
Sommer… gerade versuche ich, ihn so intensiv zu genießen, wie es nur geht. Corona und alles, was es mit sich bringt, ist ja nur einen Nieser entfernt. Doch jeden Sommer wird mir wieder bewusst, wie hart wir Frauen mit unserem Körper umgehen, und wie schwierig unser Verhältnis zu ihm ist.
Sich selbst sehen – und gesehen werden
Ich war diesen noch sehr jungen Sommer schon einige Male im Freibad. Für viele, darunter auch mich, birgt allein das Wort Freibad schon eine Masse an Problemen: Im Freibad muss ich meinen Körper zeigen, ich kann nichts verstecken, kaschieren oder ignorieren. Und nicht nur mir selbst wird mein Körper bewusst vor Augen geführt, sondern auch allen um mich herum.
Quasi eine doppelte Konfrontation mit den eigenen Komplexen, Unzulänglichkeiten, vermeintlichen Problemzonen. Man sieht sich selbst, und wird dabei auch noch von anderen gesehen.
Eine Flut an Beinen, Hintern und Bäuchen
Im Sommer ist das extrem: Eine Flut an Beinen, Hintern, Bäuchen, Armen um mich herum, und der innere Zwang, sich mit jedem einzelnen, der vobeigeht, zu vergleichen. Mühsam den Geist davon abzubringen, immer nur um den eigenen Körper zu kreisen – das ist wohl ein Problem, das in dem Ausmaß nur Frauen und Mädchen kennen.
Unser Blick ist dabei in den wenigsten Fällen milde und behutsam. Wir sind Scharfrichter unserer eigenen und der Körper anderer Frauen. Sehen alles, bewerten alles, werten alles ab. Wie sehr ich mir nur im Bikini meines eigenen Körpers überbewusst bin, merke ich daran, wie ich bei jeder Bewegung, bei jeder Pose an mir heruntersehe. Wie sieht mein Bauch gerade aus, welches Licht wirft die Sonne gerade auf meine Schenkel? Geht es einigermaßen oder sieht es furchtbar aus?
Ich genieße einfach nur die Wärme
Und dann, kaum habe ich das etwas zu lange T-Shirt drübergezogen, fällt eine Last von mir ab. Ich bewege mich plötzlich wieder natürlicher, checke nicht ständig das Licht und meine Körperhaltung, sondern genieße einfach nur die Wärme und das Wasser. Ich kann wieder ich sein, und wünsche mir, mich immer so zu fühlen. Mein ganzes Leben lang.
Nur im Sommer wird mir bewusst, welche tiefe Körperscham uns Frauen schon seit der Kindheit eingepflanzt wird. Und wie wenig das mit dem zu tun hat, was Jungs und Männer über ihre Körper lernen.
Keine Energie mehr, um Dinge in Frage zu stellen
Unser Frauenkörper gehört uns nicht: Er soll unser Tempel sein, unser Haus, aber es gehen ständig fremde Leute darin ein und aus. Unser Haus ist permanent renovierungsbedürftig, egal wie viel Arbeit und Zeit wir investieren. Dass das Patriarchat aka unsere Gesellschaft an diesem Gefühl einen gehörigen Anteil hat, wissen wir inzwischen. Wer sich ständig mit seinem Körper beschäftigt und immer neue Baustellen entdeckt, der verwendet nicht viel geistige Energie darauf, Dinge in Frage zu stellen. Und der belässt vor allem die Entscheidung, ob der eigene Körper liebens- und begehrenswert ist, immer bei anderen.
Egal, wie einverstanden ich mit meinem eigenen Körper bin, es reicht nur ein abwertender Kommentar von einer anderen Person, egal ob Mann oder Frau, und schon stürzt das Kartenhaus ein und die Selbstzweifel überrollen mich. Übrigens sind solche Kommentare nicht weniger schlimm, wenn sie von Nahestehenden oder sogar Familienmitgliedern kommen – sondern im Gegenteil besonders verletzend.
Schon wieder ein neues Ideal
Besonders im Sommer merke ich: Wir werden klein gehalten durch unsere Körper. Wir bleiben beschäftigt durch unsere Selbstoptimierung. Der üble Witz am Ende ist nur, dass nicht einmal wir darüber entscheiden, wann Schluss ist. Spoiler-Alarm: Schluss ist niemals, denn bis wir endlich den flachen Bauch und die straffen Schenkel unserer Träume haben, gibt es schon wieder ein neues Ideal, das erreicht werden muss. Den Wettlauf gegen die Zeit und den Zeitgeist können wir einfach nicht gewinnen.
Diesen Sommer möchte ich frei sein
Diesen Sommer möchte ich so gerne aufhören mit dem Renovieren meines „Hauses“. Möchte mich nicht verrückt machen damit, dass ich in einigen Wochen in den Urlaub ans Meer fahre, und dann wieder fremde Leute meinen Körper begutachten. Diesen Sommer möchte ich mich so frei fühlen, wie sich die Männer um mich herum mit ihren Hängebäuchen, behaarten Rücken, spindeldürren Beinen und schlaffen Oberarmen fühlen. Die tragen ein inneres „Take it or leave it“-Schild mit sich herum und bestellen sich lustvoll das dritte Weißbier, während sie sich Mayo über die Pommes kippen.
Diese Glücklichen, sie haben einfach die Tür zu ihrem Haus zugesperrt – und wohnen gerne darin.