2023 – (m)ein Jahr der Extreme

Mikhail Nilov

Nach langer Zeit der Stille, auch hier auf dem Blog, bleibt mal wieder ein bisschen Luft zum Durchschnaufen, Weihnachten steht kurz bevor. Wie jedes Jahr hat es der Schluss-Spurt bis zum Weihnachtsurlaub noch einmal in sich. Was mir von diesem Jahr auf die Schnelle in Erinnerung bleibt?

Schlechte Nachrichten und trotzdem Dankbarkeit

Mein 40. Geburtstag, und damit mein Start ins 41. Lebensjahr – dass dieses Jahr nun explizit MEIN Jahr geworden wäre, kann ich nicht sagen. Es gab viele Momente, in denen mir die Luft ausging, und oft habe ich vor den Nachrichten gesessen und es aus weltpolitischen Gründen kurz mal bereut, ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben. Zu viel schlechte Nachrichten prasselten 2023 auf uns alle ein. The struggle is real, leider überall auf der Welt.

Aber dann auch wieder: Dankbarkeit, dafür dass alle die ich kenne und liebe, gesund und wohlbehalten sind, dass ich mir angesichts der zerbombten Ukraine und des fortschreitenden Klimawandels (noch) keine Sorgen um die essenziellen Dinge des Lebens wie genug zu essen, einen Schlafplatz und Sicherheit für Leib und Leben machen muss.

Das heftige Comeback von Corona

Corona erlebte dieses Jahr ein schnelles und heftiges Comeback mit Ansage, uns erwischte es im Herbst zum zweiten oder vielleicht sogar dritten Mal, so genau weiß ich das gar nicht. Beruflich war dieses Jahr ein wildes Rodeo mit vielen neuen Herausforderungen, bei dem ich versuchte, nicht aus dem Sattel zu fallen. Einige blaue Flecke habe ich mir bildlich gesprochen trotzdem zugezogen, jedoch hat mir dieses turbulente Jahr auch gezeigt, wo meine Prioritäten sind und dass es auf Dauer ungesund ist, die eigenen Kraftgrenzen immer wieder aufs Neue auszudehnen.

Wir haben die Hitzewelle im Sommer geritten und uns unzählige Male in der badewannenwarmen Adria versucht abzukühlen. Zum ersten Mal schwammen wir in 28 Grad warmem Wasser und realisierten, dass das von nun an tatsächlich die Zukunft sein könnte, wenn das so weitergeht mit unserem Planeten. Das Lieblingsland Italien bezaubert mich zwar nach wie vor jedes Mal wieder, aber auch hier gehen die Spuren der Zeit nicht einfach vorbei. Unerträgliche Hitze in den Mittagsstunden vertrieb uns vom Strand, und selbst abends saßen wir noch bei fast 30 Grad auf unserer kleinen Veranda.

Kleine und große Kämpfe: die Wackelzahnpubertät

Und im Lauf des Sommers wurde aus unserem kleinen Haudegen ein Vorschulkind, das sich noch viel mehr als zuvor seiner eigenen Meinung und seines größer werdenden Körpers bewusst wurde. Das Jahr 2023 stand für unseren kleinen Mann komplett im Zeichen der Autonomie. Wir haben so viele kleine und große Kämpfe ausgefochten, Grenzen gezogen und neu ausgehandelt, und auch schwere Grübeleien gehabt, in denen wir uns nicht sicher waren, ob unser Weg, ihn zu erziehen, der richtige ist. Hätte ich nicht von vielen Freunden mit gleichaltrigen Kindern dasselbe gehört, ich wäre mir sicher gewesen, dass jemand unser Kind unbemerkt über Nacht gegen einen dauerrebellierenden Wutbürger ausgetauscht hat.

Wie sehr seine Welt sich gerade ändert, merke ich jeden Tag aufs Neue an 1000 Kleinigkeiten. Er erkämpft sich berechtigerweise sein eigenes Universum, schafft sich Raum und entwickelt sich mit Lichtgeschwindigkeit zu dem Menschen, der er für den Rest seines Lebens sein wird. Dass wir als Eltern dabei sein dürfen, ihm dabei zusehen und ihn begleiten dürfen bei seiner Identitätsfindung, ist wohl das kostbarste Geschenk meines Lebens. Dass es unendlich viele Nerven kostet, ist aber auch klar und wird wohl kein Elternpaar abstreiten, egal ob ein tobendes Vorschulkind oder ein genervter Teenager am Esstisch sitzt.

Manchmal muss man sich zurückziehen, um Ruhe zu finden

Während wir alle unsere privaten kleinen Kämpfe auszufechten haben, haut uns die Welt weiterhin die Schlagworte des Jahres nur so um die Ohren: Angriff auf Israel, Krieg in Gaza, Ampelkrise, künstliche Intelligenz, plötzlicher Wintereinbruch in Bayern, und so weiter und so fort. Es passieren so viele Dinge gleichzeitig, dass mir manchmal gar nichts anderes übrigbleibt, als mich aus der unendlichen Nachrichtenspirale auszuklinken, um Ruhe zu finden.

Eine neue Zeitrechnung beginnt

Auch bei uns wird sich 2024 einiges ändern. Im kommenden Jahr steht für meinen Sohn die wahrscheinlich größte Veränderung seines bisherigen Lebens an, der Schulbeginn. Das wird für uns alle ein neues Zeitalter, und ich gestehe, dass ich großen Respekt vor dieser Veränderung habe. Klar ist aber auch, dass es ihm eine neue Welt erschließen wird, neues Wissen, neue Wege und neue Freundschaften.

Wir als Familie schnaufen jetzt, am Ende dieses fordernden Jahres, noch einmal durch, und sammeln Kräfte für diese neue Ära. Gesund bleiben, sich um die Liebsten kümmern, ein offenes Ohr haben und bei all dem sich selbst nicht vergessen – das sind die Ziele, die mich dieses und sicher auch nächstes Jahr begleiten werden.

Für mich eigentlich schon genug für ein ganzes Leben.

Der Sommer, wir und unsere Körper.

Foto: pexels by Anna Shvets

Sommer… gerade versuche ich, ihn so intensiv zu genießen, wie es nur geht. Corona und alles, was es mit sich bringt, ist ja nur einen Nieser entfernt. Doch jeden Sommer wird mir wieder bewusst, wie hart wir Frauen mit unserem Körper umgehen, und wie schwierig unser Verhältnis zu ihm ist.

Sich selbst sehen – und gesehen werden

Ich war diesen noch sehr jungen Sommer schon einige Male im Freibad. Für viele, darunter auch mich, birgt allein das Wort Freibad schon eine Masse an Problemen: Im Freibad muss ich meinen Körper zeigen, ich kann nichts verstecken, kaschieren oder ignorieren. Und nicht nur mir selbst wird mein Körper bewusst vor Augen geführt, sondern auch allen um mich herum.

Quasi eine doppelte Konfrontation mit den eigenen Komplexen, Unzulänglichkeiten, vermeintlichen Problemzonen. Man sieht sich selbst, und wird dabei auch noch von anderen gesehen.

Eine Flut an Beinen, Hintern und Bäuchen

Im Sommer ist das extrem: Eine Flut an Beinen, Hintern, Bäuchen, Armen um mich herum, und der innere Zwang, sich mit jedem einzelnen, der vobeigeht, zu vergleichen. Mühsam den Geist davon abzubringen, immer nur um den eigenen Körper zu kreisen – das ist wohl ein Problem, das in dem Ausmaß nur Frauen und Mädchen kennen.

Unser Blick ist dabei in den wenigsten Fällen milde und behutsam. Wir sind Scharfrichter unserer eigenen und der Körper anderer Frauen. Sehen alles, bewerten alles, werten alles ab. Wie sehr ich mir nur im Bikini meines eigenen Körpers überbewusst bin, merke ich daran, wie ich bei jeder Bewegung, bei jeder Pose an mir heruntersehe. Wie sieht mein Bauch gerade aus, welches Licht wirft die Sonne gerade auf meine Schenkel? Geht es einigermaßen oder sieht es furchtbar aus?

Ich genieße einfach nur die Wärme

Und dann, kaum habe ich das etwas zu lange T-Shirt drübergezogen, fällt eine Last von mir ab. Ich bewege mich plötzlich wieder natürlicher, checke nicht ständig das Licht und meine Körperhaltung, sondern genieße einfach nur die Wärme und das Wasser. Ich kann wieder ich sein, und wünsche mir, mich immer so zu fühlen. Mein ganzes Leben lang.

Nur im Sommer wird mir bewusst, welche tiefe Körperscham uns Frauen schon seit der Kindheit eingepflanzt wird. Und wie wenig das mit dem zu tun hat, was Jungs und Männer über ihre Körper lernen.

Keine Energie mehr, um Dinge in Frage zu stellen

Unser Frauenkörper gehört uns nicht: Er soll unser Tempel sein, unser Haus, aber es gehen ständig fremde Leute darin ein und aus. Unser Haus ist permanent renovierungsbedürftig, egal wie viel Arbeit und Zeit wir investieren. Dass das Patriarchat aka unsere Gesellschaft an diesem Gefühl einen gehörigen Anteil hat, wissen wir inzwischen. Wer sich ständig mit seinem Körper beschäftigt und immer neue Baustellen entdeckt, der verwendet nicht viel geistige Energie darauf, Dinge in Frage zu stellen. Und der belässt vor allem die Entscheidung, ob der eigene Körper liebens- und begehrenswert ist, immer bei anderen.

Egal, wie einverstanden ich mit meinem eigenen Körper bin, es reicht nur ein abwertender Kommentar von einer anderen Person, egal ob Mann oder Frau, und schon stürzt das Kartenhaus ein und die Selbstzweifel überrollen mich. Übrigens sind solche Kommentare nicht weniger schlimm, wenn sie von Nahestehenden oder sogar Familienmitgliedern kommen – sondern im Gegenteil besonders verletzend.

Schon wieder ein neues Ideal

Besonders im Sommer merke ich: Wir werden klein gehalten durch unsere Körper. Wir bleiben beschäftigt durch unsere Selbstoptimierung. Der üble Witz am Ende ist nur, dass nicht einmal wir darüber entscheiden, wann Schluss ist. Spoiler-Alarm: Schluss ist niemals, denn bis wir endlich den flachen Bauch und die straffen Schenkel unserer Träume haben, gibt es schon wieder ein neues Ideal, das erreicht werden muss. Den Wettlauf gegen die Zeit und den Zeitgeist können wir einfach nicht gewinnen.

Diesen Sommer möchte ich frei sein

Diesen Sommer möchte ich so gerne aufhören mit dem Renovieren meines „Hauses“. Möchte mich nicht verrückt machen damit, dass ich in einigen Wochen in den Urlaub ans Meer fahre, und dann wieder fremde Leute meinen Körper begutachten. Diesen Sommer möchte ich mich so frei fühlen, wie sich die Männer um mich herum mit ihren Hängebäuchen, behaarten Rücken, spindeldürren Beinen und schlaffen Oberarmen fühlen. Die tragen ein inneres „Take it or leave it“-Schild mit sich herum und bestellen sich lustvoll das dritte Weißbier, während sie sich Mayo über die Pommes kippen.

Diese Glücklichen, sie haben einfach die Tür zu ihrem Haus zugesperrt – und wohnen gerne darin.

War’s das jetzt mit der Pandemie?

Foto von Abby Chung von Pexels

Draußen wird es langsam richtig frühlingshaft, und dementsprechend kommt wieder ein bisschen mehr Leichtigkeit in den Alltag. Dennoch – da war doch was… ist die Pandemie jetzt eigentlich vorbei?

Neue Regeln, alte Gespräche

Die zwei vergangenen Pandemiejahre fühlten sich an wie ein nie endendes Déja-Vu aus steigenden und fallenden und wieder steigenden Infektionskurven, immer neuen Regeln, die irgendwann so schnell auf einander folgten dass keiner mehr nachkam, immer denselben oder ähnlichen Gesprächen über die Pandemie und durchgehend dem Gefühl, dass wir Eltern mit Corona allein gelassen wurden.

Bestätigt wurde das, als wir und viele, viele Menschen in unserem Umfeld sich mit Corona und seinen diversen Unterarten ansteckten. Letzten Endes war niemand erstaunt oder schockiert, sondern im Gegenteil, alle (zumindest die Leute, die Kontakt zu Kindern haben) hatten es irgendwie erwartet.

Bald fällt die Testpflicht ganz weg

Klar, in einer Kindergartengruppe von 23 kleinen Menschen wird vom Magen-Darm-Virus bis zur Seuche eben alles weitergegeben.Und das wird wohl noch eine Weile so weitergehen. Ab Mai fällt die Testpflicht für Kindergartenkinder weg.

Aber das Gefühl, dass von Seiten der Politik gleichgültig mit der Gefahr der Ansteckung der Kleinsten (und damit auch ihrer Eltern und der Großeltern) kalkuliert wurde, bleibt einfach. Ein Vertrauensverlust, der auch durch kleine Tropfen auf den heißen Stein (hier und da mal eine einmalige Erhöhung des Kindergeldes oder gratis Schnelltests) nicht wettgemacht werden konnte.

Männer verschaffen Männern Vorteile

Leider bleibt bei mir auch einmal mehr das Gefühl, dass eine hauptsächlich von Männern gemachte Politik unweigerlich wieder die von Männern dominierten Sektoren der Gesellschaft bevorteilt – während alle anderen schauen können, wo sie bleiben. Ja, wir hatten eine sehr lange Zeit eine Kanzlerin an der Spitze unseres Landes, aber eine einzelne Frau gegen eine ganze Armada von Männern kann eben auch keine Sch… zu Gold machen.

Der Kapitalismus hat in der Pandemie ganz offen sein Gesicht gezeigt: Es fing an mit solidarischem Klatschen für die Pfleger_innen und endete bei Maskendeals in Millionenhöhe. Und dazwischen so unendliche viele erschöpfte Frauen, die sich während Corona krank gemanaged haben als „Leiterinnen eines erfolgreichen kleinen Familienunternehmens“, wie es damals in der Vorwerk-Werbung so liebevoll hieß.

Wie hätte Olaf das alles wohl gehandelt?

Kleiner Gedanke am Rande: Wie hätte die jetzige Regierung unter Olaf Scholz wohl die Anfänge der Pandemie gehandelt? Olaf und seine Kollegen wursteln sich grad so durch, während am Rande von Europa Panzer in Stellung gehen. Bald werden auch deutsche Panzer darunter sein.

Und nun? Nun wurde die Pandemie mehr oder weniger von offizieller Seite für beendet erklärt, uns allen wird die Rückkehr zur weitgehenden Normalität quasi verordnet. Wer noch kein gutes Bauchgefühl bei der ganzen Sache hat, der hat – Pech. Denn die Masken fallen, die Innenstädte sind voll wie eh und je, die Clubs auch, und die Fußballstadien sowieso.

Corona hat seinen Schrecken verloren

Dass das mit den Nachrichten aus meinem Umfeld über mehr und mehr Corona-Infektionen nicht ganz zusammenpasst, scheint niemanden zu stören. Oder wie es neulich ein Kollege in einer Zoom-Konferenz formulierte: „Corona hat irgendwie seinen Schrecken verloren.“ Die Menschen, die sich Long Covid eingefangen haben und jeden Morgen beim Aufstehen erstmal nach Atem ringen, dürften das wohl anders sehen.

Die Pandemie im Kopf bleibt

Niemand will die Unkenrufe von Gesundheitsminister Lauterbach hören, der für den Herbst etwas drastisch eine „Killervariante“ von Corona herbei prognostiziert. Und momentan sind eh all eyes on Ukraine.

Ich jedenfalls kann mich von dieser Pandemie im Kopf noch nicht ganz verabschieden. Das Abstandhalten, Verzichten, Maske tragen und vorsichtig sein hat sich zu sehr eingebrannt in mein Denken und Fühlen. Umarmt wird von mir nur, wer geimpft ist. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht im Herbst ein neues, altes Déja-Vu auf uns wartet.

Fake it till you make it!

Selbst erfolgreiche und selbstbewusste Frauen kämpfen ihr Leben lang mit starken Selbstzweifeln – das sogenannte Hochstapler-Syndrom. Auch ich kenne das Gefühl sehr gut. Warum wir uns immer wieder selbst klein machen.

Photo by cottonbro from Pexels

In einer Zeit vor Corona und dem Home Office gab es Momente, da beneidete ich meine männlichen Kollegen in jedem Meeting. Sie forderten selbstbewusst Redezeit ein, erhoben ihre Stimmen und bekamen am Ende, was sie wollten. Der Kollege mit den verworrensten Gedankengängen verteidigte diese in der Regel am glühendsten.

Nonsense reden? Kein Problem!

Er trug seine Argumente derart überzeugt vor, dass niemand es wagte, ihm ins Wort zu fallen und die Sache abzukürzen. Oft genug fiel er anderen, kompetenteren Kolleginnen ins Wort. Er verzapfte den größten Nonsense und schien sich dabei rundum wunderbar zu fühlen. Auf magische Weise kam dadurch auch sonst niemand auf die Idee, ihn oder seine Position in Frage zu stellen.

Warum ich und viele meiner Kolleginnen es nicht genauso machten? Weil wir niemandes Zeit vergeuden wollten. Weil wir damit rechneten, dass sobald wir den Mund aufmachen, jemand unsere Meinung in Frage stellen oder unsere Argumente auseinandernehmen würde. Dass in letzter Konsequenz jemand zu uns sagen würde: Du hast doch gar keine Ahnung, worum es hier geht. Warum mischst du dich ein?

Angst, nicht am richtigen Platz zu sein

Diese Angst, eigentlich nicht am richtigen Platz zu sein, seine Erfolge nicht verdient zu haben und deshalb kein Recht auf ein selbstbewusstes Auftreten zu haben – diese Angst kennt Studien zufolge jeder zweite von uns, oder hat zumindest einmal im Leben dieses Gefühl. Hochstapler-Syndrom oder auf Englisch, Impostor Syndrome nennt sich das.

Frauen sind dabei genauso betroffen wie Männer, sie gehen nur anders damit um. Kein Wunder, schließlich leben wir in einer Welt, die es Frauen jeden Tag aufs Neue schwer macht, sich ihren Platz zu erstreiten. Wir sind es gewöhnt, Tag für Tag sowohl äußerlich als auch beruflich mit den härtesten gesellschaftlichen Kriterien bewertet zu werden – und meistens in irgendeinem Punkt nicht zu genügen.

Klappt etwas, ist es Zufall

Irgendjemand ist immer da, der unsere Schwachpunkte aufdeckt und sich voller Lust in unserer Achillesferse verbeißt, nur damit wir am Ende schwach und entmutigt aufgeben. Ob im Beruf oder selbst im Straßenverkehr, wir werden unterschätzt. Klappt doch mal etwas, dann war das Glück oder Zufall, aber kein eigenes Können.

Klingt drastisch und leicht übertrieben? Dann einfach mal eine kleine Übung für zwischendurch: Wie oft am Tag tun oder sagen wir Dinge nicht, weil wir Angst vor einem schlechten Urteil haben? Weil wir keinen Unmut auf uns ziehen und uns ins Abseits schießen wollen? Oder weil wir unsere Meinung schlicht für unwichtig erachten?

Ich selbst bekomme Beklemmungen, wenn ich als einzige Frau in einem Raum voller Männer meine Position verteidigen soll. Automatisch gehe ich davon aus, dass alle um mich herum kompetenter, durchsetzungsstärker oder einfach schlauer sind als ich.

Der Reflex, sich klein zu machen

Klassischer Fall: das Bewerbungsgespräch. Fake it till you make it ist ja ganz schön, aber wenn es um das berufliche Fortkommen in einem neuen Job und damit ja auch um die nächste Zeit im Leben geht, setzt bei mir oft genug der Reflex ein, mich selbst kleiner zu machen als ich bin.

Und schlagartig ist alles Wissen, das ich mir hart erarbeitet habe, sind alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, nichts mehr wert. Das Reptilienhirn sendet Angst in meine Magengrube und ich stelle innerlich jeden Satz, den ich sage, dreimal in Frage. Lasse mich runterziehen von dem Gefühl, den anwesenden Personen etwas vorzuspielen, das ich nicht bin, und Kenntnisse vorzugaukeln, die ich nicht habe. Und warte auf den Moment, an dem ich als fehl am Platz enttarnt werde. „Wir dachten, sie hätten hier bereits Vorkenntnisse?“ ist so ein Horrorsatz.

Die Strategie: noch härter an sich arbeiten

In unzähligen Gesprächen mit Freundinnen habe ich herausgefunden, dass ich damit nicht allein bin. Es lässt sich nur selten jemand anmerken. Menschen, die in ihrem Leben schon soviel erlebt und gemeistert haben, dass sie darüber ein Buch schreiben könnten – sie sitzen mir gegenüber und das ganze Gesicht ist ein einziger qualvoller Selbstzweifel. Oft genug ist die Strategie bei Frauen dann, einfach noch härter an sich selbst zu arbeiten. Noch mehr Selbstoptimierung, noch strengere Regeln für uns selbst und größerer Einsatz für die Sache, damit niemand auf die Idee kommt, uns Hochstaplertum zu unterstellen.

Ein bisschen fake heißt nicht ganz fake

In solchen Situationen für einen Moment ganz zu mir selbst zurückzukehren, ist meine Strategie. Mir selbst im Schnelldurchlauf ein paar Momente aufzuzählen, auf die ich stolz bin. Situationen, in denen ich mich bewiesen habe. Und mir selbst klarzumachen, dass ein bisschen faken im Gegenzug nicht heißt, dass man von vorne bis hinten fake ist – sondern dass es ein Mittel zum Zweck ist, um weiter zu kommen, in einer Welt die uns das weiterkommen sehr schwer macht.

Dass ich genauso wie alle anderen das Recht habe, Dinge nicht zu wissen und dazuzulernen. Und dass es in Ordnung ist, den Platz einzunehmen, der richtig für mich ist, mit allen meinen Stärken und Schwächen. Wirklich unfähig ist nur, wer aus seinen Fehlern nichts lernt.

Wütend sein, ja oder nein?

Weibliche Wut: Dass es sowas gibt, und dass diese Wut sogar ziemlich groß werden kann – dieses Bewusstsein sickert in der Gesellschaft nur langsam durch. Die Wut vor allem von Müttern ist nämlich immer noch etwas, das die Mütter bitte mit sich selbst ausmachen sollen.

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Mein Sohn war diese Woche mit einer entzündeten Lippe zuhause. Die Ärztin hatte uns gesagt, das kommt vom Knibbeln. Immer wieder hatte ich meinen Sohn zurechtgewiesen, ihn gebeten, nicht daran zu zupfen. Und nun: entzündete, geschwollene, blutverkrustete Oberlippe, mehrere Tage lang erhöhte Temperatur und Fieber. Laune im Keller, schlaflose Nächte, Eltern am Anschlag, Großeltern höchst besorgt. Und ach ja – Home Office nebenbei natürlich.

Vier Tage lang waren ich und mein Sohn ununterbrochen zusammen, jede Sekunde, auch nachts lagen ich oder mein Mann bei ihm. Dennoch klebte er hauptsächlich an mir, denn ich rannte, machte und tat alles, damit es ihm besser ging. Schnitt Obst in Mini-Stückchen, und fütterte ihn wie ein Meerschweinchen damit, zog ihm selbstgekochte Hühnersuppe in eine dicke Spritze und flößte ihm auf diese Weise Flüssigkeit ein, als er vor Schmerzen den Mund nicht bewegen konnte.

Nach vier Tagen zuhause kam die Wut

Schlief nachts auf 20 Zentimetern, damit er neben mir genug Platz hat in seinem unruhigen, fiebrigen Schlaf. Hielt ihn nachmittags mit Puzzles, Schokolade, Büchern und auch ziemlich viel Youtube Kids bei Laune. Schmierte zwischendurch immer wieder die geschwollene Lippe ein, ging mit ihm aufs Klo, kochte abends noch das Essen.

Und dann, nachdem ich vier Tage lang das Haus nicht verlassen hatte, kam die Wut. Ich hatte ihn nachmittags lange schlafen lassen, um mir selbst mal eine Pause zu gönnen. Abends bekam ich die Quittung – ich saß von halb 9 bis kurz vor 10 an seinem Bett, erzählte eine Gutenacht-Geschichte nach der anderen.

Einfach nichts mehr hören

Er gähnte und gähnte, konnte aber nicht in den Schlaf finden. Kam dann auf die Idee, seine Bettdecke aus dem Bett zu strampeln und sich mitten im Zimmer auf den Boden zu legen. Die folgenden fünf Minuten kann ich nur mit Magenschmerzen beschreiben. Ich schrie ihn an, schrie ihm meine ganze Erschöpfung und Frustration ins Gesicht.

Warf ihm vor, dass ich den ganzen Tag für ihn da gewesen sei. Und jetzt willst du zum Dank dafür nicht einschlafen? Hob ihn hoch und setzte ihn in sein Bett zurück. Er schrie, ich solle ihn in Ruhe lasse, dann ging ich aus dem Zimmer. Drinnen schrie er weiter. Ich ignorierte es. Legte mich einfach auf mein Bett und hörte nichts mehr.

Nach der Wut kommt die Scham

Nach der Wut kommt als Mutter immer die Scham. Wenige Sekunden nach meinem Wutausbruch dachte ich sofort an die Nachbarn über uns, die sicherlich jedes meiner bösen Worte gehört hatten. Ich schämte mich vor mir selbst, vor ihnen, vor meinem Sohn, im Grunde vor der ganzen Welt. Ich schämte mich, weil ich meinem Sohn, der so viel kleiner und schwächer ist als ich, ungezügelt meine Wut gezeigt hatte. Und ich schämte mich, weil ich diesen kurzen Moment des Kontrollverlustes, des völligen Loslassens und Rauslassens meiner Emotionen, genossen hatte. Weil ich mich für ein paar Sekunden endlich wieder wie ich selbst gefühlt hatte. Wie ein Mensch, der wütend ist. Eigentlich die normalste Sache der Welt, sollte man meinen.

Es gibt mittlerweile viele Frauen, die ihre Wut in guten und aufwühlenden Texten beschrieben haben. Das ist wichtig, denn nur so können wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch Frauen „nur“ Menschen sind. Warum ist es aber für uns Mütter so verdammt schwer, einfach nur Menschen zu sein?

Elfenprinzessin oder böser Zauberer?

Bei mir ist es so: Jedes Mal, wenn ich wütend bin auf mein Kind, und ihn das spüren lasse, stelle ich mir vor, dass sein Weltbild bröckelt. Seine Mutter, der Engel ohne Flügel – eine wütende Furie, die ihm vielleicht sogar Angst macht. Erst ist Mama eine Elfenprinzessin mit unendlicher Geduld, dann wird sie auf einmal zu Saruman und lässt ihre Orks los. Ich stelle dann auch mich selbst als Mutter in Frage, meine Liebe zu meinem Sohn. Eine monumentale Entzauberung, oder? Eine Entzauberung, für die ich nicht verantwortlich sein möchte, es aber dennoch bin.

Dass große Wut und grenzenlose Liebe sehr wohl nebeneinander und gleichzeitig in uns Menschen existieren können, das ist schon lange bekannt und wird eigentlich allen zugestanden, bloß den Müttern nicht.

Ein bisschen ist diese Entzauberung wie der Moment, wenn wir als Teenager unsere Eltern endlich in einem realististischen Licht sehen. Fast immer müde, vielleicht zerstritten, oft genervt, teilweise vom Leben desillusioniert. Von Entscheidungen überfordert. Und so oft auf dem falschen Dampfer was ihre Pläne für unser Leben anging. Neben der Fassungslosigkeit, dass unsere Eltern, und vor allem unsere Mütter, Menschen aus Fleisch und Blut sind, bemerken wir aber vielleicht auch ein anderes Gefühl: Erleichterung. Denn wenn unsere Mütter und Väter nicht perfekt sind, warum zum Teufel sollten wir es dann sein müssen?

Mimose, Weichei und Co.

Auch hier: Viel Arbeitsbedarf, besonders bei Mädchen. Erwachsenen Frauen (und auch Männern) meiner Generation wurde als Kindern oft gesagt, dass sie sich nicht so anstellen sollen. Das Wort „Mimose“ flog mir früher immer dann an den Kopf, wenn ich für ein Mädchen unerwünschte Gefühle wie Wut oder Trotz zeigte. Bei den Jungs war es andersherum: Sie durften nicht zu weich, zu nachgiebig oder vorsichtig sein, sonst drohte der Ausschluss aus der männlichen Welt.

Als erwachsene Frau entkommt man diesem Vorwurf leider immer noch nicht. Gibt es doch genug Männer, die Drama im Anmarsch sehen, wenn Frauen ihre Fassade fallen lassen und echte Gefühle zeigen. Oder wenn sie einfach nur im Alltag ihre persönlichen Grenzen zeigen und verteidigen. „Hysterisch“, „Sensibelchen“ und so weiter – Frauen haben angeblich immer ein zu viel an Gefühlen. Und erst recht wir Mütter, die permanent im Hormonrausch agierende weinerliche Unterart der normalen Frau.

Das Weibliche weicht von der Norm ab

Dass immer noch viele Männer das so empfinden, kann ich mir nur so erklären, dass sie automatisch alles, das von ihren eigenen, auf Sparsamkeit getrimmten Emotionen abweicht, als „anders“, „zuviel“ und damit überfordernd empfinden. So wie eben immer schon das Weibliche als das Andere, das von der männlichen Norm abweichende angesehen wird. Wie toxisch es auf der Welt werden kann, wenn erwachsene Männer an der Macht sind, die als Kinder keine echten Gefühle zeigen durften, davon möchte ich gar nicht erst anfangen.

Nachdem sein Vater zu ihm ins Zimmer kam und beruhigend auf ihn einsprach, ging ich nochmal hinein zu meinem völlig aufgelösten Sohn. Der alte Leitsatz „Gehe niemals zerstritten ins Bett“ schoss mir durch den Kopf. Ich wollte seine und meine Welt wieder kitten. Er wollte mich nicht sehen, schickte mich aus dem Zimmer. Ich erklärte ihm, wie müde ich sei, und dass ich darum so geschrien hätte. Ich zeigte ihm mein wahres, erschöpftes, ehrliches Gesicht. Und sagte ihm „Ich hab dich lieb“. Er hörte mir aufmerksam zu. Wir umarmten uns, und er schlief endlich ein. Ich goss mir in der Küche ein Glas Wein ein und rauchte draußen eine Zigarette. Über mir toste der erste Wintersturm.

Ein neues Blog? Warum das denn…

Gerade erst ist Olav Scholz vermutlich zum neuen König von Deutschland gewählt worden, die 7-Tages-Inzidenz ist seit Tagen mal wieder leicht gestiegen, und der Herbst klopft ziemlich laut an unsere Haustüren.

Zeitgleich zu diesen wichtigen Ereignissen möchte ich euch hier auf meinem Blog begrüßen – und damit letztendlich in meinem Kopf. DankeMama ist ein Safe Space für verrückte Gedanken, vertrackte Überlegungen, gewagte Thesen und ungefragte Meinungsäußerungen.

Hier möchte ich euch zeigen, dass ihr mit euren mütterlichen Neurosen und menschlichen Makeln nicht allein seid. Ihr wünscht eure Kinder manchmal ganz weit weg? Ist ok. Ihr seid glücklich verheiratet und findet trotzdem den Postboten heiß? Ja, so ist das Leben. Ein lautes DankeMama gibt es hier trotzdem für euch und alle Mamas und Omas da draußen.

No Time for Stuss!

Und da wir uns als Mütter sowieso den lieben langen Tag zusammenreißen, gebe ich mir hier die Erlaubnis, einfach mal ehrlich zu sein. Vermutlich wird hier von meiner Seite ziemlich viel gemotzt, gemeckert und gelästert werden, denn dieses Recht nehme ich mir als Verfasserin dieses Blogs nun mal raus. Alles persönliche Meinung, nix davon müsst ihr teilen oder auch nur kommentieren. Dennoch lege ich Wert auf Fairness und Anstand, und halte nichts davon, das Internet mit Pöbeleien und unreflektiertem Stuss zu einem noch feindseligeren Ort zu machen, als er für uns Frauen ohnehin schon ist.

Und ja, ich bin Feministin und kann mir trotzdem vorstellen, dass es da draußen viele gute und anständige Männer gibt, die nicht jeden Tag nur aufstehen, um uns Frauen das Leben zur Hölle zu machen, sondern so wie wir an echter Gleichberechtigung und Teilhabe interessiert sind. Nichtsdestotrotz gibt es für uns alle noch soooo viel zu tun, damit dieser Platz auf der Welt, den wir uns teilen, für uns und auch unsere Kinder lebenswert ist.

Lasst uns gemeinsam kämpfen und nicht aufgeben, aber bitte mit Humor! Und Daumen drücken, dass Herr Scholz und seine Regierung es nicht total verkackt.