Was, wenn Maaaaamaaaa nicht mehr kann?

Foto von SHVETS production von Pexels

Als ich mich neulich mit einer Freundin traf, die zwei Kinder hat, fiel mir auf, wie unglaublich erschöpft sie war. An Erschöpfung und Müdigkeit im „normalen“ Maß haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt, aber was, wenn der Beinahe-Burnout zum Dauerzustand wird?

Das Hamsterrad lässt grüßen

Das Hamsterrad lässt grüßen: Das dachte ich mir, als ich meine langjährige Freundin seit über einem Jahr mal wieder zu Gesicht bekam. Sie wirkte komplett ausgepowert, erschöpft, und nervlich am Ende. Das jüngere Kind, ein zweijähriges Mädchen, hielt sie jede Minute beschäftigt, der 5-jährige Junge war ebenfalls ein „Actionkind“, das sich kurz mal 5 Minuten zum Essen hinsetzen konnte, aber dann sofort wieder aufsprang und auf den Spielplatz wollte.

Meine Freundin und ihr Mann sprangen abwechselnd auf und rannten genervt rufend den umhertobenden Kindern hinterher, das Essen wurde kalt.

Einfach mal „nur sitzen“

Solche Situationen kenne ich von meinem Kind. Man sehnt ein paar Minuten Ruhe herbei, möchte einfach mal „nur sitzen“ und essen oder sich kurz unterhalten. Aber das Kind hat Hummeln im Hintern, und einmal mehr ertappen wir uns vielleicht dabei, wehmütig an die Zeit vor den Kindern zu denken, in der wir einfach nur stundenlang mit Freunden sitzen und uns in Ruhe austauschen konnten.

In der wir unsere Gespräche nicht in kleine Häppchen packen mussten, weil man länger als ein paar Minuten nie zusammen am Tisch sitzen kann. Zwischen „Julian, lass deine Schwester jetzt auch mal schaukeln“ und „Setz dich bitte jetzt hin und iss“ sprachen wir kurz über den letzten Ärger mit der Schwiegermutter, eine Antwort konnte ich nicht geben, denn da hängt der kleine Sohn schon kopfüber am Klettergerüst und ruft nach Maaaaaamaaaaaaa….

Trauma in der Corona-Zeit

Und irgendwo zwischen Kaiserschmarren und umgekippter Apfelschorle kommt dann auch ihre Fehlgeburt zur Sprache, die sie vor der zweiten Schwangerschaft hatte. Dieses traumatische Erlebnis mitten in der Corona-Zeit, das sie noch gar nicht richtig verarbeiten konnte. Die Enttäuschung darüber, wie wenig ihr Mann wirklich nachfühlen konnte, was da in ihr vorging. Sie wischt es weg, erledigt, vergangen, und geht zur Toilette.

Gezahlt wird in Etappen, denn bei drei kleinen Kindern muss immer eines dringend aufs Klo oder Windeln wechseln, und der Zeitpunkt muss abgepasst werden, denn irgendwer hat keine Wechselwäsche eingepackt, falls was danebengeht, und dann muss das Kind mit nasser Hose rumlaufen, und so warm ist es ja jetzt auch noch nicht, wir sind hier auf dem Berg…

Kleine Wesen mit eigenem Willen

Kinder sind so, und Kinder sind anders, und niemand weiß, was für eine kleine Persönlichkeit da auf die Welt kommt, wie sehr sie uns fordern und an unsere Grenzen bringen wird.

Das alles wird uns klar, wenn wir das kleine Wesen an unserer Seite zum ersten Mal wirklich als eigenständige Persönlichkeit betrachten. Mit Macken, Marotten und Vorlieben, und vor allem mit einem eigenen Willen.

Dennoch tut es mir weh, wenn ich die Erschöpfung sehe, die meiner Freundin im Gesicht geschrieben steht. Ihr Mann wirkt auch müde, aber er ist – trotz gerade begonnener beruflicher Selbstständigkeit – längst nicht so am Limit wie sie.

Sie hält an ihrem Traum fest

Trotzdem denkt sie über ein drittes Kind nach. Denn das war immer schon ihr Traum, drei Kinder. An diesem Traum hält sie fest, auch wenn das bedeutet, sich finanziell, körperlich und psychisch komplett an die Grenzen und darüber hinaus zu bringen.

Und die Erschöpfung, die Müdigkeit?

„Wir fahren jetzt auch bald mal ein paar Wochen weg“, sagt sie. Sie schaut mit einem schmalen Lächeln ihren Mann an, „Freust du dich schon?“ Doch der hat keine Zeit zu antworten, er hebt gerade Schnitzel-Stückchen vom Boden auf.

Hinterlasse einen Kommentar