Über Wurzeln, Wut und Kinder Gottes.

Trotz Jugend in einer katholischen Mädchenschule spielt Religion heute keine Rolle mehr in meinem Leben. Nun treten meine Eltern aus der Kirche aus. Warum mich das mehr bewegt, als ich gedacht hätte.

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Wenn ich Fremden von meiner Kindheit und Teenagerzeit erzähle, schmunzeln die Leute, bemitleiden mich oder grinsen im schlimmsten Fall ein bisschen anzüglich. Weil ich auf ein katholisches Mädchen-Gymnasium gegangen bin, das von Dominikanerinnen geleitet wurde. Weil ich keine Jungs in meiner Klasse, dafür aber Nonnen als Lehrerinnen hatte. Zwar nicht nur, aber auch.

Warum musste es eine Mädchenschule sein?

Meine Eltern und ich hatten uns nach der Grundschule für dieses Gymnasium entschieden, weil schon nach den vier Jahren Grundschule klar war, dass ich eine ausgeprägte Begabung für Sprachen, nicht aber für Naturwissenschaften habe. Auf diesem Gymnasium wurde ein sozialwissenschaftlicher Zweig mit Französisch als Fremdsprache angeboten, damals noch eine Seltenheit in München.

Warum es unbedingt eine Mädchenschule sein musste? Weil ich in der Grundschule die Jungs die meiste Zeit eher als lästig empfunden hatte. Der Gedanke auf Unterricht ohne Jungs war für mich nicht schlimm, sondern eher verlockend. Die Schule war nicht weit von unserer Wohnung entfernt, und der religiöse Background war kein Hindernis, im Gegenteil.

Meine Eltern verorteten sich als gläubige Menschen, wir gingen ab und zu in die Kirche und alle in meiner Familie waren getauft. Ich selbst hatte Kommunion und Firmung mitgemacht, ohne irgendetwas davon zu hinterfragen. Ich denke es kam meinen Eltern damals nicht in den Sinn, dass sich unser Verhältnis zum Glauben und zur katholischen Kirche eines Tages derart wandeln würde.

Schrullige Wesen von einem anderen Planeten

Die Nonnen gaben ihr Bestes, einige von ihnen waren sogar ziemlich gute Lehrerinnen. Wenn ich heute erzähle, dass wir zwar im Religionsunterricht Gebete auswändig lernen und Lieder für hohe Feiertage einstudieren mussten, uns aber in Biologie und Physik der ganz normale deutsche Lehrplan serviert wurde, inklusive Sexualkunde bei Schwester Ursula, können das viele nicht ganz glauben.

Für mich und viele meiner Mitschülerinnen waren die Schwestern einfach schrullige ältere Damen, niedliche Weiblein, die genauso gut von einem anderen Planeten hätten kommen können. Sie waren für uns weder ernstzunehmende Vorbilder noch abschreckende Negativbeispiele dafür, wie man als Frau sein Leben leben kann.

Aber je älter ich werde, umso mehr merke ich, dass ich abseits von Vaterunser und biblischen Geschichten aus meiner Kindheit doch etwas mitgenommen habe – nämlich die Erinnerung an diese Zeit als etwas heimeliges, familiäres. Ein gewisser Zusammenhalt, ein Gefühl von Aufgehobensein. Meine Firmung in unserer Gemeinde war für mich etwas Aufregendes und gefühlt wirklich ein kleiner Eintritt ins „Erwachsenenleben“. Ich fuhr mit meiner Firmgruppe sogar für ein paar Tage an die Amalfiküste. Ein Diakon war dabei, der sich gar nicht erst die Mühe machte, uns Teenager vom Alkohol fernzuhalten.

Die Entscheidung traf mich unerwartet hart

Vielleicht sehnt man sich als Jugendlicher auch einfach nach Zugehörigkeit. Wieviel davon antrainiert war, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es mich unerwartet hart traf, als meine Eltern mir neulich erzählten, dass sie beschlossen haben, aus der Kirche auszutreten.

Schon lange habe ich mich mit dem Gedanken herumgeschlagen, auszutreten. Mein Kind ist nicht getauft und mein Mann könnte von allen religiösen Gefühlen nicht weiter entfernt sein. Irgendetwas hielt mich bisher immer davon ab. Aber meine Eltern? Dass sie mit Mitte 70 der Kirche, der sie sich ein ganzes Leben lang verbunden gefühlt haben, so endgültig den Rücken kehren wollen, schockte mich dann doch.

Katholischer kann man kaum sein

Meine Vorfahren kommen aus Böhmen und haben sich am Schliersee angesiedelt. Erzkatholischer kann eine Ahnengeschichte kaum sein, außer man kommt vielleicht aus Polen oder dem südlichen Italien. Meine Mutter wuchs dort auf, ebenso ihre Schwester. Der Rest unserer Familie mütterlicherseits baute sich dort nach der Flucht aus Böhmen mühsam eine neue Existenz auf.

Ein unzertrennlicher Familienclan mit einem Patriarchen als Oberhaupt, der es durch harte Arbeit und Glück am Ende zu einer eigenen Fabrik und einem kleinen Hotel im Ort gebracht hatte. Heute ist von Hotel und Fabrik nichts mehr übrig, aber die Geschichten aus der alten Zeit habe ich als kleines Kind immer gern gehört. Sie haben mir dabei geholfen, meine Wurzeln zu verstehen und mich irgendwo zugehörig zu fühlen.

Katholisch zu sein war damals keine Wahl, es war eine Entscheidung, die jemand anderer bereits für dich getroffen hatte, lange bevor du selbst dazu in der Lage warst. Und mein Vater? Der kommt aus dem tiefsten Westfalen und macht gerne Scherze darüber, dass in seinem Geburtsort als einem der letzten Orte in Deutschland noch Hexen verbrannt wurden.

Vertuscht, verpfuscht und dreist gelogen

Wie enttäuscht muss man sein von seiner Kirche, um sich von seiner gesamten Kindheit und Jugend loszusagen? Sehr enttäuscht, wie sich nun herausstellte. Nach der verpfuschten Aufarbeitung der Missbrauchsfälle durch die katholischen Priester, all den vertuschten Gutachten und halbgaren Entschuldigungen und einer offensichtlichen dreisten Lüge des ehemaligen Papstes Benedikt, war es dann doch genug.

Meine Eltern sind wütend darüber, dass Priester im Namen des Glaubens Kinder missbrauchen. Dass meine Eltern selbst nun einen kleinen Enkel haben, der theoretisch in die Fänge eines pädophilen Priesters geraten könnte, spielt bei dieser Wut sicherlich auch eine Rolle. Denn dass Priester seit Jahrhunderten ihre Macht gegen die Schwächsten ausspielen, ist und war nie ein Geheimnis. Sie sind auch enttäuscht darüber, wie wenig die Kirche während der Pandemie in Erscheinung getreten ist. Wie viel mehr diese unglaublich reiche Firma hätte tun können, um den Menschen in Not zu helfen. Stattdessen die Schlagzeile, dass eine katholische Stiftung in München Mitwohnungen bauen lässt, und dafür bei den Mietpreisen ordentlich hinlangt.

Soviel Leid durch eine einzelne Institution

Ich verstehe die Entscheidung meiner Eltern. Auch ich werde in nächster Zeit aus der Kirche austreten. Ich möchte einer Institution, die soviel Leid angerichtet hat, und mich als Frau wie eine Dienerin behandelt, nicht noch mein Geld hinterhertragen. Auch wenn das heißt, mich von einem Teil meiner Jugend zu trennen, an den ich mich im Großen und Ganzen gern erinnere. Und mich von dem Gedanken zu verabschieden, dass meine Eltern doch bitte alles immer so lassen sollten, wie es war.

Ich selbst habe eigentlich nie an Gott geglaubt, schon gar nicht explizit an einen als männlich definierten Gott, wie mir im Nachhinein klar wird. All das Beten, Singen und Beichten in meiner Jugend hat in meiner Seele oder meinem Kopf nicht den katholischen Glauben verankert, der in der Kirche gelehrt wird.

Behandle Menschen, wie du selbst behandelt werden willst

Stattdessen bilde ich mir ein, dass ich ein paar Werte mitgenommen habe, die mir bis heute wichtig sind, und die ich gern an meinen Sohn weitergeben möchte. Schlicht und einfach ein paar Gebote, von denen das einfachste lautet, behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Diese Gebote müssen nicht in Steintafeln gemeißelt sein, damit ich sie ernst nehme.

Mein Patensohn ist jetzt 14 Jahre alt, wurde vor kurzem mittem im Pandemiechaos gefirmt und engagiert sich in seiner Kirchengemeinde. Er ist – zumindest empfinde ich es so – nicht besonders religiös und hört in seiner Freizeit am liebsten US-Gangsterrap. Gerade ist er unglücklich in ein Mädchen aus seiner Klasse verliebt, und ich schätze er wird mit dem Sex eher nicht bis zur Ehe warten.

Einfach nur irgendwo dazugehören

Ich weiß nicht, ob er wirklich an die Existenz eines Gottes glaubt. Ich denke, auch er möchte einfach nur irgendwo dazugehören. Seine Firmung war vermutlich das letzte Mal, dass ich als Katholikin einen Fuß in eine Kirche gesetzt habe.

Meine Eltern haben ihren Frieden mit ihrer Entscheidung geschlossen. Meine Mutter sagte, sie könne ja trotzdem noch in eine Kirche gehen, wenn ihr danach sei. Die Wurzeln sind noch da, aber die Wut ist eben einfach zu groß.

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