2023 – (m)ein Jahr der Extreme

Mikhail Nilov

Nach langer Zeit der Stille, auch hier auf dem Blog, bleibt mal wieder ein bisschen Luft zum Durchschnaufen, Weihnachten steht kurz bevor. Wie jedes Jahr hat es der Schluss-Spurt bis zum Weihnachtsurlaub noch einmal in sich. Was mir von diesem Jahr auf die Schnelle in Erinnerung bleibt?

Schlechte Nachrichten und trotzdem Dankbarkeit

Mein 40. Geburtstag, und damit mein Start ins 41. Lebensjahr – dass dieses Jahr nun explizit MEIN Jahr geworden wäre, kann ich nicht sagen. Es gab viele Momente, in denen mir die Luft ausging, und oft habe ich vor den Nachrichten gesessen und es aus weltpolitischen Gründen kurz mal bereut, ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben. Zu viel schlechte Nachrichten prasselten 2023 auf uns alle ein. The struggle is real, leider überall auf der Welt.

Aber dann auch wieder: Dankbarkeit, dafür dass alle die ich kenne und liebe, gesund und wohlbehalten sind, dass ich mir angesichts der zerbombten Ukraine und des fortschreitenden Klimawandels (noch) keine Sorgen um die essenziellen Dinge des Lebens wie genug zu essen, einen Schlafplatz und Sicherheit für Leib und Leben machen muss.

Das heftige Comeback von Corona

Corona erlebte dieses Jahr ein schnelles und heftiges Comeback mit Ansage, uns erwischte es im Herbst zum zweiten oder vielleicht sogar dritten Mal, so genau weiß ich das gar nicht. Beruflich war dieses Jahr ein wildes Rodeo mit vielen neuen Herausforderungen, bei dem ich versuchte, nicht aus dem Sattel zu fallen. Einige blaue Flecke habe ich mir bildlich gesprochen trotzdem zugezogen, jedoch hat mir dieses turbulente Jahr auch gezeigt, wo meine Prioritäten sind und dass es auf Dauer ungesund ist, die eigenen Kraftgrenzen immer wieder aufs Neue auszudehnen.

Wir haben die Hitzewelle im Sommer geritten und uns unzählige Male in der badewannenwarmen Adria versucht abzukühlen. Zum ersten Mal schwammen wir in 28 Grad warmem Wasser und realisierten, dass das von nun an tatsächlich die Zukunft sein könnte, wenn das so weitergeht mit unserem Planeten. Das Lieblingsland Italien bezaubert mich zwar nach wie vor jedes Mal wieder, aber auch hier gehen die Spuren der Zeit nicht einfach vorbei. Unerträgliche Hitze in den Mittagsstunden vertrieb uns vom Strand, und selbst abends saßen wir noch bei fast 30 Grad auf unserer kleinen Veranda.

Kleine und große Kämpfe: die Wackelzahnpubertät

Und im Lauf des Sommers wurde aus unserem kleinen Haudegen ein Vorschulkind, das sich noch viel mehr als zuvor seiner eigenen Meinung und seines größer werdenden Körpers bewusst wurde. Das Jahr 2023 stand für unseren kleinen Mann komplett im Zeichen der Autonomie. Wir haben so viele kleine und große Kämpfe ausgefochten, Grenzen gezogen und neu ausgehandelt, und auch schwere Grübeleien gehabt, in denen wir uns nicht sicher waren, ob unser Weg, ihn zu erziehen, der richtige ist. Hätte ich nicht von vielen Freunden mit gleichaltrigen Kindern dasselbe gehört, ich wäre mir sicher gewesen, dass jemand unser Kind unbemerkt über Nacht gegen einen dauerrebellierenden Wutbürger ausgetauscht hat.

Wie sehr seine Welt sich gerade ändert, merke ich jeden Tag aufs Neue an 1000 Kleinigkeiten. Er erkämpft sich berechtigerweise sein eigenes Universum, schafft sich Raum und entwickelt sich mit Lichtgeschwindigkeit zu dem Menschen, der er für den Rest seines Lebens sein wird. Dass wir als Eltern dabei sein dürfen, ihm dabei zusehen und ihn begleiten dürfen bei seiner Identitätsfindung, ist wohl das kostbarste Geschenk meines Lebens. Dass es unendlich viele Nerven kostet, ist aber auch klar und wird wohl kein Elternpaar abstreiten, egal ob ein tobendes Vorschulkind oder ein genervter Teenager am Esstisch sitzt.

Manchmal muss man sich zurückziehen, um Ruhe zu finden

Während wir alle unsere privaten kleinen Kämpfe auszufechten haben, haut uns die Welt weiterhin die Schlagworte des Jahres nur so um die Ohren: Angriff auf Israel, Krieg in Gaza, Ampelkrise, künstliche Intelligenz, plötzlicher Wintereinbruch in Bayern, und so weiter und so fort. Es passieren so viele Dinge gleichzeitig, dass mir manchmal gar nichts anderes übrigbleibt, als mich aus der unendlichen Nachrichtenspirale auszuklinken, um Ruhe zu finden.

Eine neue Zeitrechnung beginnt

Auch bei uns wird sich 2024 einiges ändern. Im kommenden Jahr steht für meinen Sohn die wahrscheinlich größte Veränderung seines bisherigen Lebens an, der Schulbeginn. Das wird für uns alle ein neues Zeitalter, und ich gestehe, dass ich großen Respekt vor dieser Veränderung habe. Klar ist aber auch, dass es ihm eine neue Welt erschließen wird, neues Wissen, neue Wege und neue Freundschaften.

Wir als Familie schnaufen jetzt, am Ende dieses fordernden Jahres, noch einmal durch, und sammeln Kräfte für diese neue Ära. Gesund bleiben, sich um die Liebsten kümmern, ein offenes Ohr haben und bei all dem sich selbst nicht vergessen – das sind die Ziele, die mich dieses und sicher auch nächstes Jahr begleiten werden.

Für mich eigentlich schon genug für ein ganzes Leben.

Inspiration für einen fantastischen Frühling!

Habt ihr auch genug vom Winter? Das erste Grün spitzt endlich hervor, und passend zur Frühlingslaune gibt es hier ein paar Tipps von mir, wie wir diese Jahreszeit gebührend begrüßen können. Schließlich wohnt jedem Anfang ein Zauber inne…

#1 Besuch auf dem Wochenmarkt

Ein Einkauf auf dem Wochenmarkt ist zwar in der Regel etwas teurer als im Supermarkt (wobei das momentan gar nicht gesagt ist), aber nirgends bekommt man mehr Lust auf frische Zutaten und neue Rezepte wie dort! Schaut doch mal auf eurem lokalen Wochenmarkt vorbei und holt euch neue Inspiration für den Esstisch – die frischen Farben, das junge Grün des Gemüses, die ersten Erdbeeren oder der erste zarte Spargel… gönnt euch ein paar richtig gute Zutaten und macht daraus etwas Besonderes.

#2 Blumen pflanzen – Buntes für Balkon, Terrasse oder Fensterbank

Nichts sagt für mich mehr „Frühling kommt“ als ein Strauss bunter Tulpen. Da diese aber leider nach einer Woche schon verwelken, wie wäre es stattdessen damit, die ersten bunten Farbtupfer gleich auf Balkon oder Fensterbank einzupflanzen? Schlendert durchs Gartencenter – sowieso immer ein bisschen wie Urlaub finde ich – und wählt euch ein paar bunte Eye-Catcher für eure Wohnung aus. Überhaupt ist eine neue Pflanze in der Wohnung ein bisschen wie ein neuer Mitbewohner, oder? Allerdings ein sehr dekorativer!

#3 Ausmisten – Marie Kondo lässt grüßen!

Pünktlich zu Beginn der Sommerzeit überfällt mich das unstillbare Verlangen, mich von alten Dingen zu lösen, die „keine Freude auslösen“, wie es die berühmte Ausmistekönigin Marie Kondo sagen würde. Oft gehe ich ans Aussortieren meiner Schränke auch mit dem Vorsatz, nur ein paar Teile loszuwerden, und stehe am Ende mit mehreren prall gefüllten Kleidersäcken da. Natürlich muss man das nicht auf Kleidung beschränken. Warum nicht auch mal in den vier Wänden für etwas mehr Luft und weniger „Kram“ sorgen? Wieviel Freude es macht, wenn der alte Sessel, der uns schon lange auf die Nerven geht, einen glücklichen neuen Besitzer auf eBay gefunden hat!

#4 Im Kopf die Koffer packen – und dann auch in echt?

Viele werden wahrscheinlich ihren Urlaub für dieses Jahr schon geplant und gebucht haben, ich noch nicht. Zwar habe ich jede Menge Wunsch-Urlaubsziele im Kopf, die ich kaum erwarten kann zu bereisen. Aber durch den Jobwechsel meines Mannes, Probezeit etc. ist das Planen für uns dieses Jahr etwas schwierig. Zudem ist mein Sohn jetzt 5 Jahre alt und zahlt damit bei Flugreisen voll. Hält mich aber nicht davon ab, mich trotzdem schonmal gedanklich an die schönsten und vor allem wärmsten Orte der Welt zu beamen, und mir zu überlegen, ob und wie man nicht doch zumindest einen kleinen Kurzurlaub einschieben könnte. Es muss ja nicht die Fernreise sein, aber eine kleine Luftveränderung hat doch noch jedem gut getan. Vor allem nach so einem endlos langen, grauen Winter, der uns auch jetzt noch nicht ganz aus seinen Fängen lässt. Ein Ausflug in die Berge, ein langes Wochenende bei Verwandten, oder ein Air BnB in einer fremden Stadt… Let’s go!

#5 Endlich wieder mehr Rausgehen – mit oder ohne Kind

April ist zwar für seine wechselnden Wetter berüchtigt, aber das hält mich nicht davon ab, nun wieder öfter rauszugehen und das zarte Hellgrün der Bäume und Sträucher in mich aufzusaugen. Längere Spaziergänge mit oder ohne Kind, aber immer mit Regenschirm, sind für mich ein sicherer Garant für gute Laune und einen klaren Kopf. Nach dem Arbeitstag und vor meinem Nachmittag mit Kind mal eine Stunde an der Isar entlang schlendern und die frische Luft und das heller werdende Licht aufsaugen – mich dazu aufzuraffen habe ich bisher noch nie, wirklich nie bereut. In diesem Sinne: Ihr findet mich auf dem Sonnendeck!

#6 Wellness im kleinen Rahmen: Sich einfach mal wieder fresh fühlen

Ab und zu tut das „Sich um sich kümmern“ einfach gut. Einmal Spitzenschneiden beim Friseur, eine schöne neue Gesichtscreme, die nach Urlaub duftet, eine professionelle Pediküre oder ein neuer Nagellack in einer aufregenden Frühlingsfarbe – kleine Dinge sind es, auf die es ankommt! Wer sich selbst was Gutes tut, braucht nicht immer einen Grund oder Anlass dafür. Und hat auch wieder Kraft, um anderen etwas Gutes zu tun. Eine Mama-Weisheit, die wir Frauen im Alltag nur allzu gern vergessen. Wenn es keine Beauty-Behandlung sein soll, dann macht euch ein Sektchen auf oder arbeitet euch durch einen Liter Milchschaum-Espresso mit doppelt Karamellsirup und Schokostreuseln, und genießt das Gefühl, mal einen Moment innezuhalten. Wir haben es uns verdient!

Hallo 2023 du kleines Biest…

picture: pexels/Efrem Efre

So, jetzt ist es schon wieder fast Februar. Die letzten Wochen waren eine ziemliche Talfahrt, daher war es hier auch etwas ruhiger. Meine Gesundheit wurde nochmal richtig auf die Probe gestellt, sowohl physisch als auch mental war da einiges dabei, auf das ich lieber verzichtet hätte.

Einfach mal Ruhe geben – gar nicht so einfach

Nun geht es gesundheitlich endlich wieder bergauf und ich fühle mich nach Wochen und Wochen des kranken Herumsandelns wieder wie ich selbst, ohne Hals- oder Kopfweh, Schwindel oder Schnupfnase. Wie lang das gutgehen wird? Keine Ahnung, aber ein Gutes hatte die erzwungene Pause nach Weihnachten – ich musste einfach mal Ruhe geben. Was trotzdem immer dabei war, waren die Schuldgefühle, weil mein Mann sich nun weitgehend allein um Kind und Haushalt kümmern musste.

Warum das schlechte Gewissen? Ich glaube, das ist einfach ein Resultat der Gesellschaft, in der wir leben: Wenn wir nicht produktiv und nützlich sein können, erfüllen wir unseren „Zweck“ nicht. Eine Einstellung, die wir vor allem wir Frauen dermaßen verinnerlicht haben, dass wir sie kaum noch abstellen können.

Erst wenn die Alarmleuchten dunkelrot leuchten, wird uns vielleicht langsam klar, dass es nicht unser alleiniger Nutzen im Leben ist, etwas für andere zu tun. Sei es jetzt im beruflichen Kontext, oder im privaten: wir müssen nicht immer nur liefern, wir dürfen auch einfach mal nur sein. Nur existieren und wenn nötig, heilen. Uns nach innen richten, und nicht immer nur für das Außen zuständig fühlen.

Prio 1 ganz ohne Rechtfertigung

Von wem wir uns diese innere Ruhe abgucken können? Ihr ahnt es vielleicht, von den Männern in unserem Umfeld. Die wissen durch Erziehung und dank der sehr männerfreundlichen Strukturen in unserer Welt, dass sie durchaus das Recht haben, sich selbst auch mal für eine längere Zeit als Prio 1 zu sehen – und zwar ganz ohne Schuldgefühle oder Rechtfertigungsdruck.

Das ist gut und richtig, und so sollten wir es auch machen. Leichter gesagt als getan, ich weiß. Aber das ist ein Ziel, an dem ich 2023 arbeiten werde: Mich passend zu meinem (krank verbrachten) 40. Geburtstag mal auf das zu konzentrieren, was mich weiterbringt. Dinge wegzulassen, die mir nicht guttun.

Apropos, die 40… vor diesem Geburtstag hatte ich lange Zeit Angst. Weil es – zumindest in den Köpfen vieler Menschen – ein endgültiger Abschied von der heutzutage sowieso schon bis in die 30er hinein verlängerten Jugend ist.

Stärker und freier als früher

Sagen tut diese Zahl natürlich nicht viel über uns aus. Ich kenne viele wundervolle Frauen in ihren 40ern, die stärker, schöner und freier sind, als sie es vermutlich in ihren 20ern und 30ern jemals waren. Und die aber trotzdem oft mit ihrem Alter hadern, weil es eben ein Einschnitt ist, wenn man rein statistisch gesehen die Hälfte seines Lebens schon hinter sich hat.

Mich mit dieser Zahl anzufreunden und das 41. Lebensjahr zu „meinem“ Jahr zu machen, wird wahrscheinlich noch eine Weile dauern. Aber die Zeit nehme ich mir – für mich selbst. Und vielleicht wird 2023 ja dann wirklich mein Jahr…

Die Angst vor der Nacht

Foto von Hiva Sobhani

Wieviel Uhr ist es? Ein Uhr, zwei Uhr, drei Uhr? Der Kopf summt, die Augen brennen. Diese Nächte machen mir Angst. Seit mein Kind auf der Welt ist, habe ich oft Angst vor der Nacht. Woher das kommt? Die ersten Wochen mit Säugling daheim, stillend im Bett sitzen.

Ich musste mich vom Abend und von der Nacht verabschieden wie von zwei guten Freunden. Ich kämpfte gegen die Müdigkeit an. Damit mein Sohn das bekommt, was er braucht. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne richtigen Schlaf. Ich legte mich jeden Abend mit ihm ins Bett, stillend, haltend, leise flüsternd. Vor mir ein Gebirge aus schmerzhaften Schlafentzug. 

Ein Mount Everest aus Selbstaufopferung war nötig, um es zu bezwingen. Wenn ich oben am Gipfel war, und die Handyuhr drei Uhr nachts anzeigte, war es jedes Mal die längste Stunde meines Lebens.

Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, versteht es. Wie anders wir sind, wenn unser Körper sich erholen durfte. Wie viel besser unser Gehirn funktioniert. Und wie wenig wir auf die Reihe bringen, wenn wir nur noch im Sparmodus laufen.

Nur noch Nacht um Nacht um Nacht hinter uns bringen, endlose Nächte, immer wieder aufwachen, einschlafen, aufwachen, wegdösen, aufstehen. Funktionieren. Irgendwann war diese Zeit vorbei. Der Säugling war ein Baby war ein Kleinkind.

Aber die Angst vor der Nacht ist geblieben. Denn heute ist unser Sohn ein unruhiger Schläfer. Krankheiten und Alpträume, nächtliche Kinderängste und ungewohnte Geräusche bringen ihn um seine Ruhe.  

Jede Nacht wacht er auf und will wissen, dass er nicht allein ist auf der Welt. Ich glaube, das steckt in uns allen. Wir haben es uns nur abtrainiert. Wenn nach einer schweren Nacht das erste sanfte Licht durch die Rollläden schimmert, glaube ich wieder daran, dass es besser wird.

An die kinderlosen Menschen: Nein, diese Geschichte ist kein Grund für Mitleid. Menschen mit wenig oder fast keinem Schlaf wollen nicht bemitleidet werden. Aber wenn euch das nächste Mal ein Mensch mit Kind erzählt, dass sie oder er eine schwere Nacht hatte, dann versteht ihr vielleicht ein Stück besser, von welchem Gebirge derjenige gerade herabgestiegen ist. Und lasst ihn einen Moment ausruhen, ohne schlechtes Gewissen.

Herbst oder der Zauber des neuen Anfangs

Ali Yasser Arwand

Jeder Herbst löst in mir das gleiche Gefühl aus – das eines Neuanfangs. Die Luft ist wieder klar, und ebenso meine Gedanken. Zeit, ein paar Dinge in meinem Leben auf den Prüfstand zu stellen.

Neue Energie, um weiterzumachen – oder eben nicht

Wie denkt ihr über den Herbst? Was fühlt ihr, wenn draußen die Blätter fallen und die Temperaturen nur noch zur Mittagszeit über 12 Grad klettern? Wenn die erste Wehmut über den vergangenen Sommer und seine Leichtigkeit vergangen ist, macht mir der Herbst ein Geschenk: Ich denke über neue Anfänge nach. Ich spüre in mir wieder neue Energie, um weiterzumachen – oder vielleicht auch, um manches nicht weiterzumachen. Herbstgedanken, sofern sie sich nicht um das schwindende Licht und die stressige Vorweihnachtsorganisation drehen, sind bei mir gute Gedanken.

Um mich herum ist nicht mehr die lähmende Hitze des Sommers, die jeden anstrengenden Gedanken in ein „Später“ verwandelt. Das Später ist jetzt da, die Frage ist nur, was mache ich daraus?

Im Sommer schreit alles in mir nach Erholung

Das schönste Gefühl ist es, wenn sich die neu gewonnene Energie in etwas Schöpferisches, Kreatives verwandelt. In ein „Alles ist möglich, du musst dich nur etwas anstrengen“. Wenn ich nach dem Sommer, in dem alles um mich herum nach Urlaub und Erholung schrie, endlich wieder Träume und Wünsche habe, die über das pure Funktionieren hinausgehen.

Der Herbst lässt mich darüber nachdenken, was mir gerade wichtig ist. Welche Menschen möchte ich in meinem Leben haben? Welche Ziele lohnen sich für mich? Welche Chancen kann ich ergreifen? Was kommt dem Leben, das ich gerne leben möchte, am nächsten? Und welches Privileg ist das, sich überhaupt ein Leben aussuchen zu dürfen.

Lasse ich genug los?

Oft denke ich auch über eingefahrene Beziehungsmuster nach, sowohl in der Ehe als auch in Bezug auf Freunde. Welche Freundschaften sind wirkliche Freundschaften, und auf welche kann ich mich vielleicht nicht so ganz verlassen?

Ist in der Beziehung zu meinem Partner noch Vertrauen, Loyalität und ab und zu Leichtigkeit zu spüren? Die leichten Momente werden weniger, wenn man die Verantwortung für eine Familie gemeinsam trägt und immer wieder aufs Neue aushandelt. Wünsche ich mir mehr Leichtigkeit, und können wir sie vielleicht zusammen wieder herstellen?

Ich frage mich auch, welche Beziehung ich gerade zu meinem Kind habe, und ob es das ist, was ich mir gerade für uns beide wünsche. Ob wir an einem Punkt sind, mit dem ich zufrieden bin, oder ob wir uns für den Moment voneinander entfernen. Ob ich genug loslasse, damit er wachsen kann. Ob er nah genug bei mir ist, um sich sicher zu fühlen.

Was fühlt sich gut an, was sollte sich ändern?

Die Überschrift für alle Fragen lautet: Was fühlt sich gut an, und was sollte sich dringend ändern?

Der Herbst stellt mir viele Fragen, von denen ich die wenigsten sofort beantworten kann. Herbstlicht ist ein Schummerlicht, milchig und manchmal auch ein bisschen unheimlich. Dahinter zeichnen sich Schemen ab, die ich erst sehen kann, wenn ich näherkomme. Ich weiß aber, ich muss den Zauber eines neuen Anfangs genießen, solange er da ist. Die Neugier darauf, was die letzten Monate des Jahres mir noch bringen werden. Viel zu schnell ist diese Energie oft wieder verflogen.

Zwischen Bierkrügen und Revolution

Was die Geschehnisse rund um den gewaltsamen Tod der jungen Iranerin Mahsa Amini in Menschen mit iranischen Wurzeln auslösen, hat eine Freundin von mir hier aus ihrer eigenen Perspektive und mit eigenen Worten aufgeschrieben. Sie lebt seit ihrer Kindheit in Deutschland, hat aber noch Familie im Iran.

credits: wikipedia commons / http://Immerfreshnails

Wenn ich gerade meinen Feed in Instagram ansehe, wird mir schwindlig. Besonders in den Stories wechseln sich fast ausschließlich zwei Themen ab, zum Teil sogar von den gleichen Personen. Das Oktoberfest und die Aufstände im Iran. Nun das ist vielleicht normal, da man als Münchner Kindl iranischer Herkunft, einfach viele Münchner und viele Perser kennt. Dennoch ist es emotional verwirrend.

Meine Realität, mein zu Hause, mein Leben spielt sich in München ab. Ich lebe mit meiner Familie in Freiheit, habe ein schönes zu Hause, kann tragen was ich will, kann sagen und denken was ich will, kann Reisen wohin ich will, lebe in einer Demokratie. Bis vor ein paar Tagen drehten sich meine Gedanken nur um alltägliches, mein Kind, meinen Mann, meine Arbeit, meine Freunde, den anstehenden Besuch meines Schwiegervaters aus dem Iran, den Haushalt und evtl. noch die Frage, ob ich mir die Wiesn, nach zwei Jahren Corona, echt antun will. Letztere Frage haben sich viele meiner Freunde und Bekannten, wie man auf Insta sieht, wohl mit ja beantwortet.

Trachten, Bierzeltmusik, Bier und Alkohol allgemein im rauen Mengen, Fahrgeschäfte, Schunkeln, einfach das ganze Programm. Sie sehen glücklich aus, haben Spaß, genießen den Augenblick und das doch immer wieder witzige Erlebnis Wiesn. Doch seit einer Woche denke ich wieder vermehrt an meine Wurzeln, den Iran. Die 22-jährige Mahsa Amini wurde bei einer „Sittenkontrolle“ gefasst und kam an den Folgen der Brutalität dieser sogenannten „Wächter“ ums Leben.

Die Iraner und vor allem Iranerinnen leben seit über 40 Jahren in Angst vor diesen Menschen, deren Aufgabe ist, die Islamischen Werte aufrecht zu erhalten. Ob die betroffenen Personen diese ausleben möchten oder nicht, ist sowieso nicht relevant, wir sprechen hier aber von willkürlichen Gründen. Eine einzelne Haarsträhne, ein zu auffälliger Nagellack oder Lippenstift, eine am Knöchel zu enge Hose und so weiter. Als ich vor 10 Jahren mit Ende Dreißig mal alleine eine Runde um den Block machen wollte, haben die Eltern meines Mannes mich dies zunächst aufgrund dieser Institution, nicht machen lassen wollen, besonders da ich nicht dort aufgewachsen bin und sicherlich noch verängstigter gewesen wäre, als jemand für den das Alltag ist und der der Sprache 100% mächtig ist.

Mahsa war sicherlich nicht das erste Mädchen, dass so ums Leben gekommen ist, sie wird auch nicht die letzte sein, doch sie war der Tropfen der das sowieso schon bis zur Oberkante gefüllte Fass aus Unterdrückung, schwindelerregender Inflation, Isolation durch das Embargo und daraus resultierender Wut, des Volkes zum Überlaufen brachte. Die Straßen fast aller Städte sind gefüllt mit Demonstranten, Kopftücher werden verbrannt, Plakate der Revolutionsführer zerstört, Frauen demonstrieren ohne den Hijab, Frauen und Männer von Kindern bis alten Menschen skandieren Parolen gegen die Islamische Republik.

Die Polizei und Ihre noch schlimmeren Neben- und Unterorganisationen schreiten ein, sie werfen Tränengas, schießen (mit geladenen Waffen) in die Demonstranten, verprügeln sie mit Schlagstöcken und schon wieder wurden die ersten Demonstranten abgeführt und an unbestimmte Orte gebracht. Ob sie jemals wiederkehren werden, ist ungewiss und selbst wenn, ist es besser sich nicht auszumalen, was ihnen widerfahren ist.

Auch werden hier keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern, Kindern oder Senioren gemacht. Da kann eine 8-Jährige angeschossen werden oder ein 80-jähriger verprügelt werden. Dennoch hört es dieses Mal nicht auf, die Demonstranten wehren sich mit allem was ihnen zur Verfügung steht… Steine, Äste, brennende Mülltonnen, Autos werden angezündet, auf die Polizisten losgegangen etc. Iranische (im Iran und im Ausland) und auch Internationale Prominente unterstützen die Menschen über das Internet, ebenso „Normale Menschen“, indem unter dem Hashtag #mahsaamini gepostet wird, die Videos der Aufstände, die aus dem Iran gesendet werden, verbreitet werden, Frauen und Männer sich aus Protest die Haare abschneiden etc.

Weltweit gibt es in vielen großen Städten Demonstrationen, zum Teil mit mehreren Tausend Teilnehmern. Bei diesen Aktionen geht es um Aufmerksamkeit, darum, dass die Welt nicht mehr zuschaut wie 80 Mio. Menschen unterdrückt werden, Menschen, die oft einen hohen Bildungsgrad haben und modern sind. Nun wurde gestern das Internet landesweit geblockt, um dem Volk das derzeit wichtigste Medium zu nehmen.

Die Bilder und Geschehnisse fühlen sich nach Krieg an. Meine und die Gedanken vieler Millionen Iraner sind derzeit bei diesen mutigen Menschen, die ihr Leben riskieren, um endlich eine Veränderung herbeizuführen. Bei den Familien, die Kinder, Schwestern, Brüder, Eltern oder Großeltern verlieren, die bereit waren ihr Leben zu Opfern, da sie so nicht mehr leben wollen. Diese Bilder triggern mich, denn ich sehe sie zum zweiten Mal in meinem Leben. Die vergangenen Bilder sind verblasst, eingehüllt in einen Retro- Filter, mit persönlicher Angst verbunden.

Als ich 5 Jahre alt war, verließ der Shah den Iran und Khomeini kehrte zurück und machte das Land zur Islamischen Republik. Ich selbst war nicht da, so wie jetzt, da wir „zu Besuch“ in Deutschland waren, doch ich verfolgte die Geschehnisse mit meinen Eltern, die ersten Monate noch in größter Sorge um meinen Vater, der noch dort war, dann „nur“ um andere Verwandte.

Mein Kleines Ich erinnert sich wieder, ich habe Gefühle, die ich so nicht zuordnen kann, da ich sie nach über 40 Jahren natürlich im Alltag überwunden habe. Meine Angststörung bedankt sich jedoch, weil ich sie dieses Mal zumindest verstehe, es gibt einen Grund der offensichtlich ist. Daher kann ich es dieses Mal auch zulassen. Mein Sohn wird im Januar 5 Jahre alt, so alt wie ich war, als meine Familie Ihre Heimat verlor und aus der Ferne zusehen musste, wie Menschen ermordet und die Freiheit des Volkes und somit auch unserer Verwandten zutiefst beschnitten wurde.

Ich wünsche Ihm, dass, sollte es wieder eine Revolution geben, während er fünf Jahre alt ist, dies mit Freude, Hoffnung und Freiheit für uns alle verbunden ist, besonders für seine Oma, seinen Opa, seinen Onkel im Iran und das diese Menschen nicht mehr nur Facetime- Bekannte für ihn sein werden oder Besucher die er bislang ein oder zwei Mal gesehen hat. Ich wünsche Ihm das er sein Leben zwischen Deutschland und dem Iran genießen kann, ohne Ängste, ohne das eine oder andere langfristig zu missen.

 Da sitze ich nun, in Sicherheit in meiner Wohnung, und schwanke zwischen Party und Krieg, zwischen Lachen und Weinen, zwischen Spaß und Angst, zwischen Bierkrug und Revolution und versuche meine Gedanken und Gefühle mit diesem Text zu sortieren.

Summertime… and the living is… anstrengend.

pexels by Roy Reyna

Dieser Sommer hat es wirklich in sich: Rekordhitze, Corona-Comeback, und eine Kinderkrankheit nach der anderen… da hilft nur, es irgendwie mit Humor zu nehmen und sich ein paar altbewährte Kalendersprüche immer wieder vorzusagen.

Wo bitte ist das Sommerloch?

Vielleicht ist es auch nur meine ganz eigene Empfindung, aber von Sommerloch kann dieses Jahr irgendwie keine Rede sein. Das Klima hat uns die Zähne gezeigt in Form von fast unerträglichen Hitzewellen, was ein Spielen mit dem Kind draußen teilweise nicht möglich machte. Netter kleiner Zusatz an der Stelle: das Naturschwimmbad bei uns um die Ecke hatte die letzten Wochen wegen zu hoher Keimbelastung geschlossen.

Irgendwann hatte sich die sonst eisige Isar im Becken tatsächlich auf Badewannentemperatur erhitzt – ob das am beigefügten Babypippi liegt, sei dahingestellt. Die dahinwabernden grünen Algen im Becken jedenfalls rochen leicht muffig.

Ein Heuballen weht durch die einsamen Straßen

Blieb also nur das Kinderplanschbecken, in das mit Müh und Not mein Sohn reinpasst. Für mich erträgliche Temperaturen gab es frühestens ab 16.30, vorher braucht man unsere Terrasse gar nicht zu betreten wegen akuter Hitzeblasengefahr an den Füßen. Es ist wirklich niemand draußen um die Mittagszeit, toter als unser Innenhof ist nur noch eine Westernstadt, in der zu High Noon ein Heuballen verlassen durch die Straßen weht.

Wenn gen abends überall das Klirren gegeneinanderstoßender Aperolgläser die bleierne Stille durchbricht, kommt langsam das Leben zurück in die Straßen. Aber aufgepasst bei zu viel Geselligkeit: Viele trinken zwar schon wieder mit einem Augenzwinkern eiskaltes Coronabier, weil was soll man sonst machen… aber wir wissen ja, dass das Virus sich auch grad nur an irgendeinen kühlen Ort zurückgezogen hat – bereit, im Herbst bei sinkenden Temperaturen wieder voll aufzudrehen und uns hämisch zuzugrinsen.

Beruhigend: Die Schulen bleiben auf!

Es häufen sich schon wieder die Corona-Fälle in meinem Umfeld, und Herr Lauterbachs Medienpräsenz nimmt wieder zu. Nein, nicht der Schauspieler, der Gesundheitsminister. Ein neues Infektionsschutzgesetz steht in den Startlöchern, das uns diesmal aber auch wirklich zeigen soll, wie gut wir auf die nächste Welle vorbereitet sind. Die Schulen bleiben auf, so die Ansage. Wie viel das aber bringt, wenn die Hälfte der Kinder und ihre Familien mit Corona zu Hause sitzen, nobody knows.

Und die Kinderkrankheiten? Für dieses Jahr haben wir, respektive ich, diverse Erkältungen, das Epstein-Barr-Virus, zwei Magen-Darm-Verstimmungen und die Hand-Mund-Fußkrankheit bereits abgehakt, und ach ja im Februar war ja Corona. Die letzten Tage (ohne Kindergarten, der hat zu) waren bestimmt von einer erneuten fiesen Erkältung, die mein Sohn und mein Mann gut, ich weniger gut wegsteckte.

Wir nehmen nur ausgesuchte Spezialitäten mit

An dieser Stelle muss ich es leider mal sagen: Ich kann den Spruch „Ihr nehmt aber auch alles mit“ nicht mehr hören. Nein, wir nehmen nicht ALLES mit, sondern nur ausgesuchte Spezialitäten. Unser Sohn geht in einen Kindergarten mit Kita im selben Haus, das heißt ein Großteil der im KiGa eingeschleppten Krankheiten wurde von Geschwisterkindern aus der Kita bereits liebevoll vorgetestet und dann vertrauensvoll an die Größeren weitergegeben.

Das gepaart mit der anständigen Gruppengröße von 24 Kindern und nochmal derselben Gruppengröße im Zimmer nebenan. Wie viele Kinder sich morgens und nachmittags zu den Bring- und Abholzeiten gleichzeitig in der Garderobe anziehen und anniesen, kann ich nur erraten. Wer hier nicht alle paar Wochen krank ist, muss Superman sein.

Die Lautstärke schwillt an, die Nerven werden dünner

Was sonst noch los war? Sohnemann entdeckt mehr und mehr, wieviel Spaß es macht, einfach „Weil ich es will!“ zu brüllen, wann immer seinen Wünschen nicht sofort entsprochen oder deren Sinnhaftigkeit in Frage gestellt wird. Auch bei mir ist die Lautstärke, parallel zu den immer dünner werdenden Nerven, immer öfter mal angeschwollen. Versucht man, ihn von etwas abzuhalten, zählt er (vermutlich) innerlich bis 5 und macht es dann noch genau 5 Mal.

Meine Kraft reicht nicht mehr für Diskussionen, nur mehr für Ansagen. Dass das ein Kind in der Autonomiephase nicht versteht, ist mir klar. Dennoch kann ich gerade nicht so auf ihn eingehen, wie es vermutlich richtig wäre. Mir bleibt nur, mich in 80 % der Diskussionen hart zusammenzureißen, und die restlichen 20 % Geschrei und Strafen-Angedrohe mit ihm hinterher zu besprechen, wenn wir uns wieder beruhigt haben.

Kalendersprüche helfen einfach immer!

Manchmal beruhigt sich auch einfach gar nichts, und die Stimmung bleibt mies. That’s life, denke ich mir dann, nobody’s perfect und noch tausend andere Kalendersprüche, Mama ist eben auch nur ein Mensch. Und noch dazu einer der sich dank Husten „anhört wie der Marlboro Man“. Naja, wie sagte schon meine Mutter immer? Zu irgendwas muss es ja gut sein.

Der Sommer, wir und unsere Körper.

Foto: pexels by Anna Shvets

Sommer… gerade versuche ich, ihn so intensiv zu genießen, wie es nur geht. Corona und alles, was es mit sich bringt, ist ja nur einen Nieser entfernt. Doch jeden Sommer wird mir wieder bewusst, wie hart wir Frauen mit unserem Körper umgehen, und wie schwierig unser Verhältnis zu ihm ist.

Sich selbst sehen – und gesehen werden

Ich war diesen noch sehr jungen Sommer schon einige Male im Freibad. Für viele, darunter auch mich, birgt allein das Wort Freibad schon eine Masse an Problemen: Im Freibad muss ich meinen Körper zeigen, ich kann nichts verstecken, kaschieren oder ignorieren. Und nicht nur mir selbst wird mein Körper bewusst vor Augen geführt, sondern auch allen um mich herum.

Quasi eine doppelte Konfrontation mit den eigenen Komplexen, Unzulänglichkeiten, vermeintlichen Problemzonen. Man sieht sich selbst, und wird dabei auch noch von anderen gesehen.

Eine Flut an Beinen, Hintern und Bäuchen

Im Sommer ist das extrem: Eine Flut an Beinen, Hintern, Bäuchen, Armen um mich herum, und der innere Zwang, sich mit jedem einzelnen, der vobeigeht, zu vergleichen. Mühsam den Geist davon abzubringen, immer nur um den eigenen Körper zu kreisen – das ist wohl ein Problem, das in dem Ausmaß nur Frauen und Mädchen kennen.

Unser Blick ist dabei in den wenigsten Fällen milde und behutsam. Wir sind Scharfrichter unserer eigenen und der Körper anderer Frauen. Sehen alles, bewerten alles, werten alles ab. Wie sehr ich mir nur im Bikini meines eigenen Körpers überbewusst bin, merke ich daran, wie ich bei jeder Bewegung, bei jeder Pose an mir heruntersehe. Wie sieht mein Bauch gerade aus, welches Licht wirft die Sonne gerade auf meine Schenkel? Geht es einigermaßen oder sieht es furchtbar aus?

Ich genieße einfach nur die Wärme

Und dann, kaum habe ich das etwas zu lange T-Shirt drübergezogen, fällt eine Last von mir ab. Ich bewege mich plötzlich wieder natürlicher, checke nicht ständig das Licht und meine Körperhaltung, sondern genieße einfach nur die Wärme und das Wasser. Ich kann wieder ich sein, und wünsche mir, mich immer so zu fühlen. Mein ganzes Leben lang.

Nur im Sommer wird mir bewusst, welche tiefe Körperscham uns Frauen schon seit der Kindheit eingepflanzt wird. Und wie wenig das mit dem zu tun hat, was Jungs und Männer über ihre Körper lernen.

Keine Energie mehr, um Dinge in Frage zu stellen

Unser Frauenkörper gehört uns nicht: Er soll unser Tempel sein, unser Haus, aber es gehen ständig fremde Leute darin ein und aus. Unser Haus ist permanent renovierungsbedürftig, egal wie viel Arbeit und Zeit wir investieren. Dass das Patriarchat aka unsere Gesellschaft an diesem Gefühl einen gehörigen Anteil hat, wissen wir inzwischen. Wer sich ständig mit seinem Körper beschäftigt und immer neue Baustellen entdeckt, der verwendet nicht viel geistige Energie darauf, Dinge in Frage zu stellen. Und der belässt vor allem die Entscheidung, ob der eigene Körper liebens- und begehrenswert ist, immer bei anderen.

Egal, wie einverstanden ich mit meinem eigenen Körper bin, es reicht nur ein abwertender Kommentar von einer anderen Person, egal ob Mann oder Frau, und schon stürzt das Kartenhaus ein und die Selbstzweifel überrollen mich. Übrigens sind solche Kommentare nicht weniger schlimm, wenn sie von Nahestehenden oder sogar Familienmitgliedern kommen – sondern im Gegenteil besonders verletzend.

Schon wieder ein neues Ideal

Besonders im Sommer merke ich: Wir werden klein gehalten durch unsere Körper. Wir bleiben beschäftigt durch unsere Selbstoptimierung. Der üble Witz am Ende ist nur, dass nicht einmal wir darüber entscheiden, wann Schluss ist. Spoiler-Alarm: Schluss ist niemals, denn bis wir endlich den flachen Bauch und die straffen Schenkel unserer Träume haben, gibt es schon wieder ein neues Ideal, das erreicht werden muss. Den Wettlauf gegen die Zeit und den Zeitgeist können wir einfach nicht gewinnen.

Diesen Sommer möchte ich frei sein

Diesen Sommer möchte ich so gerne aufhören mit dem Renovieren meines „Hauses“. Möchte mich nicht verrückt machen damit, dass ich in einigen Wochen in den Urlaub ans Meer fahre, und dann wieder fremde Leute meinen Körper begutachten. Diesen Sommer möchte ich mich so frei fühlen, wie sich die Männer um mich herum mit ihren Hängebäuchen, behaarten Rücken, spindeldürren Beinen und schlaffen Oberarmen fühlen. Die tragen ein inneres „Take it or leave it“-Schild mit sich herum und bestellen sich lustvoll das dritte Weißbier, während sie sich Mayo über die Pommes kippen.

Diese Glücklichen, sie haben einfach die Tür zu ihrem Haus zugesperrt – und wohnen gerne darin.

Was, wenn Maaaaamaaaa nicht mehr kann?

Foto von SHVETS production von Pexels

Als ich mich neulich mit einer Freundin traf, die zwei Kinder hat, fiel mir auf, wie unglaublich erschöpft sie war. An Erschöpfung und Müdigkeit im „normalen“ Maß haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt, aber was, wenn der Beinahe-Burnout zum Dauerzustand wird?

Das Hamsterrad lässt grüßen

Das Hamsterrad lässt grüßen: Das dachte ich mir, als ich meine langjährige Freundin seit über einem Jahr mal wieder zu Gesicht bekam. Sie wirkte komplett ausgepowert, erschöpft, und nervlich am Ende. Das jüngere Kind, ein zweijähriges Mädchen, hielt sie jede Minute beschäftigt, der 5-jährige Junge war ebenfalls ein „Actionkind“, das sich kurz mal 5 Minuten zum Essen hinsetzen konnte, aber dann sofort wieder aufsprang und auf den Spielplatz wollte.

Meine Freundin und ihr Mann sprangen abwechselnd auf und rannten genervt rufend den umhertobenden Kindern hinterher, das Essen wurde kalt.

Einfach mal „nur sitzen“

Solche Situationen kenne ich von meinem Kind. Man sehnt ein paar Minuten Ruhe herbei, möchte einfach mal „nur sitzen“ und essen oder sich kurz unterhalten. Aber das Kind hat Hummeln im Hintern, und einmal mehr ertappen wir uns vielleicht dabei, wehmütig an die Zeit vor den Kindern zu denken, in der wir einfach nur stundenlang mit Freunden sitzen und uns in Ruhe austauschen konnten.

In der wir unsere Gespräche nicht in kleine Häppchen packen mussten, weil man länger als ein paar Minuten nie zusammen am Tisch sitzen kann. Zwischen „Julian, lass deine Schwester jetzt auch mal schaukeln“ und „Setz dich bitte jetzt hin und iss“ sprachen wir kurz über den letzten Ärger mit der Schwiegermutter, eine Antwort konnte ich nicht geben, denn da hängt der kleine Sohn schon kopfüber am Klettergerüst und ruft nach Maaaaaamaaaaaaa….

Trauma in der Corona-Zeit

Und irgendwo zwischen Kaiserschmarren und umgekippter Apfelschorle kommt dann auch ihre Fehlgeburt zur Sprache, die sie vor der zweiten Schwangerschaft hatte. Dieses traumatische Erlebnis mitten in der Corona-Zeit, das sie noch gar nicht richtig verarbeiten konnte. Die Enttäuschung darüber, wie wenig ihr Mann wirklich nachfühlen konnte, was da in ihr vorging. Sie wischt es weg, erledigt, vergangen, und geht zur Toilette.

Gezahlt wird in Etappen, denn bei drei kleinen Kindern muss immer eines dringend aufs Klo oder Windeln wechseln, und der Zeitpunkt muss abgepasst werden, denn irgendwer hat keine Wechselwäsche eingepackt, falls was danebengeht, und dann muss das Kind mit nasser Hose rumlaufen, und so warm ist es ja jetzt auch noch nicht, wir sind hier auf dem Berg…

Kleine Wesen mit eigenem Willen

Kinder sind so, und Kinder sind anders, und niemand weiß, was für eine kleine Persönlichkeit da auf die Welt kommt, wie sehr sie uns fordern und an unsere Grenzen bringen wird.

Das alles wird uns klar, wenn wir das kleine Wesen an unserer Seite zum ersten Mal wirklich als eigenständige Persönlichkeit betrachten. Mit Macken, Marotten und Vorlieben, und vor allem mit einem eigenen Willen.

Dennoch tut es mir weh, wenn ich die Erschöpfung sehe, die meiner Freundin im Gesicht geschrieben steht. Ihr Mann wirkt auch müde, aber er ist – trotz gerade begonnener beruflicher Selbstständigkeit – längst nicht so am Limit wie sie.

Sie hält an ihrem Traum fest

Trotzdem denkt sie über ein drittes Kind nach. Denn das war immer schon ihr Traum, drei Kinder. An diesem Traum hält sie fest, auch wenn das bedeutet, sich finanziell, körperlich und psychisch komplett an die Grenzen und darüber hinaus zu bringen.

Und die Erschöpfung, die Müdigkeit?

„Wir fahren jetzt auch bald mal ein paar Wochen weg“, sagt sie. Sie schaut mit einem schmalen Lächeln ihren Mann an, „Freust du dich schon?“ Doch der hat keine Zeit zu antworten, er hebt gerade Schnitzel-Stückchen vom Boden auf.

War’s das jetzt mit der Pandemie?

Foto von Abby Chung von Pexels

Draußen wird es langsam richtig frühlingshaft, und dementsprechend kommt wieder ein bisschen mehr Leichtigkeit in den Alltag. Dennoch – da war doch was… ist die Pandemie jetzt eigentlich vorbei?

Neue Regeln, alte Gespräche

Die zwei vergangenen Pandemiejahre fühlten sich an wie ein nie endendes Déja-Vu aus steigenden und fallenden und wieder steigenden Infektionskurven, immer neuen Regeln, die irgendwann so schnell auf einander folgten dass keiner mehr nachkam, immer denselben oder ähnlichen Gesprächen über die Pandemie und durchgehend dem Gefühl, dass wir Eltern mit Corona allein gelassen wurden.

Bestätigt wurde das, als wir und viele, viele Menschen in unserem Umfeld sich mit Corona und seinen diversen Unterarten ansteckten. Letzten Endes war niemand erstaunt oder schockiert, sondern im Gegenteil, alle (zumindest die Leute, die Kontakt zu Kindern haben) hatten es irgendwie erwartet.

Bald fällt die Testpflicht ganz weg

Klar, in einer Kindergartengruppe von 23 kleinen Menschen wird vom Magen-Darm-Virus bis zur Seuche eben alles weitergegeben.Und das wird wohl noch eine Weile so weitergehen. Ab Mai fällt die Testpflicht für Kindergartenkinder weg.

Aber das Gefühl, dass von Seiten der Politik gleichgültig mit der Gefahr der Ansteckung der Kleinsten (und damit auch ihrer Eltern und der Großeltern) kalkuliert wurde, bleibt einfach. Ein Vertrauensverlust, der auch durch kleine Tropfen auf den heißen Stein (hier und da mal eine einmalige Erhöhung des Kindergeldes oder gratis Schnelltests) nicht wettgemacht werden konnte.

Männer verschaffen Männern Vorteile

Leider bleibt bei mir auch einmal mehr das Gefühl, dass eine hauptsächlich von Männern gemachte Politik unweigerlich wieder die von Männern dominierten Sektoren der Gesellschaft bevorteilt – während alle anderen schauen können, wo sie bleiben. Ja, wir hatten eine sehr lange Zeit eine Kanzlerin an der Spitze unseres Landes, aber eine einzelne Frau gegen eine ganze Armada von Männern kann eben auch keine Sch… zu Gold machen.

Der Kapitalismus hat in der Pandemie ganz offen sein Gesicht gezeigt: Es fing an mit solidarischem Klatschen für die Pfleger_innen und endete bei Maskendeals in Millionenhöhe. Und dazwischen so unendliche viele erschöpfte Frauen, die sich während Corona krank gemanaged haben als „Leiterinnen eines erfolgreichen kleinen Familienunternehmens“, wie es damals in der Vorwerk-Werbung so liebevoll hieß.

Wie hätte Olaf das alles wohl gehandelt?

Kleiner Gedanke am Rande: Wie hätte die jetzige Regierung unter Olaf Scholz wohl die Anfänge der Pandemie gehandelt? Olaf und seine Kollegen wursteln sich grad so durch, während am Rande von Europa Panzer in Stellung gehen. Bald werden auch deutsche Panzer darunter sein.

Und nun? Nun wurde die Pandemie mehr oder weniger von offizieller Seite für beendet erklärt, uns allen wird die Rückkehr zur weitgehenden Normalität quasi verordnet. Wer noch kein gutes Bauchgefühl bei der ganzen Sache hat, der hat – Pech. Denn die Masken fallen, die Innenstädte sind voll wie eh und je, die Clubs auch, und die Fußballstadien sowieso.

Corona hat seinen Schrecken verloren

Dass das mit den Nachrichten aus meinem Umfeld über mehr und mehr Corona-Infektionen nicht ganz zusammenpasst, scheint niemanden zu stören. Oder wie es neulich ein Kollege in einer Zoom-Konferenz formulierte: „Corona hat irgendwie seinen Schrecken verloren.“ Die Menschen, die sich Long Covid eingefangen haben und jeden Morgen beim Aufstehen erstmal nach Atem ringen, dürften das wohl anders sehen.

Die Pandemie im Kopf bleibt

Niemand will die Unkenrufe von Gesundheitsminister Lauterbach hören, der für den Herbst etwas drastisch eine „Killervariante“ von Corona herbei prognostiziert. Und momentan sind eh all eyes on Ukraine.

Ich jedenfalls kann mich von dieser Pandemie im Kopf noch nicht ganz verabschieden. Das Abstandhalten, Verzichten, Maske tragen und vorsichtig sein hat sich zu sehr eingebrannt in mein Denken und Fühlen. Umarmt wird von mir nur, wer geimpft ist. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht im Herbst ein neues, altes Déja-Vu auf uns wartet.