2023 – (m)ein Jahr der Extreme

Mikhail Nilov

Nach langer Zeit der Stille, auch hier auf dem Blog, bleibt mal wieder ein bisschen Luft zum Durchschnaufen, Weihnachten steht kurz bevor. Wie jedes Jahr hat es der Schluss-Spurt bis zum Weihnachtsurlaub noch einmal in sich. Was mir von diesem Jahr auf die Schnelle in Erinnerung bleibt?

Schlechte Nachrichten und trotzdem Dankbarkeit

Mein 40. Geburtstag, und damit mein Start ins 41. Lebensjahr – dass dieses Jahr nun explizit MEIN Jahr geworden wäre, kann ich nicht sagen. Es gab viele Momente, in denen mir die Luft ausging, und oft habe ich vor den Nachrichten gesessen und es aus weltpolitischen Gründen kurz mal bereut, ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben. Zu viel schlechte Nachrichten prasselten 2023 auf uns alle ein. The struggle is real, leider überall auf der Welt.

Aber dann auch wieder: Dankbarkeit, dafür dass alle die ich kenne und liebe, gesund und wohlbehalten sind, dass ich mir angesichts der zerbombten Ukraine und des fortschreitenden Klimawandels (noch) keine Sorgen um die essenziellen Dinge des Lebens wie genug zu essen, einen Schlafplatz und Sicherheit für Leib und Leben machen muss.

Das heftige Comeback von Corona

Corona erlebte dieses Jahr ein schnelles und heftiges Comeback mit Ansage, uns erwischte es im Herbst zum zweiten oder vielleicht sogar dritten Mal, so genau weiß ich das gar nicht. Beruflich war dieses Jahr ein wildes Rodeo mit vielen neuen Herausforderungen, bei dem ich versuchte, nicht aus dem Sattel zu fallen. Einige blaue Flecke habe ich mir bildlich gesprochen trotzdem zugezogen, jedoch hat mir dieses turbulente Jahr auch gezeigt, wo meine Prioritäten sind und dass es auf Dauer ungesund ist, die eigenen Kraftgrenzen immer wieder aufs Neue auszudehnen.

Wir haben die Hitzewelle im Sommer geritten und uns unzählige Male in der badewannenwarmen Adria versucht abzukühlen. Zum ersten Mal schwammen wir in 28 Grad warmem Wasser und realisierten, dass das von nun an tatsächlich die Zukunft sein könnte, wenn das so weitergeht mit unserem Planeten. Das Lieblingsland Italien bezaubert mich zwar nach wie vor jedes Mal wieder, aber auch hier gehen die Spuren der Zeit nicht einfach vorbei. Unerträgliche Hitze in den Mittagsstunden vertrieb uns vom Strand, und selbst abends saßen wir noch bei fast 30 Grad auf unserer kleinen Veranda.

Kleine und große Kämpfe: die Wackelzahnpubertät

Und im Lauf des Sommers wurde aus unserem kleinen Haudegen ein Vorschulkind, das sich noch viel mehr als zuvor seiner eigenen Meinung und seines größer werdenden Körpers bewusst wurde. Das Jahr 2023 stand für unseren kleinen Mann komplett im Zeichen der Autonomie. Wir haben so viele kleine und große Kämpfe ausgefochten, Grenzen gezogen und neu ausgehandelt, und auch schwere Grübeleien gehabt, in denen wir uns nicht sicher waren, ob unser Weg, ihn zu erziehen, der richtige ist. Hätte ich nicht von vielen Freunden mit gleichaltrigen Kindern dasselbe gehört, ich wäre mir sicher gewesen, dass jemand unser Kind unbemerkt über Nacht gegen einen dauerrebellierenden Wutbürger ausgetauscht hat.

Wie sehr seine Welt sich gerade ändert, merke ich jeden Tag aufs Neue an 1000 Kleinigkeiten. Er erkämpft sich berechtigerweise sein eigenes Universum, schafft sich Raum und entwickelt sich mit Lichtgeschwindigkeit zu dem Menschen, der er für den Rest seines Lebens sein wird. Dass wir als Eltern dabei sein dürfen, ihm dabei zusehen und ihn begleiten dürfen bei seiner Identitätsfindung, ist wohl das kostbarste Geschenk meines Lebens. Dass es unendlich viele Nerven kostet, ist aber auch klar und wird wohl kein Elternpaar abstreiten, egal ob ein tobendes Vorschulkind oder ein genervter Teenager am Esstisch sitzt.

Manchmal muss man sich zurückziehen, um Ruhe zu finden

Während wir alle unsere privaten kleinen Kämpfe auszufechten haben, haut uns die Welt weiterhin die Schlagworte des Jahres nur so um die Ohren: Angriff auf Israel, Krieg in Gaza, Ampelkrise, künstliche Intelligenz, plötzlicher Wintereinbruch in Bayern, und so weiter und so fort. Es passieren so viele Dinge gleichzeitig, dass mir manchmal gar nichts anderes übrigbleibt, als mich aus der unendlichen Nachrichtenspirale auszuklinken, um Ruhe zu finden.

Eine neue Zeitrechnung beginnt

Auch bei uns wird sich 2024 einiges ändern. Im kommenden Jahr steht für meinen Sohn die wahrscheinlich größte Veränderung seines bisherigen Lebens an, der Schulbeginn. Das wird für uns alle ein neues Zeitalter, und ich gestehe, dass ich großen Respekt vor dieser Veränderung habe. Klar ist aber auch, dass es ihm eine neue Welt erschließen wird, neues Wissen, neue Wege und neue Freundschaften.

Wir als Familie schnaufen jetzt, am Ende dieses fordernden Jahres, noch einmal durch, und sammeln Kräfte für diese neue Ära. Gesund bleiben, sich um die Liebsten kümmern, ein offenes Ohr haben und bei all dem sich selbst nicht vergessen – das sind die Ziele, die mich dieses und sicher auch nächstes Jahr begleiten werden.

Für mich eigentlich schon genug für ein ganzes Leben.

Die Angst vor der Nacht

Foto von Hiva Sobhani

Wieviel Uhr ist es? Ein Uhr, zwei Uhr, drei Uhr? Der Kopf summt, die Augen brennen. Diese Nächte machen mir Angst. Seit mein Kind auf der Welt ist, habe ich oft Angst vor der Nacht. Woher das kommt? Die ersten Wochen mit Säugling daheim, stillend im Bett sitzen.

Ich musste mich vom Abend und von der Nacht verabschieden wie von zwei guten Freunden. Ich kämpfte gegen die Müdigkeit an. Damit mein Sohn das bekommt, was er braucht. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne richtigen Schlaf. Ich legte mich jeden Abend mit ihm ins Bett, stillend, haltend, leise flüsternd. Vor mir ein Gebirge aus schmerzhaften Schlafentzug. 

Ein Mount Everest aus Selbstaufopferung war nötig, um es zu bezwingen. Wenn ich oben am Gipfel war, und die Handyuhr drei Uhr nachts anzeigte, war es jedes Mal die längste Stunde meines Lebens.

Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, versteht es. Wie anders wir sind, wenn unser Körper sich erholen durfte. Wie viel besser unser Gehirn funktioniert. Und wie wenig wir auf die Reihe bringen, wenn wir nur noch im Sparmodus laufen.

Nur noch Nacht um Nacht um Nacht hinter uns bringen, endlose Nächte, immer wieder aufwachen, einschlafen, aufwachen, wegdösen, aufstehen. Funktionieren. Irgendwann war diese Zeit vorbei. Der Säugling war ein Baby war ein Kleinkind.

Aber die Angst vor der Nacht ist geblieben. Denn heute ist unser Sohn ein unruhiger Schläfer. Krankheiten und Alpträume, nächtliche Kinderängste und ungewohnte Geräusche bringen ihn um seine Ruhe.  

Jede Nacht wacht er auf und will wissen, dass er nicht allein ist auf der Welt. Ich glaube, das steckt in uns allen. Wir haben es uns nur abtrainiert. Wenn nach einer schweren Nacht das erste sanfte Licht durch die Rollläden schimmert, glaube ich wieder daran, dass es besser wird.

An die kinderlosen Menschen: Nein, diese Geschichte ist kein Grund für Mitleid. Menschen mit wenig oder fast keinem Schlaf wollen nicht bemitleidet werden. Aber wenn euch das nächste Mal ein Mensch mit Kind erzählt, dass sie oder er eine schwere Nacht hatte, dann versteht ihr vielleicht ein Stück besser, von welchem Gebirge derjenige gerade herabgestiegen ist. Und lasst ihn einen Moment ausruhen, ohne schlechtes Gewissen.

Herbst oder der Zauber des neuen Anfangs

Ali Yasser Arwand

Jeder Herbst löst in mir das gleiche Gefühl aus – das eines Neuanfangs. Die Luft ist wieder klar, und ebenso meine Gedanken. Zeit, ein paar Dinge in meinem Leben auf den Prüfstand zu stellen.

Neue Energie, um weiterzumachen – oder eben nicht

Wie denkt ihr über den Herbst? Was fühlt ihr, wenn draußen die Blätter fallen und die Temperaturen nur noch zur Mittagszeit über 12 Grad klettern? Wenn die erste Wehmut über den vergangenen Sommer und seine Leichtigkeit vergangen ist, macht mir der Herbst ein Geschenk: Ich denke über neue Anfänge nach. Ich spüre in mir wieder neue Energie, um weiterzumachen – oder vielleicht auch, um manches nicht weiterzumachen. Herbstgedanken, sofern sie sich nicht um das schwindende Licht und die stressige Vorweihnachtsorganisation drehen, sind bei mir gute Gedanken.

Um mich herum ist nicht mehr die lähmende Hitze des Sommers, die jeden anstrengenden Gedanken in ein „Später“ verwandelt. Das Später ist jetzt da, die Frage ist nur, was mache ich daraus?

Im Sommer schreit alles in mir nach Erholung

Das schönste Gefühl ist es, wenn sich die neu gewonnene Energie in etwas Schöpferisches, Kreatives verwandelt. In ein „Alles ist möglich, du musst dich nur etwas anstrengen“. Wenn ich nach dem Sommer, in dem alles um mich herum nach Urlaub und Erholung schrie, endlich wieder Träume und Wünsche habe, die über das pure Funktionieren hinausgehen.

Der Herbst lässt mich darüber nachdenken, was mir gerade wichtig ist. Welche Menschen möchte ich in meinem Leben haben? Welche Ziele lohnen sich für mich? Welche Chancen kann ich ergreifen? Was kommt dem Leben, das ich gerne leben möchte, am nächsten? Und welches Privileg ist das, sich überhaupt ein Leben aussuchen zu dürfen.

Lasse ich genug los?

Oft denke ich auch über eingefahrene Beziehungsmuster nach, sowohl in der Ehe als auch in Bezug auf Freunde. Welche Freundschaften sind wirkliche Freundschaften, und auf welche kann ich mich vielleicht nicht so ganz verlassen?

Ist in der Beziehung zu meinem Partner noch Vertrauen, Loyalität und ab und zu Leichtigkeit zu spüren? Die leichten Momente werden weniger, wenn man die Verantwortung für eine Familie gemeinsam trägt und immer wieder aufs Neue aushandelt. Wünsche ich mir mehr Leichtigkeit, und können wir sie vielleicht zusammen wieder herstellen?

Ich frage mich auch, welche Beziehung ich gerade zu meinem Kind habe, und ob es das ist, was ich mir gerade für uns beide wünsche. Ob wir an einem Punkt sind, mit dem ich zufrieden bin, oder ob wir uns für den Moment voneinander entfernen. Ob ich genug loslasse, damit er wachsen kann. Ob er nah genug bei mir ist, um sich sicher zu fühlen.

Was fühlt sich gut an, was sollte sich ändern?

Die Überschrift für alle Fragen lautet: Was fühlt sich gut an, und was sollte sich dringend ändern?

Der Herbst stellt mir viele Fragen, von denen ich die wenigsten sofort beantworten kann. Herbstlicht ist ein Schummerlicht, milchig und manchmal auch ein bisschen unheimlich. Dahinter zeichnen sich Schemen ab, die ich erst sehen kann, wenn ich näherkomme. Ich weiß aber, ich muss den Zauber eines neuen Anfangs genießen, solange er da ist. Die Neugier darauf, was die letzten Monate des Jahres mir noch bringen werden. Viel zu schnell ist diese Energie oft wieder verflogen.

Zwischen Bierkrügen und Revolution

Was die Geschehnisse rund um den gewaltsamen Tod der jungen Iranerin Mahsa Amini in Menschen mit iranischen Wurzeln auslösen, hat eine Freundin von mir hier aus ihrer eigenen Perspektive und mit eigenen Worten aufgeschrieben. Sie lebt seit ihrer Kindheit in Deutschland, hat aber noch Familie im Iran.

credits: wikipedia commons / http://Immerfreshnails

Wenn ich gerade meinen Feed in Instagram ansehe, wird mir schwindlig. Besonders in den Stories wechseln sich fast ausschließlich zwei Themen ab, zum Teil sogar von den gleichen Personen. Das Oktoberfest und die Aufstände im Iran. Nun das ist vielleicht normal, da man als Münchner Kindl iranischer Herkunft, einfach viele Münchner und viele Perser kennt. Dennoch ist es emotional verwirrend.

Meine Realität, mein zu Hause, mein Leben spielt sich in München ab. Ich lebe mit meiner Familie in Freiheit, habe ein schönes zu Hause, kann tragen was ich will, kann sagen und denken was ich will, kann Reisen wohin ich will, lebe in einer Demokratie. Bis vor ein paar Tagen drehten sich meine Gedanken nur um alltägliches, mein Kind, meinen Mann, meine Arbeit, meine Freunde, den anstehenden Besuch meines Schwiegervaters aus dem Iran, den Haushalt und evtl. noch die Frage, ob ich mir die Wiesn, nach zwei Jahren Corona, echt antun will. Letztere Frage haben sich viele meiner Freunde und Bekannten, wie man auf Insta sieht, wohl mit ja beantwortet.

Trachten, Bierzeltmusik, Bier und Alkohol allgemein im rauen Mengen, Fahrgeschäfte, Schunkeln, einfach das ganze Programm. Sie sehen glücklich aus, haben Spaß, genießen den Augenblick und das doch immer wieder witzige Erlebnis Wiesn. Doch seit einer Woche denke ich wieder vermehrt an meine Wurzeln, den Iran. Die 22-jährige Mahsa Amini wurde bei einer „Sittenkontrolle“ gefasst und kam an den Folgen der Brutalität dieser sogenannten „Wächter“ ums Leben.

Die Iraner und vor allem Iranerinnen leben seit über 40 Jahren in Angst vor diesen Menschen, deren Aufgabe ist, die Islamischen Werte aufrecht zu erhalten. Ob die betroffenen Personen diese ausleben möchten oder nicht, ist sowieso nicht relevant, wir sprechen hier aber von willkürlichen Gründen. Eine einzelne Haarsträhne, ein zu auffälliger Nagellack oder Lippenstift, eine am Knöchel zu enge Hose und so weiter. Als ich vor 10 Jahren mit Ende Dreißig mal alleine eine Runde um den Block machen wollte, haben die Eltern meines Mannes mich dies zunächst aufgrund dieser Institution, nicht machen lassen wollen, besonders da ich nicht dort aufgewachsen bin und sicherlich noch verängstigter gewesen wäre, als jemand für den das Alltag ist und der der Sprache 100% mächtig ist.

Mahsa war sicherlich nicht das erste Mädchen, dass so ums Leben gekommen ist, sie wird auch nicht die letzte sein, doch sie war der Tropfen der das sowieso schon bis zur Oberkante gefüllte Fass aus Unterdrückung, schwindelerregender Inflation, Isolation durch das Embargo und daraus resultierender Wut, des Volkes zum Überlaufen brachte. Die Straßen fast aller Städte sind gefüllt mit Demonstranten, Kopftücher werden verbrannt, Plakate der Revolutionsführer zerstört, Frauen demonstrieren ohne den Hijab, Frauen und Männer von Kindern bis alten Menschen skandieren Parolen gegen die Islamische Republik.

Die Polizei und Ihre noch schlimmeren Neben- und Unterorganisationen schreiten ein, sie werfen Tränengas, schießen (mit geladenen Waffen) in die Demonstranten, verprügeln sie mit Schlagstöcken und schon wieder wurden die ersten Demonstranten abgeführt und an unbestimmte Orte gebracht. Ob sie jemals wiederkehren werden, ist ungewiss und selbst wenn, ist es besser sich nicht auszumalen, was ihnen widerfahren ist.

Auch werden hier keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern, Kindern oder Senioren gemacht. Da kann eine 8-Jährige angeschossen werden oder ein 80-jähriger verprügelt werden. Dennoch hört es dieses Mal nicht auf, die Demonstranten wehren sich mit allem was ihnen zur Verfügung steht… Steine, Äste, brennende Mülltonnen, Autos werden angezündet, auf die Polizisten losgegangen etc. Iranische (im Iran und im Ausland) und auch Internationale Prominente unterstützen die Menschen über das Internet, ebenso „Normale Menschen“, indem unter dem Hashtag #mahsaamini gepostet wird, die Videos der Aufstände, die aus dem Iran gesendet werden, verbreitet werden, Frauen und Männer sich aus Protest die Haare abschneiden etc.

Weltweit gibt es in vielen großen Städten Demonstrationen, zum Teil mit mehreren Tausend Teilnehmern. Bei diesen Aktionen geht es um Aufmerksamkeit, darum, dass die Welt nicht mehr zuschaut wie 80 Mio. Menschen unterdrückt werden, Menschen, die oft einen hohen Bildungsgrad haben und modern sind. Nun wurde gestern das Internet landesweit geblockt, um dem Volk das derzeit wichtigste Medium zu nehmen.

Die Bilder und Geschehnisse fühlen sich nach Krieg an. Meine und die Gedanken vieler Millionen Iraner sind derzeit bei diesen mutigen Menschen, die ihr Leben riskieren, um endlich eine Veränderung herbeizuführen. Bei den Familien, die Kinder, Schwestern, Brüder, Eltern oder Großeltern verlieren, die bereit waren ihr Leben zu Opfern, da sie so nicht mehr leben wollen. Diese Bilder triggern mich, denn ich sehe sie zum zweiten Mal in meinem Leben. Die vergangenen Bilder sind verblasst, eingehüllt in einen Retro- Filter, mit persönlicher Angst verbunden.

Als ich 5 Jahre alt war, verließ der Shah den Iran und Khomeini kehrte zurück und machte das Land zur Islamischen Republik. Ich selbst war nicht da, so wie jetzt, da wir „zu Besuch“ in Deutschland waren, doch ich verfolgte die Geschehnisse mit meinen Eltern, die ersten Monate noch in größter Sorge um meinen Vater, der noch dort war, dann „nur“ um andere Verwandte.

Mein Kleines Ich erinnert sich wieder, ich habe Gefühle, die ich so nicht zuordnen kann, da ich sie nach über 40 Jahren natürlich im Alltag überwunden habe. Meine Angststörung bedankt sich jedoch, weil ich sie dieses Mal zumindest verstehe, es gibt einen Grund der offensichtlich ist. Daher kann ich es dieses Mal auch zulassen. Mein Sohn wird im Januar 5 Jahre alt, so alt wie ich war, als meine Familie Ihre Heimat verlor und aus der Ferne zusehen musste, wie Menschen ermordet und die Freiheit des Volkes und somit auch unserer Verwandten zutiefst beschnitten wurde.

Ich wünsche Ihm, dass, sollte es wieder eine Revolution geben, während er fünf Jahre alt ist, dies mit Freude, Hoffnung und Freiheit für uns alle verbunden ist, besonders für seine Oma, seinen Opa, seinen Onkel im Iran und das diese Menschen nicht mehr nur Facetime- Bekannte für ihn sein werden oder Besucher die er bislang ein oder zwei Mal gesehen hat. Ich wünsche Ihm das er sein Leben zwischen Deutschland und dem Iran genießen kann, ohne Ängste, ohne das eine oder andere langfristig zu missen.

 Da sitze ich nun, in Sicherheit in meiner Wohnung, und schwanke zwischen Party und Krieg, zwischen Lachen und Weinen, zwischen Spaß und Angst, zwischen Bierkrug und Revolution und versuche meine Gedanken und Gefühle mit diesem Text zu sortieren.

Summertime… and the living is… anstrengend.

pexels by Roy Reyna

Dieser Sommer hat es wirklich in sich: Rekordhitze, Corona-Comeback, und eine Kinderkrankheit nach der anderen… da hilft nur, es irgendwie mit Humor zu nehmen und sich ein paar altbewährte Kalendersprüche immer wieder vorzusagen.

Wo bitte ist das Sommerloch?

Vielleicht ist es auch nur meine ganz eigene Empfindung, aber von Sommerloch kann dieses Jahr irgendwie keine Rede sein. Das Klima hat uns die Zähne gezeigt in Form von fast unerträglichen Hitzewellen, was ein Spielen mit dem Kind draußen teilweise nicht möglich machte. Netter kleiner Zusatz an der Stelle: das Naturschwimmbad bei uns um die Ecke hatte die letzten Wochen wegen zu hoher Keimbelastung geschlossen.

Irgendwann hatte sich die sonst eisige Isar im Becken tatsächlich auf Badewannentemperatur erhitzt – ob das am beigefügten Babypippi liegt, sei dahingestellt. Die dahinwabernden grünen Algen im Becken jedenfalls rochen leicht muffig.

Ein Heuballen weht durch die einsamen Straßen

Blieb also nur das Kinderplanschbecken, in das mit Müh und Not mein Sohn reinpasst. Für mich erträgliche Temperaturen gab es frühestens ab 16.30, vorher braucht man unsere Terrasse gar nicht zu betreten wegen akuter Hitzeblasengefahr an den Füßen. Es ist wirklich niemand draußen um die Mittagszeit, toter als unser Innenhof ist nur noch eine Westernstadt, in der zu High Noon ein Heuballen verlassen durch die Straßen weht.

Wenn gen abends überall das Klirren gegeneinanderstoßender Aperolgläser die bleierne Stille durchbricht, kommt langsam das Leben zurück in die Straßen. Aber aufgepasst bei zu viel Geselligkeit: Viele trinken zwar schon wieder mit einem Augenzwinkern eiskaltes Coronabier, weil was soll man sonst machen… aber wir wissen ja, dass das Virus sich auch grad nur an irgendeinen kühlen Ort zurückgezogen hat – bereit, im Herbst bei sinkenden Temperaturen wieder voll aufzudrehen und uns hämisch zuzugrinsen.

Beruhigend: Die Schulen bleiben auf!

Es häufen sich schon wieder die Corona-Fälle in meinem Umfeld, und Herr Lauterbachs Medienpräsenz nimmt wieder zu. Nein, nicht der Schauspieler, der Gesundheitsminister. Ein neues Infektionsschutzgesetz steht in den Startlöchern, das uns diesmal aber auch wirklich zeigen soll, wie gut wir auf die nächste Welle vorbereitet sind. Die Schulen bleiben auf, so die Ansage. Wie viel das aber bringt, wenn die Hälfte der Kinder und ihre Familien mit Corona zu Hause sitzen, nobody knows.

Und die Kinderkrankheiten? Für dieses Jahr haben wir, respektive ich, diverse Erkältungen, das Epstein-Barr-Virus, zwei Magen-Darm-Verstimmungen und die Hand-Mund-Fußkrankheit bereits abgehakt, und ach ja im Februar war ja Corona. Die letzten Tage (ohne Kindergarten, der hat zu) waren bestimmt von einer erneuten fiesen Erkältung, die mein Sohn und mein Mann gut, ich weniger gut wegsteckte.

Wir nehmen nur ausgesuchte Spezialitäten mit

An dieser Stelle muss ich es leider mal sagen: Ich kann den Spruch „Ihr nehmt aber auch alles mit“ nicht mehr hören. Nein, wir nehmen nicht ALLES mit, sondern nur ausgesuchte Spezialitäten. Unser Sohn geht in einen Kindergarten mit Kita im selben Haus, das heißt ein Großteil der im KiGa eingeschleppten Krankheiten wurde von Geschwisterkindern aus der Kita bereits liebevoll vorgetestet und dann vertrauensvoll an die Größeren weitergegeben.

Das gepaart mit der anständigen Gruppengröße von 24 Kindern und nochmal derselben Gruppengröße im Zimmer nebenan. Wie viele Kinder sich morgens und nachmittags zu den Bring- und Abholzeiten gleichzeitig in der Garderobe anziehen und anniesen, kann ich nur erraten. Wer hier nicht alle paar Wochen krank ist, muss Superman sein.

Die Lautstärke schwillt an, die Nerven werden dünner

Was sonst noch los war? Sohnemann entdeckt mehr und mehr, wieviel Spaß es macht, einfach „Weil ich es will!“ zu brüllen, wann immer seinen Wünschen nicht sofort entsprochen oder deren Sinnhaftigkeit in Frage gestellt wird. Auch bei mir ist die Lautstärke, parallel zu den immer dünner werdenden Nerven, immer öfter mal angeschwollen. Versucht man, ihn von etwas abzuhalten, zählt er (vermutlich) innerlich bis 5 und macht es dann noch genau 5 Mal.

Meine Kraft reicht nicht mehr für Diskussionen, nur mehr für Ansagen. Dass das ein Kind in der Autonomiephase nicht versteht, ist mir klar. Dennoch kann ich gerade nicht so auf ihn eingehen, wie es vermutlich richtig wäre. Mir bleibt nur, mich in 80 % der Diskussionen hart zusammenzureißen, und die restlichen 20 % Geschrei und Strafen-Angedrohe mit ihm hinterher zu besprechen, wenn wir uns wieder beruhigt haben.

Kalendersprüche helfen einfach immer!

Manchmal beruhigt sich auch einfach gar nichts, und die Stimmung bleibt mies. That’s life, denke ich mir dann, nobody’s perfect und noch tausend andere Kalendersprüche, Mama ist eben auch nur ein Mensch. Und noch dazu einer der sich dank Husten „anhört wie der Marlboro Man“. Naja, wie sagte schon meine Mutter immer? Zu irgendwas muss es ja gut sein.

Was, wenn Maaaaamaaaa nicht mehr kann?

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Als ich mich neulich mit einer Freundin traf, die zwei Kinder hat, fiel mir auf, wie unglaublich erschöpft sie war. An Erschöpfung und Müdigkeit im „normalen“ Maß haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt, aber was, wenn der Beinahe-Burnout zum Dauerzustand wird?

Das Hamsterrad lässt grüßen

Das Hamsterrad lässt grüßen: Das dachte ich mir, als ich meine langjährige Freundin seit über einem Jahr mal wieder zu Gesicht bekam. Sie wirkte komplett ausgepowert, erschöpft, und nervlich am Ende. Das jüngere Kind, ein zweijähriges Mädchen, hielt sie jede Minute beschäftigt, der 5-jährige Junge war ebenfalls ein „Actionkind“, das sich kurz mal 5 Minuten zum Essen hinsetzen konnte, aber dann sofort wieder aufsprang und auf den Spielplatz wollte.

Meine Freundin und ihr Mann sprangen abwechselnd auf und rannten genervt rufend den umhertobenden Kindern hinterher, das Essen wurde kalt.

Einfach mal „nur sitzen“

Solche Situationen kenne ich von meinem Kind. Man sehnt ein paar Minuten Ruhe herbei, möchte einfach mal „nur sitzen“ und essen oder sich kurz unterhalten. Aber das Kind hat Hummeln im Hintern, und einmal mehr ertappen wir uns vielleicht dabei, wehmütig an die Zeit vor den Kindern zu denken, in der wir einfach nur stundenlang mit Freunden sitzen und uns in Ruhe austauschen konnten.

In der wir unsere Gespräche nicht in kleine Häppchen packen mussten, weil man länger als ein paar Minuten nie zusammen am Tisch sitzen kann. Zwischen „Julian, lass deine Schwester jetzt auch mal schaukeln“ und „Setz dich bitte jetzt hin und iss“ sprachen wir kurz über den letzten Ärger mit der Schwiegermutter, eine Antwort konnte ich nicht geben, denn da hängt der kleine Sohn schon kopfüber am Klettergerüst und ruft nach Maaaaaamaaaaaaa….

Trauma in der Corona-Zeit

Und irgendwo zwischen Kaiserschmarren und umgekippter Apfelschorle kommt dann auch ihre Fehlgeburt zur Sprache, die sie vor der zweiten Schwangerschaft hatte. Dieses traumatische Erlebnis mitten in der Corona-Zeit, das sie noch gar nicht richtig verarbeiten konnte. Die Enttäuschung darüber, wie wenig ihr Mann wirklich nachfühlen konnte, was da in ihr vorging. Sie wischt es weg, erledigt, vergangen, und geht zur Toilette.

Gezahlt wird in Etappen, denn bei drei kleinen Kindern muss immer eines dringend aufs Klo oder Windeln wechseln, und der Zeitpunkt muss abgepasst werden, denn irgendwer hat keine Wechselwäsche eingepackt, falls was danebengeht, und dann muss das Kind mit nasser Hose rumlaufen, und so warm ist es ja jetzt auch noch nicht, wir sind hier auf dem Berg…

Kleine Wesen mit eigenem Willen

Kinder sind so, und Kinder sind anders, und niemand weiß, was für eine kleine Persönlichkeit da auf die Welt kommt, wie sehr sie uns fordern und an unsere Grenzen bringen wird.

Das alles wird uns klar, wenn wir das kleine Wesen an unserer Seite zum ersten Mal wirklich als eigenständige Persönlichkeit betrachten. Mit Macken, Marotten und Vorlieben, und vor allem mit einem eigenen Willen.

Dennoch tut es mir weh, wenn ich die Erschöpfung sehe, die meiner Freundin im Gesicht geschrieben steht. Ihr Mann wirkt auch müde, aber er ist – trotz gerade begonnener beruflicher Selbstständigkeit – längst nicht so am Limit wie sie.

Sie hält an ihrem Traum fest

Trotzdem denkt sie über ein drittes Kind nach. Denn das war immer schon ihr Traum, drei Kinder. An diesem Traum hält sie fest, auch wenn das bedeutet, sich finanziell, körperlich und psychisch komplett an die Grenzen und darüber hinaus zu bringen.

Und die Erschöpfung, die Müdigkeit?

„Wir fahren jetzt auch bald mal ein paar Wochen weg“, sagt sie. Sie schaut mit einem schmalen Lächeln ihren Mann an, „Freust du dich schon?“ Doch der hat keine Zeit zu antworten, er hebt gerade Schnitzel-Stückchen vom Boden auf.

War’s das jetzt mit der Pandemie?

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Draußen wird es langsam richtig frühlingshaft, und dementsprechend kommt wieder ein bisschen mehr Leichtigkeit in den Alltag. Dennoch – da war doch was… ist die Pandemie jetzt eigentlich vorbei?

Neue Regeln, alte Gespräche

Die zwei vergangenen Pandemiejahre fühlten sich an wie ein nie endendes Déja-Vu aus steigenden und fallenden und wieder steigenden Infektionskurven, immer neuen Regeln, die irgendwann so schnell auf einander folgten dass keiner mehr nachkam, immer denselben oder ähnlichen Gesprächen über die Pandemie und durchgehend dem Gefühl, dass wir Eltern mit Corona allein gelassen wurden.

Bestätigt wurde das, als wir und viele, viele Menschen in unserem Umfeld sich mit Corona und seinen diversen Unterarten ansteckten. Letzten Endes war niemand erstaunt oder schockiert, sondern im Gegenteil, alle (zumindest die Leute, die Kontakt zu Kindern haben) hatten es irgendwie erwartet.

Bald fällt die Testpflicht ganz weg

Klar, in einer Kindergartengruppe von 23 kleinen Menschen wird vom Magen-Darm-Virus bis zur Seuche eben alles weitergegeben.Und das wird wohl noch eine Weile so weitergehen. Ab Mai fällt die Testpflicht für Kindergartenkinder weg.

Aber das Gefühl, dass von Seiten der Politik gleichgültig mit der Gefahr der Ansteckung der Kleinsten (und damit auch ihrer Eltern und der Großeltern) kalkuliert wurde, bleibt einfach. Ein Vertrauensverlust, der auch durch kleine Tropfen auf den heißen Stein (hier und da mal eine einmalige Erhöhung des Kindergeldes oder gratis Schnelltests) nicht wettgemacht werden konnte.

Männer verschaffen Männern Vorteile

Leider bleibt bei mir auch einmal mehr das Gefühl, dass eine hauptsächlich von Männern gemachte Politik unweigerlich wieder die von Männern dominierten Sektoren der Gesellschaft bevorteilt – während alle anderen schauen können, wo sie bleiben. Ja, wir hatten eine sehr lange Zeit eine Kanzlerin an der Spitze unseres Landes, aber eine einzelne Frau gegen eine ganze Armada von Männern kann eben auch keine Sch… zu Gold machen.

Der Kapitalismus hat in der Pandemie ganz offen sein Gesicht gezeigt: Es fing an mit solidarischem Klatschen für die Pfleger_innen und endete bei Maskendeals in Millionenhöhe. Und dazwischen so unendliche viele erschöpfte Frauen, die sich während Corona krank gemanaged haben als „Leiterinnen eines erfolgreichen kleinen Familienunternehmens“, wie es damals in der Vorwerk-Werbung so liebevoll hieß.

Wie hätte Olaf das alles wohl gehandelt?

Kleiner Gedanke am Rande: Wie hätte die jetzige Regierung unter Olaf Scholz wohl die Anfänge der Pandemie gehandelt? Olaf und seine Kollegen wursteln sich grad so durch, während am Rande von Europa Panzer in Stellung gehen. Bald werden auch deutsche Panzer darunter sein.

Und nun? Nun wurde die Pandemie mehr oder weniger von offizieller Seite für beendet erklärt, uns allen wird die Rückkehr zur weitgehenden Normalität quasi verordnet. Wer noch kein gutes Bauchgefühl bei der ganzen Sache hat, der hat – Pech. Denn die Masken fallen, die Innenstädte sind voll wie eh und je, die Clubs auch, und die Fußballstadien sowieso.

Corona hat seinen Schrecken verloren

Dass das mit den Nachrichten aus meinem Umfeld über mehr und mehr Corona-Infektionen nicht ganz zusammenpasst, scheint niemanden zu stören. Oder wie es neulich ein Kollege in einer Zoom-Konferenz formulierte: „Corona hat irgendwie seinen Schrecken verloren.“ Die Menschen, die sich Long Covid eingefangen haben und jeden Morgen beim Aufstehen erstmal nach Atem ringen, dürften das wohl anders sehen.

Die Pandemie im Kopf bleibt

Niemand will die Unkenrufe von Gesundheitsminister Lauterbach hören, der für den Herbst etwas drastisch eine „Killervariante“ von Corona herbei prognostiziert. Und momentan sind eh all eyes on Ukraine.

Ich jedenfalls kann mich von dieser Pandemie im Kopf noch nicht ganz verabschieden. Das Abstandhalten, Verzichten, Maske tragen und vorsichtig sein hat sich zu sehr eingebrannt in mein Denken und Fühlen. Umarmt wird von mir nur, wer geimpft ist. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht im Herbst ein neues, altes Déja-Vu auf uns wartet.

Good cop, bad cop… muss das sein?

Photo by Monstera from Pexels

Kennt ihr das auch? Vorausgesetzt ihr erzieht euer Kind zusammen mit einer anderen Person, ist immer einer der „good cop“, einer der „bad cop“. Diese Dynamik raubt mir manchmal den letzten Nerv.

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Situationen wie diese haben wir zuhauf: Kind möchte etwas Bestimmtes nicht tun (Zähneputzen, Anziehen etc.), ein Elternteil möchte das Geplante trotzdem durchsetzen, die Situation schraubt sich hoch und zack! Das Kind kommt angerannt und sucht beim anderen Elternteil nach Bestätigung oder Trost. In unserer Konstellation bin das meistens ich, die dann als Puffer zwischen den verhärteten Fronten steht. Eine Situation, die mich jedes Mal wieder etwas ratlos zurücklässt, denn ich habe in diesem Fall die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Biete ich dem Kind den gewünschten Trost, habe ich das Gefühl, meinem Partner in den Rücken zu fallen. Biete ich die tröstende Schulter nicht an, habe ich Angst, die Bindung zu meinem Kind zu gefährden oder ihm in seiner Not nicht beizustehen. Wie ich es mache, scheint es falsch zu sein.

Bis drei zählen und abwarten

Und der Partner? Nach dem Motto „Du hast mich jetzt genug angeschrien“ in Richtung Kind verlässt er ebenfalls sauer die Szenerie und mir bleibt dann wieder nur – bis drei zu zählen, denn dann kommt unter Garantie das wütende Kind angestampft und will sich an meiner Schulter ausheulen.

Dass mein Partner nach 5 Minuten Frontal-Angeschrienwerden seine Grenze zieht und die Situation verlässt, kann man ihm schlecht vorwerfen. Was mich jedoch wütend macht, ist die Argumentation, dass das Kind ja sowieso einen der beiden Elternteile bevorzugt, und das andere Elternteil dagegen nichts tun kann – und also auch keine Verantwortung übernimmt für Konfliktlösungen.

Wir leisten genug Beziehungsarbeit

Ich bin die Rolle der ewigen Vermittlerin leid. Erwiesenermaßen leisten wir Frauen daheim ja mehr als genug Beziehungs- und Sorgearbeit.

Wir fühlen uns meist dafür verantwortlich, dass die Stimmung daheim gut ist – selbst wenn das auf Kosten unseres eigenen Energiehaushaltes geht. Wir spielen Mutter Theresa, obwohl wir innerlich auch am liebsten schreien würden. Wir puffern die Gefühle der Kleinen und auch der Großen ab, nicht selten rücksichtslos gegenüber unseren eigenen Gefühlen.

Der eigentliche Job wird auch gleich noch gemacht

Oft ist es dann so, dass der verständnisvollere Elternteil auch noch gleich die zu erledigende Aufgabe übernimmt, wegen der der ganze Stress überhaupt angefangen hat. Also morgens schnell das Kind anziehen, abends das Kind doch noch zum Zähneputzen und danach ins Bett bringen, und und und. Das bedeutet unterm Strich nicht nur, anstrengende Gefühlsarbeit beim Kind zu leisten, sondern auch noch Arbeiten on top zu übernehmen, die eigentlich der Partner oder die Partnerin hätte machen sollen.

Was aber tun, wenn solche Extrem-Situationen fast täglich aufkommen? Wenn das Kind genau weiß, es muss nur zu Mama/Papa laufen, und schon ist der eigentliche Konflikt vorbei? Dann bleibt beim Kind das Wissen hängen, dass es einen „guten“ und einen „bösen“ Elternteil gibt.

Können Kinder ihre Eltern wirklich ausspielen?

Können Kinder ihre Eltern wirklich „gegeneinander ausspielen“, wie ich es schon so oft besonders von der älteren Generation gehört habe?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich weiß aber: Mein Kind möchte seine Eltern nicht willentlich gegeneinander aufbringen. Mein Kind leidet darunter, wenn mein Partner und ich uns streiten und die Luft dick ist. Mein Kind möchte, dass seine Gefühle aufgefangen und ja, auch begleitet werden.

Nicht geklärte Konflikte sind belastend

Selbst wenn es in höchster Wut nur noch „Geh weg“ und „Lass mich in Ruhe“ brüllt, so bleibt doch das Grundbedürfnis nach Trost und Linderung bestehen. Dieses Bedürfnis dürfen wir Eltern nicht ignorieren. Oft genug habe ich es als Kind selbst erlebt, wie belastend es sein kann, wenn Konflikte nicht beigelegt und heftige Konflikte nicht geklärt, sondern „ausgeschwiegen“ und ignoriert werden. Diese Konflikte sind dann wie kleine, schmerzhafte Schnitte, die über Tage hinweg wehtun.

Das Kind also in der Situation nicht allein zu lassen, steht für mich außer Frage. Und doch bleibt manchmal der Rest eines Zweifels – Kinder sind schließlich auch sehr lernfähige Wesen, die schnell begreifen, welches Elternteil das nachgiebigere und welches das strengere ist. So ganz weiß ich also auch nicht, was man tun kann, um die Dynamik „good cop, bad cop“ aufzubrechen.

Es gibt immer eine Nr. 1 und eine Nr. 2

Dass verschiedene Personen auch verschiedene Charaktere sind, und damit auch gegenüber dem Kind verschiedene Rollen besetzen, ist ja nur natürlich. Sonst wäre jeder Mensch in seinen Beziehungen ja komplett austauschbar. Und dass es in den meisten Eltern-Kind-Beziehungen eine Person gibt, die Bezugsperson Nr.1 ist, und eine, die die zweite Geige spielt, ist auch klar.

In den meisten Fällen sind es nun mal immer noch die Mütter, die den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen und damit auch am meisten Erfahrung im Umgang mit dem Kind anhäufen.

Auch wir Mütter müssen das erst lernen

Hier fällt mir als Lösung, um die Überanspruchung von Bezugsperson 1 zu vermeiden, nur eines ein: die Nr.2 muss sich engagiert einbringen und versuchen, ebenfalls „Trostkompetenz“ zu erwerben. Trösten und beruhigen muss man nämlich lernen, denn jedes Kind ist anders.  

Auch wir Mütter können das nicht von Natur aus gut, sondern lernen es im Alltag mit dem Kind. Und was bleibt für mich zu tun? Vielleicht einfach, gelassen zu bleiben, da zu sein aber nicht immer sofort zu versuchen, den Konflikt beizulegen. Sondern auch mal darauf zu vertrauen, dass die Streithähne das „unter sich ausmachen“. Und dabei vielleicht auch etwas Wertvolles für den nächsten Konflikt mitnehmen – nämlich, dass sie nicht immer Mama brauchen, um den Streit beizulegen.

Warum bekommen wir eigentlich noch Kinder?

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Wann immer ich mit kinderlosen Freundinnen über Kinder spreche, kommt irgendwann die Frage auf, warum eigentlich überhaupt Kinder? Die Welt macht gerade einiges durch, die Jahrhundertereignisse häufen sich, jetzt gibt es sogar Krieg. Dazu kommen der private Stress, die Sorgen, die Kosten… ja, warum eigentlich?

Ich war innerlich Null darauf vorbereitet

Als ich schwanger wurde, brach für mich im ersten Moment eine Welt zusammen. Es kam recht unerwartet, ich hatte es nicht darauf angelegt und war innerlich Null darauf vorbereitet. Ich genoss mein Leben in Freiheit und ohne Einschränkungen.

Zwar hatte ich dann 10 Monate Zeit, um mich auf die Ankunft des neuen Erdlings einzustellen, aber NIEMAND, wirklich niemand kann uns vorbereiten auf das Gefühl, wenn das Kind dann endlich da ist. Diese Erschöpfung, diese Überforderung, diese Neugier auf das kleine Wesen da in deinen Armen. Ich gebe zu, die alles überflutende Liebe auf den ersten Blick konnte ich nach mehreren Stunden Wehensturm und einem nicht geplanten Kaiserschnitt nicht gleich empfinden.

Vorher selbstbestimmt, dann ohnmächtig

Ich war vor der Geburt ein selbstbestimmter Mensch gewesen, und währenddessen ohnmächtig dem ausgeliefert, was da in meinem Körper und außerhalb passierte. Als ich mit meinem neugeborenen Sohn nach Hause kam, war ich erstmal wie betäubt.

Zum ersten Mal in deinem Leben übernehmen wir voll und ganz Verantwortung für ein Menschenleben. Und gefühlt die ganze Welt sieht uns dabei zu und beurteilt, ob wir unsere Sache auch gut machen. Mein strengster und unerbittlichster Kritiker sollte in den nächsten Wochen und Monaten aber ich selbst sein. Ich gab diesem kleinen Wesen alles, was ich hatte, und noch mehr.

Die Grenze war nach oben offen

Und doch häuften sich die Momente, in denen ich dachte, es sei nicht genug. Die Liebe, die ich empfand, sei nicht genug. Die Zuwendung, das Stillen, das Tragen und Streicheln, es gab keine Grenze nach oben, keinen Feierabend, keinen Abstand von diesem kleinen Menschen. Ich war permanent im Ausnahmezustand, rund um die Uhr zuständig und völlig erschöpft.

Der kleine Kerl war kein Anfängerbaby, er ging gleich aufs Ganze. Neugierig, unruhig, und von meiner leider recht unsensiblen Nachsorge-Hebamme als „Zappelphilipp“ gleich in eine Schublade sortiert, machte er es mir schwer, auch nur wenige Minuten am Tag zu entspannen.

Leider können wir einem anderen Menschen, selbst wenn die Person noch so einfühlsam ist, nie ganz klarmachen, was für ein Gefühl es ist, diese Verantwortung als Mutter am eigenen Leib zu spüren. Natürlich gibt es Personen, die im selben Maße Verantwortung übernehmen für ein Neugeborenes, dazu muss man nicht stillen oder gebären können.

Keine Gruppe wird so hart beurteilt

Es gibt in unserer Gesellschaft kaum eine Personengruppe, die für Ihre Dienste an anderen Menschen mehr in den Himmel gehoben und gleichzeitig brutaler beurteilt wird als die der „klassischen“ Mutter. Die Verantwortung als Mutter kennt keine Grenzen, im Grunde wird man ein Leben lang dafür zur Rechenschaft gezogen, was für einen kleinen und später großen Menschen man da „produziert“ hat – im Guten wie im Schlechten.

Ich kannte mich in den nächsten Monaten und Jahren selbst nicht mehr richtig, und schenkte mir selbst sicher nicht die Aufmerksamkeit, die ich gebraucht hätte. Nach der Elternzeit wunderten sich meine Kolleginnen darüber, warum ich mir Dinge nicht merken konnte, warum man mir alles mehrmals erklären musste. Hätten sie in meinen Kopf sehen können, hätten sie dort zwei unterschiedliche Hälften gesehen.

Zwei ungleiche Hälften ergeben erstmal Chaos

Die Kinder-Hälfte und die Arbeits-Hälfte. Und hätten vielleicht verstanden, dass zwei ungleiche Hälften nicht ein Ganzes ergeben, sondern einfach nur Chaos. Wieviel Kraft es mich jeden einzelnen Tag gekostet hat, zuerst der einen Hälfte, und dann der anderen Hälfte so gut es geht gerecht zu werden. Und dabei immer wieder das Gefühl zu haben, zu scheitern.

Jetzt ist mein Sohn gerade vier Jahre alt, und mein altes Ich kommt langsam zurück – mit ein paar hilfreichen neuen Skills. Die sogenannte Stilldemenz ist nur noch eine blasse Erinnerung, die zerrissenen Nächte der Baby- und Kleinkindzeit eines von vielen Puzzleteilen, die irgendwann das Bild seiner Kindheit ergeben werden. Wann immer ich die Fotos ansehe, die wir kurz nach seiner Geburt gemacht haben, merke ich, wie ich diese Zeit immer mehr in meiner Erinnerung verkläre. Und ich wünsche mir, dass ich die Baby-Zeit mit ihm so hätte genießen können, wie ich es heute vermutlich täte.

Die Entscheidung für ein Kind ist endgültig

Es gab oft genug Momente, in denen ich nicht mehr konnte. Mich einfach ins Badezimmer einschließen und ihn schreien lassen wollte. Niemandes Bedürfnisse mehr erfüllen wollte. Aber ein Kind kann man nicht zurückgeben. Die Entscheidung, es auf die Welt zu holen, ist unwiderruflich. Und das macht Angst. Warum tun wir es also trotzdem? Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet und ob wir die Entscheidung vielleicht ein Leben lang bereuen?

Die Momente, die ich bisher ohne meinen Sohn war, haben mir die Antwort darauf gegeben. Versteht mich nicht falsch: Ich habe die freie Zeit genossen, ausgekostet und mir gewünscht, dass sie noch länger andauert. Habe alles getan, was ich sonst in seiner Gegenwart nicht tun kann. Und habe mich wieder so gefühlt wie damals, bevor es ihn gab. Mein altes Ich ist mit Schalk im Nacken hervorgekommen und hat mich zum Tanzen aufgefordert.

Auf einmal war mein Herz leer ohne ihn

Doch dann, wenn ich meine Freiheit genug ausgekostet hatte, war mein Herz auf einmal leer ohne ihn. Ich hatte alles ohne ihn getan, aber es war nicht mehr genug. Erst als er wieder durch die Tür rannte und mich anlächelte, war der Herzschmerz vorbei. Er ist ich, und ich bin er. Wir sind zwei Hälften, die immer verbunden sein werden.

Die Liebe für ihn ist die größte und ehrlichste Liebe, die ich jemals empfunden habe. Und die Liebe, die ich von ihm bekomme, bringt mein Herz zum Schmelzen. Deshalb bekommen wir Kinder.

Corona daheim – 10 Tipps, wie ihr durch die Isolation kommt, ohne durchzudrehen

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Der Großteil unserer Bekannten und Freunde hatte es schon, wir jetzt auch, und einem weiteren Teil steht es vermutlich noch bevor – Omikron ist gerade überall. Bei uns waren es elf Tage, die wir „eingesperrt“ zuhause verbracht haben. Hier ein paar Tipps von mir (nicht nur für Eltern), wie man diese Zeit durchstehen kann – vorausgesetzt ihr habt einen „milden Verlauf“ und könnt eure Erkrankung daheim auskurieren.

1: Was du heute kannst besorgen… Klingt zwar lächerlich angesichts unserer Überflussgesellschaft, aber: Wenn Omikron bei euch in der Kita oder dem Bekanntenkreis wütet, und ihr jeden Tag mit einer Infektion rechnen müsst, besorgt euch ein paar Sachen auf Halde. Eine extra Packung Klopapier und Küchenrolle (ja ich weiß, Hamsterkäufe…), ein paar Konserven oder TK-Gerichte erleichtern die erste Zeit enorm. Wenn nämlich alle Familienmitglieder positiv getestet sind, bewahrt das davor, in Panik zu verfallen. Im Notfall gibt es Bringdienste, die euch allem versorgen, aber das geht auf die Dauer auch ins Geld.

2: Someone to relie on: Sucht euch eine befreundete Familie in der Nähe, sprecht mit Freunden, Großeltern oder Nachbarn, und vereinbart mit Ihnen, dass ihr euch im Notfall helft. Es wird zwar der Großteil der Leute wahrscheinlich Hilfe anbieten, aber wenn Ihr wirklich dringend etwas braucht, wendet ihr euch wahrscheinlich eher an die Personen, die in eurer Nähe wohnen. Hier jemanden zu habe, auf den ihr euch verlassen könnt, ist auf jeden Fall ein gutes Gefühl.

3: Solidarität und Mitgefühl: Wenn Ihr jemanden aus eurem Umfeld kennt, der gerade in dieser Situation ist, bietet ebenfalls eure Hilfe an. Falls es sich um eine ältere Person handelt, kommt wahrscheinlich zu der Isolation auch noch die enorme Angst um die eigene Gesundheit dazu. Das gilt natürlich auch für Personen mit Vorerkrankungen oder Menschen mit Behinderungen. Und wir haben wirklich genügend Menschen in unserer stinkreichen Gesellschaft, die sich vom Staat abgehängt und vergessen fühlen. Nicht Egoismus, sondern Solidarität muss hier das Motto sein. Nur gemeinsam schaffen wir es da durch.

4: Drückt den Pausenbutton, bevor ihr durchdreht. Speziell für Familien: Teilt euch die „Kinderzeit“ auf. Niemand kann 24 Stunden am Tag die Bedürfnisse anderer erfüllen. Gerade wir Frauen neigen jedoch dazu, uns rund um die Uhr für irgendetwas oder irgendjemanden zuständig zu fühlen.

Aber: Jeder braucht mal eine Auszeit, und sei es nur um eine Viertelstunde ungestört auf dem Handy herumzudaddeln. Wenn ein Partner oder eine Partnerin da ist, sprecht euch also ab und macht Zeiten aus, zu denen der jeweils eine oder andere dann auch mal alleine für die Bespaßung des Kindes zuständig ist. Und dann: Türe schließen und mal kurz durchatmen.

Für Alleinerziehende funktioniert dieses Konzept mit dem Abwechseln natürlich nicht, aber vielleicht kann man, sofern das Kind schon etwas größer und verständiger ist, auch kleine „Elternpausen“ einführen. 10 bis 20 Minuten in denen das Kind weiß, diese Zeit gehört jetzt Mama oder Papa, da beschäftige ich mich alleine oder darf meine Lieblingssendung im Fernsehen anschauen. Leichter gesagt als getan, das weiß ich. Ich versuche jedoch meinem Sohn auch gerade beizubringen, dass es auch mal möglich sein muss, Mama in Ruhe den Kaffee trinken zu lassen, bevor wieder gespielt wird.

5: Ein ungefährer Rhythmus gibt ein bisschen Struktur: Es kann schnell passieren, dass ihr in der Corona-Isolation den ganzen Tag im Schlafanzug verbringt und es gar nicht merkt. Nix gegen Tage im Schlafanzug, aber ein minimaler Rhythmus (circa 12 Uhr Mittagessen, circa 18 Uhr Abendessen oder was auch immer euch Halt gibt…) hilft hier enorm – die Tage verschwimmen sowieso irgendwann alle zu einem einzigen.

6: No hurry, no worry. Mir hat es zwar sehr geholfen, wenn in der Wohnung eine gewisse Grundordnung herrschte, aber in so einer Ausnahmesituation weiterhin den Anspruch an sich zu stellen, dass alles picobello aussehen soll, ist meiner Meinung nach Irrsinn. Allein drei Mal am Tag Mahlzeiten bereitzustellen, Wäsche zu waschen, auf- und abzuhängen und den Geschirrspüler gefühlt fünf Mal am Tag laufen zu lassen, kostet schon genug Zeit und Energie, vor allem wenn ihr euch körperlich nicht gut fühlt. Die Kinder, wenn sie etwas größer sind, in die täglichen Handgriffe wie Tisch abwischen oder Besteck in die Schublade räumen mit einzubinden, kann auch eine Möglichkeit sein. Den meisten Kindern macht es einfach Spaß, den Großen zu helfen und eine Aufgabe zu erfüllen.

7: Kurz mal raus, und wenn es nur der Balkon ist: Jetzt wo es wieder wärmer wird, sind natürlich die Leute im Vorteil, die einen Balkon oder Garten haben. Wir haben das große Glück, einen Garten mit angeschlossenem Hof zu haben. Fühlt sich zwar ein bisschen wie Gassigehen an, aber wenn niemand draußen ist, kann man auch mal eine Runde im Hof drehen. Und der eigene Garten und Balkon sind ja sowieso erlaubt, trotz Isolation. Ihr werdet merken, wie sehr diese paar Minuten am Tag einen Unterschied machen. Wenn man schon nicht am öffentlichen Leben teilnehmen darf, kann man sich zumindest kurz raus auf den Balkon setzen und die Leute auf der Straße beobachten – eine kleine Illusion von Freiheit, die aber guttut.

8: Jetzt bloß nicht aufeinander losgehen! Ist ja bekannt, dass Menschen, wenn sie längere Zeit aufeinandersitzen, unweigerlich jede Macke und jeden Fehler des anderen überdeutlich bemerken. Und dass es unweigerlich irgendwann gewaltig kracht. Damit das gerade bei Familien mit Kindern kein Kreislauf des Teufels wird, bei dem man sich am Ende am liebsten scheiden lassen möchte, ist Großmut geboten. Nicht zuletzt kann man sich in Isolation auch leider nicht so wunderbar demonstrativ aus dem Weg gehen nach einem großen Krach…

Es hilft, wenn man sich ab und zu klarmacht: Für die anderen ist es auch kein Zuckerschlecken, und so blöd es klingt, irgendwann ist es vorbei. Dann hat man auch wieder seine nötigen Auszeiten und Freiheiten, und kann mit den Fehlern der anderen besser leben. Und die natürlich auch mit euren.

9: Schnelltesten ist gut und schön – aber reicht manchmal nicht! Auch das macht langsam die Runde: Die Schnelltests aus Apotheken sind nur bedingt dazu geeignet, eine Omikron-Infektion zu erkennen. Bei uns haben die Tests leider komplett versagt – wir testeten uns trotz positivem PCR-Ergebnis immer negativ. Viele Eltern aus unserem Kindergarten haben dasselbe erlebt und vertrauen ebenfalls nicht mehr nur auf die Schnelltests.

Absurd genug, dass in Kita und Kindergarten eigentlich nur auf Schnelltests gesetzt wird, um Infektionen zu erkennen. Bei einigen funktioniert es, bei vielen jedoch nicht. Oft genug kommt es vor, dass das Kind zwar Symptome hat, aber trotzdem kein positiver Schnelltest vorliegt. Die Entscheidung, ob nach einem negativen Schnelltest-Ergebnis auch noch ein PCR-Test gemacht wird, um ganz sicher zu gehen, liegt dann bei den Familien.

10: Gebt euch Zeit, wieder gesund zu werden: Uns haben die körperlichen Symptome von Omikron zwar glücklicherweise nicht tagelang ans Bett gefesselt, aber eine körperliche Belastung war es dennoch. Starke Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Schweißausbrüche und Schüttelfrost haben uns Erwachsenen eine Woche lang das Leben schwer gemacht. Beim Kind war es ein Nachmittag lang erhöhte Temperatur und eine Müdigkeit, die sich über mehrere Tage hinzog und die ich so noch nie bei ihm erlebt hatte.

Und auch wir hatten noch zu kämpfen, nachdem die akuten Symptome abgeklungen waren. Ständige Schlappheit, Kurzatmigkeit, permanenter Ohrendruck, immer wieder auftretende Kopfschmerzen und ein generelles Gefühl von Unwohlsein begleiten mich immer noch durch meinen Alltag, obwohl ich schon längst wieder so „funktionieren“ muss wie vorher.

Der allgemeine Tenor in den Medien, wonach angeblich bei den meisten Betroffenen die Symptome sehr mild sind und nach 3-5 Tagen alles wieder beim Alten ist, sind auch nicht allgemeingültig. Jeder Körper ist anders, deshalb setzt euch nicht auch noch psychisch unter den Druck, möglichst schnell wieder fit sein zu müssen, nur weil ihr vielleicht jemanden kennt, der keine oder kaum Symptome hatte.

Gebt eurem Körper die Zeit, sich zu erholen, wann immer es euch möglich ist. Verausgabt euch nicht zu früh wieder mit Sport oder Fitnessübungen, macht Pausen, versucht soviel es geht zu schlafen und gut und ausgewogen zu essen. Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber die ersten Eltern berichten bereits, dass ihre Kinder sich nach einer Pause von circa 4 Wochen erneut mit einer Omikron-Variante angesteckt haben. Wir werden die Kraft also vielleicht noch dringend brauchen!