Zwischen Bierkrügen und Revolution

Was die Geschehnisse rund um den gewaltsamen Tod der jungen Iranerin Mahsa Amini in Menschen mit iranischen Wurzeln auslösen, hat eine Freundin von mir hier aus ihrer eigenen Perspektive und mit eigenen Worten aufgeschrieben. Sie lebt seit ihrer Kindheit in Deutschland, hat aber noch Familie im Iran.

credits: wikipedia commons / http://Immerfreshnails

Wenn ich gerade meinen Feed in Instagram ansehe, wird mir schwindlig. Besonders in den Stories wechseln sich fast ausschließlich zwei Themen ab, zum Teil sogar von den gleichen Personen. Das Oktoberfest und die Aufstände im Iran. Nun das ist vielleicht normal, da man als Münchner Kindl iranischer Herkunft, einfach viele Münchner und viele Perser kennt. Dennoch ist es emotional verwirrend.

Meine Realität, mein zu Hause, mein Leben spielt sich in München ab. Ich lebe mit meiner Familie in Freiheit, habe ein schönes zu Hause, kann tragen was ich will, kann sagen und denken was ich will, kann Reisen wohin ich will, lebe in einer Demokratie. Bis vor ein paar Tagen drehten sich meine Gedanken nur um alltägliches, mein Kind, meinen Mann, meine Arbeit, meine Freunde, den anstehenden Besuch meines Schwiegervaters aus dem Iran, den Haushalt und evtl. noch die Frage, ob ich mir die Wiesn, nach zwei Jahren Corona, echt antun will. Letztere Frage haben sich viele meiner Freunde und Bekannten, wie man auf Insta sieht, wohl mit ja beantwortet.

Trachten, Bierzeltmusik, Bier und Alkohol allgemein im rauen Mengen, Fahrgeschäfte, Schunkeln, einfach das ganze Programm. Sie sehen glücklich aus, haben Spaß, genießen den Augenblick und das doch immer wieder witzige Erlebnis Wiesn. Doch seit einer Woche denke ich wieder vermehrt an meine Wurzeln, den Iran. Die 22-jährige Mahsa Amini wurde bei einer „Sittenkontrolle“ gefasst und kam an den Folgen der Brutalität dieser sogenannten „Wächter“ ums Leben.

Die Iraner und vor allem Iranerinnen leben seit über 40 Jahren in Angst vor diesen Menschen, deren Aufgabe ist, die Islamischen Werte aufrecht zu erhalten. Ob die betroffenen Personen diese ausleben möchten oder nicht, ist sowieso nicht relevant, wir sprechen hier aber von willkürlichen Gründen. Eine einzelne Haarsträhne, ein zu auffälliger Nagellack oder Lippenstift, eine am Knöchel zu enge Hose und so weiter. Als ich vor 10 Jahren mit Ende Dreißig mal alleine eine Runde um den Block machen wollte, haben die Eltern meines Mannes mich dies zunächst aufgrund dieser Institution, nicht machen lassen wollen, besonders da ich nicht dort aufgewachsen bin und sicherlich noch verängstigter gewesen wäre, als jemand für den das Alltag ist und der der Sprache 100% mächtig ist.

Mahsa war sicherlich nicht das erste Mädchen, dass so ums Leben gekommen ist, sie wird auch nicht die letzte sein, doch sie war der Tropfen der das sowieso schon bis zur Oberkante gefüllte Fass aus Unterdrückung, schwindelerregender Inflation, Isolation durch das Embargo und daraus resultierender Wut, des Volkes zum Überlaufen brachte. Die Straßen fast aller Städte sind gefüllt mit Demonstranten, Kopftücher werden verbrannt, Plakate der Revolutionsführer zerstört, Frauen demonstrieren ohne den Hijab, Frauen und Männer von Kindern bis alten Menschen skandieren Parolen gegen die Islamische Republik.

Die Polizei und Ihre noch schlimmeren Neben- und Unterorganisationen schreiten ein, sie werfen Tränengas, schießen (mit geladenen Waffen) in die Demonstranten, verprügeln sie mit Schlagstöcken und schon wieder wurden die ersten Demonstranten abgeführt und an unbestimmte Orte gebracht. Ob sie jemals wiederkehren werden, ist ungewiss und selbst wenn, ist es besser sich nicht auszumalen, was ihnen widerfahren ist.

Auch werden hier keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern, Kindern oder Senioren gemacht. Da kann eine 8-Jährige angeschossen werden oder ein 80-jähriger verprügelt werden. Dennoch hört es dieses Mal nicht auf, die Demonstranten wehren sich mit allem was ihnen zur Verfügung steht… Steine, Äste, brennende Mülltonnen, Autos werden angezündet, auf die Polizisten losgegangen etc. Iranische (im Iran und im Ausland) und auch Internationale Prominente unterstützen die Menschen über das Internet, ebenso „Normale Menschen“, indem unter dem Hashtag #mahsaamini gepostet wird, die Videos der Aufstände, die aus dem Iran gesendet werden, verbreitet werden, Frauen und Männer sich aus Protest die Haare abschneiden etc.

Weltweit gibt es in vielen großen Städten Demonstrationen, zum Teil mit mehreren Tausend Teilnehmern. Bei diesen Aktionen geht es um Aufmerksamkeit, darum, dass die Welt nicht mehr zuschaut wie 80 Mio. Menschen unterdrückt werden, Menschen, die oft einen hohen Bildungsgrad haben und modern sind. Nun wurde gestern das Internet landesweit geblockt, um dem Volk das derzeit wichtigste Medium zu nehmen.

Die Bilder und Geschehnisse fühlen sich nach Krieg an. Meine und die Gedanken vieler Millionen Iraner sind derzeit bei diesen mutigen Menschen, die ihr Leben riskieren, um endlich eine Veränderung herbeizuführen. Bei den Familien, die Kinder, Schwestern, Brüder, Eltern oder Großeltern verlieren, die bereit waren ihr Leben zu Opfern, da sie so nicht mehr leben wollen. Diese Bilder triggern mich, denn ich sehe sie zum zweiten Mal in meinem Leben. Die vergangenen Bilder sind verblasst, eingehüllt in einen Retro- Filter, mit persönlicher Angst verbunden.

Als ich 5 Jahre alt war, verließ der Shah den Iran und Khomeini kehrte zurück und machte das Land zur Islamischen Republik. Ich selbst war nicht da, so wie jetzt, da wir „zu Besuch“ in Deutschland waren, doch ich verfolgte die Geschehnisse mit meinen Eltern, die ersten Monate noch in größter Sorge um meinen Vater, der noch dort war, dann „nur“ um andere Verwandte.

Mein Kleines Ich erinnert sich wieder, ich habe Gefühle, die ich so nicht zuordnen kann, da ich sie nach über 40 Jahren natürlich im Alltag überwunden habe. Meine Angststörung bedankt sich jedoch, weil ich sie dieses Mal zumindest verstehe, es gibt einen Grund der offensichtlich ist. Daher kann ich es dieses Mal auch zulassen. Mein Sohn wird im Januar 5 Jahre alt, so alt wie ich war, als meine Familie Ihre Heimat verlor und aus der Ferne zusehen musste, wie Menschen ermordet und die Freiheit des Volkes und somit auch unserer Verwandten zutiefst beschnitten wurde.

Ich wünsche Ihm, dass, sollte es wieder eine Revolution geben, während er fünf Jahre alt ist, dies mit Freude, Hoffnung und Freiheit für uns alle verbunden ist, besonders für seine Oma, seinen Opa, seinen Onkel im Iran und das diese Menschen nicht mehr nur Facetime- Bekannte für ihn sein werden oder Besucher die er bislang ein oder zwei Mal gesehen hat. Ich wünsche Ihm das er sein Leben zwischen Deutschland und dem Iran genießen kann, ohne Ängste, ohne das eine oder andere langfristig zu missen.

 Da sitze ich nun, in Sicherheit in meiner Wohnung, und schwanke zwischen Party und Krieg, zwischen Lachen und Weinen, zwischen Spaß und Angst, zwischen Bierkrug und Revolution und versuche meine Gedanken und Gefühle mit diesem Text zu sortieren.

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