3 einfache Wochenendrezepte mit Wow-Effekt

Wenn am Wochenende etwas mehr Zeit zum Kochen ist, ist bei uns Genuss angesagt. Da darf es auch ruhig etwas länger dauern. Und zusammen am Tisch zu sitzen und etwas richtig Leckeres zu essen, ist für mich manchmal das Highlight des Tages. Dass dabei nicht immer Fleisch auf dem Tisch steht, finde ich nicht weiter schlimm. Die folgenden Rezepte sind auch ohne Fleisch echte Showstopper.

#1: Sonntagsbraten mal anders – mit Sellerie und Pilzsauce

Dieses Gericht ist inspiriert von Jamie Olivers Selleriebraten, und schmeckt wirklich superlecker. Es braucht zwar etwas mehr Zeit, ist also eher was fürs Wochenende, enthält aber alle Wohlfühlelemente, die Essen für mich haben muss. Der Sellerie wird durch das lange, schonende Garen zart und fleischig, dazu die cremige Pilzsauce und knusprige Ofenkartoffeln. Für ein bisschen herzhaftes Bratenfeeling kamen bei uns noch angebratene Speckwürfel dazu.

Das braucht ihr:

1 ganzer Selleriekopf, Olivenöl oder ein anderes Öl, Salz, 1 halbe Zwiebel, 2 Knoblauchzehen, Pfeffer, Alufolie, Kartoffeln, 1 Packung Champignons, eine Handvoll getrocknete Steinpilze wenn vorhanden, halber Becher Sahne oder ein Ersatzprodukt, 1 Schuss Weißwein, Rosmarin, wenn gewollt ein paar Speckwürfel;

Schritt 1: Heizt den Ofen auf 190 Grad Umluft vor. Ihr braucht für das Rezept eine ganze Sellerieknolle. Diese wird geputzt (einfach mit einem Messer oder Schäler die Schale entfernen), und mit Öl eingerieben. Dann wickelt ihr den Sellerie in eine Alufolie ein und schiebt ihn in den heißen Ofen – für ca. 45-50 Minuten.

Ab und zu könnt ihr ihn mit einer Gabel einstechen, um zu sehen wie weit er schon ist. In der Zwischenzeit werden die Kartoffelschiffchen geschnitten. Diese kommen dann 20-25 Minuten vor Ende der Sellerie-Garzeit einfach mit ein paar Zweigen Rosmarin oder Rosmarinpulver in den Ofen. So werden sie schön knusprig und kriegen sogar etwas von dem austretenden Sellerie-Bratensaft ab.

Schritt 2: Wenn auch die Kartoffeln im Ofen sind, geht es an die Pilzsauce. Schneidet die Pilze eurer Wahl in Viertel oder Scheiben, ebenso die Zwiebel und Knoblauch nach Gusto. Wer getrocknete Steinpilze hat, kann diese nun kurz in etwas Brühe einweichen, bis sie weich sind. Die frischen Pilze dann mit Zwiebeln und Knoblauch (und wer mag ein paar Speckwürfeln) kurz und heiß anbraten.

Dann mit Weißwein ablöschen und etwas Sahne oder ein Ersatzprodukt angießen. Dann kommen die eingeweichten Steinpilze dazu. Abgeschmeckt wird mit einem Esslöffel Brühe. Ein Esslöffel Senf gibt etwas Schärfe. Nun die Sauce etwas einköcheln lassen, bis sie cremig genug ist. Die Pilze sollten nicht matschig zerkocht sein.

Schritt 3: Sind Sellerie und Kartoffeln gar und knusprig, raus aus dem Ofen damit. Befreit den Sellerie von der Alufolie, aber schüttet den darin aufgefangenen Selleriesft nicht weg. Er kann noch mit in die Pilzsauce. Den Sellerie könnt ihr für den Wow-Effekt wie einen Sonntagsbraten in Scheiben schneiden. Dann noch mit den Kartoffeln und der sahnigen Sauce garnieren und schmecken lassen!

#2: Fenchelrisotto

Dieses Risotto hat mein Mann an einem Samstag gemacht, aber wenn ihr nach Feierabend 30-45 Minuten Zeit habt, steht dem Genuss nichts im Wege. Risotto muss zwar ab und zu umgerührt und mit Brühe aufgegossen werden, aber ist ansonsten pflegeleicht und kann nach Vorliebe variiert werden. Falls eure Kinder total allergisch auf Gemüse reagieren, schmeckt das Risotto auch einfach „blank“ mit viel Parmesan sehr gut.

Das braucht ihr:

1 halbe Zwiebel, etwas Sellerie, 1 Karotte, 1 Knoblauchzehe, Salz & Pfeffer, Olivenöl, Gemüse- oder Hühnerbrühe nach Bedarf, 1 Fenchelknolle, Pinienkerne, Parmesan, Butter, in der „Erwachsenenversion“ etwas Weißwein;

Schritt 1: Schnippelt eine Handvoll Suppengemüse (Karotten, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch) und legt das Gemüse beiseite. Als „Star“ des Gerichts haben wir hier den Fenchel ausgewählt, weil er im Risotto super schmeckt und nach etwas Garzeit tatsächlich eine leicht fleischähnliche Konsistenz kriegt. Den Fenchel also in Scheiben oder kleine Stückchen schneiden und ebenfalls beiseite stellen. Das Fenchelgrün hebt ihr euch für später auf.

Schritt 2: Für 3-4 Personen nehme ich zwei volle Tassen Risottoreis, dann bleibt noch etwas für den nächsten Tag übrig. Den Reis mit Olivenöl und dem geschnittenen Suppengemüse und dem Fenchel in einem hohen Topf 2-3 Minuten anschwitzen, dann mit Weißwein oder Hühner-/Gemüsebrühe aufgießen, bis er knapp bedeckt ist.

Den Reis weiter köcheln lassen, bis er die Flüssigkeit aufgesogen hat. Dann wieder aufgießen. Diese Prozedur wird wiederholt, bis der Reis eine leicht „schlotzige“ Konsistenz hat und das Gemüse gar ist. Beides sollte nach ca. 25-30 Minuten der Fall sein, je nachdem wie ihr euer Risotto mögt (manche mögen es, wenn der Reis noch etwas mehr Biss hat).

Schritt 3: Während das Risotto und das Gemüse köcheln, könnt ihr noch ein paar Pinienkerne in einer trockenen Pfanne anrösten, das gibt Crunch und eine zusätzliche Geschmacksebene. Wenn das Risotto so durch ist, wie ihr es mögt, noch etwas Butter und geriebenen Parmesan unterrühren und mit dem Fenchelgrün und den Pinienkernen garnieren. Ich hatte noch etwas selbstgemachtes Basiliumpesto da, das kam auch noch obendrauf – sehr lecker!

#3: Frühlingshafter Pfirsich-Puddingkuchen

Dieser einfache, schnelle Kuchen war der Geburtstagskuchen für meinen Mann, aber findet auch unterm Jahr immer wieder großen Anklang. Man kann ihn mit Obst aus der Dose oder frischem Obst garnieren, als Basis dient dafür ein gekaufter Tortenboden. Auch hier gibt es mittlerweile Unterschiede und unzählige Varianten, sogar mit Dinkel und Vollkorn.

Das braucht ihr:

1 fertiger Tortenboden nach Geschmack, 1 Packung Vanillepudding, Milch oder Sahne nach Packungsanweisung, Zucker, 1 Zitrone/Orange/Limette, Pfirsiche oder anderes Obst aus der Dose oder frisch;

Schritt 1: Vanillepudding nach Packungsanleitung kochen und zum Abkühlen beiseitestellen. Ich verwende manchmal für den Pudding eine Dose Kokosmilch, das macht den Pudding interessanter und irgendwie exotischer.

Schritt 2: Obst nach Wahl in Scheibchen schneiden und von einer Zitrone/Limette/Orange die Zesten mit einer Parmesanreibe abreiben. Beim Obst kommt so ziemlich alles in Frage. Mandarinen, Pfirsiche, Ananas, Bananen oder was auch immer ihr mögt, egal ob frisch oder aus der Konserve. Ihr könnt natürlich auch mit Beeren garnieren: Himbeeren, Blau- oder Brombeeren oder klassisch mit Erdbeeren. Superlecker!

Schritt 3: Wenn der Pudding nicht mehr ganz so heiß ist, einfach mit einem Schöpflöffel auf dem Tortenboden verteilen. Dann kommen die Obstscheiben darauf. Für einen besonders schönen Effekt das Obst fächerförmig auf dem Kuchen arrangieren.

Schritt 4: Zum Schluss noch mit den Zitronen- oder Orangenzesten bestreuen. Abkühlen lassen und vielleicht noch mit einem Blümchen oder etwas Minze garnieren – fertig!

3 stressfreie Wohlfühl-Gerichte für Wochentage

Nach einem vollgepackten Tag abends noch aufwändig für die Familie kochen – das schaffe ich meistens nicht. Und auch im Home Office mache ich mir mittags meistens etwas Unkompliziertes. Es darf gerne vegetarisch sein, oder mit nur wenig Fleisch. Und schmecken soll es natürlich! Diese drei Gerichte sind unkompliziert und lecker und kommen bei mir immer wieder zum Einsatz. Zudem schonen sie bei steigenden Lebensmittelpreisen den Geldbeutel.

#1: „Westernstyle Pizza“

Klingt unsexy, aber tatsächlich ist die „Restepizza“ bei uns ein fester Bestandteil des Essensplans. Die Basis ist bei uns in der Regel ein fertig gekaufter Pizzateig, ihr könnt aber natürlich auch selbst einen machen. Drauf kommt, wie der Name schon sagt, alles was in den Tiefen des Kühlschrankes oder Vorratsschrankes noch zu finden ist und ungefähr zusammenpasst.

Ein vielleicht ungewöhnliches, aber leckeres Beispiel: Pizza Westernstyle.

Das kommt drauf: (nach Geschmack leicht scharfe) Chilibohnen aus der Dose, Mais, Salami wer mag, viel Knoblauch, Zwiebeln und der Käse, der gerade noch da ist. Hier und da noch ein Klecks Creme fraîche, um die Schärfe abzumildern.

Ihr könnt natürlich auch einfach normale Kidneybohnen nehmen, dann ist die Pizza auch fürs Kleinkind unproblematisch. Der fertige Teig braucht im Ofen bei 190 Grad nur ca. 10 Minuten. Und wer wild ist, haut sich noch ein Ei und etwas frischen Basilikum oder Chiliflocken drüber.

#2: Süss-herzhafter Blumenkohl-Mango-Salat

Die Kombination aus etwas Herzhaftem und etwas Süßem ist für mich persönlich superlecker, aber ihr könnt die süße Komponente (in dem Fall Mango) natürlich auch weglassen, wenn ihr lieber bei den klassischen Geschmäckern bleiben wollt. Oder ihr ersetzt die Mango durch anderes Obst wie zum Beispiel Trauben, Apfel oder Birnenstückchen.

Für den Blumenkohl-Salat braucht ihr nur ein bis zwei Romana-Salatherzen (oder einen anderen Salat), einen halben Blumenkohl, etwas Joghurt, nach Geschmack Chili und Öl sowie Kerne oder Nüsse nach eurem Geschmack. Bei mir waren es Pinienkerne, aber für den asiatischen Touch sind auch Erdnüsse lecker.

Schritt 1: Ofen auf ca. 220 Grad Umluft vorheizen, den Blumenkohl in kleine Stücke schneiden und mit Olivenöl, Salz und Gewürzen nach eurem Geschmack (bei mir war es etwas Currypulver) für ca. 20 Minuten in den Ofen schieben.

Schritt 2: Während der Blumenkohl gart, den Salat und die Mango/Traube/wasauchimmer kleinschneiden und die Kerne oder Nüsse in einer trockenen Pfanne ohne Öl rösten, bis sie Farbe genommen haben.

Schritt 3: Dressing: Ich habe für mein Rezept den griechischen Joghurt mit ein paar Stückchen Mango und etwas Salz im Mixer püriert, um ein cremiges Dressing zu bekommen. Abschmecken mit Zitronensaft nach Gusto!

Schritt 4: Wenn der Blumenkohl ein paar knusprige Röststellen bekommen hat, kommen alle Elemente zusammen. Salat, Pinienkerne, Obststückchen, Blumenkohl und Dressing in einer große Schüssel anrichten und durchmischen. Wer es etwas scharf mag, kann noch Chiliflocken oder frische Chilischote drüberstreuen.

#3: Schnelles Hühnchen-Couscous mit Gemüse

Couscous ist für mich eine echte Alternative zu Nudeln oder Reis, weil er unglaublich schnell geht und man dabei kaum was falsch machen kann. Die Fleisch/Geflügebeilage könnt ihr natürlich durch Tofu oder ein anderes Produkt nach eurem Geschmack ersetzen.

Schritt 1: Couscous aufsetzen: Für drei bis vier Personen braucht ihr ungefähr anderthalb bis zwei Tassen Couscous. Den Couscous in eine tiefe Schüssel geben, dann trockene Gewürze nach Gusto dazu, denn diese werden dann dem Couscous Geschmack verleihen. Ich nehme immer eine Prise Curry, eine Prise Zimt, etwas Paprikapulver und Zitronensaft. Dann mit soviel heißer Hühner- oder Gemüsebrühe aufgießen, dass der Couscous knapp bedeckt ist. Schnell einen umgedrehten Teller als Deckel auf die Schüssel, und einfach 5-7 Minuten abwarten.

Schritt 2: Salat oder Gemüse eurer Wahl schnippeln, hier waren es Tomaten. Dazu kommen noch einige kleingeschnittene getrocknete Tomaten für die Fruchtigkeit.

Schritt 3: Anschließend könnt ihr Hühnchen/Tofu und das Gemüse eurer Wahl mit etwas Olivenöl kross in der Pfanne anbraten. Ich träufele beim Anbraten manchmal noch etwas Honig und Zitronensaft darüber, um mehr Geschmack zu bekommen. In meinem Fall war das Gemüse ein Minibrokkoli, der braucht in der Pfanne nämlich nur ein paar Minuten.

Schritt 4: Das angebratene Huhn oder Tofu zur Seite stellen und das Dressing zubereiten. Ihr könnt natürlich einfach etwas Olivenöl und Zitronensaft nehmen, ich bereite zu Couscous gerne eine Joghurt-Tahinisauce zu. Dazu braucht ihr Tahini (Sesammus) von DM oder Edeka/Rewe, etwas griechischen Joghurt, Zitronensaft und einen Schuss Sojasauce und Honig. Schmeckt das Dressing so ab, dass für euch die Kombination salzig/süß/zitronig perfekt passt.

Schritt 5: Vor dem Anrichten wird der Couscous nochmal mit einer Gabel etwas aufgelockert, und die geschnittenen Trockentomaten werden untergemischt. damit sich die Gewürze gut verteilen. Dann alles auf einer großen Platte oder Bowl anrichten und mit dem Dressing beträufeln.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Good cop, bad cop… muss das sein?

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Kennt ihr das auch? Vorausgesetzt ihr erzieht euer Kind zusammen mit einer anderen Person, ist immer einer der „good cop“, einer der „bad cop“. Diese Dynamik raubt mir manchmal den letzten Nerv.

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Situationen wie diese haben wir zuhauf: Kind möchte etwas Bestimmtes nicht tun (Zähneputzen, Anziehen etc.), ein Elternteil möchte das Geplante trotzdem durchsetzen, die Situation schraubt sich hoch und zack! Das Kind kommt angerannt und sucht beim anderen Elternteil nach Bestätigung oder Trost. In unserer Konstellation bin das meistens ich, die dann als Puffer zwischen den verhärteten Fronten steht. Eine Situation, die mich jedes Mal wieder etwas ratlos zurücklässt, denn ich habe in diesem Fall die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Biete ich dem Kind den gewünschten Trost, habe ich das Gefühl, meinem Partner in den Rücken zu fallen. Biete ich die tröstende Schulter nicht an, habe ich Angst, die Bindung zu meinem Kind zu gefährden oder ihm in seiner Not nicht beizustehen. Wie ich es mache, scheint es falsch zu sein.

Bis drei zählen und abwarten

Und der Partner? Nach dem Motto „Du hast mich jetzt genug angeschrien“ in Richtung Kind verlässt er ebenfalls sauer die Szenerie und mir bleibt dann wieder nur – bis drei zu zählen, denn dann kommt unter Garantie das wütende Kind angestampft und will sich an meiner Schulter ausheulen.

Dass mein Partner nach 5 Minuten Frontal-Angeschrienwerden seine Grenze zieht und die Situation verlässt, kann man ihm schlecht vorwerfen. Was mich jedoch wütend macht, ist die Argumentation, dass das Kind ja sowieso einen der beiden Elternteile bevorzugt, und das andere Elternteil dagegen nichts tun kann – und also auch keine Verantwortung übernimmt für Konfliktlösungen.

Wir leisten genug Beziehungsarbeit

Ich bin die Rolle der ewigen Vermittlerin leid. Erwiesenermaßen leisten wir Frauen daheim ja mehr als genug Beziehungs- und Sorgearbeit.

Wir fühlen uns meist dafür verantwortlich, dass die Stimmung daheim gut ist – selbst wenn das auf Kosten unseres eigenen Energiehaushaltes geht. Wir spielen Mutter Theresa, obwohl wir innerlich auch am liebsten schreien würden. Wir puffern die Gefühle der Kleinen und auch der Großen ab, nicht selten rücksichtslos gegenüber unseren eigenen Gefühlen.

Der eigentliche Job wird auch gleich noch gemacht

Oft ist es dann so, dass der verständnisvollere Elternteil auch noch gleich die zu erledigende Aufgabe übernimmt, wegen der der ganze Stress überhaupt angefangen hat. Also morgens schnell das Kind anziehen, abends das Kind doch noch zum Zähneputzen und danach ins Bett bringen, und und und. Das bedeutet unterm Strich nicht nur, anstrengende Gefühlsarbeit beim Kind zu leisten, sondern auch noch Arbeiten on top zu übernehmen, die eigentlich der Partner oder die Partnerin hätte machen sollen.

Was aber tun, wenn solche Extrem-Situationen fast täglich aufkommen? Wenn das Kind genau weiß, es muss nur zu Mama/Papa laufen, und schon ist der eigentliche Konflikt vorbei? Dann bleibt beim Kind das Wissen hängen, dass es einen „guten“ und einen „bösen“ Elternteil gibt.

Können Kinder ihre Eltern wirklich ausspielen?

Können Kinder ihre Eltern wirklich „gegeneinander ausspielen“, wie ich es schon so oft besonders von der älteren Generation gehört habe?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich weiß aber: Mein Kind möchte seine Eltern nicht willentlich gegeneinander aufbringen. Mein Kind leidet darunter, wenn mein Partner und ich uns streiten und die Luft dick ist. Mein Kind möchte, dass seine Gefühle aufgefangen und ja, auch begleitet werden.

Nicht geklärte Konflikte sind belastend

Selbst wenn es in höchster Wut nur noch „Geh weg“ und „Lass mich in Ruhe“ brüllt, so bleibt doch das Grundbedürfnis nach Trost und Linderung bestehen. Dieses Bedürfnis dürfen wir Eltern nicht ignorieren. Oft genug habe ich es als Kind selbst erlebt, wie belastend es sein kann, wenn Konflikte nicht beigelegt und heftige Konflikte nicht geklärt, sondern „ausgeschwiegen“ und ignoriert werden. Diese Konflikte sind dann wie kleine, schmerzhafte Schnitte, die über Tage hinweg wehtun.

Das Kind also in der Situation nicht allein zu lassen, steht für mich außer Frage. Und doch bleibt manchmal der Rest eines Zweifels – Kinder sind schließlich auch sehr lernfähige Wesen, die schnell begreifen, welches Elternteil das nachgiebigere und welches das strengere ist. So ganz weiß ich also auch nicht, was man tun kann, um die Dynamik „good cop, bad cop“ aufzubrechen.

Es gibt immer eine Nr. 1 und eine Nr. 2

Dass verschiedene Personen auch verschiedene Charaktere sind, und damit auch gegenüber dem Kind verschiedene Rollen besetzen, ist ja nur natürlich. Sonst wäre jeder Mensch in seinen Beziehungen ja komplett austauschbar. Und dass es in den meisten Eltern-Kind-Beziehungen eine Person gibt, die Bezugsperson Nr.1 ist, und eine, die die zweite Geige spielt, ist auch klar.

In den meisten Fällen sind es nun mal immer noch die Mütter, die den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen und damit auch am meisten Erfahrung im Umgang mit dem Kind anhäufen.

Auch wir Mütter müssen das erst lernen

Hier fällt mir als Lösung, um die Überanspruchung von Bezugsperson 1 zu vermeiden, nur eines ein: die Nr.2 muss sich engagiert einbringen und versuchen, ebenfalls „Trostkompetenz“ zu erwerben. Trösten und beruhigen muss man nämlich lernen, denn jedes Kind ist anders.  

Auch wir Mütter können das nicht von Natur aus gut, sondern lernen es im Alltag mit dem Kind. Und was bleibt für mich zu tun? Vielleicht einfach, gelassen zu bleiben, da zu sein aber nicht immer sofort zu versuchen, den Konflikt beizulegen. Sondern auch mal darauf zu vertrauen, dass die Streithähne das „unter sich ausmachen“. Und dabei vielleicht auch etwas Wertvolles für den nächsten Konflikt mitnehmen – nämlich, dass sie nicht immer Mama brauchen, um den Streit beizulegen.

Warum bekommen wir eigentlich noch Kinder?

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Wann immer ich mit kinderlosen Freundinnen über Kinder spreche, kommt irgendwann die Frage auf, warum eigentlich überhaupt Kinder? Die Welt macht gerade einiges durch, die Jahrhundertereignisse häufen sich, jetzt gibt es sogar Krieg. Dazu kommen der private Stress, die Sorgen, die Kosten… ja, warum eigentlich?

Ich war innerlich Null darauf vorbereitet

Als ich schwanger wurde, brach für mich im ersten Moment eine Welt zusammen. Es kam recht unerwartet, ich hatte es nicht darauf angelegt und war innerlich Null darauf vorbereitet. Ich genoss mein Leben in Freiheit und ohne Einschränkungen.

Zwar hatte ich dann 10 Monate Zeit, um mich auf die Ankunft des neuen Erdlings einzustellen, aber NIEMAND, wirklich niemand kann uns vorbereiten auf das Gefühl, wenn das Kind dann endlich da ist. Diese Erschöpfung, diese Überforderung, diese Neugier auf das kleine Wesen da in deinen Armen. Ich gebe zu, die alles überflutende Liebe auf den ersten Blick konnte ich nach mehreren Stunden Wehensturm und einem nicht geplanten Kaiserschnitt nicht gleich empfinden.

Vorher selbstbestimmt, dann ohnmächtig

Ich war vor der Geburt ein selbstbestimmter Mensch gewesen, und währenddessen ohnmächtig dem ausgeliefert, was da in meinem Körper und außerhalb passierte. Als ich mit meinem neugeborenen Sohn nach Hause kam, war ich erstmal wie betäubt.

Zum ersten Mal in deinem Leben übernehmen wir voll und ganz Verantwortung für ein Menschenleben. Und gefühlt die ganze Welt sieht uns dabei zu und beurteilt, ob wir unsere Sache auch gut machen. Mein strengster und unerbittlichster Kritiker sollte in den nächsten Wochen und Monaten aber ich selbst sein. Ich gab diesem kleinen Wesen alles, was ich hatte, und noch mehr.

Die Grenze war nach oben offen

Und doch häuften sich die Momente, in denen ich dachte, es sei nicht genug. Die Liebe, die ich empfand, sei nicht genug. Die Zuwendung, das Stillen, das Tragen und Streicheln, es gab keine Grenze nach oben, keinen Feierabend, keinen Abstand von diesem kleinen Menschen. Ich war permanent im Ausnahmezustand, rund um die Uhr zuständig und völlig erschöpft.

Der kleine Kerl war kein Anfängerbaby, er ging gleich aufs Ganze. Neugierig, unruhig, und von meiner leider recht unsensiblen Nachsorge-Hebamme als „Zappelphilipp“ gleich in eine Schublade sortiert, machte er es mir schwer, auch nur wenige Minuten am Tag zu entspannen.

Leider können wir einem anderen Menschen, selbst wenn die Person noch so einfühlsam ist, nie ganz klarmachen, was für ein Gefühl es ist, diese Verantwortung als Mutter am eigenen Leib zu spüren. Natürlich gibt es Personen, die im selben Maße Verantwortung übernehmen für ein Neugeborenes, dazu muss man nicht stillen oder gebären können.

Keine Gruppe wird so hart beurteilt

Es gibt in unserer Gesellschaft kaum eine Personengruppe, die für Ihre Dienste an anderen Menschen mehr in den Himmel gehoben und gleichzeitig brutaler beurteilt wird als die der „klassischen“ Mutter. Die Verantwortung als Mutter kennt keine Grenzen, im Grunde wird man ein Leben lang dafür zur Rechenschaft gezogen, was für einen kleinen und später großen Menschen man da „produziert“ hat – im Guten wie im Schlechten.

Ich kannte mich in den nächsten Monaten und Jahren selbst nicht mehr richtig, und schenkte mir selbst sicher nicht die Aufmerksamkeit, die ich gebraucht hätte. Nach der Elternzeit wunderten sich meine Kolleginnen darüber, warum ich mir Dinge nicht merken konnte, warum man mir alles mehrmals erklären musste. Hätten sie in meinen Kopf sehen können, hätten sie dort zwei unterschiedliche Hälften gesehen.

Zwei ungleiche Hälften ergeben erstmal Chaos

Die Kinder-Hälfte und die Arbeits-Hälfte. Und hätten vielleicht verstanden, dass zwei ungleiche Hälften nicht ein Ganzes ergeben, sondern einfach nur Chaos. Wieviel Kraft es mich jeden einzelnen Tag gekostet hat, zuerst der einen Hälfte, und dann der anderen Hälfte so gut es geht gerecht zu werden. Und dabei immer wieder das Gefühl zu haben, zu scheitern.

Jetzt ist mein Sohn gerade vier Jahre alt, und mein altes Ich kommt langsam zurück – mit ein paar hilfreichen neuen Skills. Die sogenannte Stilldemenz ist nur noch eine blasse Erinnerung, die zerrissenen Nächte der Baby- und Kleinkindzeit eines von vielen Puzzleteilen, die irgendwann das Bild seiner Kindheit ergeben werden. Wann immer ich die Fotos ansehe, die wir kurz nach seiner Geburt gemacht haben, merke ich, wie ich diese Zeit immer mehr in meiner Erinnerung verkläre. Und ich wünsche mir, dass ich die Baby-Zeit mit ihm so hätte genießen können, wie ich es heute vermutlich täte.

Die Entscheidung für ein Kind ist endgültig

Es gab oft genug Momente, in denen ich nicht mehr konnte. Mich einfach ins Badezimmer einschließen und ihn schreien lassen wollte. Niemandes Bedürfnisse mehr erfüllen wollte. Aber ein Kind kann man nicht zurückgeben. Die Entscheidung, es auf die Welt zu holen, ist unwiderruflich. Und das macht Angst. Warum tun wir es also trotzdem? Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet und ob wir die Entscheidung vielleicht ein Leben lang bereuen?

Die Momente, die ich bisher ohne meinen Sohn war, haben mir die Antwort darauf gegeben. Versteht mich nicht falsch: Ich habe die freie Zeit genossen, ausgekostet und mir gewünscht, dass sie noch länger andauert. Habe alles getan, was ich sonst in seiner Gegenwart nicht tun kann. Und habe mich wieder so gefühlt wie damals, bevor es ihn gab. Mein altes Ich ist mit Schalk im Nacken hervorgekommen und hat mich zum Tanzen aufgefordert.

Auf einmal war mein Herz leer ohne ihn

Doch dann, wenn ich meine Freiheit genug ausgekostet hatte, war mein Herz auf einmal leer ohne ihn. Ich hatte alles ohne ihn getan, aber es war nicht mehr genug. Erst als er wieder durch die Tür rannte und mich anlächelte, war der Herzschmerz vorbei. Er ist ich, und ich bin er. Wir sind zwei Hälften, die immer verbunden sein werden.

Die Liebe für ihn ist die größte und ehrlichste Liebe, die ich jemals empfunden habe. Und die Liebe, die ich von ihm bekomme, bringt mein Herz zum Schmelzen. Deshalb bekommen wir Kinder.

Kindergeburtstag – so gelingt er (möglichst) stressfrei

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Gerade ist unser Kleiner 4 Jahre alt geworden, und zum ersten Mal haben wir eine richtige Party für ihn veranstaltet. Coronabedingt konnten wir die letzten Jahre nicht mit mehreren Personen feiern, aber dieses Jahr wollten wir ihm die Freude an einer kleinen Feier einfach nicht nehmen. Zu ernst sind die Zeiten, und unsere Kinder haben die letzten zwei Jahre schon so viel mitgemacht. Da kam eine kleine Ablenkung gerade recht. Ein paar Erkenntnisse aus unserer Geburtstagsfeier und auch ein paar Erfahrungen von den Geburtstagsfeiern anderer Kids möchte ich hier mit euch teilen.

Wer kommt auf die Gästeliste?

Wenn ihr Kinder im Alter zwischen 2 und 5 Jahren habt, habt ihr wahrscheinlich eh bemerkt, dass der Ehrentitel „bester Freund“ oder „beste Freundin“ quasi im Stundentakt neu vergeben wird. Mit vielleicht einigen Ausnahmen ist der Freundeskreis eines Kleinkindes noch sehr volatil und wechselt ständig. Anstatt also alle potentiell besten Freund_innen einzuladen, haben wir uns auf eine Handvoll Kinder beschränkt, mit denen er momentan zu tun hat – und auch Kindern, die wir im privaten Umfeld öfters um uns haben und mit deren Eltern uns eine Freundschaft verbindet.

Sicherlich hätten wir noch einige Familien mehr einladen können, aber das kann man ja im Sommer bei angenehmeren Temperaturen in einem nahegelegenen Park oder im Hof nachholen. Die Faustregel, ungefähr so viele Kids einzuladen wie das jeweilige Kind alt wird, finde ich jedenfalls nicht schlecht. Vielen Kindern wird’s nämlich sonst auch zu viel. Besonders wenn ihr bei euch daheim feiert, ist es für euer Kind erstmal eine ganz schöne Herausforderung, die Gastkinder mit den heißgeliebten Spielsachen spielen zu lassen.

Mama und Papa am Rande des Nervenzusammenbruchs?

So ein Geburtstag für mehrere Personen macht richtig viel Arbeit. Und wenn man sich schon mit selbstgebackenem Kuchen (muss natürlich nicht sein!), crazy Deko und einzeln verpackten Geschenken selbst in den Mental-Load-Wahnsinn treibt, dann bitte wenigstens mit dem Partner oder der Partnerin, lieben Freunden oder vielleicht Oma und Opa zusammen. Geteiltes Geburtstagsleid ist halbes Leid. Und 25 Tütchen für die Kindergartengruppe packen ist eben mal nicht schnell nebenbei erledigt.

Dann wurden bei uns noch Getränke/Essen für die Erwachsenen gekauft, Deko-Artikel beschafft und die Wohnung ein bisschen auf Vordermann gebracht und halbwegs kindersicher gemacht. Und die ganze Chose soll ja auch nach der Party wieder abgebaut und aufgeräumt werden. Daher ist Arbeit aufteilen beim Kindergeburtstag das A und O! Wir haben den kleinen Mann sogar am Vorabend bei den Großeltern übernachten lassen, um in Ruhe alles vorbereiten zu können.

Kind XY isst nur vegan, gluten- und zuckerfrei

Ich für meinen Teil habe nicht explizit alle Nahrungsmittelunverträglichkeiten abgefragt, sondern darauf vertraut, dass mir die Eltern von sich aus Bescheid sagen, wenn ihr Kind beim Genuss von Haselnuss-Schokokuchen Ballonohren bekommt. Natürlich kann es nicht schaden, nochmal kurz zu fragen ob jeder alles essen darf (war bei uns zum Glück der Fall), aber ein vegan-glutenfreies Festmahl für einzelne Kinder auf den Tisch zu zaubern, ist dann schon die Masterclass der Gastgeberkunst und würde uns schlichtweg überfordern.

Als Ergänzung zum üppigen Kuchen gab es bei uns einfach ein paar Karotten- und Gurkensticks mit auf den Tisch, und ein Teil der abendlichen Pizza war fleischlos. Die Kids waren eh so ins Spiel vertieft, dass die meiste Zeit nur Baguette-Scheibchen im Vorbeirennen (ja, böses Weizenmehl!) gereicht wurden.

Es mögen die Spiele beginnen?

Um es kurz zu machen: Nicht bei uns. Ich für meinen Teil bin selbst kein Fan von Gesellschaftsspielen, hatte mir aber schon Gedanken gemacht, ob man gegen aufkommende Langeweile bei den Kindern ein paar altbewährte Partykracher heraussucht. Allerdings hat der Nachmittag dann gezeigt, dass Kinder in dem Alter (oder zumindest die Jungs) keinerlei vorgegebenen Spielideen brauchen.

Der Hype der Party, die festlich geschmückte Wohnung und die Geschenke sind schon „Programm“ genug gewesen für unsere Partygäste. Selbst wenn wir es unbedingt gewollt hätten, wäre es uns wahrscheinlich nicht gelungen, irgendeine Art von Spielprogramm durchzuziehen. Und falls ihr euch für eine Mottoparty à la Piraten, Unterwasserwelt, Einhorn-Prinzessinnenparty oder dergleichen entscheidet, findet ihr sicher jede Menge Anregungen für passende Spiele und Verkleidungen in den Weiten des Internets.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass es für etwas größere Kinder (und wenn Corona vorbei ist und wir uns irgendwann wieder „normal“ bewegen können) durchaus Sinn macht, den Geburtstag auszulagern und mit den Kindern zusammen ins Marionettentheater oder in die Kletterhalle zu gehen. Ein heißer Tipp aus meiner Familie für größere Kinder, der wahrscheinlich besonders die Jungs begeistert wird: für einen Nachmittag einen Platz zum Fußballspielen mieten und die Kinder einfach gemeinsam kicken lassen.

Irgendwann kommt der Meltdown

So sehr man sich auch Gedanken macht über die optimale Länge so einer Geburtstagsparty, ich habe die Erfahrung gemacht, dass jedes Geburtstagskind irgendwann mal kurz einen Punkt der Überforderung erreicht. Dann einfach da sein, kurz trösten, vielleicht auch mal rausnehmen aus dem Geschehen und dafür sorgen, dass keine totale Überreizung eintritt. Kurz ablenken, Essen und trinken anbieten oder auf Toilette gehen, bevor alles „heißläuft“.

Das ist zwar nicht ganz einfach, aber gerade für die Kinder, die die letzten Jahre coronabedingt keine größeren Kindergruppen bei sich zuhause empfangen konnten, kann es eine wohltuende kurze Pause sein. Schließlich ist das eigene Zimmer für die meisten Kids ein Heiligtum, das nur ausgewählte Personen betreten dürfen – ganz zu schweigen davon, wer wann wie mit den eigenen Spielsachen spielen darf. 

Es erfordert von unseren Kids ganz schön viel Kooperationsbereitschaft und Selbstbeherrschung, die Spielsachen gleich mit mehreren anderen Kindern zu teilen. Manche kleinen Geburtstagsgäste gehen mit den Sachen des Gastgeberkindes auch nicht besonders rücksichtsvoll um – da können schon mal Tränchen fließen. Macht euch daher auch keine Sorgen, wenn das gemeinsame Spiel nicht gleich 100 % harmonisch abläuft. In der Regel sucht sich jedes Kind ein bevorzugtes Spielzeug, und irgendwann finden sich dann die Kinder mit ähnlichen Interessen – ein bisschen wie im Kindergarten eben.

Dasselbe ist es bei den Eltern…

Falls ihr die Eltern der Kinder mit eingeladen habt, oder die Kinder noch nicht groß genug sind, um allein auf der Party zu bleiben, macht euch keinen Stress. Ihr schmeißt die Party in erster Linie für die Kids, die Eltern sind in dem Fall nur „schmückendes Beiwerk“. Und erfahrungsgemäß finden sich über die Kinder schnell gemeinsame Themen, die man bei einem Glas Sekt und einem Stück Kuchen bequatschen kann.

Meine größte Erkenntnis war also: Bloß nicht zu sehr stressen und sich selbst mit Erwartungen unter Druck setzen. Für euer Kind wird es so oder so ein ganz besonderer Tag werden – und das allein, weil es Geschenke bekommt, im Mittelpunkt steht und die Freunde zum Spielen da sind.

Corona daheim – 10 Tipps, wie ihr durch die Isolation kommt, ohne durchzudrehen

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Der Großteil unserer Bekannten und Freunde hatte es schon, wir jetzt auch, und einem weiteren Teil steht es vermutlich noch bevor – Omikron ist gerade überall. Bei uns waren es elf Tage, die wir „eingesperrt“ zuhause verbracht haben. Hier ein paar Tipps von mir (nicht nur für Eltern), wie man diese Zeit durchstehen kann – vorausgesetzt ihr habt einen „milden Verlauf“ und könnt eure Erkrankung daheim auskurieren.

1: Was du heute kannst besorgen… Klingt zwar lächerlich angesichts unserer Überflussgesellschaft, aber: Wenn Omikron bei euch in der Kita oder dem Bekanntenkreis wütet, und ihr jeden Tag mit einer Infektion rechnen müsst, besorgt euch ein paar Sachen auf Halde. Eine extra Packung Klopapier und Küchenrolle (ja ich weiß, Hamsterkäufe…), ein paar Konserven oder TK-Gerichte erleichtern die erste Zeit enorm. Wenn nämlich alle Familienmitglieder positiv getestet sind, bewahrt das davor, in Panik zu verfallen. Im Notfall gibt es Bringdienste, die euch allem versorgen, aber das geht auf die Dauer auch ins Geld.

2: Someone to relie on: Sucht euch eine befreundete Familie in der Nähe, sprecht mit Freunden, Großeltern oder Nachbarn, und vereinbart mit Ihnen, dass ihr euch im Notfall helft. Es wird zwar der Großteil der Leute wahrscheinlich Hilfe anbieten, aber wenn Ihr wirklich dringend etwas braucht, wendet ihr euch wahrscheinlich eher an die Personen, die in eurer Nähe wohnen. Hier jemanden zu habe, auf den ihr euch verlassen könnt, ist auf jeden Fall ein gutes Gefühl.

3: Solidarität und Mitgefühl: Wenn Ihr jemanden aus eurem Umfeld kennt, der gerade in dieser Situation ist, bietet ebenfalls eure Hilfe an. Falls es sich um eine ältere Person handelt, kommt wahrscheinlich zu der Isolation auch noch die enorme Angst um die eigene Gesundheit dazu. Das gilt natürlich auch für Personen mit Vorerkrankungen oder Menschen mit Behinderungen. Und wir haben wirklich genügend Menschen in unserer stinkreichen Gesellschaft, die sich vom Staat abgehängt und vergessen fühlen. Nicht Egoismus, sondern Solidarität muss hier das Motto sein. Nur gemeinsam schaffen wir es da durch.

4: Drückt den Pausenbutton, bevor ihr durchdreht. Speziell für Familien: Teilt euch die „Kinderzeit“ auf. Niemand kann 24 Stunden am Tag die Bedürfnisse anderer erfüllen. Gerade wir Frauen neigen jedoch dazu, uns rund um die Uhr für irgendetwas oder irgendjemanden zuständig zu fühlen.

Aber: Jeder braucht mal eine Auszeit, und sei es nur um eine Viertelstunde ungestört auf dem Handy herumzudaddeln. Wenn ein Partner oder eine Partnerin da ist, sprecht euch also ab und macht Zeiten aus, zu denen der jeweils eine oder andere dann auch mal alleine für die Bespaßung des Kindes zuständig ist. Und dann: Türe schließen und mal kurz durchatmen.

Für Alleinerziehende funktioniert dieses Konzept mit dem Abwechseln natürlich nicht, aber vielleicht kann man, sofern das Kind schon etwas größer und verständiger ist, auch kleine „Elternpausen“ einführen. 10 bis 20 Minuten in denen das Kind weiß, diese Zeit gehört jetzt Mama oder Papa, da beschäftige ich mich alleine oder darf meine Lieblingssendung im Fernsehen anschauen. Leichter gesagt als getan, das weiß ich. Ich versuche jedoch meinem Sohn auch gerade beizubringen, dass es auch mal möglich sein muss, Mama in Ruhe den Kaffee trinken zu lassen, bevor wieder gespielt wird.

5: Ein ungefährer Rhythmus gibt ein bisschen Struktur: Es kann schnell passieren, dass ihr in der Corona-Isolation den ganzen Tag im Schlafanzug verbringt und es gar nicht merkt. Nix gegen Tage im Schlafanzug, aber ein minimaler Rhythmus (circa 12 Uhr Mittagessen, circa 18 Uhr Abendessen oder was auch immer euch Halt gibt…) hilft hier enorm – die Tage verschwimmen sowieso irgendwann alle zu einem einzigen.

6: No hurry, no worry. Mir hat es zwar sehr geholfen, wenn in der Wohnung eine gewisse Grundordnung herrschte, aber in so einer Ausnahmesituation weiterhin den Anspruch an sich zu stellen, dass alles picobello aussehen soll, ist meiner Meinung nach Irrsinn. Allein drei Mal am Tag Mahlzeiten bereitzustellen, Wäsche zu waschen, auf- und abzuhängen und den Geschirrspüler gefühlt fünf Mal am Tag laufen zu lassen, kostet schon genug Zeit und Energie, vor allem wenn ihr euch körperlich nicht gut fühlt. Die Kinder, wenn sie etwas größer sind, in die täglichen Handgriffe wie Tisch abwischen oder Besteck in die Schublade räumen mit einzubinden, kann auch eine Möglichkeit sein. Den meisten Kindern macht es einfach Spaß, den Großen zu helfen und eine Aufgabe zu erfüllen.

7: Kurz mal raus, und wenn es nur der Balkon ist: Jetzt wo es wieder wärmer wird, sind natürlich die Leute im Vorteil, die einen Balkon oder Garten haben. Wir haben das große Glück, einen Garten mit angeschlossenem Hof zu haben. Fühlt sich zwar ein bisschen wie Gassigehen an, aber wenn niemand draußen ist, kann man auch mal eine Runde im Hof drehen. Und der eigene Garten und Balkon sind ja sowieso erlaubt, trotz Isolation. Ihr werdet merken, wie sehr diese paar Minuten am Tag einen Unterschied machen. Wenn man schon nicht am öffentlichen Leben teilnehmen darf, kann man sich zumindest kurz raus auf den Balkon setzen und die Leute auf der Straße beobachten – eine kleine Illusion von Freiheit, die aber guttut.

8: Jetzt bloß nicht aufeinander losgehen! Ist ja bekannt, dass Menschen, wenn sie längere Zeit aufeinandersitzen, unweigerlich jede Macke und jeden Fehler des anderen überdeutlich bemerken. Und dass es unweigerlich irgendwann gewaltig kracht. Damit das gerade bei Familien mit Kindern kein Kreislauf des Teufels wird, bei dem man sich am Ende am liebsten scheiden lassen möchte, ist Großmut geboten. Nicht zuletzt kann man sich in Isolation auch leider nicht so wunderbar demonstrativ aus dem Weg gehen nach einem großen Krach…

Es hilft, wenn man sich ab und zu klarmacht: Für die anderen ist es auch kein Zuckerschlecken, und so blöd es klingt, irgendwann ist es vorbei. Dann hat man auch wieder seine nötigen Auszeiten und Freiheiten, und kann mit den Fehlern der anderen besser leben. Und die natürlich auch mit euren.

9: Schnelltesten ist gut und schön – aber reicht manchmal nicht! Auch das macht langsam die Runde: Die Schnelltests aus Apotheken sind nur bedingt dazu geeignet, eine Omikron-Infektion zu erkennen. Bei uns haben die Tests leider komplett versagt – wir testeten uns trotz positivem PCR-Ergebnis immer negativ. Viele Eltern aus unserem Kindergarten haben dasselbe erlebt und vertrauen ebenfalls nicht mehr nur auf die Schnelltests.

Absurd genug, dass in Kita und Kindergarten eigentlich nur auf Schnelltests gesetzt wird, um Infektionen zu erkennen. Bei einigen funktioniert es, bei vielen jedoch nicht. Oft genug kommt es vor, dass das Kind zwar Symptome hat, aber trotzdem kein positiver Schnelltest vorliegt. Die Entscheidung, ob nach einem negativen Schnelltest-Ergebnis auch noch ein PCR-Test gemacht wird, um ganz sicher zu gehen, liegt dann bei den Familien.

10: Gebt euch Zeit, wieder gesund zu werden: Uns haben die körperlichen Symptome von Omikron zwar glücklicherweise nicht tagelang ans Bett gefesselt, aber eine körperliche Belastung war es dennoch. Starke Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Schweißausbrüche und Schüttelfrost haben uns Erwachsenen eine Woche lang das Leben schwer gemacht. Beim Kind war es ein Nachmittag lang erhöhte Temperatur und eine Müdigkeit, die sich über mehrere Tage hinzog und die ich so noch nie bei ihm erlebt hatte.

Und auch wir hatten noch zu kämpfen, nachdem die akuten Symptome abgeklungen waren. Ständige Schlappheit, Kurzatmigkeit, permanenter Ohrendruck, immer wieder auftretende Kopfschmerzen und ein generelles Gefühl von Unwohlsein begleiten mich immer noch durch meinen Alltag, obwohl ich schon längst wieder so „funktionieren“ muss wie vorher.

Der allgemeine Tenor in den Medien, wonach angeblich bei den meisten Betroffenen die Symptome sehr mild sind und nach 3-5 Tagen alles wieder beim Alten ist, sind auch nicht allgemeingültig. Jeder Körper ist anders, deshalb setzt euch nicht auch noch psychisch unter den Druck, möglichst schnell wieder fit sein zu müssen, nur weil ihr vielleicht jemanden kennt, der keine oder kaum Symptome hatte.

Gebt eurem Körper die Zeit, sich zu erholen, wann immer es euch möglich ist. Verausgabt euch nicht zu früh wieder mit Sport oder Fitnessübungen, macht Pausen, versucht soviel es geht zu schlafen und gut und ausgewogen zu essen. Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber die ersten Eltern berichten bereits, dass ihre Kinder sich nach einer Pause von circa 4 Wochen erneut mit einer Omikron-Variante angesteckt haben. Wir werden die Kraft also vielleicht noch dringend brauchen!

Toxisch, oder einfach nur das Leben?

Immer mehr Verhaltensweisen, Beziehungen und Freundschaften bezeichnen wir heutzutage als toxisch. Ein anderer Ausdruck für „Das tut mir einfach nicht gut“. Wir erleben eigentlich ständig solche Situationen. Die Frage ist nur, wie geht man damit richtig um?

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Erinnern wir uns doch mal: Die eine Jugendfreundin, die immer eifersüchtig auf uns war und die halbe Clique gegen uns aufhetzte? Der Ex, der uns an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht hat? Oder das eine Familienmitglied, das die Stimmung bei Feiern innerhalb von Sekunden kippen lassen konnte… Vielleicht sogar die eigene Mutter oder der eigene Bruder.

Sie machen uns klein, schwach und verletzlich

Toxische Menschen würden wir sie heute nennen. Überall wimmelt es davon: toxische Beziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften. Als toxisch bezeichnen wir heutzutage alles, das uns nicht guttut. Menschen und Situationen, die uns schwach, klein und verletzlich machen. Die uns an uns selbst zweifeln lassen, und mit ihrem Verhalten das Zeug dazu haben, das Schlechteste in uns hervorzubringen. Die uns zu jemandem werden lassen, den wir selbst nicht mehr mögen. Die in uns vielleicht sogar traumatische Erinnerungen wecken.

Es tut im Nachhinein gut, für das was wir im Leben durchgemacht haben, eine Benennung, eine Einordnung zu haben. Vieles davon, was man sich im Lauf eines Lebens gefallen lässt, verdient wirklich die Bezeichnung „giftig“.

Hass, Aggression, verbale und körperliche Gewalt und misogynes Verhalten begegnen gerade uns Frauen täglich, sowohl im Internet als auch im realen Leben. Nahezu jede Frau in meinem Bekannten- und Freundeskreis kann mindestens eine Beziehung oder Begegnung vorweisen, in der sie gedemütigt, kleingemacht, vielleicht sogar beleidigt oder im schlimmsten Fall körperlich angegriffen wurde.

Mit manchen Momenten werden wir nicht fertig

Wenn ich meinen persönlichen Giftschrank öffne, springen mir daraus vom Kindergarten bis zur jüngsten Vergangenheit alle möglichen Menschen entgegen, die Wunden hinterlassen haben. Momente und Situationen, mit denen ich mehr schlecht als recht oder eben gar nicht richtig fertiggeworden bin. Enttäuschungen, die sich eingebrannt haben, und in meinem Kopf ein „Nie wieder so etwas!“ verursacht haben. Kleine Narben und große Wunden, die einfach nicht mehr heilen wollen, verursacht durch Menschen, denen ich auf meinem Weg begegnet bin.

Der Gedanke an diese Altlasten ist heute immer noch unangenehm, und wir alle verdrängen diese Geister der Vergangenheit nur zu gerne.

Verdrängen ist auf Dauer nicht gesund

Dass Verdrängen auf Dauer nicht gesund ist, können wir mittlerweile in jedem mittelguten Ratgeber nachlesen. Immer mehr Menschen gehen zum Therapeuten, um die bösen Geister und Gedanken zurückzudrängen, damit sie nicht mehr unser Leben und Handeln bestimmen.

Doch nicht alles verdient diese Bezeichnung. Manchmal ist es auch einfach das Leben, das uns in Situationen bringt, die toxisch enden.

Wir lassen zu, dass Menschen um uns herum sind, von denen wir spüren, dass sie uns nicht guttun. Wir begeben uns in Situationen, die wir nicht kontrollieren können, und haben trotzdem oft nicht die Kraft, uns daraus zu befreien. Wir treffen Entscheidungen, bei denen wir von Anfang an kein gutes Bauchgefühl haben. Oder wir haben einfach keine Wahl. Manchmal werden wir auch von genau den Menschen magisch angezogen, die unsere schwachen Seiten ausnutzen. Unbewältigte Kindheitstraumata lassen grüßen.

Wer wollte uns wirklich ruinieren?

Von diesen leidvollen Erfahrungen abgesehen, gibt es aber in jedem Leben auch immer Grau- und Zwischentöne. Wenn die Welt nur noch aus toxischen Menschen zu bestehen scheint, sollten wir uns fragen: Wie viele von den Menschen, die uns in unserem Leben begegnet sind, hatten wirklich die Absicht, uns zu ruinieren? Wer war uns von Anfang an böse gesonnen?

Vieles von dem, was uns passiert ist, war vielleicht schlicht das harte, ungebremste Leben. Nicht jede Beziehungs-Bruchlandung und jede abgebrochene Freundschaft lässt sich im Nachhinein mit dem Etikett „toxisch“ versehen.

Einfach niemand ist eine Insel

Nobody is an island, und dieser Spruch ist nur zu wahr. Jeder von uns befindet sich in einem sozialen Gefüge, in einem Beziehungs- und Bindungsgeflecht, aus dem wir uns nicht einfach ausklinken können, außer wir ziehen wirklich auf eine einsame Insel.

Alles was wir tun oder lassen, hat direkt oder indirekt Auswirkungen auf unsere Mitmenschen. Und vielleicht hat auch mich eine andere Person irgendwann einmal aus ihrem Leben gestrichen, weil ich für sie toxisch war. Vielleicht habe auch ich Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die andere verletzt und verunsichert haben, aus Unwissenheit, Ignoranz oder als falsche Reaktion auf das Verhalten meines Gegenübers.

Die Beziehung mit uns selbst ist oft toxisch

Und vielleicht ist sogar die Beziehung, die wir mit uns selbst als Frauen haben, manchmal vergiftet. Weil wir uns selbst oft genug nicht wertschätzen, unsere Körper nicht akzeptieren, nicht auf uns Acht geben und unsere eigenen Grenzen nicht respektieren. Anderen ihr übergriffiges oder rücksichtsloses Verhalten durchgehen lassen und uns dann selbst dafür verachten.

Täglich eine kleine Dosis Gift macht also in diesem Fall nicht irgendwann immun, sondern schwach. Aber solange wir nicht Gift für uns selbst sind, können wir auch die toxischen Einflüsse von anderen abwehren – und uns an den Menschen und Situationen freuen, die uns einfach nur guttun.

Über Wurzeln, Wut und Kinder Gottes.

Trotz Jugend in einer katholischen Mädchenschule spielt Religion heute keine Rolle mehr in meinem Leben. Nun treten meine Eltern aus der Kirche aus. Warum mich das mehr bewegt, als ich gedacht hätte.

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Wenn ich Fremden von meiner Kindheit und Teenagerzeit erzähle, schmunzeln die Leute, bemitleiden mich oder grinsen im schlimmsten Fall ein bisschen anzüglich. Weil ich auf ein katholisches Mädchen-Gymnasium gegangen bin, das von Dominikanerinnen geleitet wurde. Weil ich keine Jungs in meiner Klasse, dafür aber Nonnen als Lehrerinnen hatte. Zwar nicht nur, aber auch.

Warum musste es eine Mädchenschule sein?

Meine Eltern und ich hatten uns nach der Grundschule für dieses Gymnasium entschieden, weil schon nach den vier Jahren Grundschule klar war, dass ich eine ausgeprägte Begabung für Sprachen, nicht aber für Naturwissenschaften habe. Auf diesem Gymnasium wurde ein sozialwissenschaftlicher Zweig mit Französisch als Fremdsprache angeboten, damals noch eine Seltenheit in München.

Warum es unbedingt eine Mädchenschule sein musste? Weil ich in der Grundschule die Jungs die meiste Zeit eher als lästig empfunden hatte. Der Gedanke auf Unterricht ohne Jungs war für mich nicht schlimm, sondern eher verlockend. Die Schule war nicht weit von unserer Wohnung entfernt, und der religiöse Background war kein Hindernis, im Gegenteil.

Meine Eltern verorteten sich als gläubige Menschen, wir gingen ab und zu in die Kirche und alle in meiner Familie waren getauft. Ich selbst hatte Kommunion und Firmung mitgemacht, ohne irgendetwas davon zu hinterfragen. Ich denke es kam meinen Eltern damals nicht in den Sinn, dass sich unser Verhältnis zum Glauben und zur katholischen Kirche eines Tages derart wandeln würde.

Schrullige Wesen von einem anderen Planeten

Die Nonnen gaben ihr Bestes, einige von ihnen waren sogar ziemlich gute Lehrerinnen. Wenn ich heute erzähle, dass wir zwar im Religionsunterricht Gebete auswändig lernen und Lieder für hohe Feiertage einstudieren mussten, uns aber in Biologie und Physik der ganz normale deutsche Lehrplan serviert wurde, inklusive Sexualkunde bei Schwester Ursula, können das viele nicht ganz glauben.

Für mich und viele meiner Mitschülerinnen waren die Schwestern einfach schrullige ältere Damen, niedliche Weiblein, die genauso gut von einem anderen Planeten hätten kommen können. Sie waren für uns weder ernstzunehmende Vorbilder noch abschreckende Negativbeispiele dafür, wie man als Frau sein Leben leben kann.

Aber je älter ich werde, umso mehr merke ich, dass ich abseits von Vaterunser und biblischen Geschichten aus meiner Kindheit doch etwas mitgenommen habe – nämlich die Erinnerung an diese Zeit als etwas heimeliges, familiäres. Ein gewisser Zusammenhalt, ein Gefühl von Aufgehobensein. Meine Firmung in unserer Gemeinde war für mich etwas Aufregendes und gefühlt wirklich ein kleiner Eintritt ins „Erwachsenenleben“. Ich fuhr mit meiner Firmgruppe sogar für ein paar Tage an die Amalfiküste. Ein Diakon war dabei, der sich gar nicht erst die Mühe machte, uns Teenager vom Alkohol fernzuhalten.

Die Entscheidung traf mich unerwartet hart

Vielleicht sehnt man sich als Jugendlicher auch einfach nach Zugehörigkeit. Wieviel davon antrainiert war, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es mich unerwartet hart traf, als meine Eltern mir neulich erzählten, dass sie beschlossen haben, aus der Kirche auszutreten.

Schon lange habe ich mich mit dem Gedanken herumgeschlagen, auszutreten. Mein Kind ist nicht getauft und mein Mann könnte von allen religiösen Gefühlen nicht weiter entfernt sein. Irgendetwas hielt mich bisher immer davon ab. Aber meine Eltern? Dass sie mit Mitte 70 der Kirche, der sie sich ein ganzes Leben lang verbunden gefühlt haben, so endgültig den Rücken kehren wollen, schockte mich dann doch.

Katholischer kann man kaum sein

Meine Vorfahren kommen aus Böhmen und haben sich am Schliersee angesiedelt. Erzkatholischer kann eine Ahnengeschichte kaum sein, außer man kommt vielleicht aus Polen oder dem südlichen Italien. Meine Mutter wuchs dort auf, ebenso ihre Schwester. Der Rest unserer Familie mütterlicherseits baute sich dort nach der Flucht aus Böhmen mühsam eine neue Existenz auf.

Ein unzertrennlicher Familienclan mit einem Patriarchen als Oberhaupt, der es durch harte Arbeit und Glück am Ende zu einer eigenen Fabrik und einem kleinen Hotel im Ort gebracht hatte. Heute ist von Hotel und Fabrik nichts mehr übrig, aber die Geschichten aus der alten Zeit habe ich als kleines Kind immer gern gehört. Sie haben mir dabei geholfen, meine Wurzeln zu verstehen und mich irgendwo zugehörig zu fühlen.

Katholisch zu sein war damals keine Wahl, es war eine Entscheidung, die jemand anderer bereits für dich getroffen hatte, lange bevor du selbst dazu in der Lage warst. Und mein Vater? Der kommt aus dem tiefsten Westfalen und macht gerne Scherze darüber, dass in seinem Geburtsort als einem der letzten Orte in Deutschland noch Hexen verbrannt wurden.

Vertuscht, verpfuscht und dreist gelogen

Wie enttäuscht muss man sein von seiner Kirche, um sich von seiner gesamten Kindheit und Jugend loszusagen? Sehr enttäuscht, wie sich nun herausstellte. Nach der verpfuschten Aufarbeitung der Missbrauchsfälle durch die katholischen Priester, all den vertuschten Gutachten und halbgaren Entschuldigungen und einer offensichtlichen dreisten Lüge des ehemaligen Papstes Benedikt, war es dann doch genug.

Meine Eltern sind wütend darüber, dass Priester im Namen des Glaubens Kinder missbrauchen. Dass meine Eltern selbst nun einen kleinen Enkel haben, der theoretisch in die Fänge eines pädophilen Priesters geraten könnte, spielt bei dieser Wut sicherlich auch eine Rolle. Denn dass Priester seit Jahrhunderten ihre Macht gegen die Schwächsten ausspielen, ist und war nie ein Geheimnis. Sie sind auch enttäuscht darüber, wie wenig die Kirche während der Pandemie in Erscheinung getreten ist. Wie viel mehr diese unglaublich reiche Firma hätte tun können, um den Menschen in Not zu helfen. Stattdessen die Schlagzeile, dass eine katholische Stiftung in München Mitwohnungen bauen lässt, und dafür bei den Mietpreisen ordentlich hinlangt.

Soviel Leid durch eine einzelne Institution

Ich verstehe die Entscheidung meiner Eltern. Auch ich werde in nächster Zeit aus der Kirche austreten. Ich möchte einer Institution, die soviel Leid angerichtet hat, und mich als Frau wie eine Dienerin behandelt, nicht noch mein Geld hinterhertragen. Auch wenn das heißt, mich von einem Teil meiner Jugend zu trennen, an den ich mich im Großen und Ganzen gern erinnere. Und mich von dem Gedanken zu verabschieden, dass meine Eltern doch bitte alles immer so lassen sollten, wie es war.

Ich selbst habe eigentlich nie an Gott geglaubt, schon gar nicht explizit an einen als männlich definierten Gott, wie mir im Nachhinein klar wird. All das Beten, Singen und Beichten in meiner Jugend hat in meiner Seele oder meinem Kopf nicht den katholischen Glauben verankert, der in der Kirche gelehrt wird.

Behandle Menschen, wie du selbst behandelt werden willst

Stattdessen bilde ich mir ein, dass ich ein paar Werte mitgenommen habe, die mir bis heute wichtig sind, und die ich gern an meinen Sohn weitergeben möchte. Schlicht und einfach ein paar Gebote, von denen das einfachste lautet, behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Diese Gebote müssen nicht in Steintafeln gemeißelt sein, damit ich sie ernst nehme.

Mein Patensohn ist jetzt 14 Jahre alt, wurde vor kurzem mittem im Pandemiechaos gefirmt und engagiert sich in seiner Kirchengemeinde. Er ist – zumindest empfinde ich es so – nicht besonders religiös und hört in seiner Freizeit am liebsten US-Gangsterrap. Gerade ist er unglücklich in ein Mädchen aus seiner Klasse verliebt, und ich schätze er wird mit dem Sex eher nicht bis zur Ehe warten.

Einfach nur irgendwo dazugehören

Ich weiß nicht, ob er wirklich an die Existenz eines Gottes glaubt. Ich denke, auch er möchte einfach nur irgendwo dazugehören. Seine Firmung war vermutlich das letzte Mal, dass ich als Katholikin einen Fuß in eine Kirche gesetzt habe.

Meine Eltern haben ihren Frieden mit ihrer Entscheidung geschlossen. Meine Mutter sagte, sie könne ja trotzdem noch in eine Kirche gehen, wenn ihr danach sei. Die Wurzeln sind noch da, aber die Wut ist eben einfach zu groß.

Was mir jetzt gut tut – Gedanken und Tipps von mir für einen erträglichen Januar.

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1. Ruhepausen gönnen

Auch und gerade für Leute mit Kind ein schwieriges Thema: Ruhepausen gönnen. Und zwar ohne schlechtes Gewissen.

Im Home Office besonders schwer, denn hier lauern überall Energiefresser (schnell mal Wäsche waschen, durchsaugen, ausmisten etc…).

Nehmt euch bewusst die Zeit, mal nichts zu machen. Wenn mein Blick dann auf To Dos fällt, die ich „mal eben schnell“ erledigen könnte, bis das Kind aus dem Kindergarten kommt, packe ich den Gedanken bewusst am Schopf und kämpfe dagegen an. Denn ja, wir sind darauf konditioniert, immer und überall das Maximum aus unserer Zeit rauszuholen. Selbst die kleinsten Verschnaufpausen zu optimieren, ist – zumindest für mich – aber nicht das Richtige. Ich befinde mich sozusagen gerade im Prozess der „Deoptimierung“: Ich möchte nicht mehr den Anspruch von Perfektion an mich und alles um mich herum stellen.

Das ständige Checken, ob alles so ist, wie ich es aus innerem Zwang heraus haben möchte, bringt mich in einen Zustand permanenter Unzufriedenheit. Schluss damit, habe ich mir fürs neue Jahr geschworen. Wenn mein Körper und mein Geist danach schreien, sich mittags nach der Arbeit für eine halbe Stunde hinzulegen, dann mache ich das.

 Gerade Leute, deren Kinder unruhig schlafen, wissen, wovon ich rede. Ein paar Minuten Ruhe bevor die „second shift“ losgeht und du das Kind betreust, können manchmal Wunder wirken, um dich wieder in Balance zu bringen. Gut sollte auch mal gut genug für uns sein – das hört und liest man zwar momentan öfters, aber es für sich selbst umzusetzen ist ziemlich schwer. Probiert es trotzdem mal aus – niemand wird euch dafür verurteilen außer ihr euch selbst. Und dagegen müssen wir angehen!

2. Einfach kommen lassen

Bedürfnisse von Kindern zu erfüllen, gehört mit zum anspruchsvollsten Job, den man als Mensch leisten kann. Irgendwann gerate ich als Mutter in ein Fahrwasser, in dem ich schon vorher erahnen will, was das Kind gleich brauchen könnte. Und versuche mich damit selbst zu überholen.

Die Folge: Hektik und Gereiztheit auf meiner Seite, genervtes Ignorieren auf Kinderseite. Deshalb mein Tipp: Einfach kommen lassen. Wenn das Kind Durst oder Hunger hat, wird es sich (im Normalfall) melden. Gerade Kinder ab 3, 4 Jahren sind schon ganz gut darin, ihre eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren. Wir müssen sie ihnen also nicht ständig in den Mund legen oder vorwegdenken.

3. Let me entertain you (not)

Kinder sind nach dem Kindergarten in der Regel erstmal durch. Mein Kind hat zwar im Weihnachtsurlaub einen Energieschub bekommen und performt jetzt auch mal gut und gerne 14 Stunden ohne Pause durch, aber abends merke ich dann deutlich wie anstrengend der Tag für ihn war. Deshalb: Nicht zuviel vornehmen am Nachmittag. Es kann zwar sein, dass euer Kind sich dann mal über Langeweile beklagt, aber auch die ist ja durchaus sinnvoll. Wer immer gesagt bekommt, was als nächstes zu tun ist, der braucht sich selbst nichts ausdenken.

Stattdessen sollten wir unsere Kleinen ruhig mal ein bisschen „durchhängen“ lassen, denn in der Regel finden sich schon nach wenigen Minuten durchaus neue Spiele und Spielsachen. Es ist also nicht nötig, sich ständig ein Entertainment-Programm auszudenken. Mein Sohn ist gerade in die heiße Phase des Überall-Helfenwollens eingetreten. Wenn mir also gar nichts einfällt, womit wir uns nachmittags beschäftigen könnten, bitte ich ihn, mir im Haushalt zu helfen oder „erfinde“ kleine Jobs für ihn. Der Tisch muss dringend abgewischt werden, das Besteck aus der Spülmaschine sortiert werden etc.

Es ist außerdem normal, dass sich Kinder nach der Kita oder dem Kindergarten nicht mehr längere Zeit auf ein Spiel konzentrieren können. Überlegen wir mal: Die Kleinen haben wenn sie zum Beispiel 5-6 Stunden in Betreuung waren, schon fast einen kompletten „Arbeitstag“ hinter sich. Wie ich mich nach 6-8 Stunden im Großraumbüro mit 15 anderen Personen fühle, don’t ask. So gesehen schon fast wieder ein Wunder, dass mein Sohn überhaupt noch Lust auf soziale Interaktion mit mir hat.

4. Escape from reality – ja bitte!

Her mit kitschigen Filmen, trashigen Serien und fesselnden Hörbüchern. Ich kann gerade gar nicht oft genug in fremde Welten flüchten. Der Realität den Rücken zu kehren und für eine kleine Weile abzutauchen ist wohltuend und gibt neue Energie für die anstrengenden Tage, die vor uns liegen.

Fühlt euch deshalb nicht schlecht, wenn ihr guilty pleasures nachgebt. Solange es euch die Kraft gibt, um weiterzumachen und euren Alltag besser zu bewältigen – bitte sehr. Wie wohltuend es ist, einfach mal was Seichtes im TV anzusehen wenn das Kind im Bett ist.

Kein Mord und Totschlag oder andere schwere Themen, die runterziehen, sondern einfach nur leichte Unterhaltung, die den Körper müde und den Geist ruhig macht. Natürlich sehe ich regelmäßig die Nachrichten, allein schon um coronatechnisch Up to date zu sein. Aber manchmal gönne ich mir auch mal einen Tag Pause vom allesbeherrschenden Thema Covid. Die Realität der Pandemie aka Omikron hat uns sowieso schon wieder eingeholt, obwohl das neue Jahr noch nicht mal drei Wochen alt ist. Gönnt euch also auch mal eine Pause vom Hier und Jetzt, und sucht euch Berieselung aus, die einfach nur gut für die Seele ist.

Hier ein paar Tipps für leichte Kost der letzten Zeit:

-Sisi (die neue Version auf RTL/Sky)

-Kitz (Netflix)

-Madame Mallory und der Duft von Curry (Netflix)

-Pedal the World (Netflix)

-Mein Lehrer der Krake (Netflix)

-The Bold Type (Amazon Prime)

-And Just Like That… ( Sky)

-Emily in Paris (Netflix)

5. Sport, Essen und so weiter

Dieses Jahr habe ich mir gar nicht erst die übliche Liste an guten Neujahrsvorsätzen in den Kopf gehämmert. Denn ich weiß, dass ich sie unter den momentanen Umständen sowieso nicht so umsetzen kann, wie ich es müsste. Vier Mal die Woche Sport zu treiben ist für mich momentan einfach kein realistisches Ziel. Kein Zucker, kein Alkohol, keine Snacks zwischen den Mahlzeiten – schaffe ich nicht. Und möchte ich auch nicht, weil ich gerade jetzt einfach jeden kleinen Kick für mein Belohnungszentrum feiere. Die großen Belohnungen wie Reisen, mit vielen Personen feiern und so weiter müssen momentan ja leider ausfallen.

Mein Zugeständnis an „neues Jahr, neuer Versuch“ ist stattdessen eine andere Strategie. Ich suche mir ein Ziel, das verhältnismäßig leicht zu erreichen ist, und ziehe daraus erstmal Bestätigung. Wenn ich es zum Beispiel schaffe, ein bis zwei Mal die Woche in der Mittagspause 20 Minuten spazieren zu gehen, ist das für mich schon ein beachtlicher Erfolg. Und auf diesem Erfolg lässt sich aufbauen. So sind Misserfolge nicht gleich einprogrammiert, und ich kann auf jeden noch so kleinen Schritt meinem Ziel entgegen stolz sein. Das motiviert mich mehr, als mir ehrgeizige Ziele zu setzen und dann immer wieder kläglich daran zu scheitern. Denn wer dreht schon sein ganzes Leben auf links, wenn er es nicht unbedingt muss?

6. Den Dingen auf den Grund gehen

Manchmal tut es als „Vorsatz“ fürs Jahr gut, hinzusehen und zu erkennen, was in unserem Leben wir ändern können, und was nicht. Die Weisheit, zwischen beiden zu unterscheiden, besitze ich zwar ganz oft noch nicht. Aber ich arbeite daran. Manche Dinge im Leben kann ich ändern, und dann lohnt es sich, dafür zu kämpfen. Andere Dinge sind wie sie sind, und das hat ganz oft gar nicht mal etwas mit uns zu tun.

Die Erkenntnis, dass wir nur auf eine begrenzte Anzahl an Dingen in unserem Leben direkten Einfluss haben, kann auch sehr erleichternd sein. Wir können vielleicht die Art und Weise ändern, wie wir selbst aufs Leben blicken. Können unsere Ängste ansehen und sie besiegen. Wir können darauf Einfluss nehmen, welche Dinge uns wichtig sind und welche unwichtig. Was wir unseren Kindern mitgeben für ihr Leben.

Wir können aber zum Beispiel nicht unseren Partner, unsere Eltern oder Freunde dazu bringen, die Dinge so zu sehen wie wir. Wir können sie nur bitten, sich in uns hineinzuversetzen. Wir können achtsam mit den Menschen umgehen, die wir lieben – und zwar jeden Tag. Und können sie bitten, es mit uns genauso zu machen. Und wir können und sollten uns den anstrengenden Alltag wo es nur geht, so angenehm wie möglich machen. Nicht auf Kosten anderer, aber für uns selbst und mit uns selbst. Wer weiß, was morgen ist, aber heute müssen wir irgendwie durch den Tag kommen.

Lasst es euch eine Leere sein!

Gedanklich ist die Zeit nach Weihnachten bis Silvester bei mir irgendwo zwischen nachträglich einsetzender Weihnachts-Erschöpfung und einem Gefühl des Stillstands angesiedelt. Jedes Jahr wieder ist das eine Geduldsprobe. Warum wir uns alle so schwer damit tun, Leere auszuhalten.

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Was habt ihr so gemacht? Wie habt ihr die Feiertage verbracht? Diese Frage stellen wir in diesen Tagen wahrscheinlich fast jedem, mit dem wir auf irgendeine Art Kontakt halten. Die Feiertage: Die große Endjahres-Verheißung, die dieses Jahr etwas weniger verheißungsvoll ausgefallen ist wegen Corona und der vor Weihnachten neu entdeckten Omikron-Variante des Virus.

Eine Mischung aus Vorfreude und Überforderung

Bei mir löst das Wort Feiertage immer noch eine diffuse Mischung aus Vorfreude, Aufregung und Überforderung aus. Der Teil in mir, der Kind geblieben ist, fiebert seit Wochen dem vermeintlichen Höhepunkt des Jahres entgegen.

Der erwachsene Teil in mir, der Mutter und als solche für viele Dinge verantwortlich ist, die rund um und an Weihnachten passieren, reagiert mit: Oh nein, schon?? Die innere To-do-Liste blinkt auf, und die Wehmut darüber, dass ein weiteres Jahr an uns vorübergerauscht ist als wäre es nichts.

Die heile Welt, die wir uns wünschen

Die erwachsenen Anteile in mir sorgen dafür, dass der Baum steht, dass der Sekt kalt ist, und massenweise niedliche Tüten für niedliche Geschenke „auf Halde“ gebunkert sind. Alle verbliebenen Energien gehen nochmal für diese einzigartige Performance, für diese kindgerechte Inszenierung der heilen Welt drauf, die wir uns alle so sehr wünschen. Die ich meinem Kind so sehr wünsche. Die frisch gekauften Schnelltests habe ich tief in der Schublade der Kommode verstaut. Einen Abend lang möchte ich so wenig wie möglich an all das denken, möchte mich nur daran freuen, wie sich mein Kind freut.

Und dann ist Weihnachten vorbei, der erste Feiertag, und auch der zweite. Die Zeit „zwischen den Jahren“ beginnt. Für mich heißt das, die Zeit zwischen den Gefühlen. Die große Sause ist vorbei, es steht zwar noch Silvester bevor, aber für das Kind und auch für uns ist das kein besonderer Tag. Der Optimismus des neuen Jahres lässt noch auf sich warten, aber die alte Hülle aus Erschöpfung, Routine und „Scheiß drauf“ ist noch nicht ganz abgestreift. Eine Eidechse mitten in der Häutung, zur Geduld verdammt.

Stillstand ist angesagt

Jedes Jahr muss ich das aufs Neue lernen, mich einfach mal leer zu fühlen. Keine große Gefühle zu spüren, die alles andere übertünchen, sondern kleine, bescheidene. Ein Warteraum der Seele, man blättert etwas gelangweilt im inneren Fotoalbum und kann es kaum erwarten, das Herz und den Kopf mit neuen Eindrücken und Bildern zu füttern. Aber: Stillstand ist angesagt. Niemand, wirklich niemand den ich kenne, macht zwischen den Jahren große Pläne oder hat einen besonders vollen Terminkalender.

Alles hängt in der Luft, alles Wichtige ist gesagt, alle Fronten sind geklärt. Zwischen den Jahren fängt man keine Kriege an, man zieht sich in seinen Schützengraben zurück und stellt sich tot. Bis das neue Jahr aus allen Rohren zu feuern beginnt.

Wir haben ein paar bescheidene Eckpunkte

Niemand kann uns sagen, was 2022 uns bringen wird. Wir haben ein paar verlässliche, hinreichend bescheidene Eckpunkte: Corona wird nicht verschwinden. Die Klimaerwärmung wird nicht verschwinden. Alltag und Arbeitsdruck werden nicht verschwinden. Chronische Überlastung von Müttern wird nicht von einen Tag auf den anderen verschwinden. Systematische Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen und Mädchen überall auf der Welt – wird nicht verschwinden, wenn wir nichts dagegen tun.

Aber aus der Leere zwischen den Jahren kann auch neue Kraft wachsen.

Fangen wir doch einfach klein und bei uns an.

Fangen wir klein und bei uns an

Vielleicht gibts ein paar mehr Brückentage im neuen Jahr.

Vielleicht macht die neue Regierung ein paar Sachen richtig, die die alte falsch gemacht hat.

Vielleicht haben wir die Kraft, mit Partner_innen und Freund_innen einen Neuanfang zu wagen, wo sich alte Wunden einfach nicht schließen wollten.

Vielleicht lassen wir uns zwischendurch einfach mal gedanklich von der kurzen Leine, und quälen uns und andere nicht mit zu hohen Erwartungen und Ansprüchen.

Vielleicht stehen wir im neuen Jahr besser und fester zu unseren Überzeugungen und Wünschen.

Vielleicht haben wir eine Chance auf einen relativ unbeschwerten Sommer trotz Corona.

Vielleicht gehen wir ein paar Dinge an, vor denen wir uns gefürchtet haben, und stellen fest dass es keinen Grund dazu gab, sich zu fürchten.

Aber jetzt – lassen wir einfach mal die Leere zu. Den Blank Space zwischen Ende und Neuanfang. Die Leere zwischen den Jahren.