Fake it till you make it!

Selbst erfolgreiche und selbstbewusste Frauen kämpfen ihr Leben lang mit starken Selbstzweifeln – das sogenannte Hochstapler-Syndrom. Auch ich kenne das Gefühl sehr gut. Warum wir uns immer wieder selbst klein machen.

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In einer Zeit vor Corona und dem Home Office gab es Momente, da beneidete ich meine männlichen Kollegen in jedem Meeting. Sie forderten selbstbewusst Redezeit ein, erhoben ihre Stimmen und bekamen am Ende, was sie wollten. Der Kollege mit den verworrensten Gedankengängen verteidigte diese in der Regel am glühendsten.

Nonsense reden? Kein Problem!

Er trug seine Argumente derart überzeugt vor, dass niemand es wagte, ihm ins Wort zu fallen und die Sache abzukürzen. Oft genug fiel er anderen, kompetenteren Kolleginnen ins Wort. Er verzapfte den größten Nonsense und schien sich dabei rundum wunderbar zu fühlen. Auf magische Weise kam dadurch auch sonst niemand auf die Idee, ihn oder seine Position in Frage zu stellen.

Warum ich und viele meiner Kolleginnen es nicht genauso machten? Weil wir niemandes Zeit vergeuden wollten. Weil wir damit rechneten, dass sobald wir den Mund aufmachen, jemand unsere Meinung in Frage stellen oder unsere Argumente auseinandernehmen würde. Dass in letzter Konsequenz jemand zu uns sagen würde: Du hast doch gar keine Ahnung, worum es hier geht. Warum mischst du dich ein?

Angst, nicht am richtigen Platz zu sein

Diese Angst, eigentlich nicht am richtigen Platz zu sein, seine Erfolge nicht verdient zu haben und deshalb kein Recht auf ein selbstbewusstes Auftreten zu haben – diese Angst kennt Studien zufolge jeder zweite von uns, oder hat zumindest einmal im Leben dieses Gefühl. Hochstapler-Syndrom oder auf Englisch, Impostor Syndrome nennt sich das.

Frauen sind dabei genauso betroffen wie Männer, sie gehen nur anders damit um. Kein Wunder, schließlich leben wir in einer Welt, die es Frauen jeden Tag aufs Neue schwer macht, sich ihren Platz zu erstreiten. Wir sind es gewöhnt, Tag für Tag sowohl äußerlich als auch beruflich mit den härtesten gesellschaftlichen Kriterien bewertet zu werden – und meistens in irgendeinem Punkt nicht zu genügen.

Klappt etwas, ist es Zufall

Irgendjemand ist immer da, der unsere Schwachpunkte aufdeckt und sich voller Lust in unserer Achillesferse verbeißt, nur damit wir am Ende schwach und entmutigt aufgeben. Ob im Beruf oder selbst im Straßenverkehr, wir werden unterschätzt. Klappt doch mal etwas, dann war das Glück oder Zufall, aber kein eigenes Können.

Klingt drastisch und leicht übertrieben? Dann einfach mal eine kleine Übung für zwischendurch: Wie oft am Tag tun oder sagen wir Dinge nicht, weil wir Angst vor einem schlechten Urteil haben? Weil wir keinen Unmut auf uns ziehen und uns ins Abseits schießen wollen? Oder weil wir unsere Meinung schlicht für unwichtig erachten?

Ich selbst bekomme Beklemmungen, wenn ich als einzige Frau in einem Raum voller Männer meine Position verteidigen soll. Automatisch gehe ich davon aus, dass alle um mich herum kompetenter, durchsetzungsstärker oder einfach schlauer sind als ich.

Der Reflex, sich klein zu machen

Klassischer Fall: das Bewerbungsgespräch. Fake it till you make it ist ja ganz schön, aber wenn es um das berufliche Fortkommen in einem neuen Job und damit ja auch um die nächste Zeit im Leben geht, setzt bei mir oft genug der Reflex ein, mich selbst kleiner zu machen als ich bin.

Und schlagartig ist alles Wissen, das ich mir hart erarbeitet habe, sind alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, nichts mehr wert. Das Reptilienhirn sendet Angst in meine Magengrube und ich stelle innerlich jeden Satz, den ich sage, dreimal in Frage. Lasse mich runterziehen von dem Gefühl, den anwesenden Personen etwas vorzuspielen, das ich nicht bin, und Kenntnisse vorzugaukeln, die ich nicht habe. Und warte auf den Moment, an dem ich als fehl am Platz enttarnt werde. „Wir dachten, sie hätten hier bereits Vorkenntnisse?“ ist so ein Horrorsatz.

Die Strategie: noch härter an sich arbeiten

In unzähligen Gesprächen mit Freundinnen habe ich herausgefunden, dass ich damit nicht allein bin. Es lässt sich nur selten jemand anmerken. Menschen, die in ihrem Leben schon soviel erlebt und gemeistert haben, dass sie darüber ein Buch schreiben könnten – sie sitzen mir gegenüber und das ganze Gesicht ist ein einziger qualvoller Selbstzweifel. Oft genug ist die Strategie bei Frauen dann, einfach noch härter an sich selbst zu arbeiten. Noch mehr Selbstoptimierung, noch strengere Regeln für uns selbst und größerer Einsatz für die Sache, damit niemand auf die Idee kommt, uns Hochstaplertum zu unterstellen.

Ein bisschen fake heißt nicht ganz fake

In solchen Situationen für einen Moment ganz zu mir selbst zurückzukehren, ist meine Strategie. Mir selbst im Schnelldurchlauf ein paar Momente aufzuzählen, auf die ich stolz bin. Situationen, in denen ich mich bewiesen habe. Und mir selbst klarzumachen, dass ein bisschen faken im Gegenzug nicht heißt, dass man von vorne bis hinten fake ist – sondern dass es ein Mittel zum Zweck ist, um weiter zu kommen, in einer Welt die uns das weiterkommen sehr schwer macht.

Dass ich genauso wie alle anderen das Recht habe, Dinge nicht zu wissen und dazuzulernen. Und dass es in Ordnung ist, den Platz einzunehmen, der richtig für mich ist, mit allen meinen Stärken und Schwächen. Wirklich unfähig ist nur, wer aus seinen Fehlern nichts lernt.

Wütend sein, ja oder nein?

Weibliche Wut: Dass es sowas gibt, und dass diese Wut sogar ziemlich groß werden kann – dieses Bewusstsein sickert in der Gesellschaft nur langsam durch. Die Wut vor allem von Müttern ist nämlich immer noch etwas, das die Mütter bitte mit sich selbst ausmachen sollen.

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Mein Sohn war diese Woche mit einer entzündeten Lippe zuhause. Die Ärztin hatte uns gesagt, das kommt vom Knibbeln. Immer wieder hatte ich meinen Sohn zurechtgewiesen, ihn gebeten, nicht daran zu zupfen. Und nun: entzündete, geschwollene, blutverkrustete Oberlippe, mehrere Tage lang erhöhte Temperatur und Fieber. Laune im Keller, schlaflose Nächte, Eltern am Anschlag, Großeltern höchst besorgt. Und ach ja – Home Office nebenbei natürlich.

Vier Tage lang waren ich und mein Sohn ununterbrochen zusammen, jede Sekunde, auch nachts lagen ich oder mein Mann bei ihm. Dennoch klebte er hauptsächlich an mir, denn ich rannte, machte und tat alles, damit es ihm besser ging. Schnitt Obst in Mini-Stückchen, und fütterte ihn wie ein Meerschweinchen damit, zog ihm selbstgekochte Hühnersuppe in eine dicke Spritze und flößte ihm auf diese Weise Flüssigkeit ein, als er vor Schmerzen den Mund nicht bewegen konnte.

Nach vier Tagen zuhause kam die Wut

Schlief nachts auf 20 Zentimetern, damit er neben mir genug Platz hat in seinem unruhigen, fiebrigen Schlaf. Hielt ihn nachmittags mit Puzzles, Schokolade, Büchern und auch ziemlich viel Youtube Kids bei Laune. Schmierte zwischendurch immer wieder die geschwollene Lippe ein, ging mit ihm aufs Klo, kochte abends noch das Essen.

Und dann, nachdem ich vier Tage lang das Haus nicht verlassen hatte, kam die Wut. Ich hatte ihn nachmittags lange schlafen lassen, um mir selbst mal eine Pause zu gönnen. Abends bekam ich die Quittung – ich saß von halb 9 bis kurz vor 10 an seinem Bett, erzählte eine Gutenacht-Geschichte nach der anderen.

Einfach nichts mehr hören

Er gähnte und gähnte, konnte aber nicht in den Schlaf finden. Kam dann auf die Idee, seine Bettdecke aus dem Bett zu strampeln und sich mitten im Zimmer auf den Boden zu legen. Die folgenden fünf Minuten kann ich nur mit Magenschmerzen beschreiben. Ich schrie ihn an, schrie ihm meine ganze Erschöpfung und Frustration ins Gesicht.

Warf ihm vor, dass ich den ganzen Tag für ihn da gewesen sei. Und jetzt willst du zum Dank dafür nicht einschlafen? Hob ihn hoch und setzte ihn in sein Bett zurück. Er schrie, ich solle ihn in Ruhe lasse, dann ging ich aus dem Zimmer. Drinnen schrie er weiter. Ich ignorierte es. Legte mich einfach auf mein Bett und hörte nichts mehr.

Nach der Wut kommt die Scham

Nach der Wut kommt als Mutter immer die Scham. Wenige Sekunden nach meinem Wutausbruch dachte ich sofort an die Nachbarn über uns, die sicherlich jedes meiner bösen Worte gehört hatten. Ich schämte mich vor mir selbst, vor ihnen, vor meinem Sohn, im Grunde vor der ganzen Welt. Ich schämte mich, weil ich meinem Sohn, der so viel kleiner und schwächer ist als ich, ungezügelt meine Wut gezeigt hatte. Und ich schämte mich, weil ich diesen kurzen Moment des Kontrollverlustes, des völligen Loslassens und Rauslassens meiner Emotionen, genossen hatte. Weil ich mich für ein paar Sekunden endlich wieder wie ich selbst gefühlt hatte. Wie ein Mensch, der wütend ist. Eigentlich die normalste Sache der Welt, sollte man meinen.

Es gibt mittlerweile viele Frauen, die ihre Wut in guten und aufwühlenden Texten beschrieben haben. Das ist wichtig, denn nur so können wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch Frauen „nur“ Menschen sind. Warum ist es aber für uns Mütter so verdammt schwer, einfach nur Menschen zu sein?

Elfenprinzessin oder böser Zauberer?

Bei mir ist es so: Jedes Mal, wenn ich wütend bin auf mein Kind, und ihn das spüren lasse, stelle ich mir vor, dass sein Weltbild bröckelt. Seine Mutter, der Engel ohne Flügel – eine wütende Furie, die ihm vielleicht sogar Angst macht. Erst ist Mama eine Elfenprinzessin mit unendlicher Geduld, dann wird sie auf einmal zu Saruman und lässt ihre Orks los. Ich stelle dann auch mich selbst als Mutter in Frage, meine Liebe zu meinem Sohn. Eine monumentale Entzauberung, oder? Eine Entzauberung, für die ich nicht verantwortlich sein möchte, es aber dennoch bin.

Dass große Wut und grenzenlose Liebe sehr wohl nebeneinander und gleichzeitig in uns Menschen existieren können, das ist schon lange bekannt und wird eigentlich allen zugestanden, bloß den Müttern nicht.

Ein bisschen ist diese Entzauberung wie der Moment, wenn wir als Teenager unsere Eltern endlich in einem realististischen Licht sehen. Fast immer müde, vielleicht zerstritten, oft genervt, teilweise vom Leben desillusioniert. Von Entscheidungen überfordert. Und so oft auf dem falschen Dampfer was ihre Pläne für unser Leben anging. Neben der Fassungslosigkeit, dass unsere Eltern, und vor allem unsere Mütter, Menschen aus Fleisch und Blut sind, bemerken wir aber vielleicht auch ein anderes Gefühl: Erleichterung. Denn wenn unsere Mütter und Väter nicht perfekt sind, warum zum Teufel sollten wir es dann sein müssen?

Mimose, Weichei und Co.

Auch hier: Viel Arbeitsbedarf, besonders bei Mädchen. Erwachsenen Frauen (und auch Männern) meiner Generation wurde als Kindern oft gesagt, dass sie sich nicht so anstellen sollen. Das Wort „Mimose“ flog mir früher immer dann an den Kopf, wenn ich für ein Mädchen unerwünschte Gefühle wie Wut oder Trotz zeigte. Bei den Jungs war es andersherum: Sie durften nicht zu weich, zu nachgiebig oder vorsichtig sein, sonst drohte der Ausschluss aus der männlichen Welt.

Als erwachsene Frau entkommt man diesem Vorwurf leider immer noch nicht. Gibt es doch genug Männer, die Drama im Anmarsch sehen, wenn Frauen ihre Fassade fallen lassen und echte Gefühle zeigen. Oder wenn sie einfach nur im Alltag ihre persönlichen Grenzen zeigen und verteidigen. „Hysterisch“, „Sensibelchen“ und so weiter – Frauen haben angeblich immer ein zu viel an Gefühlen. Und erst recht wir Mütter, die permanent im Hormonrausch agierende weinerliche Unterart der normalen Frau.

Das Weibliche weicht von der Norm ab

Dass immer noch viele Männer das so empfinden, kann ich mir nur so erklären, dass sie automatisch alles, das von ihren eigenen, auf Sparsamkeit getrimmten Emotionen abweicht, als „anders“, „zuviel“ und damit überfordernd empfinden. So wie eben immer schon das Weibliche als das Andere, das von der männlichen Norm abweichende angesehen wird. Wie toxisch es auf der Welt werden kann, wenn erwachsene Männer an der Macht sind, die als Kinder keine echten Gefühle zeigen durften, davon möchte ich gar nicht erst anfangen.

Nachdem sein Vater zu ihm ins Zimmer kam und beruhigend auf ihn einsprach, ging ich nochmal hinein zu meinem völlig aufgelösten Sohn. Der alte Leitsatz „Gehe niemals zerstritten ins Bett“ schoss mir durch den Kopf. Ich wollte seine und meine Welt wieder kitten. Er wollte mich nicht sehen, schickte mich aus dem Zimmer. Ich erklärte ihm, wie müde ich sei, und dass ich darum so geschrien hätte. Ich zeigte ihm mein wahres, erschöpftes, ehrliches Gesicht. Und sagte ihm „Ich hab dich lieb“. Er hörte mir aufmerksam zu. Wir umarmten uns, und er schlief endlich ein. Ich goss mir in der Küche ein Glas Wein ein und rauchte draußen eine Zigarette. Über mir toste der erste Wintersturm.

Frühling, Sommer, Herbst und… Stopp!

Bei mir ist es fast jedes Jahr dasselbe – mit voller Wucht schlittere ich in die Endjahresüberforderung. Und das nicht erst, seit ich Mutter bin und Corona die Welt beherrscht. Woher kommt das plötzliche Gefühl, dass alles zu viel wird?

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Es gibt Freunde und Kolleginnen von mir, die drehen gegen Ende des Jahres nochmal richtig auf. Sie sprühen vor Energie, wollen gerne noch alles, ALLES auf ihrer To-Do-Liste bis zum Glockenschlag des neuen Jahres erledigt haben. Und scheinen es regelrecht zu genießen. Sie geraten in einen Abarbeitungsrausch, bei dem selbst die Steuererklärung noch Glücksgefühle auslöst.

Ironman-Marathon in der Innenstadt

Master-Challenge: der Geschenkekauf, bei dem die fleißigen Tierchen vier Wochen vorm großen Fest zu Höchstleistungen auflaufen und die Münchener Innenstadt in einem Ironman-artigen Kaufmarathon von hinten aufrollen. Erste Etappe: 10 Kilometer Douglas-Regale Parfümaussuchen für Mutter, Oma und Schwester bis die Nase raucht, danach 5 Kilometer Hugendubel-Freistil, dabei die auswändig gelernte Spiegel-Bestsellerliste vor Augen, und zum Schluss noch die 500 Meter Karstadt Spielzeugabteilung inklusive feindseliger Verkäuferin in unter 60 Minuten.

No hate, ich wäre auch gerne so.

Bin ich aber nicht. Sobald das erste Mal Last Christmas im Radio dudelt, legt sich in meinem Kopf ein Schalter um, und ich möchte mich am liebsten in meiner Höhle verkriechen, alle schrecklichen Weihnachtsfilme mit Heike Makatsch hintereinander gucken und nichts und niemanden mehr sehen müssen. So zuverlässig wie mein monatliches PMS überkommt mich Mitte, Ende November die absolute und totale Lustlosigkeit.

Jeder Termin, jede Aufgabe wird zur Hürde, die es noch zu überwinden wird. Ein regelrechter Psycho-Lockdown im Kopf. Seltsamerweise gibt es für mich genau in dieser anstrengenden Zeit auch immer noch Projekte, auf die ich entweder überhaupt keine Lust habe, oder die mich vor große Herausforderungen stellen. Als wollte das vergangene Jahr noch ein letztes Mal beweisen, dass ich mich noch lange nicht zurücklehnen darf. Geistige Kapazitäten habe ich dafür dann aber leider kaum noch übrig. Im Gegenteil: Ich bin kurz vorm Weinkrampf, wenn der Lachs zum Abendessen nicht richtig aufgetaut ist. Gerate mental aus der Puste, wenn die Zimmerpflanze auf der Heizung gelbe Blätter bekommt.

Wir heulen uns gnadenlos gegenseitig voll

Gleichzeitig möchte ich natürlich niemanden mit meinem desolaten Zustand belästigen. Ausgenommen Leute, denen es annährend genauso geht. Dann jammern wir los, und heulen uns gnadenlos gegenseitig die Ohren voll mit unseren Alltags-First-World-Wehwehchen. Bestärken uns in unserem Blues, und wundern uns gemeinsam darüber, dass es doch wirklich jedes Jahr dasselbe ist.

Eine Kleinigkeit hätte ich hierbei fast vergessen – die Coronazahlen brechen ebenfalls gerade alle Dämme. Viele um mich herum sind, was das angeht, immer noch im Sommer-Sonne-Sorglosmodus unterwegs. Oder im „Dann lass ich mich halt doch mal langsam impfen“-Modus. Oder sie sprechen schlicht und einfach nicht über den Wahnsinn, der da draußen tobt. Menschen mit Kindern sind hier die Ausnahme: Sie malen sich den bevorstehenden Winterviren-Coronacocktail in Kita und Kindergarten in den saftigsten Farben aus. Für uns Eltern ist es nämlich momentan eher reine Glückssache, wenn wir und unsere ungeimpften Kinder sich nicht irgendwo anstecken.

Kein Platz für Befindlichkeiten

Die Covid-Alarmglocken schrillen gerade in allen Medien zu Recht dermaßen laut, dass für die eigenen Befindlichkeiten eigentlich kein Platz sein sollte. Vielleicht ist aber gerade das Konzentrieren auf die kleinen Überforderungsgefühle im Alltag eine von vielen Strategien, um nicht ständig über das eine GROSSE Problem nachdenken zu müssen. Das große C, das uns vielleicht auch dieses Jahr wieder das Weihnachten und Silvester mit Familie und Freunden vermiesen wird. Schon ist von Kontaktbeschränkungen und einem bevorstehenden Horror-Winter die Rede. Das letzte bisschen urdeutsche Wintertradition, das Christkindlmarkt-Besäufnis, wurde bereits in letzter Minute gecancelt, die Zeichen stehen also auf Apokalypse.

Vielleicht rege ich mich einfach noch ein bisschen über das Laub im Hof und den faulen Hausmeister auf, anstatt darüber nachzudenken, dass das neue Jahr genauso schlimm starten könnte, wie das alte vermutlich aufhören wird. Und greife zu Rechen und Schubkarre. Wenn ich fertig bin, ist dann wenigstens in meinem kleinen Garten ein bisschen Ordnung.

Warum geben wir Frauen eigentlich immer so viel?

Die Erschöpfung der Frauen von heute ist mittlerweile fast schon Normalzustand. Überall wird über die ausgelaugte Frau und Mutter von heute diskutiert. Warum hören wir nicht endlich auf damit, uns emotional völlig zu verausgaben?

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Frauen, insbesondere Mütter und andere pflegende Personen, sind bereits im letzten Coronawinter an ihre Grenzen gekommen. Sehr viele von uns auch darüber hinaus. Und der nächste harte Winter steht uns schon bevor. Die Erschöpfung, die in der gleichzeitigen Belastung durch Erwerbsarbeit und Care-Arbeit während Corona ihren Höhepunkt fand, ist seit Jahren Thema in feministischen Diskussionen. Langsam findet das Thema nun auch Eingang in die Mainstream-Medien.

Viele sehen den Grund für die Erschöpfung darin, dass Frauen durch gesellschaftliche Erwartungen nicht nur dazu genötigt werden, ZU VIEL zu geben – sie werden dafür in vielerlei Hinsicht auch noch abgewertet.

Vom Ehrenamt zur Ariermutter

Die Frau als das sich ewig unterordnende, dienende Geschlecht – dieses Bild gibt es, seit es Religion gibt. Frauen dürfen in der heutigen katholischen Kirche zwar nach wie vor gerne Ehrenämter ausführen, verfügen aber trotzdem über lächerlich wenig Gestaltungsmacht. Hier und überall lautet das Motto: Gib gerne, denn dazu bist du geschaffen, aber erwarte nicht, dass du dafür etwas zurückbekommst. Im Nationalsozialismus fand dieses Frauenbild in der „deutschen Ariermutter“, die ihr Leben in den Dienst des Führers stellen, aber bitte keinerlei Ansprüche anmelden sollte, seinen Höhepunkt.

Heute stehen Frauen zwar nicht mehr ausschließlich (wenngleich meist noch neben dem Job) am Herd, aber die Rolle der Sorgenden hat sich fast 1:1 aufs Berufsleben übertragen. Dass Frauen wie selbstverständlich einen Großteil der miserabel bezahlten Jobs in Pflege und Kinderbetreuung übernehmen, heißt noch lange nicht, dass sie hier irgendeine Gestaltungsmacht hätten. Von Anerkennung kann ebenfalls nicht die Rede sein.

Das Ziel: Menschen zu helfen

Sorgen, aufopfern, kümmern – alles Dinge, die von uns erwartet werden, seit wir kleine Mädchen sind. Wenn Männer solche Berufe ausüben, geht damit fast automatisch ein hoher Status einher. Bestes Beispiel: der Arzt. Die Pflegerin, die Hebamme und die Krankenschwester können von so einem Status nur träumen, allenfalls reicht ihr Berufsbild als Projektionsfläche für männliche Fantasien. Dabei ist der Arztberuf an sich in meinen Augen ebenfalls ein „dienender Beruf“, dem zwar ein langes, anspruchsvolles Studium vorausgeht, der aber letzten Endes nur ein Ziel hat: Menschen zu helfen, und das jeden Tag.

Das ewige Aufopfern des weiblichen Geschlechts läuft aber nicht nur in Kirche und Job so, sondern auch im Privatleben: Ich kenne unzählige starke Frauen, die sich zuhause bis zur Erschöpfung um ihren Partner und die Kinder kümmern. Nicht nur übernehmen sie fast den kompletten Haushalt und betreuen (meist in Teilzeitjobs) nachmittags die Kinder, sondern sie fühlen sich auch noch für das mentale Wohl der Familie verantwortlich.

Der „Puffer“, der die schlechten Gefühle der anderen auf magische Weise in sich aufsaugt und abfedert. Und trotzdem noch die Energie aufbringt, mal kurz durchzusaugen und das Klo zu putzen. Am Ende sind meist auch noch sie es, die beim Paartherapeuten anrufen, um die Ehe zu retten.

Wenn Familienväter hingegen Zeit mit Ihren Kindern verbringen oder tatsächlich die Hälfte oder mehr Anteil an der Hausarbeit übernehmen, sich also in die Rolle des klassisch weiblichen Kümmerers begeben, ernten sie dafür von allen Seiten Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und vergessen in der Regel auch nicht, sich ausgiebig selbst für ihr außergewöhnlich hohes Engagement zu loben.

Der Partner wird wieder zum Kind

Frauen ohne Kinder hingegen haben zwar nicht die Verantwortung für einen kleinen Menschen zu tragen, aber der Tenor ist bei vielen: Ich fühle mich für meinen Partner verantwortlich wie für ein Kind. In vielen Gesprächen mit Freundinnen war das der Grund Nummer eins für Unzufriedenheit und letzten Endes das Ende der Beziehung: Frauen rutschen dem Partner gegenüber in die Mami-Rolle, ohne es zu wollen.

Wie leicht es vielen Männern fällt, im Gegenzug wieder zurück in die Kinderrolle zu schlüpfen, ist erstaunlich, aber nachvollziehbar, denn: so bequem. Zugespitzt gesagt, wer immer nimmt, ohne auf emotionaler Ebene je etwas dafür zurückgeben zu müssen, der gewöhnt sich irgendwann an diesen himmlischen Zustand. Leider schwindet dann auch oft der Respekt für den Gebenden, denn der bzw. die scheint es ja gern zu tun.

Liebe wird selbstverständlich

Die Währung Liebe und Sorge wird so in vielen Beziehungen immer selbstverständlicher. Wenn Mann dann im Gegenzug einmal im Jahr Blumen mitbringt oder „Ich liebe dich“ sagt, ist das eine sensationelle Geste der Zuwendung, die gerne gewürdigt, aber bitte nicht zu oft wiederholt werden darf, damit Frau sich nicht zu sehr an diesen Luxus gewöhnt.

Männer, die ohne sich zurückzuhalten oder aufzurechnen einfach Liebe geben, sind scheinbar eine Seltenheit. Wir Frauen werden schon von klein an darauf vorbereitet, dass die Suche nach diesem männlichen „Einhorn“ eine Herkulesaufgabe ist. Und bis wir „ihn“ gefunden haben, geben wir einfach weiterhin noch ein bisschen mehr von uns.

Julian Reichelt oder die alte Geschichte

Der Sturz des Bild-Titanen Julian Reichelt geht gerade durch alle Medien. Wieder einmal wundern sich alle, was Männer so treiben wenn man sie nur lässt. Kommt uns Frauen doch bekannt vor, oder?

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Wer als Frau in der Medienbranche arbeitet oder gearbeitet hat, wer in einer Werbeagentur oder auch nur in einer mittelgroßen Schreibklitsche beschäftigt war, hat mit Sicherheit einen oder mehrere Julian Reichelts getroffen. Männer, die auf mal mehr, mal weniger offensive Art ihre Macht und Stellung ausgenutzt und ausgekostet haben.

Mein Start ins Berufsleben begann in einer kleinen Übersetzungsagentur, ein Ein-Mann-Betrieb. Ich, gerade frisch aus dem Studium entlassen, begann dort ein Praktikum.

Jedes Räuspern wurde zur Peinlichkeit

Schon in der ersten Woche fühlte ich mich dort unwohl, und das lag schlicht und einfach an der Tatsache, dass der Chef und ich uns stundenlang in unangenehmem Schweigen gegenübersaßen und arbeiteten. Nur er und ich, sonst niemand. Jedes Räuspern, jeder Toilettengang wurde für mich zu einer Peinlichkeit, denn er überwachte buchstäblich jeden meiner Schritte. Selbst schuld, könnte man nun sagen. Du hast schließlich gewusst, worauf du dich einlässt, als du bei einem Ein-Mann-Unternehmen angeheuert hast.

Was ich jedoch nicht wusste war, dass mein Chef mich und meine Generation offenbar allesamt für nutzlose Loser hielt, denen man keinerlei berufliche Verantwortung geben darf. Dies und noch einiges mehr bekam ich zu hören, als mir bei der Arbeit ein Fehler unterlief. Ein Dorn im Auge war ihm auch, dass ich nach Ablauf meiner (lächerlich vergüteten) Arbeitszeit ab und zu wagte, einfach aufzustehen und frech wie Bolle nach Hause zu fahren, ohne zu fragen ob ich zuvor noch etwas für ihn erledigen könnte.

Meine morgendliche Verspätung von 5 Minuten, die U-Bahn-bedingt öfters vorkam, legte bei ihm dann offenbar sämtliche Alphamännchen-Instinkte frei. Er schiss mich zusammen bis ich weinte. Es war mein allererster richtiger Job, und er schickte mich nach Hause, damit ich mich beruhigte.

Das Geschenk: eine Box mit Parfüm

Seine Frau, die alle finanziellen Aspekte seiner Firma managte (und by the way auch für meine miserable Vergütung zuständig war), hat ihm dann nach eigener Aussage ins Gewissen geredet. Kurze Zeit später kam er mit einem Entschuldigungsgeschenk an: Es war eine kleine Box mit Parfüm. Was man einer jungen Frau halt so schenkt, um sie wieder gnädig zu stimmen. Ich kündigte trotzdem eine Woche später. Sexuelle Anspielungen oder Übergriffe ließ er sich zwar nicht zuschulden kommen, aber seine schlecht verhohlene Geringschätzung für mich als junge Berufseinsteigerin und meine Arbeit ließ er mich bei vielen Gelegenheiten spüren.

Kurze Zeit darauf heuerte ich bei einer kleinen Agentur an – und freute mich darauf, dass dieser Job mich meinem Traum vom Schreiben etwas näher bringen könnte. Der Job an sich war okay, der Chef des Ladens leider ein geltungssüchtiger Choleriker. Und ein Sexist wie er im Buche stand.

Die Spätschichten des Grauens

Die hauptsächlich männlichen Jungvolontäre und -redakteure der Agentur machten sich im Newsroom die Welt, wie sie ihnen gefiel. Inklusive vieler Poster von „nackten Weibern“ an den Wänden und Spätschichten, vor denen mir als manchmal einziger Frau unter fünf fußballtickernden, dauersprücheklopfenden Testosteronis schon Tage vorher graute.

Zum ersten Mal konnte ich mit dem Begriff „toxische Atmosphäre“ etwas anfangen. Immer wieder derbste Sprüche, gerne noch mit frauenverachtenden Kraftausdrücken garniert. Und immer wieder der Blick zu mir hinüber, um sicherzustellen dass ich die Grenzüberschreitung auch mitbekommen hatte. Die Stimmung war irgendwo zwischen Junggesellenausflug auf der Reeperbahn und Südkurve in der Allianz-Arena. Ich stellte mich taub, stierte auf meinen Rechner und sagte sechs Stunden lang garnichts.

Das Gefühl, nicht nur körperlich unterlegen zu sein, sondern auch als Frischling keinerlei Rechte zu haben, diese Ohnmachtserfahrung machte sich wie Gift in mir breit. Wenigstens die Poster abzuhängen, damit der weibliche Teil der Belegschaft nicht täglich bei der Arbeit auf nackte Hintern und Brüste glotzen muss, dauerte Wochen. Wir Frauen hängten die Poster ab, am nächsten Tag hingen neue an den Wänden. Irgendwann gaben die Männer auf, ein kleiner Sieg immerhin.

Ihr Manko: ein zu platter Hintern

Warum der Boys Club den Arbeitsplatz so ohne jeglichen Widerstand zu seinem Spielplatz machen konnte, war mir bald darauf klar, als der Chef einer Kollegin von mir beim gemeinsamen Kochabend vor versammelter Mann-Schaft bescheinigte, ihr Hintern sei leider zu platt und werde es auch immer bleiben. Ihren fassungslosen und verletzten Blick habe ich bis heute vor Augen. Gesagt hat auch sie damals nichts.

Auf meinem Weg traf ich noch viele weitere solcher Kaliber. Immer dreist, immer aber auch absolut sicher, dass ihr Verhalten keine Konsequenzen haben würde. Der Art Director, der mich in der Kaffeeküche einer großen deutschen Werbeagentur anraunzte, ich sei ja „nur ein kleines blondes Mädchen“. Den nächsten Teil des Satzes musste er nicht aussprechen, wir wussten ihn beide. „Und ich bin hier der Chef“.

Und immer wieder die Kollegen

Sexismus in Kombination mit einem Machtgefälle ist schlimm, aber nicht minder frustrierend fühlt er sich an, wenn ihn Menschen auf gleicher berufliche Ebene ausüben. Denn dann wird das berufliche Machtgefüge zu einem sozialen: Ich bin zwar nicht dein Chef, aber als Mann mit höherem gesellschaftlichem Status als du darf ich dich trotzdem erniedrigen.

Der Kollege, der selbst offenbar keinen Gedanken an sein Aussehen verschwendete, es sich aber angewöhnt hatte, jeden Morgen vor allen anderen Kollegen (es waren wieder nur Männer) wenn ich das Büro betrat, mein Outfit zu kommentieren.

Der andere Kollege, der mich bei der Weihnachtsfeier nach einem kurzen Gespräch lallend fragte, ob denn da jetzt noch was ginge mit uns, ansonsten würde er sich anderweitig umsehen.

Leider noch lange nicht das Ende der Geschichte. Next level, jeder der Kinder hat, kennt es: Elterndiskriminierung. Kein Führungsjob mit Personalverantwortung in Teilzeit, leider leider.

Als Frau bist du Sexobjekt, aber als Frau mit Kind bist du in der Berufswelt noch etwas viel Schlimmeres: ein ausrangiertes Sexobjekt. Nun wird dir endgültig jeglicher Sachverstand abgesprochen. Willkommen im Leben, liebe Damen. Es grüßt herzlich, euer Julian Reichelt.

Auf Wiedersehen Big City Life?

Immer wieder höre ich von Leuten, die aus der Großstadt weggezogen sind, wie froh sie sind, diesen Schritt gewagt zu haben. Und immer wieder frage ich mich, ob es für uns auch das Richtige wäre.

Die Jahre vergehen wie im Flug, und nun sind es nur noch dreieinhalb Jahre, dann ist mein Kind schon ein Schulkind. Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, aus der großen Stadt wegzuziehen. Finden zumindest immer mehr Menschen in meinem Umfeld.

Der gute alte Traum vom Eigenheim

Kaum eine Bekannte, die nicht davon träumt, mit ihrer Familie der Großstadt zu entfliehen und sich den „Traum vom Eigenheim“ zu erfüllen. Immer mehr Freunde, die sich bis an ihr Lebensende verschulden, um endlich ihr Reihenhäuschen in der Peripherie beziehen zu können.

Sogar Familienangehörige von mir versuchten neulich auf einer Feier, uns mit einer Fülle an guten und weniger guten Argumenten von der Sinnlosigkeit der Großstadt zu überzeugen. Es sei „höchste Zeit für uns“, dort wegzuziehen.

Einfach bei Dr. Walter über den Zaun hüpfen

Im Vorort gäbe keine Brennpunkte, keine gefährlichen Straßen, keine Ängste ob „falscher“ Kontakte, an die das Kind geraten könnte. Einzig die Teenager-Gang, die ab und zu an der S-Bahn abhängt, die sei nicht so schön. Hier sei jeder sicher, jeder aufgehoben und geborgen in einem Verbund aus Familie, Freunden und Nachbarn.

Mühsam einen Arzttermin organisieren? Überflüssig, schließlich kenne man Dr. Walter persönlich und könnte bei Ohrenschmerzen einfach über den Gartenzaun hüpfen, um sich nachts um eins die Diagnose stellen zu lassen.

Genau das jagt mir Angst ein

Verwirrt stellte ich fest, dass genau das mir Angst einjagte.

Ich bin in einer eng verbundenen Familie aufgewachsen, wir fuhren zusammen in den Urlaub und feierten alle Feiertage und Geburtstage des Jahres zusammen. Anders kannte ich es als Kind nicht. Irgendwann hörte das auf, und ich vermisste es eine zeitlang sehr und tue das auch heute noch ab und zu.

Aber könnte ich mir vorstellen, mein Stück Autonomie für ein dicht gewebtes Netz aufzugeben, in dem ein Faden in den anderen übergeht?

Garten an Garten, Tür an Tür

Meine Bedürfnisse als Erwachsene sind anders als die eines Kindes. Ich möchte mir die Menschen, die ich dauerhaft in mein Leben lasse, selbst aussuchen. Ich möchte mich nicht mit den Nachbarn links und rechts von mir anfreunden müssen, weil das Leben Garten an Garten und Haustür an Haustür sonst unerträglich wäre.

Falls in meiner kleinen Familie mal nicht alles rosig läuft, möchte ich mich nicht vor den Eltern der Klassenkameraden meines Kindes rechtfertigen, nur weil in einem kleinen Ort jeder alles irgendwann erfährt.

Der ständige Kampf um Kontakte

Was ich aber genießen könnte, wäre das Bewusstsein, nicht immer wieder um Kontakte kämpfen zu müssen, wie man sich das in einer großen Stadt irgendwann automatisch so angewöhnt. Sich darauf verlassen zu können, dass Menschen, die man lieb gewonnen hat, auch morgen und vielleicht sogar übermorgen noch mit dir zusammen Kaffee im einzigen Café des Ortes trinken.

Einfach weil auch sie sich für dieses Leben entschieden haben, und es nun mit allen Konsequenzen durchziehen. „Allein schon wegen der Kinder“, wie es immer heißt.

Die vielen Abschiede der letzten Jahre, die mühsame Suche nach gemeinsamen Terminen für Treffen, in dem Wissen dass mindestens wieder Monate vergehen werden, bis man sich wiedersieht, wenn überhaupt.

Orte wie Menschen liebgewinnen

Vielleicht wäre es auch schön, die Hektik der großen Stadt gegen etwas Entschleunigung zu tauschen. Erinnerungen aufzubauen, weil man Orte liebgewinnt wie Menschen. Im Sommer immer an den selben Badesee zu fahren, und im Winter den kleinen Weihnachtsmarkt des Ortes zu besuchen.

Traditionen aufzubauen, die nicht von außen vorgegeben werden, sondern eigene. Vielleicht wäre es schön, irgendwo endgültig Wurzeln zu schlagen, nach Jahren der Wanderschaft von einem Viertel ins nächste und wieder ins nächste.

Vielleicht. Sagen zu können: Wenn ihr mich sucht, ihr findet mich hier. Und das wird auch erstmal so bleiben.

Der Affe Bonda und warum wir ihn nicht loswerden

Kinder haben Alpträume, das ist bekannt und gehört zum Menschsein dazu. Was aber, wenn die Fantasien und Träume des Kindes uns alle Nacht für Nacht den Schlaf rauben?

Schulter und Hüfte schmerzen

Gestern war wieder so ein Morgen. Als das erste Licht durch die Vorhänge blitzte, wachte ich auf und der kleine Körper neben mir drehte sich im Schlaf noch einmal um. Mein Sohn und ich lagen zu zweit auf der engen Ikea-Ausziehcouch in seinem Kinderzimmer. Meine Schulter schmerzte vom Liegen auf der harten Matratze, ebenso meine Hüfte. Mein Körper kündigte sofort an, dass das kein leichter Tag werden würde.

Die Nacht war durchzogen gewesen von immer wieder Aufwachen, von murmelnden Geräuschen meines Kindes, von Aufschrecken und „Mami“-Rufen, von beruhigendem Rückenstreicheln und Zudecken. Ich hatte alles getan, damit mein Sohn sich im Schlaf ruhig und sicher fühlt, und trotzdem hatte es nicht gereicht. Er hatte wieder Besuch bekommen im Traum. Sein Schreckgespenst, der Affe Bonda war im Zimmer, hatte vielleicht sogar bei ihm im Bett gelegen.

Ein treuer, aber böser Begleiter

Der Affe Bonda begleitet uns nun schon seit fast einem Jahr. Er besucht meinen Sohn wann immer er will, und meistens wenn es etwas Schwieriges zu verarbeiten gibt. Der Affe Bonda sitzt im Schrank, unter dem Bett oder huscht durch den Flur. Er hat auf meinen Sohn gewartet, als der nach der langen Sommer-Auszeit wieder in den Kindergarten sollte, und als es Zeit war, den Schnuller für immer abzugeben.

Kinder haben Alpträume, das weiß jeder. Aber was tun gegen die schreckliche Erschöpfung, wenn die Nächte immer und immer wieder zerrissen werden von diesen Träumen? Nicht nur wir sind erschöpft, auch unser Kind ist es. Er ist dünnhäutig, gereizt, hat zu nichts Lust. Genau wie wir Erwachsenen, wenn wir mehrere Nächte in Folge kaum geschlafen haben.

Schlafwache seit fast einem Jahr

Es scheint kaum einen Unterschied zu machen, dass wir jetzt seit nunmehr einem Jahr abwechselnd bei ihm im Zimmer übernachten. Bonda reißt ihn fast jede Nacht aus dem Schlaf, und wenn es nicht Bonda ist, dann ein anderes Schreckgespenst. Wir haben Bonda gedanklich in den Dschungel zurückgeschickt, haben Mut gemacht, den Affen so lange anzuschreien, bis er Angst bekommt und wegrennt. Bis in die Träume meines Sohnes dringen wir damit aber nicht vor.

Nun haben wir den Salat, denken wir Eltern. Wie kommen wir aus dieser Übernachtungsnummer wieder raus? Wie lange sollen wir noch auf der harten Couch schlafen? Wann ist es Zeit, egoistisch zu sein?

Hier gehen die Meinungen hart auseinander. Die eine Freundin ist voller Verständnis für den kleinen Träumer, würde niemals ihre eigene Tochter allein im Zimmer lassen, wenn diese es nicht will.

Streit wegen der Schlafsituation

Die andere Freundin lässt ihren fast vierjährigen Sohn immer noch in einem großen Gitterbett schlafen, aus dem er nachts nicht aussteigen kann. Wenn er, wie sie sagt, nachts quengelt, ignoriert sie es, und gerät deshalb immer wieder mit ihrem Mann in Streit.

Dann kenne ich viele Eltern, die wie wir bei ihren Kindern im ZImmer schlafen, in allen möglichen Varianten. Matratze neben dem Bett, alle in einem Bett, nur ein Elternteil beim Kind, beide beim Kind, Kind im Hochbett und Elternteil darunter… unendliche Möglichkeiten. Aber keine Lösung in Sicht.

Der Grundtenor lautet: In diesem Alter ist es völlig normal, dass Kinder Alpträume haben und deshalb nicht alleine schlafen wollen. Die völlig Erschöpfung, die berufstätige Eltern befällt, die fast keine Nacht mehr durchschlafen können, wird dabei gerne außer Acht gelassen.

Keine Pause im Babybettchen

Die Kopfschmerzen, die Rückenschmerzen, der Haushalt und die Wochenenden, für die man keine Kraft mehr hat, und das Gefühl, sich einfach nur hinlegen zu wollen, den ganzen Tag über. Wie in der Stillzeit, schießt es mir oft durch den Kopf. Nur dass mein Kind bald 4 Jahre alt wird und sich nicht mehr einfach für eine kurze Pause in ein Babybettchen legen lässt.

Mein Mann und ich diskutieren oft darüber, wie viel oder wie wenig einem Kind in dem Alter zuzumuten ist. Manchmal schlägt die Diskussion auch in Streit um, wenn wir beide das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Mein Herz und mein Bauch bringen viele Dinge nicht über sich, die für meinen Mann völlig selbstverständlich sind. Ich hingegen bin in seinen Augen zu nachgiebig, zu inkonsequent, nicht bestimmt genug.

Doch so sehr wir auch manchmal streiten und diskutieren, gegen den Affen Bonda haben wir beide noch kein Mittel gefunden. Wir können nur hoffen, dass der König der schlechten Träume irgendwann vielleicht den Weg zurück in den Dschungel findet.

Achtung, der Helikopter kommt!

Warum stellen wir Mütter (und Väter?) uns immer so schnell in Frage, wenn andere Konzepte, Vorstellungen und Erwartungen auf die unseren prallen? So geschehen diese Woche im Kindergarten meines Sohnes.

Gummibärchen zum Abschied

Mein Sohn hatte nach dem Urlaub große Probleme, sich wieder an den Gedanken eines Kindergarten-Alltags zu gewöhnen. Er weigerte sich morgens, aus dem Haus zu gehen. Mein Mann und ich versuchten mit schmerzendem Herzen, ihm den Abschied so leicht wie möglich zu machen. Gummibärchen und Schokobons wanderten in Kinderhände, es half trotzdem nichts.

Als mein Mann ihn mit Müh und Not morgens abgeliefert hatte, blieben wir beide ratlos und mit einem unguten Gefühl in der Magengegend zurück.

Mittags beim Abholen hieß es dann, mein Sohn hätte den Tag im Kindergarten sehr gut gemeistert und Spaß gehabt. Allerdings sollten wir das Abgeben morgens nicht unnötig in die Länge ziehen, einfach kurz verabschieden und gehen, da wir es dem Kind sonst nur unnötig schwer machten.

Dieses Thema verfolgt uns schon seit den ersten Kita-Tagen. Ist es TOO MUCH, sich bei seinem Kind noch richtig verabschieden zu wollen? Ist es vielleicht sogar ein Zeichen von unnötiger Schwäche, nochmal in den Arm zu nehmen, zu drücken, zu beruhigen, wenn das Kind sich partout nicht trennen kann oder will?

Wieviel ist zuviel?

Immer wieder bekommen wir Eltern von den Erzieherinnen das Gefühl des TOO MUCH vermittelt, wenn auch durch die Blume. Zuweilen komme ich mir vor wie eine Hundebesitzerin, die ihren geliebten Vierbeiner im Tierheim abgeben soll und verzweifelt versucht, sein klägliches Jaulen nicht zu hören.

Nicht zögern, Stärke zeigen, keine Gefühle nach außen lassen sondern: einfach gehen. Das Kind in der für es gerade negativen, vielleicht sogar bedrohlichen Situation zurücklassen. Mein Mann konnte das diese Woche nicht. Und ich? Ich hätte es auch nicht gekonnt, sondern bin stattdessen froh, dass das Abholen mittags keine Abschieds- sondern eine Wiedersehenssituation ist.

Als ich der Erzieherin erklärte, dass bereits bei uns Zuhause schlechte Stimmung herrschte und unser Sohn offensichtlich nicht aufbrechen wollte, nickte sie nur gleichgültig. Für sie offenbar kein Grund, ein Drama zu machen.

Als sie mich dann auch noch darauf hinwies, dass mein Sohn immer „sehr lange“ brauchen würde, um sich für das Spielen im Garten anzuziehen, platzte mir unter meiner Maske der Kragen. Ich erklärte ihr, dass ich kein Problem darin sähe, wenn ein dreieinhalb Jahre altes Kind zum Anziehen von Jacke und Schuhen etwas länger bräuchte. Dass ich mir für meinen Sohn Unterstützung wünsche. Und dass unsere Priorität momentan nicht beim Jackenanziehen läge, sondern darin, dass er sich im Kindergarten gut und sicher fühlt.

Bin ich eine Helikopter-Mutter?

Die Erzieherin war offensichtlich von meiner Reaktion überrrascht und wurde sofort defensiv. Sie hätte mich ja nur darauf hinweisen wollen. Irgendwie bekam ich zum Abschied noch halbwegs die Kurve und ging mit hochrotem Kopf und einem stillen Kind an der Hand nach Hause. War ich nun eine Helikopter-Mutter? Mein Mann ein Helikopter-Dad?

Für Eltern kleiner Kinder gibt es momentan kaum ein abwertenderes Wort als „Helikoptereltern“. Niemand möchte sich nachsagen lassen, er oder sie könne sich vom Kind nicht abgrenzen, wenn es nötig ist. Keiner möchte wie eine Klette an seinem Kind hängen und es in seiner Entwicklung behindern.

Zugegeben, wenn es Zuhause schnell(er) gehen soll, helfe ich meinem Sohn in die Turnschuhe und halte für ihn die Jacke fest, damit er in die Ärmel kommt. Mein Mann verabschiedet sich im Kindergarten jeden Morgen mit Küsschen und Umarmung von unserem Sohn, und bleibt auch ein paar Sekunden an der Tür stehen, wenn dem Kleinen der Abschied schwer fällt. Bisher kam mir auch nie der Gedanke, dass das falsch sein könnte.

Alle wunderten sich über die Kindergärtnerin

Natürlich fragte ich an dem Tag auch andere Eltern, wie sie die Situation einschätzten. Alle gaben mir Recht. Sie hätten es auch nicht übers Herz gebracht, nach einem schwierigen Morgen einfach zu gehen. Und wunderten sich über die Ansprüche der Kindergärtnerin an ein Kleinkind.

Dachten wir nicht, wir hätten die „Kinder dürfen nicht verweichlichen“-Pädagogik der Nachkriegsjahre hinter uns gelassen? Warum trifft es uns dann so, wenn uns ein ZUVIEL an Liebe und Fürsorge unterstellt wird? Und trotzdem kämpfen wir wie die Löwen, wenn wir das Gefühl haben, unserem Kind wird unrecht getan. Ich bin gespannt, ob dieses Gefühl nachlässt, wenn das Kind älter wird – oder ob wir eben für immer mit diesem Zwiespalt leben müssen, und einfach irgendwann lernen, loszulassen.

Ein neues Blog? Warum das denn…

Gerade erst ist Olav Scholz vermutlich zum neuen König von Deutschland gewählt worden, die 7-Tages-Inzidenz ist seit Tagen mal wieder leicht gestiegen, und der Herbst klopft ziemlich laut an unsere Haustüren.

Zeitgleich zu diesen wichtigen Ereignissen möchte ich euch hier auf meinem Blog begrüßen – und damit letztendlich in meinem Kopf. DankeMama ist ein Safe Space für verrückte Gedanken, vertrackte Überlegungen, gewagte Thesen und ungefragte Meinungsäußerungen.

Hier möchte ich euch zeigen, dass ihr mit euren mütterlichen Neurosen und menschlichen Makeln nicht allein seid. Ihr wünscht eure Kinder manchmal ganz weit weg? Ist ok. Ihr seid glücklich verheiratet und findet trotzdem den Postboten heiß? Ja, so ist das Leben. Ein lautes DankeMama gibt es hier trotzdem für euch und alle Mamas und Omas da draußen.

No Time for Stuss!

Und da wir uns als Mütter sowieso den lieben langen Tag zusammenreißen, gebe ich mir hier die Erlaubnis, einfach mal ehrlich zu sein. Vermutlich wird hier von meiner Seite ziemlich viel gemotzt, gemeckert und gelästert werden, denn dieses Recht nehme ich mir als Verfasserin dieses Blogs nun mal raus. Alles persönliche Meinung, nix davon müsst ihr teilen oder auch nur kommentieren. Dennoch lege ich Wert auf Fairness und Anstand, und halte nichts davon, das Internet mit Pöbeleien und unreflektiertem Stuss zu einem noch feindseligeren Ort zu machen, als er für uns Frauen ohnehin schon ist.

Und ja, ich bin Feministin und kann mir trotzdem vorstellen, dass es da draußen viele gute und anständige Männer gibt, die nicht jeden Tag nur aufstehen, um uns Frauen das Leben zur Hölle zu machen, sondern so wie wir an echter Gleichberechtigung und Teilhabe interessiert sind. Nichtsdestotrotz gibt es für uns alle noch soooo viel zu tun, damit dieser Platz auf der Welt, den wir uns teilen, für uns und auch unsere Kinder lebenswert ist.

Lasst uns gemeinsam kämpfen und nicht aufgeben, aber bitte mit Humor! Und Daumen drücken, dass Herr Scholz und seine Regierung es nicht total verkackt.

Hallo hier bei DankeMama!

Herzlich willkommen auf meinen Blog! Ich spreche hier über alles was mich als Person, Mutter, Frau und Individuum bewegt, verärgert, traurig und glücklich macht, über die Dinge die mich jeden Tag in den Wahnsinn treiben, erstaunen, und begeistern. Lasst uns zusammen in Frage stellen, was uns kaputt macht und darüber nachdenken, was wir wirklich brauchen.