2023 – (m)ein Jahr der Extreme

Mikhail Nilov

Nach langer Zeit der Stille, auch hier auf dem Blog, bleibt mal wieder ein bisschen Luft zum Durchschnaufen, Weihnachten steht kurz bevor. Wie jedes Jahr hat es der Schluss-Spurt bis zum Weihnachtsurlaub noch einmal in sich. Was mir von diesem Jahr auf die Schnelle in Erinnerung bleibt?

Schlechte Nachrichten und trotzdem Dankbarkeit

Mein 40. Geburtstag, und damit mein Start ins 41. Lebensjahr – dass dieses Jahr nun explizit MEIN Jahr geworden wäre, kann ich nicht sagen. Es gab viele Momente, in denen mir die Luft ausging, und oft habe ich vor den Nachrichten gesessen und es aus weltpolitischen Gründen kurz mal bereut, ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben. Zu viel schlechte Nachrichten prasselten 2023 auf uns alle ein. The struggle is real, leider überall auf der Welt.

Aber dann auch wieder: Dankbarkeit, dafür dass alle die ich kenne und liebe, gesund und wohlbehalten sind, dass ich mir angesichts der zerbombten Ukraine und des fortschreitenden Klimawandels (noch) keine Sorgen um die essenziellen Dinge des Lebens wie genug zu essen, einen Schlafplatz und Sicherheit für Leib und Leben machen muss.

Das heftige Comeback von Corona

Corona erlebte dieses Jahr ein schnelles und heftiges Comeback mit Ansage, uns erwischte es im Herbst zum zweiten oder vielleicht sogar dritten Mal, so genau weiß ich das gar nicht. Beruflich war dieses Jahr ein wildes Rodeo mit vielen neuen Herausforderungen, bei dem ich versuchte, nicht aus dem Sattel zu fallen. Einige blaue Flecke habe ich mir bildlich gesprochen trotzdem zugezogen, jedoch hat mir dieses turbulente Jahr auch gezeigt, wo meine Prioritäten sind und dass es auf Dauer ungesund ist, die eigenen Kraftgrenzen immer wieder aufs Neue auszudehnen.

Wir haben die Hitzewelle im Sommer geritten und uns unzählige Male in der badewannenwarmen Adria versucht abzukühlen. Zum ersten Mal schwammen wir in 28 Grad warmem Wasser und realisierten, dass das von nun an tatsächlich die Zukunft sein könnte, wenn das so weitergeht mit unserem Planeten. Das Lieblingsland Italien bezaubert mich zwar nach wie vor jedes Mal wieder, aber auch hier gehen die Spuren der Zeit nicht einfach vorbei. Unerträgliche Hitze in den Mittagsstunden vertrieb uns vom Strand, und selbst abends saßen wir noch bei fast 30 Grad auf unserer kleinen Veranda.

Kleine und große Kämpfe: die Wackelzahnpubertät

Und im Lauf des Sommers wurde aus unserem kleinen Haudegen ein Vorschulkind, das sich noch viel mehr als zuvor seiner eigenen Meinung und seines größer werdenden Körpers bewusst wurde. Das Jahr 2023 stand für unseren kleinen Mann komplett im Zeichen der Autonomie. Wir haben so viele kleine und große Kämpfe ausgefochten, Grenzen gezogen und neu ausgehandelt, und auch schwere Grübeleien gehabt, in denen wir uns nicht sicher waren, ob unser Weg, ihn zu erziehen, der richtige ist. Hätte ich nicht von vielen Freunden mit gleichaltrigen Kindern dasselbe gehört, ich wäre mir sicher gewesen, dass jemand unser Kind unbemerkt über Nacht gegen einen dauerrebellierenden Wutbürger ausgetauscht hat.

Wie sehr seine Welt sich gerade ändert, merke ich jeden Tag aufs Neue an 1000 Kleinigkeiten. Er erkämpft sich berechtigerweise sein eigenes Universum, schafft sich Raum und entwickelt sich mit Lichtgeschwindigkeit zu dem Menschen, der er für den Rest seines Lebens sein wird. Dass wir als Eltern dabei sein dürfen, ihm dabei zusehen und ihn begleiten dürfen bei seiner Identitätsfindung, ist wohl das kostbarste Geschenk meines Lebens. Dass es unendlich viele Nerven kostet, ist aber auch klar und wird wohl kein Elternpaar abstreiten, egal ob ein tobendes Vorschulkind oder ein genervter Teenager am Esstisch sitzt.

Manchmal muss man sich zurückziehen, um Ruhe zu finden

Während wir alle unsere privaten kleinen Kämpfe auszufechten haben, haut uns die Welt weiterhin die Schlagworte des Jahres nur so um die Ohren: Angriff auf Israel, Krieg in Gaza, Ampelkrise, künstliche Intelligenz, plötzlicher Wintereinbruch in Bayern, und so weiter und so fort. Es passieren so viele Dinge gleichzeitig, dass mir manchmal gar nichts anderes übrigbleibt, als mich aus der unendlichen Nachrichtenspirale auszuklinken, um Ruhe zu finden.

Eine neue Zeitrechnung beginnt

Auch bei uns wird sich 2024 einiges ändern. Im kommenden Jahr steht für meinen Sohn die wahrscheinlich größte Veränderung seines bisherigen Lebens an, der Schulbeginn. Das wird für uns alle ein neues Zeitalter, und ich gestehe, dass ich großen Respekt vor dieser Veränderung habe. Klar ist aber auch, dass es ihm eine neue Welt erschließen wird, neues Wissen, neue Wege und neue Freundschaften.

Wir als Familie schnaufen jetzt, am Ende dieses fordernden Jahres, noch einmal durch, und sammeln Kräfte für diese neue Ära. Gesund bleiben, sich um die Liebsten kümmern, ein offenes Ohr haben und bei all dem sich selbst nicht vergessen – das sind die Ziele, die mich dieses und sicher auch nächstes Jahr begleiten werden.

Für mich eigentlich schon genug für ein ganzes Leben.

Hallo 2023 du kleines Biest…

picture: pexels/Efrem Efre

So, jetzt ist es schon wieder fast Februar. Die letzten Wochen waren eine ziemliche Talfahrt, daher war es hier auch etwas ruhiger. Meine Gesundheit wurde nochmal richtig auf die Probe gestellt, sowohl physisch als auch mental war da einiges dabei, auf das ich lieber verzichtet hätte.

Einfach mal Ruhe geben – gar nicht so einfach

Nun geht es gesundheitlich endlich wieder bergauf und ich fühle mich nach Wochen und Wochen des kranken Herumsandelns wieder wie ich selbst, ohne Hals- oder Kopfweh, Schwindel oder Schnupfnase. Wie lang das gutgehen wird? Keine Ahnung, aber ein Gutes hatte die erzwungene Pause nach Weihnachten – ich musste einfach mal Ruhe geben. Was trotzdem immer dabei war, waren die Schuldgefühle, weil mein Mann sich nun weitgehend allein um Kind und Haushalt kümmern musste.

Warum das schlechte Gewissen? Ich glaube, das ist einfach ein Resultat der Gesellschaft, in der wir leben: Wenn wir nicht produktiv und nützlich sein können, erfüllen wir unseren „Zweck“ nicht. Eine Einstellung, die wir vor allem wir Frauen dermaßen verinnerlicht haben, dass wir sie kaum noch abstellen können.

Erst wenn die Alarmleuchten dunkelrot leuchten, wird uns vielleicht langsam klar, dass es nicht unser alleiniger Nutzen im Leben ist, etwas für andere zu tun. Sei es jetzt im beruflichen Kontext, oder im privaten: wir müssen nicht immer nur liefern, wir dürfen auch einfach mal nur sein. Nur existieren und wenn nötig, heilen. Uns nach innen richten, und nicht immer nur für das Außen zuständig fühlen.

Prio 1 ganz ohne Rechtfertigung

Von wem wir uns diese innere Ruhe abgucken können? Ihr ahnt es vielleicht, von den Männern in unserem Umfeld. Die wissen durch Erziehung und dank der sehr männerfreundlichen Strukturen in unserer Welt, dass sie durchaus das Recht haben, sich selbst auch mal für eine längere Zeit als Prio 1 zu sehen – und zwar ganz ohne Schuldgefühle oder Rechtfertigungsdruck.

Das ist gut und richtig, und so sollten wir es auch machen. Leichter gesagt als getan, ich weiß. Aber das ist ein Ziel, an dem ich 2023 arbeiten werde: Mich passend zu meinem (krank verbrachten) 40. Geburtstag mal auf das zu konzentrieren, was mich weiterbringt. Dinge wegzulassen, die mir nicht guttun.

Apropos, die 40… vor diesem Geburtstag hatte ich lange Zeit Angst. Weil es – zumindest in den Köpfen vieler Menschen – ein endgültiger Abschied von der heutzutage sowieso schon bis in die 30er hinein verlängerten Jugend ist.

Stärker und freier als früher

Sagen tut diese Zahl natürlich nicht viel über uns aus. Ich kenne viele wundervolle Frauen in ihren 40ern, die stärker, schöner und freier sind, als sie es vermutlich in ihren 20ern und 30ern jemals waren. Und die aber trotzdem oft mit ihrem Alter hadern, weil es eben ein Einschnitt ist, wenn man rein statistisch gesehen die Hälfte seines Lebens schon hinter sich hat.

Mich mit dieser Zahl anzufreunden und das 41. Lebensjahr zu „meinem“ Jahr zu machen, wird wahrscheinlich noch eine Weile dauern. Aber die Zeit nehme ich mir – für mich selbst. Und vielleicht wird 2023 ja dann wirklich mein Jahr…

Die Angst vor der Nacht

Foto von Hiva Sobhani

Wieviel Uhr ist es? Ein Uhr, zwei Uhr, drei Uhr? Der Kopf summt, die Augen brennen. Diese Nächte machen mir Angst. Seit mein Kind auf der Welt ist, habe ich oft Angst vor der Nacht. Woher das kommt? Die ersten Wochen mit Säugling daheim, stillend im Bett sitzen.

Ich musste mich vom Abend und von der Nacht verabschieden wie von zwei guten Freunden. Ich kämpfte gegen die Müdigkeit an. Damit mein Sohn das bekommt, was er braucht. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne richtigen Schlaf. Ich legte mich jeden Abend mit ihm ins Bett, stillend, haltend, leise flüsternd. Vor mir ein Gebirge aus schmerzhaften Schlafentzug. 

Ein Mount Everest aus Selbstaufopferung war nötig, um es zu bezwingen. Wenn ich oben am Gipfel war, und die Handyuhr drei Uhr nachts anzeigte, war es jedes Mal die längste Stunde meines Lebens.

Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, versteht es. Wie anders wir sind, wenn unser Körper sich erholen durfte. Wie viel besser unser Gehirn funktioniert. Und wie wenig wir auf die Reihe bringen, wenn wir nur noch im Sparmodus laufen.

Nur noch Nacht um Nacht um Nacht hinter uns bringen, endlose Nächte, immer wieder aufwachen, einschlafen, aufwachen, wegdösen, aufstehen. Funktionieren. Irgendwann war diese Zeit vorbei. Der Säugling war ein Baby war ein Kleinkind.

Aber die Angst vor der Nacht ist geblieben. Denn heute ist unser Sohn ein unruhiger Schläfer. Krankheiten und Alpträume, nächtliche Kinderängste und ungewohnte Geräusche bringen ihn um seine Ruhe.  

Jede Nacht wacht er auf und will wissen, dass er nicht allein ist auf der Welt. Ich glaube, das steckt in uns allen. Wir haben es uns nur abtrainiert. Wenn nach einer schweren Nacht das erste sanfte Licht durch die Rollläden schimmert, glaube ich wieder daran, dass es besser wird.

An die kinderlosen Menschen: Nein, diese Geschichte ist kein Grund für Mitleid. Menschen mit wenig oder fast keinem Schlaf wollen nicht bemitleidet werden. Aber wenn euch das nächste Mal ein Mensch mit Kind erzählt, dass sie oder er eine schwere Nacht hatte, dann versteht ihr vielleicht ein Stück besser, von welchem Gebirge derjenige gerade herabgestiegen ist. Und lasst ihn einen Moment ausruhen, ohne schlechtes Gewissen.

Summertime… and the living is… anstrengend.

pexels by Roy Reyna

Dieser Sommer hat es wirklich in sich: Rekordhitze, Corona-Comeback, und eine Kinderkrankheit nach der anderen… da hilft nur, es irgendwie mit Humor zu nehmen und sich ein paar altbewährte Kalendersprüche immer wieder vorzusagen.

Wo bitte ist das Sommerloch?

Vielleicht ist es auch nur meine ganz eigene Empfindung, aber von Sommerloch kann dieses Jahr irgendwie keine Rede sein. Das Klima hat uns die Zähne gezeigt in Form von fast unerträglichen Hitzewellen, was ein Spielen mit dem Kind draußen teilweise nicht möglich machte. Netter kleiner Zusatz an der Stelle: das Naturschwimmbad bei uns um die Ecke hatte die letzten Wochen wegen zu hoher Keimbelastung geschlossen.

Irgendwann hatte sich die sonst eisige Isar im Becken tatsächlich auf Badewannentemperatur erhitzt – ob das am beigefügten Babypippi liegt, sei dahingestellt. Die dahinwabernden grünen Algen im Becken jedenfalls rochen leicht muffig.

Ein Heuballen weht durch die einsamen Straßen

Blieb also nur das Kinderplanschbecken, in das mit Müh und Not mein Sohn reinpasst. Für mich erträgliche Temperaturen gab es frühestens ab 16.30, vorher braucht man unsere Terrasse gar nicht zu betreten wegen akuter Hitzeblasengefahr an den Füßen. Es ist wirklich niemand draußen um die Mittagszeit, toter als unser Innenhof ist nur noch eine Westernstadt, in der zu High Noon ein Heuballen verlassen durch die Straßen weht.

Wenn gen abends überall das Klirren gegeneinanderstoßender Aperolgläser die bleierne Stille durchbricht, kommt langsam das Leben zurück in die Straßen. Aber aufgepasst bei zu viel Geselligkeit: Viele trinken zwar schon wieder mit einem Augenzwinkern eiskaltes Coronabier, weil was soll man sonst machen… aber wir wissen ja, dass das Virus sich auch grad nur an irgendeinen kühlen Ort zurückgezogen hat – bereit, im Herbst bei sinkenden Temperaturen wieder voll aufzudrehen und uns hämisch zuzugrinsen.

Beruhigend: Die Schulen bleiben auf!

Es häufen sich schon wieder die Corona-Fälle in meinem Umfeld, und Herr Lauterbachs Medienpräsenz nimmt wieder zu. Nein, nicht der Schauspieler, der Gesundheitsminister. Ein neues Infektionsschutzgesetz steht in den Startlöchern, das uns diesmal aber auch wirklich zeigen soll, wie gut wir auf die nächste Welle vorbereitet sind. Die Schulen bleiben auf, so die Ansage. Wie viel das aber bringt, wenn die Hälfte der Kinder und ihre Familien mit Corona zu Hause sitzen, nobody knows.

Und die Kinderkrankheiten? Für dieses Jahr haben wir, respektive ich, diverse Erkältungen, das Epstein-Barr-Virus, zwei Magen-Darm-Verstimmungen und die Hand-Mund-Fußkrankheit bereits abgehakt, und ach ja im Februar war ja Corona. Die letzten Tage (ohne Kindergarten, der hat zu) waren bestimmt von einer erneuten fiesen Erkältung, die mein Sohn und mein Mann gut, ich weniger gut wegsteckte.

Wir nehmen nur ausgesuchte Spezialitäten mit

An dieser Stelle muss ich es leider mal sagen: Ich kann den Spruch „Ihr nehmt aber auch alles mit“ nicht mehr hören. Nein, wir nehmen nicht ALLES mit, sondern nur ausgesuchte Spezialitäten. Unser Sohn geht in einen Kindergarten mit Kita im selben Haus, das heißt ein Großteil der im KiGa eingeschleppten Krankheiten wurde von Geschwisterkindern aus der Kita bereits liebevoll vorgetestet und dann vertrauensvoll an die Größeren weitergegeben.

Das gepaart mit der anständigen Gruppengröße von 24 Kindern und nochmal derselben Gruppengröße im Zimmer nebenan. Wie viele Kinder sich morgens und nachmittags zu den Bring- und Abholzeiten gleichzeitig in der Garderobe anziehen und anniesen, kann ich nur erraten. Wer hier nicht alle paar Wochen krank ist, muss Superman sein.

Die Lautstärke schwillt an, die Nerven werden dünner

Was sonst noch los war? Sohnemann entdeckt mehr und mehr, wieviel Spaß es macht, einfach „Weil ich es will!“ zu brüllen, wann immer seinen Wünschen nicht sofort entsprochen oder deren Sinnhaftigkeit in Frage gestellt wird. Auch bei mir ist die Lautstärke, parallel zu den immer dünner werdenden Nerven, immer öfter mal angeschwollen. Versucht man, ihn von etwas abzuhalten, zählt er (vermutlich) innerlich bis 5 und macht es dann noch genau 5 Mal.

Meine Kraft reicht nicht mehr für Diskussionen, nur mehr für Ansagen. Dass das ein Kind in der Autonomiephase nicht versteht, ist mir klar. Dennoch kann ich gerade nicht so auf ihn eingehen, wie es vermutlich richtig wäre. Mir bleibt nur, mich in 80 % der Diskussionen hart zusammenzureißen, und die restlichen 20 % Geschrei und Strafen-Angedrohe mit ihm hinterher zu besprechen, wenn wir uns wieder beruhigt haben.

Kalendersprüche helfen einfach immer!

Manchmal beruhigt sich auch einfach gar nichts, und die Stimmung bleibt mies. That’s life, denke ich mir dann, nobody’s perfect und noch tausend andere Kalendersprüche, Mama ist eben auch nur ein Mensch. Und noch dazu einer der sich dank Husten „anhört wie der Marlboro Man“. Naja, wie sagte schon meine Mutter immer? Zu irgendwas muss es ja gut sein.

Der Sommer, wir und unsere Körper.

Foto: pexels by Anna Shvets

Sommer… gerade versuche ich, ihn so intensiv zu genießen, wie es nur geht. Corona und alles, was es mit sich bringt, ist ja nur einen Nieser entfernt. Doch jeden Sommer wird mir wieder bewusst, wie hart wir Frauen mit unserem Körper umgehen, und wie schwierig unser Verhältnis zu ihm ist.

Sich selbst sehen – und gesehen werden

Ich war diesen noch sehr jungen Sommer schon einige Male im Freibad. Für viele, darunter auch mich, birgt allein das Wort Freibad schon eine Masse an Problemen: Im Freibad muss ich meinen Körper zeigen, ich kann nichts verstecken, kaschieren oder ignorieren. Und nicht nur mir selbst wird mein Körper bewusst vor Augen geführt, sondern auch allen um mich herum.

Quasi eine doppelte Konfrontation mit den eigenen Komplexen, Unzulänglichkeiten, vermeintlichen Problemzonen. Man sieht sich selbst, und wird dabei auch noch von anderen gesehen.

Eine Flut an Beinen, Hintern und Bäuchen

Im Sommer ist das extrem: Eine Flut an Beinen, Hintern, Bäuchen, Armen um mich herum, und der innere Zwang, sich mit jedem einzelnen, der vobeigeht, zu vergleichen. Mühsam den Geist davon abzubringen, immer nur um den eigenen Körper zu kreisen – das ist wohl ein Problem, das in dem Ausmaß nur Frauen und Mädchen kennen.

Unser Blick ist dabei in den wenigsten Fällen milde und behutsam. Wir sind Scharfrichter unserer eigenen und der Körper anderer Frauen. Sehen alles, bewerten alles, werten alles ab. Wie sehr ich mir nur im Bikini meines eigenen Körpers überbewusst bin, merke ich daran, wie ich bei jeder Bewegung, bei jeder Pose an mir heruntersehe. Wie sieht mein Bauch gerade aus, welches Licht wirft die Sonne gerade auf meine Schenkel? Geht es einigermaßen oder sieht es furchtbar aus?

Ich genieße einfach nur die Wärme

Und dann, kaum habe ich das etwas zu lange T-Shirt drübergezogen, fällt eine Last von mir ab. Ich bewege mich plötzlich wieder natürlicher, checke nicht ständig das Licht und meine Körperhaltung, sondern genieße einfach nur die Wärme und das Wasser. Ich kann wieder ich sein, und wünsche mir, mich immer so zu fühlen. Mein ganzes Leben lang.

Nur im Sommer wird mir bewusst, welche tiefe Körperscham uns Frauen schon seit der Kindheit eingepflanzt wird. Und wie wenig das mit dem zu tun hat, was Jungs und Männer über ihre Körper lernen.

Keine Energie mehr, um Dinge in Frage zu stellen

Unser Frauenkörper gehört uns nicht: Er soll unser Tempel sein, unser Haus, aber es gehen ständig fremde Leute darin ein und aus. Unser Haus ist permanent renovierungsbedürftig, egal wie viel Arbeit und Zeit wir investieren. Dass das Patriarchat aka unsere Gesellschaft an diesem Gefühl einen gehörigen Anteil hat, wissen wir inzwischen. Wer sich ständig mit seinem Körper beschäftigt und immer neue Baustellen entdeckt, der verwendet nicht viel geistige Energie darauf, Dinge in Frage zu stellen. Und der belässt vor allem die Entscheidung, ob der eigene Körper liebens- und begehrenswert ist, immer bei anderen.

Egal, wie einverstanden ich mit meinem eigenen Körper bin, es reicht nur ein abwertender Kommentar von einer anderen Person, egal ob Mann oder Frau, und schon stürzt das Kartenhaus ein und die Selbstzweifel überrollen mich. Übrigens sind solche Kommentare nicht weniger schlimm, wenn sie von Nahestehenden oder sogar Familienmitgliedern kommen – sondern im Gegenteil besonders verletzend.

Schon wieder ein neues Ideal

Besonders im Sommer merke ich: Wir werden klein gehalten durch unsere Körper. Wir bleiben beschäftigt durch unsere Selbstoptimierung. Der üble Witz am Ende ist nur, dass nicht einmal wir darüber entscheiden, wann Schluss ist. Spoiler-Alarm: Schluss ist niemals, denn bis wir endlich den flachen Bauch und die straffen Schenkel unserer Träume haben, gibt es schon wieder ein neues Ideal, das erreicht werden muss. Den Wettlauf gegen die Zeit und den Zeitgeist können wir einfach nicht gewinnen.

Diesen Sommer möchte ich frei sein

Diesen Sommer möchte ich so gerne aufhören mit dem Renovieren meines „Hauses“. Möchte mich nicht verrückt machen damit, dass ich in einigen Wochen in den Urlaub ans Meer fahre, und dann wieder fremde Leute meinen Körper begutachten. Diesen Sommer möchte ich mich so frei fühlen, wie sich die Männer um mich herum mit ihren Hängebäuchen, behaarten Rücken, spindeldürren Beinen und schlaffen Oberarmen fühlen. Die tragen ein inneres „Take it or leave it“-Schild mit sich herum und bestellen sich lustvoll das dritte Weißbier, während sie sich Mayo über die Pommes kippen.

Diese Glücklichen, sie haben einfach die Tür zu ihrem Haus zugesperrt – und wohnen gerne darin.

Warum bekommen wir eigentlich noch Kinder?

Photo by Tatiana Syrikova from Pexels

Wann immer ich mit kinderlosen Freundinnen über Kinder spreche, kommt irgendwann die Frage auf, warum eigentlich überhaupt Kinder? Die Welt macht gerade einiges durch, die Jahrhundertereignisse häufen sich, jetzt gibt es sogar Krieg. Dazu kommen der private Stress, die Sorgen, die Kosten… ja, warum eigentlich?

Ich war innerlich Null darauf vorbereitet

Als ich schwanger wurde, brach für mich im ersten Moment eine Welt zusammen. Es kam recht unerwartet, ich hatte es nicht darauf angelegt und war innerlich Null darauf vorbereitet. Ich genoss mein Leben in Freiheit und ohne Einschränkungen.

Zwar hatte ich dann 10 Monate Zeit, um mich auf die Ankunft des neuen Erdlings einzustellen, aber NIEMAND, wirklich niemand kann uns vorbereiten auf das Gefühl, wenn das Kind dann endlich da ist. Diese Erschöpfung, diese Überforderung, diese Neugier auf das kleine Wesen da in deinen Armen. Ich gebe zu, die alles überflutende Liebe auf den ersten Blick konnte ich nach mehreren Stunden Wehensturm und einem nicht geplanten Kaiserschnitt nicht gleich empfinden.

Vorher selbstbestimmt, dann ohnmächtig

Ich war vor der Geburt ein selbstbestimmter Mensch gewesen, und währenddessen ohnmächtig dem ausgeliefert, was da in meinem Körper und außerhalb passierte. Als ich mit meinem neugeborenen Sohn nach Hause kam, war ich erstmal wie betäubt.

Zum ersten Mal in deinem Leben übernehmen wir voll und ganz Verantwortung für ein Menschenleben. Und gefühlt die ganze Welt sieht uns dabei zu und beurteilt, ob wir unsere Sache auch gut machen. Mein strengster und unerbittlichster Kritiker sollte in den nächsten Wochen und Monaten aber ich selbst sein. Ich gab diesem kleinen Wesen alles, was ich hatte, und noch mehr.

Die Grenze war nach oben offen

Und doch häuften sich die Momente, in denen ich dachte, es sei nicht genug. Die Liebe, die ich empfand, sei nicht genug. Die Zuwendung, das Stillen, das Tragen und Streicheln, es gab keine Grenze nach oben, keinen Feierabend, keinen Abstand von diesem kleinen Menschen. Ich war permanent im Ausnahmezustand, rund um die Uhr zuständig und völlig erschöpft.

Der kleine Kerl war kein Anfängerbaby, er ging gleich aufs Ganze. Neugierig, unruhig, und von meiner leider recht unsensiblen Nachsorge-Hebamme als „Zappelphilipp“ gleich in eine Schublade sortiert, machte er es mir schwer, auch nur wenige Minuten am Tag zu entspannen.

Leider können wir einem anderen Menschen, selbst wenn die Person noch so einfühlsam ist, nie ganz klarmachen, was für ein Gefühl es ist, diese Verantwortung als Mutter am eigenen Leib zu spüren. Natürlich gibt es Personen, die im selben Maße Verantwortung übernehmen für ein Neugeborenes, dazu muss man nicht stillen oder gebären können.

Keine Gruppe wird so hart beurteilt

Es gibt in unserer Gesellschaft kaum eine Personengruppe, die für Ihre Dienste an anderen Menschen mehr in den Himmel gehoben und gleichzeitig brutaler beurteilt wird als die der „klassischen“ Mutter. Die Verantwortung als Mutter kennt keine Grenzen, im Grunde wird man ein Leben lang dafür zur Rechenschaft gezogen, was für einen kleinen und später großen Menschen man da „produziert“ hat – im Guten wie im Schlechten.

Ich kannte mich in den nächsten Monaten und Jahren selbst nicht mehr richtig, und schenkte mir selbst sicher nicht die Aufmerksamkeit, die ich gebraucht hätte. Nach der Elternzeit wunderten sich meine Kolleginnen darüber, warum ich mir Dinge nicht merken konnte, warum man mir alles mehrmals erklären musste. Hätten sie in meinen Kopf sehen können, hätten sie dort zwei unterschiedliche Hälften gesehen.

Zwei ungleiche Hälften ergeben erstmal Chaos

Die Kinder-Hälfte und die Arbeits-Hälfte. Und hätten vielleicht verstanden, dass zwei ungleiche Hälften nicht ein Ganzes ergeben, sondern einfach nur Chaos. Wieviel Kraft es mich jeden einzelnen Tag gekostet hat, zuerst der einen Hälfte, und dann der anderen Hälfte so gut es geht gerecht zu werden. Und dabei immer wieder das Gefühl zu haben, zu scheitern.

Jetzt ist mein Sohn gerade vier Jahre alt, und mein altes Ich kommt langsam zurück – mit ein paar hilfreichen neuen Skills. Die sogenannte Stilldemenz ist nur noch eine blasse Erinnerung, die zerrissenen Nächte der Baby- und Kleinkindzeit eines von vielen Puzzleteilen, die irgendwann das Bild seiner Kindheit ergeben werden. Wann immer ich die Fotos ansehe, die wir kurz nach seiner Geburt gemacht haben, merke ich, wie ich diese Zeit immer mehr in meiner Erinnerung verkläre. Und ich wünsche mir, dass ich die Baby-Zeit mit ihm so hätte genießen können, wie ich es heute vermutlich täte.

Die Entscheidung für ein Kind ist endgültig

Es gab oft genug Momente, in denen ich nicht mehr konnte. Mich einfach ins Badezimmer einschließen und ihn schreien lassen wollte. Niemandes Bedürfnisse mehr erfüllen wollte. Aber ein Kind kann man nicht zurückgeben. Die Entscheidung, es auf die Welt zu holen, ist unwiderruflich. Und das macht Angst. Warum tun wir es also trotzdem? Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet und ob wir die Entscheidung vielleicht ein Leben lang bereuen?

Die Momente, die ich bisher ohne meinen Sohn war, haben mir die Antwort darauf gegeben. Versteht mich nicht falsch: Ich habe die freie Zeit genossen, ausgekostet und mir gewünscht, dass sie noch länger andauert. Habe alles getan, was ich sonst in seiner Gegenwart nicht tun kann. Und habe mich wieder so gefühlt wie damals, bevor es ihn gab. Mein altes Ich ist mit Schalk im Nacken hervorgekommen und hat mich zum Tanzen aufgefordert.

Auf einmal war mein Herz leer ohne ihn

Doch dann, wenn ich meine Freiheit genug ausgekostet hatte, war mein Herz auf einmal leer ohne ihn. Ich hatte alles ohne ihn getan, aber es war nicht mehr genug. Erst als er wieder durch die Tür rannte und mich anlächelte, war der Herzschmerz vorbei. Er ist ich, und ich bin er. Wir sind zwei Hälften, die immer verbunden sein werden.

Die Liebe für ihn ist die größte und ehrlichste Liebe, die ich jemals empfunden habe. Und die Liebe, die ich von ihm bekomme, bringt mein Herz zum Schmelzen. Deshalb bekommen wir Kinder.

Über Wurzeln, Wut und Kinder Gottes.

Trotz Jugend in einer katholischen Mädchenschule spielt Religion heute keine Rolle mehr in meinem Leben. Nun treten meine Eltern aus der Kirche aus. Warum mich das mehr bewegt, als ich gedacht hätte.

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Wenn ich Fremden von meiner Kindheit und Teenagerzeit erzähle, schmunzeln die Leute, bemitleiden mich oder grinsen im schlimmsten Fall ein bisschen anzüglich. Weil ich auf ein katholisches Mädchen-Gymnasium gegangen bin, das von Dominikanerinnen geleitet wurde. Weil ich keine Jungs in meiner Klasse, dafür aber Nonnen als Lehrerinnen hatte. Zwar nicht nur, aber auch.

Warum musste es eine Mädchenschule sein?

Meine Eltern und ich hatten uns nach der Grundschule für dieses Gymnasium entschieden, weil schon nach den vier Jahren Grundschule klar war, dass ich eine ausgeprägte Begabung für Sprachen, nicht aber für Naturwissenschaften habe. Auf diesem Gymnasium wurde ein sozialwissenschaftlicher Zweig mit Französisch als Fremdsprache angeboten, damals noch eine Seltenheit in München.

Warum es unbedingt eine Mädchenschule sein musste? Weil ich in der Grundschule die Jungs die meiste Zeit eher als lästig empfunden hatte. Der Gedanke auf Unterricht ohne Jungs war für mich nicht schlimm, sondern eher verlockend. Die Schule war nicht weit von unserer Wohnung entfernt, und der religiöse Background war kein Hindernis, im Gegenteil.

Meine Eltern verorteten sich als gläubige Menschen, wir gingen ab und zu in die Kirche und alle in meiner Familie waren getauft. Ich selbst hatte Kommunion und Firmung mitgemacht, ohne irgendetwas davon zu hinterfragen. Ich denke es kam meinen Eltern damals nicht in den Sinn, dass sich unser Verhältnis zum Glauben und zur katholischen Kirche eines Tages derart wandeln würde.

Schrullige Wesen von einem anderen Planeten

Die Nonnen gaben ihr Bestes, einige von ihnen waren sogar ziemlich gute Lehrerinnen. Wenn ich heute erzähle, dass wir zwar im Religionsunterricht Gebete auswändig lernen und Lieder für hohe Feiertage einstudieren mussten, uns aber in Biologie und Physik der ganz normale deutsche Lehrplan serviert wurde, inklusive Sexualkunde bei Schwester Ursula, können das viele nicht ganz glauben.

Für mich und viele meiner Mitschülerinnen waren die Schwestern einfach schrullige ältere Damen, niedliche Weiblein, die genauso gut von einem anderen Planeten hätten kommen können. Sie waren für uns weder ernstzunehmende Vorbilder noch abschreckende Negativbeispiele dafür, wie man als Frau sein Leben leben kann.

Aber je älter ich werde, umso mehr merke ich, dass ich abseits von Vaterunser und biblischen Geschichten aus meiner Kindheit doch etwas mitgenommen habe – nämlich die Erinnerung an diese Zeit als etwas heimeliges, familiäres. Ein gewisser Zusammenhalt, ein Gefühl von Aufgehobensein. Meine Firmung in unserer Gemeinde war für mich etwas Aufregendes und gefühlt wirklich ein kleiner Eintritt ins „Erwachsenenleben“. Ich fuhr mit meiner Firmgruppe sogar für ein paar Tage an die Amalfiküste. Ein Diakon war dabei, der sich gar nicht erst die Mühe machte, uns Teenager vom Alkohol fernzuhalten.

Die Entscheidung traf mich unerwartet hart

Vielleicht sehnt man sich als Jugendlicher auch einfach nach Zugehörigkeit. Wieviel davon antrainiert war, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es mich unerwartet hart traf, als meine Eltern mir neulich erzählten, dass sie beschlossen haben, aus der Kirche auszutreten.

Schon lange habe ich mich mit dem Gedanken herumgeschlagen, auszutreten. Mein Kind ist nicht getauft und mein Mann könnte von allen religiösen Gefühlen nicht weiter entfernt sein. Irgendetwas hielt mich bisher immer davon ab. Aber meine Eltern? Dass sie mit Mitte 70 der Kirche, der sie sich ein ganzes Leben lang verbunden gefühlt haben, so endgültig den Rücken kehren wollen, schockte mich dann doch.

Katholischer kann man kaum sein

Meine Vorfahren kommen aus Böhmen und haben sich am Schliersee angesiedelt. Erzkatholischer kann eine Ahnengeschichte kaum sein, außer man kommt vielleicht aus Polen oder dem südlichen Italien. Meine Mutter wuchs dort auf, ebenso ihre Schwester. Der Rest unserer Familie mütterlicherseits baute sich dort nach der Flucht aus Böhmen mühsam eine neue Existenz auf.

Ein unzertrennlicher Familienclan mit einem Patriarchen als Oberhaupt, der es durch harte Arbeit und Glück am Ende zu einer eigenen Fabrik und einem kleinen Hotel im Ort gebracht hatte. Heute ist von Hotel und Fabrik nichts mehr übrig, aber die Geschichten aus der alten Zeit habe ich als kleines Kind immer gern gehört. Sie haben mir dabei geholfen, meine Wurzeln zu verstehen und mich irgendwo zugehörig zu fühlen.

Katholisch zu sein war damals keine Wahl, es war eine Entscheidung, die jemand anderer bereits für dich getroffen hatte, lange bevor du selbst dazu in der Lage warst. Und mein Vater? Der kommt aus dem tiefsten Westfalen und macht gerne Scherze darüber, dass in seinem Geburtsort als einem der letzten Orte in Deutschland noch Hexen verbrannt wurden.

Vertuscht, verpfuscht und dreist gelogen

Wie enttäuscht muss man sein von seiner Kirche, um sich von seiner gesamten Kindheit und Jugend loszusagen? Sehr enttäuscht, wie sich nun herausstellte. Nach der verpfuschten Aufarbeitung der Missbrauchsfälle durch die katholischen Priester, all den vertuschten Gutachten und halbgaren Entschuldigungen und einer offensichtlichen dreisten Lüge des ehemaligen Papstes Benedikt, war es dann doch genug.

Meine Eltern sind wütend darüber, dass Priester im Namen des Glaubens Kinder missbrauchen. Dass meine Eltern selbst nun einen kleinen Enkel haben, der theoretisch in die Fänge eines pädophilen Priesters geraten könnte, spielt bei dieser Wut sicherlich auch eine Rolle. Denn dass Priester seit Jahrhunderten ihre Macht gegen die Schwächsten ausspielen, ist und war nie ein Geheimnis. Sie sind auch enttäuscht darüber, wie wenig die Kirche während der Pandemie in Erscheinung getreten ist. Wie viel mehr diese unglaublich reiche Firma hätte tun können, um den Menschen in Not zu helfen. Stattdessen die Schlagzeile, dass eine katholische Stiftung in München Mitwohnungen bauen lässt, und dafür bei den Mietpreisen ordentlich hinlangt.

Soviel Leid durch eine einzelne Institution

Ich verstehe die Entscheidung meiner Eltern. Auch ich werde in nächster Zeit aus der Kirche austreten. Ich möchte einer Institution, die soviel Leid angerichtet hat, und mich als Frau wie eine Dienerin behandelt, nicht noch mein Geld hinterhertragen. Auch wenn das heißt, mich von einem Teil meiner Jugend zu trennen, an den ich mich im Großen und Ganzen gern erinnere. Und mich von dem Gedanken zu verabschieden, dass meine Eltern doch bitte alles immer so lassen sollten, wie es war.

Ich selbst habe eigentlich nie an Gott geglaubt, schon gar nicht explizit an einen als männlich definierten Gott, wie mir im Nachhinein klar wird. All das Beten, Singen und Beichten in meiner Jugend hat in meiner Seele oder meinem Kopf nicht den katholischen Glauben verankert, der in der Kirche gelehrt wird.

Behandle Menschen, wie du selbst behandelt werden willst

Stattdessen bilde ich mir ein, dass ich ein paar Werte mitgenommen habe, die mir bis heute wichtig sind, und die ich gern an meinen Sohn weitergeben möchte. Schlicht und einfach ein paar Gebote, von denen das einfachste lautet, behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Diese Gebote müssen nicht in Steintafeln gemeißelt sein, damit ich sie ernst nehme.

Mein Patensohn ist jetzt 14 Jahre alt, wurde vor kurzem mittem im Pandemiechaos gefirmt und engagiert sich in seiner Kirchengemeinde. Er ist – zumindest empfinde ich es so – nicht besonders religiös und hört in seiner Freizeit am liebsten US-Gangsterrap. Gerade ist er unglücklich in ein Mädchen aus seiner Klasse verliebt, und ich schätze er wird mit dem Sex eher nicht bis zur Ehe warten.

Einfach nur irgendwo dazugehören

Ich weiß nicht, ob er wirklich an die Existenz eines Gottes glaubt. Ich denke, auch er möchte einfach nur irgendwo dazugehören. Seine Firmung war vermutlich das letzte Mal, dass ich als Katholikin einen Fuß in eine Kirche gesetzt habe.

Meine Eltern haben ihren Frieden mit ihrer Entscheidung geschlossen. Meine Mutter sagte, sie könne ja trotzdem noch in eine Kirche gehen, wenn ihr danach sei. Die Wurzeln sind noch da, aber die Wut ist eben einfach zu groß.

Fake it till you make it!

Selbst erfolgreiche und selbstbewusste Frauen kämpfen ihr Leben lang mit starken Selbstzweifeln – das sogenannte Hochstapler-Syndrom. Auch ich kenne das Gefühl sehr gut. Warum wir uns immer wieder selbst klein machen.

Photo by cottonbro from Pexels

In einer Zeit vor Corona und dem Home Office gab es Momente, da beneidete ich meine männlichen Kollegen in jedem Meeting. Sie forderten selbstbewusst Redezeit ein, erhoben ihre Stimmen und bekamen am Ende, was sie wollten. Der Kollege mit den verworrensten Gedankengängen verteidigte diese in der Regel am glühendsten.

Nonsense reden? Kein Problem!

Er trug seine Argumente derart überzeugt vor, dass niemand es wagte, ihm ins Wort zu fallen und die Sache abzukürzen. Oft genug fiel er anderen, kompetenteren Kolleginnen ins Wort. Er verzapfte den größten Nonsense und schien sich dabei rundum wunderbar zu fühlen. Auf magische Weise kam dadurch auch sonst niemand auf die Idee, ihn oder seine Position in Frage zu stellen.

Warum ich und viele meiner Kolleginnen es nicht genauso machten? Weil wir niemandes Zeit vergeuden wollten. Weil wir damit rechneten, dass sobald wir den Mund aufmachen, jemand unsere Meinung in Frage stellen oder unsere Argumente auseinandernehmen würde. Dass in letzter Konsequenz jemand zu uns sagen würde: Du hast doch gar keine Ahnung, worum es hier geht. Warum mischst du dich ein?

Angst, nicht am richtigen Platz zu sein

Diese Angst, eigentlich nicht am richtigen Platz zu sein, seine Erfolge nicht verdient zu haben und deshalb kein Recht auf ein selbstbewusstes Auftreten zu haben – diese Angst kennt Studien zufolge jeder zweite von uns, oder hat zumindest einmal im Leben dieses Gefühl. Hochstapler-Syndrom oder auf Englisch, Impostor Syndrome nennt sich das.

Frauen sind dabei genauso betroffen wie Männer, sie gehen nur anders damit um. Kein Wunder, schließlich leben wir in einer Welt, die es Frauen jeden Tag aufs Neue schwer macht, sich ihren Platz zu erstreiten. Wir sind es gewöhnt, Tag für Tag sowohl äußerlich als auch beruflich mit den härtesten gesellschaftlichen Kriterien bewertet zu werden – und meistens in irgendeinem Punkt nicht zu genügen.

Klappt etwas, ist es Zufall

Irgendjemand ist immer da, der unsere Schwachpunkte aufdeckt und sich voller Lust in unserer Achillesferse verbeißt, nur damit wir am Ende schwach und entmutigt aufgeben. Ob im Beruf oder selbst im Straßenverkehr, wir werden unterschätzt. Klappt doch mal etwas, dann war das Glück oder Zufall, aber kein eigenes Können.

Klingt drastisch und leicht übertrieben? Dann einfach mal eine kleine Übung für zwischendurch: Wie oft am Tag tun oder sagen wir Dinge nicht, weil wir Angst vor einem schlechten Urteil haben? Weil wir keinen Unmut auf uns ziehen und uns ins Abseits schießen wollen? Oder weil wir unsere Meinung schlicht für unwichtig erachten?

Ich selbst bekomme Beklemmungen, wenn ich als einzige Frau in einem Raum voller Männer meine Position verteidigen soll. Automatisch gehe ich davon aus, dass alle um mich herum kompetenter, durchsetzungsstärker oder einfach schlauer sind als ich.

Der Reflex, sich klein zu machen

Klassischer Fall: das Bewerbungsgespräch. Fake it till you make it ist ja ganz schön, aber wenn es um das berufliche Fortkommen in einem neuen Job und damit ja auch um die nächste Zeit im Leben geht, setzt bei mir oft genug der Reflex ein, mich selbst kleiner zu machen als ich bin.

Und schlagartig ist alles Wissen, das ich mir hart erarbeitet habe, sind alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, nichts mehr wert. Das Reptilienhirn sendet Angst in meine Magengrube und ich stelle innerlich jeden Satz, den ich sage, dreimal in Frage. Lasse mich runterziehen von dem Gefühl, den anwesenden Personen etwas vorzuspielen, das ich nicht bin, und Kenntnisse vorzugaukeln, die ich nicht habe. Und warte auf den Moment, an dem ich als fehl am Platz enttarnt werde. „Wir dachten, sie hätten hier bereits Vorkenntnisse?“ ist so ein Horrorsatz.

Die Strategie: noch härter an sich arbeiten

In unzähligen Gesprächen mit Freundinnen habe ich herausgefunden, dass ich damit nicht allein bin. Es lässt sich nur selten jemand anmerken. Menschen, die in ihrem Leben schon soviel erlebt und gemeistert haben, dass sie darüber ein Buch schreiben könnten – sie sitzen mir gegenüber und das ganze Gesicht ist ein einziger qualvoller Selbstzweifel. Oft genug ist die Strategie bei Frauen dann, einfach noch härter an sich selbst zu arbeiten. Noch mehr Selbstoptimierung, noch strengere Regeln für uns selbst und größerer Einsatz für die Sache, damit niemand auf die Idee kommt, uns Hochstaplertum zu unterstellen.

Ein bisschen fake heißt nicht ganz fake

In solchen Situationen für einen Moment ganz zu mir selbst zurückzukehren, ist meine Strategie. Mir selbst im Schnelldurchlauf ein paar Momente aufzuzählen, auf die ich stolz bin. Situationen, in denen ich mich bewiesen habe. Und mir selbst klarzumachen, dass ein bisschen faken im Gegenzug nicht heißt, dass man von vorne bis hinten fake ist – sondern dass es ein Mittel zum Zweck ist, um weiter zu kommen, in einer Welt die uns das weiterkommen sehr schwer macht.

Dass ich genauso wie alle anderen das Recht habe, Dinge nicht zu wissen und dazuzulernen. Und dass es in Ordnung ist, den Platz einzunehmen, der richtig für mich ist, mit allen meinen Stärken und Schwächen. Wirklich unfähig ist nur, wer aus seinen Fehlern nichts lernt.

Frühling, Sommer, Herbst und… Stopp!

Bei mir ist es fast jedes Jahr dasselbe – mit voller Wucht schlittere ich in die Endjahresüberforderung. Und das nicht erst, seit ich Mutter bin und Corona die Welt beherrscht. Woher kommt das plötzliche Gefühl, dass alles zu viel wird?

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Es gibt Freunde und Kolleginnen von mir, die drehen gegen Ende des Jahres nochmal richtig auf. Sie sprühen vor Energie, wollen gerne noch alles, ALLES auf ihrer To-Do-Liste bis zum Glockenschlag des neuen Jahres erledigt haben. Und scheinen es regelrecht zu genießen. Sie geraten in einen Abarbeitungsrausch, bei dem selbst die Steuererklärung noch Glücksgefühle auslöst.

Ironman-Marathon in der Innenstadt

Master-Challenge: der Geschenkekauf, bei dem die fleißigen Tierchen vier Wochen vorm großen Fest zu Höchstleistungen auflaufen und die Münchener Innenstadt in einem Ironman-artigen Kaufmarathon von hinten aufrollen. Erste Etappe: 10 Kilometer Douglas-Regale Parfümaussuchen für Mutter, Oma und Schwester bis die Nase raucht, danach 5 Kilometer Hugendubel-Freistil, dabei die auswändig gelernte Spiegel-Bestsellerliste vor Augen, und zum Schluss noch die 500 Meter Karstadt Spielzeugabteilung inklusive feindseliger Verkäuferin in unter 60 Minuten.

No hate, ich wäre auch gerne so.

Bin ich aber nicht. Sobald das erste Mal Last Christmas im Radio dudelt, legt sich in meinem Kopf ein Schalter um, und ich möchte mich am liebsten in meiner Höhle verkriechen, alle schrecklichen Weihnachtsfilme mit Heike Makatsch hintereinander gucken und nichts und niemanden mehr sehen müssen. So zuverlässig wie mein monatliches PMS überkommt mich Mitte, Ende November die absolute und totale Lustlosigkeit.

Jeder Termin, jede Aufgabe wird zur Hürde, die es noch zu überwinden wird. Ein regelrechter Psycho-Lockdown im Kopf. Seltsamerweise gibt es für mich genau in dieser anstrengenden Zeit auch immer noch Projekte, auf die ich entweder überhaupt keine Lust habe, oder die mich vor große Herausforderungen stellen. Als wollte das vergangene Jahr noch ein letztes Mal beweisen, dass ich mich noch lange nicht zurücklehnen darf. Geistige Kapazitäten habe ich dafür dann aber leider kaum noch übrig. Im Gegenteil: Ich bin kurz vorm Weinkrampf, wenn der Lachs zum Abendessen nicht richtig aufgetaut ist. Gerate mental aus der Puste, wenn die Zimmerpflanze auf der Heizung gelbe Blätter bekommt.

Wir heulen uns gnadenlos gegenseitig voll

Gleichzeitig möchte ich natürlich niemanden mit meinem desolaten Zustand belästigen. Ausgenommen Leute, denen es annährend genauso geht. Dann jammern wir los, und heulen uns gnadenlos gegenseitig die Ohren voll mit unseren Alltags-First-World-Wehwehchen. Bestärken uns in unserem Blues, und wundern uns gemeinsam darüber, dass es doch wirklich jedes Jahr dasselbe ist.

Eine Kleinigkeit hätte ich hierbei fast vergessen – die Coronazahlen brechen ebenfalls gerade alle Dämme. Viele um mich herum sind, was das angeht, immer noch im Sommer-Sonne-Sorglosmodus unterwegs. Oder im „Dann lass ich mich halt doch mal langsam impfen“-Modus. Oder sie sprechen schlicht und einfach nicht über den Wahnsinn, der da draußen tobt. Menschen mit Kindern sind hier die Ausnahme: Sie malen sich den bevorstehenden Winterviren-Coronacocktail in Kita und Kindergarten in den saftigsten Farben aus. Für uns Eltern ist es nämlich momentan eher reine Glückssache, wenn wir und unsere ungeimpften Kinder sich nicht irgendwo anstecken.

Kein Platz für Befindlichkeiten

Die Covid-Alarmglocken schrillen gerade in allen Medien zu Recht dermaßen laut, dass für die eigenen Befindlichkeiten eigentlich kein Platz sein sollte. Vielleicht ist aber gerade das Konzentrieren auf die kleinen Überforderungsgefühle im Alltag eine von vielen Strategien, um nicht ständig über das eine GROSSE Problem nachdenken zu müssen. Das große C, das uns vielleicht auch dieses Jahr wieder das Weihnachten und Silvester mit Familie und Freunden vermiesen wird. Schon ist von Kontaktbeschränkungen und einem bevorstehenden Horror-Winter die Rede. Das letzte bisschen urdeutsche Wintertradition, das Christkindlmarkt-Besäufnis, wurde bereits in letzter Minute gecancelt, die Zeichen stehen also auf Apokalypse.

Vielleicht rege ich mich einfach noch ein bisschen über das Laub im Hof und den faulen Hausmeister auf, anstatt darüber nachzudenken, dass das neue Jahr genauso schlimm starten könnte, wie das alte vermutlich aufhören wird. Und greife zu Rechen und Schubkarre. Wenn ich fertig bin, ist dann wenigstens in meinem kleinen Garten ein bisschen Ordnung.

Julian Reichelt oder die alte Geschichte

Der Sturz des Bild-Titanen Julian Reichelt geht gerade durch alle Medien. Wieder einmal wundern sich alle, was Männer so treiben wenn man sie nur lässt. Kommt uns Frauen doch bekannt vor, oder?

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Wer als Frau in der Medienbranche arbeitet oder gearbeitet hat, wer in einer Werbeagentur oder auch nur in einer mittelgroßen Schreibklitsche beschäftigt war, hat mit Sicherheit einen oder mehrere Julian Reichelts getroffen. Männer, die auf mal mehr, mal weniger offensive Art ihre Macht und Stellung ausgenutzt und ausgekostet haben.

Mein Start ins Berufsleben begann in einer kleinen Übersetzungsagentur, ein Ein-Mann-Betrieb. Ich, gerade frisch aus dem Studium entlassen, begann dort ein Praktikum.

Jedes Räuspern wurde zur Peinlichkeit

Schon in der ersten Woche fühlte ich mich dort unwohl, und das lag schlicht und einfach an der Tatsache, dass der Chef und ich uns stundenlang in unangenehmem Schweigen gegenübersaßen und arbeiteten. Nur er und ich, sonst niemand. Jedes Räuspern, jeder Toilettengang wurde für mich zu einer Peinlichkeit, denn er überwachte buchstäblich jeden meiner Schritte. Selbst schuld, könnte man nun sagen. Du hast schließlich gewusst, worauf du dich einlässt, als du bei einem Ein-Mann-Unternehmen angeheuert hast.

Was ich jedoch nicht wusste war, dass mein Chef mich und meine Generation offenbar allesamt für nutzlose Loser hielt, denen man keinerlei berufliche Verantwortung geben darf. Dies und noch einiges mehr bekam ich zu hören, als mir bei der Arbeit ein Fehler unterlief. Ein Dorn im Auge war ihm auch, dass ich nach Ablauf meiner (lächerlich vergüteten) Arbeitszeit ab und zu wagte, einfach aufzustehen und frech wie Bolle nach Hause zu fahren, ohne zu fragen ob ich zuvor noch etwas für ihn erledigen könnte.

Meine morgendliche Verspätung von 5 Minuten, die U-Bahn-bedingt öfters vorkam, legte bei ihm dann offenbar sämtliche Alphamännchen-Instinkte frei. Er schiss mich zusammen bis ich weinte. Es war mein allererster richtiger Job, und er schickte mich nach Hause, damit ich mich beruhigte.

Das Geschenk: eine Box mit Parfüm

Seine Frau, die alle finanziellen Aspekte seiner Firma managte (und by the way auch für meine miserable Vergütung zuständig war), hat ihm dann nach eigener Aussage ins Gewissen geredet. Kurze Zeit später kam er mit einem Entschuldigungsgeschenk an: Es war eine kleine Box mit Parfüm. Was man einer jungen Frau halt so schenkt, um sie wieder gnädig zu stimmen. Ich kündigte trotzdem eine Woche später. Sexuelle Anspielungen oder Übergriffe ließ er sich zwar nicht zuschulden kommen, aber seine schlecht verhohlene Geringschätzung für mich als junge Berufseinsteigerin und meine Arbeit ließ er mich bei vielen Gelegenheiten spüren.

Kurze Zeit darauf heuerte ich bei einer kleinen Agentur an – und freute mich darauf, dass dieser Job mich meinem Traum vom Schreiben etwas näher bringen könnte. Der Job an sich war okay, der Chef des Ladens leider ein geltungssüchtiger Choleriker. Und ein Sexist wie er im Buche stand.

Die Spätschichten des Grauens

Die hauptsächlich männlichen Jungvolontäre und -redakteure der Agentur machten sich im Newsroom die Welt, wie sie ihnen gefiel. Inklusive vieler Poster von „nackten Weibern“ an den Wänden und Spätschichten, vor denen mir als manchmal einziger Frau unter fünf fußballtickernden, dauersprücheklopfenden Testosteronis schon Tage vorher graute.

Zum ersten Mal konnte ich mit dem Begriff „toxische Atmosphäre“ etwas anfangen. Immer wieder derbste Sprüche, gerne noch mit frauenverachtenden Kraftausdrücken garniert. Und immer wieder der Blick zu mir hinüber, um sicherzustellen dass ich die Grenzüberschreitung auch mitbekommen hatte. Die Stimmung war irgendwo zwischen Junggesellenausflug auf der Reeperbahn und Südkurve in der Allianz-Arena. Ich stellte mich taub, stierte auf meinen Rechner und sagte sechs Stunden lang garnichts.

Das Gefühl, nicht nur körperlich unterlegen zu sein, sondern auch als Frischling keinerlei Rechte zu haben, diese Ohnmachtserfahrung machte sich wie Gift in mir breit. Wenigstens die Poster abzuhängen, damit der weibliche Teil der Belegschaft nicht täglich bei der Arbeit auf nackte Hintern und Brüste glotzen muss, dauerte Wochen. Wir Frauen hängten die Poster ab, am nächsten Tag hingen neue an den Wänden. Irgendwann gaben die Männer auf, ein kleiner Sieg immerhin.

Ihr Manko: ein zu platter Hintern

Warum der Boys Club den Arbeitsplatz so ohne jeglichen Widerstand zu seinem Spielplatz machen konnte, war mir bald darauf klar, als der Chef einer Kollegin von mir beim gemeinsamen Kochabend vor versammelter Mann-Schaft bescheinigte, ihr Hintern sei leider zu platt und werde es auch immer bleiben. Ihren fassungslosen und verletzten Blick habe ich bis heute vor Augen. Gesagt hat auch sie damals nichts.

Auf meinem Weg traf ich noch viele weitere solcher Kaliber. Immer dreist, immer aber auch absolut sicher, dass ihr Verhalten keine Konsequenzen haben würde. Der Art Director, der mich in der Kaffeeküche einer großen deutschen Werbeagentur anraunzte, ich sei ja „nur ein kleines blondes Mädchen“. Den nächsten Teil des Satzes musste er nicht aussprechen, wir wussten ihn beide. „Und ich bin hier der Chef“.

Und immer wieder die Kollegen

Sexismus in Kombination mit einem Machtgefälle ist schlimm, aber nicht minder frustrierend fühlt er sich an, wenn ihn Menschen auf gleicher berufliche Ebene ausüben. Denn dann wird das berufliche Machtgefüge zu einem sozialen: Ich bin zwar nicht dein Chef, aber als Mann mit höherem gesellschaftlichem Status als du darf ich dich trotzdem erniedrigen.

Der Kollege, der selbst offenbar keinen Gedanken an sein Aussehen verschwendete, es sich aber angewöhnt hatte, jeden Morgen vor allen anderen Kollegen (es waren wieder nur Männer) wenn ich das Büro betrat, mein Outfit zu kommentieren.

Der andere Kollege, der mich bei der Weihnachtsfeier nach einem kurzen Gespräch lallend fragte, ob denn da jetzt noch was ginge mit uns, ansonsten würde er sich anderweitig umsehen.

Leider noch lange nicht das Ende der Geschichte. Next level, jeder der Kinder hat, kennt es: Elterndiskriminierung. Kein Führungsjob mit Personalverantwortung in Teilzeit, leider leider.

Als Frau bist du Sexobjekt, aber als Frau mit Kind bist du in der Berufswelt noch etwas viel Schlimmeres: ein ausrangiertes Sexobjekt. Nun wird dir endgültig jeglicher Sachverstand abgesprochen. Willkommen im Leben, liebe Damen. Es grüßt herzlich, euer Julian Reichelt.