Good cop, bad cop… muss das sein?

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Kennt ihr das auch? Vorausgesetzt ihr erzieht euer Kind zusammen mit einer anderen Person, ist immer einer der „good cop“, einer der „bad cop“. Diese Dynamik raubt mir manchmal den letzten Nerv.

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Situationen wie diese haben wir zuhauf: Kind möchte etwas Bestimmtes nicht tun (Zähneputzen, Anziehen etc.), ein Elternteil möchte das Geplante trotzdem durchsetzen, die Situation schraubt sich hoch und zack! Das Kind kommt angerannt und sucht beim anderen Elternteil nach Bestätigung oder Trost. In unserer Konstellation bin das meistens ich, die dann als Puffer zwischen den verhärteten Fronten steht. Eine Situation, die mich jedes Mal wieder etwas ratlos zurücklässt, denn ich habe in diesem Fall die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Biete ich dem Kind den gewünschten Trost, habe ich das Gefühl, meinem Partner in den Rücken zu fallen. Biete ich die tröstende Schulter nicht an, habe ich Angst, die Bindung zu meinem Kind zu gefährden oder ihm in seiner Not nicht beizustehen. Wie ich es mache, scheint es falsch zu sein.

Bis drei zählen und abwarten

Und der Partner? Nach dem Motto „Du hast mich jetzt genug angeschrien“ in Richtung Kind verlässt er ebenfalls sauer die Szenerie und mir bleibt dann wieder nur – bis drei zu zählen, denn dann kommt unter Garantie das wütende Kind angestampft und will sich an meiner Schulter ausheulen.

Dass mein Partner nach 5 Minuten Frontal-Angeschrienwerden seine Grenze zieht und die Situation verlässt, kann man ihm schlecht vorwerfen. Was mich jedoch wütend macht, ist die Argumentation, dass das Kind ja sowieso einen der beiden Elternteile bevorzugt, und das andere Elternteil dagegen nichts tun kann – und also auch keine Verantwortung übernimmt für Konfliktlösungen.

Wir leisten genug Beziehungsarbeit

Ich bin die Rolle der ewigen Vermittlerin leid. Erwiesenermaßen leisten wir Frauen daheim ja mehr als genug Beziehungs- und Sorgearbeit.

Wir fühlen uns meist dafür verantwortlich, dass die Stimmung daheim gut ist – selbst wenn das auf Kosten unseres eigenen Energiehaushaltes geht. Wir spielen Mutter Theresa, obwohl wir innerlich auch am liebsten schreien würden. Wir puffern die Gefühle der Kleinen und auch der Großen ab, nicht selten rücksichtslos gegenüber unseren eigenen Gefühlen.

Der eigentliche Job wird auch gleich noch gemacht

Oft ist es dann so, dass der verständnisvollere Elternteil auch noch gleich die zu erledigende Aufgabe übernimmt, wegen der der ganze Stress überhaupt angefangen hat. Also morgens schnell das Kind anziehen, abends das Kind doch noch zum Zähneputzen und danach ins Bett bringen, und und und. Das bedeutet unterm Strich nicht nur, anstrengende Gefühlsarbeit beim Kind zu leisten, sondern auch noch Arbeiten on top zu übernehmen, die eigentlich der Partner oder die Partnerin hätte machen sollen.

Was aber tun, wenn solche Extrem-Situationen fast täglich aufkommen? Wenn das Kind genau weiß, es muss nur zu Mama/Papa laufen, und schon ist der eigentliche Konflikt vorbei? Dann bleibt beim Kind das Wissen hängen, dass es einen „guten“ und einen „bösen“ Elternteil gibt.

Können Kinder ihre Eltern wirklich ausspielen?

Können Kinder ihre Eltern wirklich „gegeneinander ausspielen“, wie ich es schon so oft besonders von der älteren Generation gehört habe?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich weiß aber: Mein Kind möchte seine Eltern nicht willentlich gegeneinander aufbringen. Mein Kind leidet darunter, wenn mein Partner und ich uns streiten und die Luft dick ist. Mein Kind möchte, dass seine Gefühle aufgefangen und ja, auch begleitet werden.

Nicht geklärte Konflikte sind belastend

Selbst wenn es in höchster Wut nur noch „Geh weg“ und „Lass mich in Ruhe“ brüllt, so bleibt doch das Grundbedürfnis nach Trost und Linderung bestehen. Dieses Bedürfnis dürfen wir Eltern nicht ignorieren. Oft genug habe ich es als Kind selbst erlebt, wie belastend es sein kann, wenn Konflikte nicht beigelegt und heftige Konflikte nicht geklärt, sondern „ausgeschwiegen“ und ignoriert werden. Diese Konflikte sind dann wie kleine, schmerzhafte Schnitte, die über Tage hinweg wehtun.

Das Kind also in der Situation nicht allein zu lassen, steht für mich außer Frage. Und doch bleibt manchmal der Rest eines Zweifels – Kinder sind schließlich auch sehr lernfähige Wesen, die schnell begreifen, welches Elternteil das nachgiebigere und welches das strengere ist. So ganz weiß ich also auch nicht, was man tun kann, um die Dynamik „good cop, bad cop“ aufzubrechen.

Es gibt immer eine Nr. 1 und eine Nr. 2

Dass verschiedene Personen auch verschiedene Charaktere sind, und damit auch gegenüber dem Kind verschiedene Rollen besetzen, ist ja nur natürlich. Sonst wäre jeder Mensch in seinen Beziehungen ja komplett austauschbar. Und dass es in den meisten Eltern-Kind-Beziehungen eine Person gibt, die Bezugsperson Nr.1 ist, und eine, die die zweite Geige spielt, ist auch klar.

In den meisten Fällen sind es nun mal immer noch die Mütter, die den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen und damit auch am meisten Erfahrung im Umgang mit dem Kind anhäufen.

Auch wir Mütter müssen das erst lernen

Hier fällt mir als Lösung, um die Überanspruchung von Bezugsperson 1 zu vermeiden, nur eines ein: die Nr.2 muss sich engagiert einbringen und versuchen, ebenfalls „Trostkompetenz“ zu erwerben. Trösten und beruhigen muss man nämlich lernen, denn jedes Kind ist anders.  

Auch wir Mütter können das nicht von Natur aus gut, sondern lernen es im Alltag mit dem Kind. Und was bleibt für mich zu tun? Vielleicht einfach, gelassen zu bleiben, da zu sein aber nicht immer sofort zu versuchen, den Konflikt beizulegen. Sondern auch mal darauf zu vertrauen, dass die Streithähne das „unter sich ausmachen“. Und dabei vielleicht auch etwas Wertvolles für den nächsten Konflikt mitnehmen – nämlich, dass sie nicht immer Mama brauchen, um den Streit beizulegen.

Wütend sein, ja oder nein?

Weibliche Wut: Dass es sowas gibt, und dass diese Wut sogar ziemlich groß werden kann – dieses Bewusstsein sickert in der Gesellschaft nur langsam durch. Die Wut vor allem von Müttern ist nämlich immer noch etwas, das die Mütter bitte mit sich selbst ausmachen sollen.

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Mein Sohn war diese Woche mit einer entzündeten Lippe zuhause. Die Ärztin hatte uns gesagt, das kommt vom Knibbeln. Immer wieder hatte ich meinen Sohn zurechtgewiesen, ihn gebeten, nicht daran zu zupfen. Und nun: entzündete, geschwollene, blutverkrustete Oberlippe, mehrere Tage lang erhöhte Temperatur und Fieber. Laune im Keller, schlaflose Nächte, Eltern am Anschlag, Großeltern höchst besorgt. Und ach ja – Home Office nebenbei natürlich.

Vier Tage lang waren ich und mein Sohn ununterbrochen zusammen, jede Sekunde, auch nachts lagen ich oder mein Mann bei ihm. Dennoch klebte er hauptsächlich an mir, denn ich rannte, machte und tat alles, damit es ihm besser ging. Schnitt Obst in Mini-Stückchen, und fütterte ihn wie ein Meerschweinchen damit, zog ihm selbstgekochte Hühnersuppe in eine dicke Spritze und flößte ihm auf diese Weise Flüssigkeit ein, als er vor Schmerzen den Mund nicht bewegen konnte.

Nach vier Tagen zuhause kam die Wut

Schlief nachts auf 20 Zentimetern, damit er neben mir genug Platz hat in seinem unruhigen, fiebrigen Schlaf. Hielt ihn nachmittags mit Puzzles, Schokolade, Büchern und auch ziemlich viel Youtube Kids bei Laune. Schmierte zwischendurch immer wieder die geschwollene Lippe ein, ging mit ihm aufs Klo, kochte abends noch das Essen.

Und dann, nachdem ich vier Tage lang das Haus nicht verlassen hatte, kam die Wut. Ich hatte ihn nachmittags lange schlafen lassen, um mir selbst mal eine Pause zu gönnen. Abends bekam ich die Quittung – ich saß von halb 9 bis kurz vor 10 an seinem Bett, erzählte eine Gutenacht-Geschichte nach der anderen.

Einfach nichts mehr hören

Er gähnte und gähnte, konnte aber nicht in den Schlaf finden. Kam dann auf die Idee, seine Bettdecke aus dem Bett zu strampeln und sich mitten im Zimmer auf den Boden zu legen. Die folgenden fünf Minuten kann ich nur mit Magenschmerzen beschreiben. Ich schrie ihn an, schrie ihm meine ganze Erschöpfung und Frustration ins Gesicht.

Warf ihm vor, dass ich den ganzen Tag für ihn da gewesen sei. Und jetzt willst du zum Dank dafür nicht einschlafen? Hob ihn hoch und setzte ihn in sein Bett zurück. Er schrie, ich solle ihn in Ruhe lasse, dann ging ich aus dem Zimmer. Drinnen schrie er weiter. Ich ignorierte es. Legte mich einfach auf mein Bett und hörte nichts mehr.

Nach der Wut kommt die Scham

Nach der Wut kommt als Mutter immer die Scham. Wenige Sekunden nach meinem Wutausbruch dachte ich sofort an die Nachbarn über uns, die sicherlich jedes meiner bösen Worte gehört hatten. Ich schämte mich vor mir selbst, vor ihnen, vor meinem Sohn, im Grunde vor der ganzen Welt. Ich schämte mich, weil ich meinem Sohn, der so viel kleiner und schwächer ist als ich, ungezügelt meine Wut gezeigt hatte. Und ich schämte mich, weil ich diesen kurzen Moment des Kontrollverlustes, des völligen Loslassens und Rauslassens meiner Emotionen, genossen hatte. Weil ich mich für ein paar Sekunden endlich wieder wie ich selbst gefühlt hatte. Wie ein Mensch, der wütend ist. Eigentlich die normalste Sache der Welt, sollte man meinen.

Es gibt mittlerweile viele Frauen, die ihre Wut in guten und aufwühlenden Texten beschrieben haben. Das ist wichtig, denn nur so können wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch Frauen „nur“ Menschen sind. Warum ist es aber für uns Mütter so verdammt schwer, einfach nur Menschen zu sein?

Elfenprinzessin oder böser Zauberer?

Bei mir ist es so: Jedes Mal, wenn ich wütend bin auf mein Kind, und ihn das spüren lasse, stelle ich mir vor, dass sein Weltbild bröckelt. Seine Mutter, der Engel ohne Flügel – eine wütende Furie, die ihm vielleicht sogar Angst macht. Erst ist Mama eine Elfenprinzessin mit unendlicher Geduld, dann wird sie auf einmal zu Saruman und lässt ihre Orks los. Ich stelle dann auch mich selbst als Mutter in Frage, meine Liebe zu meinem Sohn. Eine monumentale Entzauberung, oder? Eine Entzauberung, für die ich nicht verantwortlich sein möchte, es aber dennoch bin.

Dass große Wut und grenzenlose Liebe sehr wohl nebeneinander und gleichzeitig in uns Menschen existieren können, das ist schon lange bekannt und wird eigentlich allen zugestanden, bloß den Müttern nicht.

Ein bisschen ist diese Entzauberung wie der Moment, wenn wir als Teenager unsere Eltern endlich in einem realististischen Licht sehen. Fast immer müde, vielleicht zerstritten, oft genervt, teilweise vom Leben desillusioniert. Von Entscheidungen überfordert. Und so oft auf dem falschen Dampfer was ihre Pläne für unser Leben anging. Neben der Fassungslosigkeit, dass unsere Eltern, und vor allem unsere Mütter, Menschen aus Fleisch und Blut sind, bemerken wir aber vielleicht auch ein anderes Gefühl: Erleichterung. Denn wenn unsere Mütter und Väter nicht perfekt sind, warum zum Teufel sollten wir es dann sein müssen?

Mimose, Weichei und Co.

Auch hier: Viel Arbeitsbedarf, besonders bei Mädchen. Erwachsenen Frauen (und auch Männern) meiner Generation wurde als Kindern oft gesagt, dass sie sich nicht so anstellen sollen. Das Wort „Mimose“ flog mir früher immer dann an den Kopf, wenn ich für ein Mädchen unerwünschte Gefühle wie Wut oder Trotz zeigte. Bei den Jungs war es andersherum: Sie durften nicht zu weich, zu nachgiebig oder vorsichtig sein, sonst drohte der Ausschluss aus der männlichen Welt.

Als erwachsene Frau entkommt man diesem Vorwurf leider immer noch nicht. Gibt es doch genug Männer, die Drama im Anmarsch sehen, wenn Frauen ihre Fassade fallen lassen und echte Gefühle zeigen. Oder wenn sie einfach nur im Alltag ihre persönlichen Grenzen zeigen und verteidigen. „Hysterisch“, „Sensibelchen“ und so weiter – Frauen haben angeblich immer ein zu viel an Gefühlen. Und erst recht wir Mütter, die permanent im Hormonrausch agierende weinerliche Unterart der normalen Frau.

Das Weibliche weicht von der Norm ab

Dass immer noch viele Männer das so empfinden, kann ich mir nur so erklären, dass sie automatisch alles, das von ihren eigenen, auf Sparsamkeit getrimmten Emotionen abweicht, als „anders“, „zuviel“ und damit überfordernd empfinden. So wie eben immer schon das Weibliche als das Andere, das von der männlichen Norm abweichende angesehen wird. Wie toxisch es auf der Welt werden kann, wenn erwachsene Männer an der Macht sind, die als Kinder keine echten Gefühle zeigen durften, davon möchte ich gar nicht erst anfangen.

Nachdem sein Vater zu ihm ins Zimmer kam und beruhigend auf ihn einsprach, ging ich nochmal hinein zu meinem völlig aufgelösten Sohn. Der alte Leitsatz „Gehe niemals zerstritten ins Bett“ schoss mir durch den Kopf. Ich wollte seine und meine Welt wieder kitten. Er wollte mich nicht sehen, schickte mich aus dem Zimmer. Ich erklärte ihm, wie müde ich sei, und dass ich darum so geschrien hätte. Ich zeigte ihm mein wahres, erschöpftes, ehrliches Gesicht. Und sagte ihm „Ich hab dich lieb“. Er hörte mir aufmerksam zu. Wir umarmten uns, und er schlief endlich ein. Ich goss mir in der Küche ein Glas Wein ein und rauchte draußen eine Zigarette. Über mir toste der erste Wintersturm.