
Foto von Hiva Sobhani
Wieviel Uhr ist es? Ein Uhr, zwei Uhr, drei Uhr? Der Kopf summt, die Augen brennen. Diese Nächte machen mir Angst. Seit mein Kind auf der Welt ist, habe ich oft Angst vor der Nacht. Woher das kommt? Die ersten Wochen mit Säugling daheim, stillend im Bett sitzen.
Ich musste mich vom Abend und von der Nacht verabschieden wie von zwei guten Freunden. Ich kämpfte gegen die Müdigkeit an. Damit mein Sohn das bekommt, was er braucht. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne richtigen Schlaf. Ich legte mich jeden Abend mit ihm ins Bett, stillend, haltend, leise flüsternd. Vor mir ein Gebirge aus schmerzhaften Schlafentzug.
Ein Mount Everest aus Selbstaufopferung war nötig, um es zu bezwingen. Wenn ich oben am Gipfel war, und die Handyuhr drei Uhr nachts anzeigte, war es jedes Mal die längste Stunde meines Lebens.
Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, versteht es. Wie anders wir sind, wenn unser Körper sich erholen durfte. Wie viel besser unser Gehirn funktioniert. Und wie wenig wir auf die Reihe bringen, wenn wir nur noch im Sparmodus laufen.
Nur noch Nacht um Nacht um Nacht hinter uns bringen, endlose Nächte, immer wieder aufwachen, einschlafen, aufwachen, wegdösen, aufstehen. Funktionieren. Irgendwann war diese Zeit vorbei. Der Säugling war ein Baby war ein Kleinkind.
Aber die Angst vor der Nacht ist geblieben. Denn heute ist unser Sohn ein unruhiger Schläfer. Krankheiten und Alpträume, nächtliche Kinderängste und ungewohnte Geräusche bringen ihn um seine Ruhe.
Jede Nacht wacht er auf und will wissen, dass er nicht allein ist auf der Welt. Ich glaube, das steckt in uns allen. Wir haben es uns nur abtrainiert. Wenn nach einer schweren Nacht das erste sanfte Licht durch die Rollläden schimmert, glaube ich wieder daran, dass es besser wird.
An die kinderlosen Menschen: Nein, diese Geschichte ist kein Grund für Mitleid. Menschen mit wenig oder fast keinem Schlaf wollen nicht bemitleidet werden. Aber wenn euch das nächste Mal ein Mensch mit Kind erzählt, dass sie oder er eine schwere Nacht hatte, dann versteht ihr vielleicht ein Stück besser, von welchem Gebirge derjenige gerade herabgestiegen ist. Und lasst ihn einen Moment ausruhen, ohne schlechtes Gewissen.