Fake it till you make it!

Selbst erfolgreiche und selbstbewusste Frauen kämpfen ihr Leben lang mit starken Selbstzweifeln – das sogenannte Hochstapler-Syndrom. Auch ich kenne das Gefühl sehr gut. Warum wir uns immer wieder selbst klein machen.

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In einer Zeit vor Corona und dem Home Office gab es Momente, da beneidete ich meine männlichen Kollegen in jedem Meeting. Sie forderten selbstbewusst Redezeit ein, erhoben ihre Stimmen und bekamen am Ende, was sie wollten. Der Kollege mit den verworrensten Gedankengängen verteidigte diese in der Regel am glühendsten.

Nonsense reden? Kein Problem!

Er trug seine Argumente derart überzeugt vor, dass niemand es wagte, ihm ins Wort zu fallen und die Sache abzukürzen. Oft genug fiel er anderen, kompetenteren Kolleginnen ins Wort. Er verzapfte den größten Nonsense und schien sich dabei rundum wunderbar zu fühlen. Auf magische Weise kam dadurch auch sonst niemand auf die Idee, ihn oder seine Position in Frage zu stellen.

Warum ich und viele meiner Kolleginnen es nicht genauso machten? Weil wir niemandes Zeit vergeuden wollten. Weil wir damit rechneten, dass sobald wir den Mund aufmachen, jemand unsere Meinung in Frage stellen oder unsere Argumente auseinandernehmen würde. Dass in letzter Konsequenz jemand zu uns sagen würde: Du hast doch gar keine Ahnung, worum es hier geht. Warum mischst du dich ein?

Angst, nicht am richtigen Platz zu sein

Diese Angst, eigentlich nicht am richtigen Platz zu sein, seine Erfolge nicht verdient zu haben und deshalb kein Recht auf ein selbstbewusstes Auftreten zu haben – diese Angst kennt Studien zufolge jeder zweite von uns, oder hat zumindest einmal im Leben dieses Gefühl. Hochstapler-Syndrom oder auf Englisch, Impostor Syndrome nennt sich das.

Frauen sind dabei genauso betroffen wie Männer, sie gehen nur anders damit um. Kein Wunder, schließlich leben wir in einer Welt, die es Frauen jeden Tag aufs Neue schwer macht, sich ihren Platz zu erstreiten. Wir sind es gewöhnt, Tag für Tag sowohl äußerlich als auch beruflich mit den härtesten gesellschaftlichen Kriterien bewertet zu werden – und meistens in irgendeinem Punkt nicht zu genügen.

Klappt etwas, ist es Zufall

Irgendjemand ist immer da, der unsere Schwachpunkte aufdeckt und sich voller Lust in unserer Achillesferse verbeißt, nur damit wir am Ende schwach und entmutigt aufgeben. Ob im Beruf oder selbst im Straßenverkehr, wir werden unterschätzt. Klappt doch mal etwas, dann war das Glück oder Zufall, aber kein eigenes Können.

Klingt drastisch und leicht übertrieben? Dann einfach mal eine kleine Übung für zwischendurch: Wie oft am Tag tun oder sagen wir Dinge nicht, weil wir Angst vor einem schlechten Urteil haben? Weil wir keinen Unmut auf uns ziehen und uns ins Abseits schießen wollen? Oder weil wir unsere Meinung schlicht für unwichtig erachten?

Ich selbst bekomme Beklemmungen, wenn ich als einzige Frau in einem Raum voller Männer meine Position verteidigen soll. Automatisch gehe ich davon aus, dass alle um mich herum kompetenter, durchsetzungsstärker oder einfach schlauer sind als ich.

Der Reflex, sich klein zu machen

Klassischer Fall: das Bewerbungsgespräch. Fake it till you make it ist ja ganz schön, aber wenn es um das berufliche Fortkommen in einem neuen Job und damit ja auch um die nächste Zeit im Leben geht, setzt bei mir oft genug der Reflex ein, mich selbst kleiner zu machen als ich bin.

Und schlagartig ist alles Wissen, das ich mir hart erarbeitet habe, sind alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, nichts mehr wert. Das Reptilienhirn sendet Angst in meine Magengrube und ich stelle innerlich jeden Satz, den ich sage, dreimal in Frage. Lasse mich runterziehen von dem Gefühl, den anwesenden Personen etwas vorzuspielen, das ich nicht bin, und Kenntnisse vorzugaukeln, die ich nicht habe. Und warte auf den Moment, an dem ich als fehl am Platz enttarnt werde. „Wir dachten, sie hätten hier bereits Vorkenntnisse?“ ist so ein Horrorsatz.

Die Strategie: noch härter an sich arbeiten

In unzähligen Gesprächen mit Freundinnen habe ich herausgefunden, dass ich damit nicht allein bin. Es lässt sich nur selten jemand anmerken. Menschen, die in ihrem Leben schon soviel erlebt und gemeistert haben, dass sie darüber ein Buch schreiben könnten – sie sitzen mir gegenüber und das ganze Gesicht ist ein einziger qualvoller Selbstzweifel. Oft genug ist die Strategie bei Frauen dann, einfach noch härter an sich selbst zu arbeiten. Noch mehr Selbstoptimierung, noch strengere Regeln für uns selbst und größerer Einsatz für die Sache, damit niemand auf die Idee kommt, uns Hochstaplertum zu unterstellen.

Ein bisschen fake heißt nicht ganz fake

In solchen Situationen für einen Moment ganz zu mir selbst zurückzukehren, ist meine Strategie. Mir selbst im Schnelldurchlauf ein paar Momente aufzuzählen, auf die ich stolz bin. Situationen, in denen ich mich bewiesen habe. Und mir selbst klarzumachen, dass ein bisschen faken im Gegenzug nicht heißt, dass man von vorne bis hinten fake ist – sondern dass es ein Mittel zum Zweck ist, um weiter zu kommen, in einer Welt die uns das weiterkommen sehr schwer macht.

Dass ich genauso wie alle anderen das Recht habe, Dinge nicht zu wissen und dazuzulernen. Und dass es in Ordnung ist, den Platz einzunehmen, der richtig für mich ist, mit allen meinen Stärken und Schwächen. Wirklich unfähig ist nur, wer aus seinen Fehlern nichts lernt.

Julian Reichelt oder die alte Geschichte

Der Sturz des Bild-Titanen Julian Reichelt geht gerade durch alle Medien. Wieder einmal wundern sich alle, was Männer so treiben wenn man sie nur lässt. Kommt uns Frauen doch bekannt vor, oder?

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Wer als Frau in der Medienbranche arbeitet oder gearbeitet hat, wer in einer Werbeagentur oder auch nur in einer mittelgroßen Schreibklitsche beschäftigt war, hat mit Sicherheit einen oder mehrere Julian Reichelts getroffen. Männer, die auf mal mehr, mal weniger offensive Art ihre Macht und Stellung ausgenutzt und ausgekostet haben.

Mein Start ins Berufsleben begann in einer kleinen Übersetzungsagentur, ein Ein-Mann-Betrieb. Ich, gerade frisch aus dem Studium entlassen, begann dort ein Praktikum.

Jedes Räuspern wurde zur Peinlichkeit

Schon in der ersten Woche fühlte ich mich dort unwohl, und das lag schlicht und einfach an der Tatsache, dass der Chef und ich uns stundenlang in unangenehmem Schweigen gegenübersaßen und arbeiteten. Nur er und ich, sonst niemand. Jedes Räuspern, jeder Toilettengang wurde für mich zu einer Peinlichkeit, denn er überwachte buchstäblich jeden meiner Schritte. Selbst schuld, könnte man nun sagen. Du hast schließlich gewusst, worauf du dich einlässt, als du bei einem Ein-Mann-Unternehmen angeheuert hast.

Was ich jedoch nicht wusste war, dass mein Chef mich und meine Generation offenbar allesamt für nutzlose Loser hielt, denen man keinerlei berufliche Verantwortung geben darf. Dies und noch einiges mehr bekam ich zu hören, als mir bei der Arbeit ein Fehler unterlief. Ein Dorn im Auge war ihm auch, dass ich nach Ablauf meiner (lächerlich vergüteten) Arbeitszeit ab und zu wagte, einfach aufzustehen und frech wie Bolle nach Hause zu fahren, ohne zu fragen ob ich zuvor noch etwas für ihn erledigen könnte.

Meine morgendliche Verspätung von 5 Minuten, die U-Bahn-bedingt öfters vorkam, legte bei ihm dann offenbar sämtliche Alphamännchen-Instinkte frei. Er schiss mich zusammen bis ich weinte. Es war mein allererster richtiger Job, und er schickte mich nach Hause, damit ich mich beruhigte.

Das Geschenk: eine Box mit Parfüm

Seine Frau, die alle finanziellen Aspekte seiner Firma managte (und by the way auch für meine miserable Vergütung zuständig war), hat ihm dann nach eigener Aussage ins Gewissen geredet. Kurze Zeit später kam er mit einem Entschuldigungsgeschenk an: Es war eine kleine Box mit Parfüm. Was man einer jungen Frau halt so schenkt, um sie wieder gnädig zu stimmen. Ich kündigte trotzdem eine Woche später. Sexuelle Anspielungen oder Übergriffe ließ er sich zwar nicht zuschulden kommen, aber seine schlecht verhohlene Geringschätzung für mich als junge Berufseinsteigerin und meine Arbeit ließ er mich bei vielen Gelegenheiten spüren.

Kurze Zeit darauf heuerte ich bei einer kleinen Agentur an – und freute mich darauf, dass dieser Job mich meinem Traum vom Schreiben etwas näher bringen könnte. Der Job an sich war okay, der Chef des Ladens leider ein geltungssüchtiger Choleriker. Und ein Sexist wie er im Buche stand.

Die Spätschichten des Grauens

Die hauptsächlich männlichen Jungvolontäre und -redakteure der Agentur machten sich im Newsroom die Welt, wie sie ihnen gefiel. Inklusive vieler Poster von „nackten Weibern“ an den Wänden und Spätschichten, vor denen mir als manchmal einziger Frau unter fünf fußballtickernden, dauersprücheklopfenden Testosteronis schon Tage vorher graute.

Zum ersten Mal konnte ich mit dem Begriff „toxische Atmosphäre“ etwas anfangen. Immer wieder derbste Sprüche, gerne noch mit frauenverachtenden Kraftausdrücken garniert. Und immer wieder der Blick zu mir hinüber, um sicherzustellen dass ich die Grenzüberschreitung auch mitbekommen hatte. Die Stimmung war irgendwo zwischen Junggesellenausflug auf der Reeperbahn und Südkurve in der Allianz-Arena. Ich stellte mich taub, stierte auf meinen Rechner und sagte sechs Stunden lang garnichts.

Das Gefühl, nicht nur körperlich unterlegen zu sein, sondern auch als Frischling keinerlei Rechte zu haben, diese Ohnmachtserfahrung machte sich wie Gift in mir breit. Wenigstens die Poster abzuhängen, damit der weibliche Teil der Belegschaft nicht täglich bei der Arbeit auf nackte Hintern und Brüste glotzen muss, dauerte Wochen. Wir Frauen hängten die Poster ab, am nächsten Tag hingen neue an den Wänden. Irgendwann gaben die Männer auf, ein kleiner Sieg immerhin.

Ihr Manko: ein zu platter Hintern

Warum der Boys Club den Arbeitsplatz so ohne jeglichen Widerstand zu seinem Spielplatz machen konnte, war mir bald darauf klar, als der Chef einer Kollegin von mir beim gemeinsamen Kochabend vor versammelter Mann-Schaft bescheinigte, ihr Hintern sei leider zu platt und werde es auch immer bleiben. Ihren fassungslosen und verletzten Blick habe ich bis heute vor Augen. Gesagt hat auch sie damals nichts.

Auf meinem Weg traf ich noch viele weitere solcher Kaliber. Immer dreist, immer aber auch absolut sicher, dass ihr Verhalten keine Konsequenzen haben würde. Der Art Director, der mich in der Kaffeeküche einer großen deutschen Werbeagentur anraunzte, ich sei ja „nur ein kleines blondes Mädchen“. Den nächsten Teil des Satzes musste er nicht aussprechen, wir wussten ihn beide. „Und ich bin hier der Chef“.

Und immer wieder die Kollegen

Sexismus in Kombination mit einem Machtgefälle ist schlimm, aber nicht minder frustrierend fühlt er sich an, wenn ihn Menschen auf gleicher berufliche Ebene ausüben. Denn dann wird das berufliche Machtgefüge zu einem sozialen: Ich bin zwar nicht dein Chef, aber als Mann mit höherem gesellschaftlichem Status als du darf ich dich trotzdem erniedrigen.

Der Kollege, der selbst offenbar keinen Gedanken an sein Aussehen verschwendete, es sich aber angewöhnt hatte, jeden Morgen vor allen anderen Kollegen (es waren wieder nur Männer) wenn ich das Büro betrat, mein Outfit zu kommentieren.

Der andere Kollege, der mich bei der Weihnachtsfeier nach einem kurzen Gespräch lallend fragte, ob denn da jetzt noch was ginge mit uns, ansonsten würde er sich anderweitig umsehen.

Leider noch lange nicht das Ende der Geschichte. Next level, jeder der Kinder hat, kennt es: Elterndiskriminierung. Kein Führungsjob mit Personalverantwortung in Teilzeit, leider leider.

Als Frau bist du Sexobjekt, aber als Frau mit Kind bist du in der Berufswelt noch etwas viel Schlimmeres: ein ausrangiertes Sexobjekt. Nun wird dir endgültig jeglicher Sachverstand abgesprochen. Willkommen im Leben, liebe Damen. Es grüßt herzlich, euer Julian Reichelt.