinem Kopf ein Schalter um, und ich möchte mich am liebsten in meiner Höhle verkriechen, alle schrecklichen Weihnachtsfilme mit Heike Makatsch hintereinander gucken und nichts und niemanden mehr sehen müssen. So zuverlässig wie mein monatliches PMS überkommt mich Mitte, Ende November die absolute und totale Lustlosigkeit.

Jeder Termin, jede Aufgabe wird zur Hürde, die es noch zu überwinden wird. Ein regelrechter Psycho-Lockdown im Kopf. Seltsamerweise gibt es für mich genau in dieser anstrengenden Zeit auch immer noch Projekte, auf die ich entweder überhaupt keine Lust habe, oder die mich vor große Herausforderungen stellen. Als wollte das vergangene Jahr noch ein letztes Mal beweisen, dass ich mich noch lange nicht zurücklehnen darf. Geistige Kapazitäten habe ich dafür dann aber leider kaum noch übrig. Im Gegenteil: Ich bin kurz vorm Weinkrampf, wenn der Lachs zum Abendessen nicht richtig aufgetaut ist. Gerate mental aus der Puste, wenn die Zimmerpflanze auf der Heizung gelbe Blätter bekommt.

Wir heulen uns gnadenlos gegenseitig voll

Gleichzeitig möchte ich natürlich niemanden mit meinem desolaten Zustand belästigen. Ausgenommen Leute, denen es annährend genauso geht. Dann jammern wir los, und heulen uns gnadenlos gegenseitig die Ohren voll mit unseren Alltags-First-World-Wehwehchen. Bestärken uns in unserem Blues, und wundern uns gemeinsam darüber, dass es doch wirklich jedes Jahr dasselbe ist.

Eine Kleinigkeit hätte ich hierbei fast vergessen – die Coronazahlen brechen ebenfalls gerade alle Dämme. Viele um mich herum sind, was das angeht, immer noch im Sommer-Sonne-Sorglosmodus unterwegs. Oder im „Dann lass ich mich halt doch mal langsam impfen“-Modus. Oder sie sprechen schlicht und einfach nicht über den Wahnsinn, der da draußen tobt. Menschen mit Kindern sind hier die Ausnahme: Sie malen sich den bevorstehenden Winterviren-Coronacocktail in Kita und Kindergarten in den saftigsten Farben aus. Für uns Eltern ist es nämlich momentan eher reine Glückssache, wenn wir und unsere ungeimpften Kinder sich nicht irgendwo anstecken.

Kein Platz für Befindlichkeiten

Die Covid-Alarmglocken schrillen gerade in allen Medien zu Recht dermaßen laut, dass für die eigenen Befindlichkeiten eigentlich kein Platz sein sollte. Vielleicht ist aber gerade das Konzentrieren auf die kleinen Überforderungsgefühle im Alltag eine von vielen Strategien, um nicht ständig über das eine GROSSE Problem nachdenken zu müssen. Das große C, das uns vielleicht auch dieses Jahr wieder das Weihnachten und Silvester mit Familie und Freunden vermiesen wird. Schon ist von Kontaktbeschränkungen und einem bevorstehenden Horror-Winter die Rede. Das letzte bisschen urdeutsche Wintertradition, das Christkindlmarkt-Besäufnis, wurde bereits in letzter Minute gecancelt, die Zeichen stehen also auf Apokalypse.

Vielleicht rege ich mich einfach noch ein bisschen über das Laub im Hof und den faulen Hausmeister auf, anstatt darüber nachzudenken, dass das neue Jahr genauso schlimm starten könnte, wie das alte vermutlich aufhören wird. Und greife zu Rechen und Schubkarre. Wenn ich fertig bin, ist dann wenigstens in meinem kleinen Garten ein bisschen Ordnung.

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