Jeder Herbst löst in mir das gleiche Gefühl aus – das eines Neuanfangs. Die Luft ist wieder klar, und ebenso meine Gedanken. Zeit, ein paar Dinge in meinem Leben auf den Prüfstand zu stellen.
Neue Energie, um weiterzumachen – oder eben nicht
Wie denkt ihr über den Herbst? Was fühlt ihr, wenn draußen die Blätter fallen und die Temperaturen nur noch zur Mittagszeit über 12 Grad klettern? Wenn die erste Wehmut über den vergangenen Sommer und seine Leichtigkeit vergangen ist, macht mir der Herbst ein Geschenk: Ich denke über neue Anfänge nach. Ich spüre in mir wieder neue Energie, um weiterzumachen – oder vielleicht auch, um manches nicht weiterzumachen. Herbstgedanken, sofern sie sich nicht um das schwindende Licht und die stressige Vorweihnachtsorganisation drehen, sind bei mir gute Gedanken.
Um mich herum ist nicht mehr die lähmende Hitze des Sommers, die jeden anstrengenden Gedanken in ein „Später“ verwandelt. Das Später ist jetzt da, die Frage ist nur, was mache ich daraus?
Im Sommer schreit alles in mir nach Erholung
Das schönste Gefühl ist es, wenn sich die neu gewonnene Energie in etwas Schöpferisches, Kreatives verwandelt. In ein „Alles ist möglich, du musst dich nur etwas anstrengen“. Wenn ich nach dem Sommer, in dem alles um mich herum nach Urlaub und Erholung schrie, endlich wieder Träume und Wünsche habe, die über das pure Funktionieren hinausgehen.
Der Herbst lässt mich darüber nachdenken, was mir gerade wichtig ist. Welche Menschen möchte ich in meinem Leben haben? Welche Ziele lohnen sich für mich? Welche Chancen kann ich ergreifen? Was kommt dem Leben, das ich gerne leben möchte, am nächsten? Und welches Privileg ist das, sich überhaupt ein Leben aussuchen zu dürfen.
Lasse ich genug los?
Oft denke ich auch über eingefahrene Beziehungsmuster nach, sowohl in der Ehe als auch in Bezug auf Freunde. Welche Freundschaften sind wirkliche Freundschaften, und auf welche kann ich mich vielleicht nicht so ganz verlassen?
Ist in der Beziehung zu meinem Partner noch Vertrauen, Loyalität und ab und zu Leichtigkeit zu spüren? Die leichten Momente werden weniger, wenn man die Verantwortung für eine Familie gemeinsam trägt und immer wieder aufs Neue aushandelt. Wünsche ich mir mehr Leichtigkeit, und können wir sie vielleicht zusammen wieder herstellen?
Ich frage mich auch, welche Beziehung ich gerade zu meinem Kind habe, und ob es das ist, was ich mir gerade für uns beide wünsche. Ob wir an einem Punkt sind, mit dem ich zufrieden bin, oder ob wir uns für den Moment voneinander entfernen. Ob ich genug loslasse, damit er wachsen kann. Ob er nah genug bei mir ist, um sich sicher zu fühlen.
Was fühlt sich gut an, was sollte sich ändern?
Die Überschrift für alle Fragen lautet: Was fühlt sich gut an, und was sollte sich dringend ändern?
Der Herbst stellt mir viele Fragen, von denen ich die wenigsten sofort beantworten kann. Herbstlicht ist ein Schummerlicht, milchig und manchmal auch ein bisschen unheimlich. Dahinter zeichnen sich Schemen ab, die ich erst sehen kann, wenn ich näherkomme. Ich weiß aber, ich muss den Zauber eines neuen Anfangs genießen, solange er da ist. Die Neugier darauf, was die letzten Monate des Jahres mir noch bringen werden. Viel zu schnell ist diese Energie oft wieder verflogen.
Wann immer ich mit kinderlosen Freundinnen über Kinder spreche, kommt irgendwann die Frage auf, warum eigentlich überhaupt Kinder? Die Welt macht gerade einiges durch, die Jahrhundertereignisse häufen sich, jetzt gibt es sogar Krieg. Dazu kommen der private Stress, die Sorgen, die Kosten… ja, warum eigentlich?
Ich war innerlich Null darauf vorbereitet
Als ich schwanger wurde, brach für mich im ersten Moment eine Welt zusammen. Es kam recht unerwartet, ich hatte es nicht darauf angelegt und war innerlich Null darauf vorbereitet. Ich genoss mein Leben in Freiheit und ohne Einschränkungen.
Zwar hatte ich dann 10 Monate Zeit, um mich auf die Ankunft des neuen Erdlings einzustellen, aber NIEMAND, wirklich niemand kann uns vorbereiten auf das Gefühl, wenn das Kind dann endlich da ist. Diese Erschöpfung, diese Überforderung, diese Neugier auf das kleine Wesen da in deinen Armen. Ich gebe zu, die alles überflutende Liebe auf den ersten Blick konnte ich nach mehreren Stunden Wehensturm und einem nicht geplanten Kaiserschnitt nicht gleich empfinden.
Vorher selbstbestimmt, dann ohnmächtig
Ich war vor der Geburt ein selbstbestimmter Mensch gewesen, und währenddessen ohnmächtig dem ausgeliefert, was da in meinem Körper und außerhalb passierte. Als ich mit meinem neugeborenen Sohn nach Hause kam, war ich erstmal wie betäubt.
Zum ersten Mal in deinem Leben übernehmen wir voll und ganz Verantwortung für ein Menschenleben. Und gefühlt die ganze Welt sieht uns dabei zu und beurteilt, ob wir unsere Sache auch gut machen. Mein strengster und unerbittlichster Kritiker sollte in den nächsten Wochen und Monaten aber ich selbst sein. Ich gab diesem kleinen Wesen alles, was ich hatte, und noch mehr.
Die Grenze war nach oben offen
Und doch häuften sich die Momente, in denen ich dachte, es sei nicht genug. Die Liebe, die ich empfand, sei nicht genug. Die Zuwendung, das Stillen, das Tragen und Streicheln, es gab keine Grenze nach oben, keinen Feierabend, keinen Abstand von diesem kleinen Menschen. Ich war permanent im Ausnahmezustand, rund um die Uhr zuständig und völlig erschöpft.
Der kleine Kerl war kein Anfängerbaby, er ging gleich aufs Ganze. Neugierig, unruhig, und von meiner leider recht unsensiblen Nachsorge-Hebamme als „Zappelphilipp“ gleich in eine Schublade sortiert, machte er es mir schwer, auch nur wenige Minuten am Tag zu entspannen.
Leider können wir einem anderen Menschen, selbst wenn die Person noch so einfühlsam ist, nie ganz klarmachen, was für ein Gefühl es ist, diese Verantwortung als Mutter am eigenen Leib zu spüren. Natürlich gibt es Personen, die im selben Maße Verantwortung übernehmen für ein Neugeborenes, dazu muss man nicht stillen oder gebären können.
Keine Gruppe wird so hart beurteilt
Es gibt in unserer Gesellschaft kaum eine Personengruppe, die für Ihre Dienste an anderen Menschen mehr in den Himmel gehoben und gleichzeitig brutaler beurteilt wird als die der „klassischen“ Mutter. Die Verantwortung als Mutter kennt keine Grenzen, im Grunde wird man ein Leben lang dafür zur Rechenschaft gezogen, was für einen kleinen und später großen Menschen man da „produziert“ hat – im Guten wie im Schlechten.
Ich kannte mich in den nächsten Monaten und Jahren selbst nicht mehr richtig, und schenkte mir selbst sicher nicht die Aufmerksamkeit, die ich gebraucht hätte. Nach der Elternzeit wunderten sich meine Kolleginnen darüber, warum ich mir Dinge nicht merken konnte, warum man mir alles mehrmals erklären musste. Hätten sie in meinen Kopf sehen können, hätten sie dort zwei unterschiedliche Hälften gesehen.
Zwei ungleiche Hälften ergeben erstmal Chaos
Die Kinder-Hälfte und die Arbeits-Hälfte. Und hätten vielleicht verstanden, dass zwei ungleiche Hälften nicht ein Ganzes ergeben, sondern einfach nur Chaos. Wieviel Kraft es mich jeden einzelnen Tag gekostet hat, zuerst der einen Hälfte, und dann der anderen Hälfte so gut es geht gerecht zu werden. Und dabei immer wieder das Gefühl zu haben, zu scheitern.
Jetzt ist mein Sohn gerade vier Jahre alt, und mein altes Ich kommt langsam zurück – mit ein paar hilfreichen neuen Skills. Die sogenannte Stilldemenz ist nur noch eine blasse Erinnerung, die zerrissenen Nächte der Baby- und Kleinkindzeit eines von vielen Puzzleteilen, die irgendwann das Bild seiner Kindheit ergeben werden. Wann immer ich die Fotos ansehe, die wir kurz nach seiner Geburt gemacht haben, merke ich, wie ich diese Zeit immer mehr in meiner Erinnerung verkläre. Und ich wünsche mir, dass ich die Baby-Zeit mit ihm so hätte genießen können, wie ich es heute vermutlich täte.
Die Entscheidung für ein Kind ist endgültig
Es gab oft genug Momente, in denen ich nicht mehr konnte. Mich einfach ins Badezimmer einschließen und ihn schreien lassen wollte. Niemandes Bedürfnisse mehr erfüllen wollte. Aber ein Kind kann man nicht zurückgeben. Die Entscheidung, es auf die Welt zu holen, ist unwiderruflich. Und das macht Angst. Warum tun wir es also trotzdem? Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet und ob wir die Entscheidung vielleicht ein Leben lang bereuen?
Die Momente, die ich bisher ohne meinen Sohn war, haben mir die Antwort darauf gegeben. Versteht mich nicht falsch: Ich habe die freie Zeit genossen, ausgekostet und mir gewünscht, dass sie noch länger andauert. Habe alles getan, was ich sonst in seiner Gegenwart nicht tun kann. Und habe mich wieder so gefühlt wie damals, bevor es ihn gab. Mein altes Ich ist mit Schalk im Nacken hervorgekommen und hat mich zum Tanzen aufgefordert.
Auf einmal war mein Herz leer ohne ihn
Doch dann, wenn ich meine Freiheit genug ausgekostet hatte, war mein Herz auf einmal leer ohne ihn. Ich hatte alles ohne ihn getan, aber es war nicht mehr genug. Erst als er wieder durch die Tür rannte und mich anlächelte, war der Herzschmerz vorbei. Er ist ich, und ich bin er. Wir sind zwei Hälften, die immer verbunden sein werden.
Die Liebe für ihn ist die größte und ehrlichste Liebe, die ich jemals empfunden habe. Und die Liebe, die ich von ihm bekomme, bringt mein Herz zum Schmelzen. Deshalb bekommen wir Kinder.
Trotz Jugend in einer katholischen Mädchenschule spielt Religion heute keine Rolle mehr in meinem Leben. Nun treten meine Eltern aus der Kirche aus. Warum mich das mehr bewegt, als ich gedacht hätte.
Wenn ich Fremden von meiner Kindheit und Teenagerzeit erzähle, schmunzeln die Leute, bemitleiden mich oder grinsen im schlimmsten Fall ein bisschen anzüglich. Weil ich auf ein katholisches Mädchen-Gymnasium gegangen bin, das von Dominikanerinnen geleitet wurde. Weil ich keine Jungs in meiner Klasse, dafür aber Nonnen als Lehrerinnen hatte. Zwar nicht nur, aber auch.
Warum musste es eine Mädchenschule sein?
Meine Eltern und ich hatten uns nach der Grundschule für dieses Gymnasium entschieden, weil schon nach den vier Jahren Grundschule klar war, dass ich eine ausgeprägte Begabung für Sprachen, nicht aber für Naturwissenschaften habe. Auf diesem Gymnasium wurde ein sozialwissenschaftlicher Zweig mit Französisch als Fremdsprache angeboten, damals noch eine Seltenheit in München.
Warum es unbedingt eine Mädchenschule sein musste? Weil ich in der Grundschule die Jungs die meiste Zeit eher als lästig empfunden hatte. Der Gedanke auf Unterricht ohne Jungs war für mich nicht schlimm, sondern eher verlockend. Die Schule war nicht weit von unserer Wohnung entfernt, und der religiöse Background war kein Hindernis, im Gegenteil.
Meine Eltern verorteten sich als gläubige Menschen, wir gingen ab und zu in die Kirche und alle in meiner Familie waren getauft. Ich selbst hatte Kommunion und Firmung mitgemacht, ohne irgendetwas davon zu hinterfragen. Ich denke es kam meinen Eltern damals nicht in den Sinn, dass sich unser Verhältnis zum Glauben und zur katholischen Kirche eines Tages derart wandeln würde.
Schrullige Wesen von einem anderen Planeten
Die Nonnen gaben ihr Bestes, einige von ihnen waren sogar ziemlich gute Lehrerinnen. Wenn ich heute erzähle, dass wir zwar im Religionsunterricht Gebete auswändig lernen und Lieder für hohe Feiertage einstudieren mussten, uns aber in Biologie und Physik der ganz normale deutsche Lehrplan serviert wurde, inklusive Sexualkunde bei Schwester Ursula, können das viele nicht ganz glauben.
Für mich und viele meiner Mitschülerinnen waren die Schwestern einfach schrullige ältere Damen, niedliche Weiblein, die genauso gut von einem anderen Planeten hätten kommen können. Sie waren für uns weder ernstzunehmende Vorbilder noch abschreckende Negativbeispiele dafür, wie man als Frau sein Leben leben kann.
Aber je älter ich werde, umso mehr merke ich, dass ich abseits von Vaterunser und biblischen Geschichten aus meiner Kindheit doch etwas mitgenommen habe – nämlich die Erinnerung an diese Zeit als etwas heimeliges, familiäres. Ein gewisser Zusammenhalt, ein Gefühl von Aufgehobensein. Meine Firmung in unserer Gemeinde war für mich etwas Aufregendes und gefühlt wirklich ein kleiner Eintritt ins „Erwachsenenleben“. Ich fuhr mit meiner Firmgruppe sogar für ein paar Tage an die Amalfiküste. Ein Diakon war dabei, der sich gar nicht erst die Mühe machte, uns Teenager vom Alkohol fernzuhalten.
Die Entscheidung traf mich unerwartet hart
Vielleicht sehnt man sich als Jugendlicher auch einfach nach Zugehörigkeit. Wieviel davon antrainiert war, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es mich unerwartet hart traf, als meine Eltern mir neulich erzählten, dass sie beschlossen haben, aus der Kirche auszutreten.
Schon lange habe ich mich mit dem Gedanken herumgeschlagen, auszutreten. Mein Kind ist nicht getauft und mein Mann könnte von allen religiösen Gefühlen nicht weiter entfernt sein. Irgendetwas hielt mich bisher immer davon ab. Aber meine Eltern? Dass sie mit Mitte 70 der Kirche, der sie sich ein ganzes Leben lang verbunden gefühlt haben, so endgültig den Rücken kehren wollen, schockte mich dann doch.
Katholischer kann man kaum sein
Meine Vorfahren kommen aus Böhmen und haben sich am Schliersee angesiedelt. Erzkatholischer kann eine Ahnengeschichte kaum sein, außer man kommt vielleicht aus Polen oder dem südlichen Italien. Meine Mutter wuchs dort auf, ebenso ihre Schwester. Der Rest unserer Familie mütterlicherseits baute sich dort nach der Flucht aus Böhmen mühsam eine neue Existenz auf.
Ein unzertrennlicher Familienclan mit einem Patriarchen als Oberhaupt, der es durch harte Arbeit und Glück am Ende zu einer eigenen Fabrik und einem kleinen Hotel im Ort gebracht hatte. Heute ist von Hotel und Fabrik nichts mehr übrig, aber die Geschichten aus der alten Zeit habe ich als kleines Kind immer gern gehört. Sie haben mir dabei geholfen, meine Wurzeln zu verstehen und mich irgendwo zugehörig zu fühlen.
Katholisch zu sein war damals keine Wahl, es war eine Entscheidung, die jemand anderer bereits für dich getroffen hatte, lange bevor du selbst dazu in der Lage warst. Und mein Vater? Der kommt aus dem tiefsten Westfalen und macht gerne Scherze darüber, dass in seinem Geburtsort als einem der letzten Orte in Deutschland noch Hexen verbrannt wurden.
Vertuscht, verpfuscht und dreist gelogen
Wie enttäuscht muss man sein von seiner Kirche, um sich von seiner gesamten Kindheit und Jugend loszusagen? Sehr enttäuscht, wie sich nun herausstellte. Nach der verpfuschten Aufarbeitung der Missbrauchsfälle durch die katholischen Priester, all den vertuschten Gutachten und halbgaren Entschuldigungen und einer offensichtlichen dreisten Lüge des ehemaligen Papstes Benedikt, war es dann doch genug.
Meine Eltern sind wütend darüber, dass Priester im Namen des Glaubens Kinder missbrauchen. Dass meine Eltern selbst nun einen kleinen Enkel haben, der theoretisch in die Fänge eines pädophilen Priesters geraten könnte, spielt bei dieser Wut sicherlich auch eine Rolle. Denn dass Priester seit Jahrhunderten ihre Macht gegen die Schwächsten ausspielen, ist und war nie ein Geheimnis. Sie sind auch enttäuscht darüber, wie wenig die Kirche während der Pandemie in Erscheinung getreten ist. Wie viel mehr diese unglaublich reiche Firma hätte tun können, um den Menschen in Not zu helfen. Stattdessen die Schlagzeile, dass eine katholische Stiftung in München Mitwohnungen bauen lässt, und dafür bei den Mietpreisen ordentlich hinlangt.
Soviel Leid durch eine einzelne Institution
Ich verstehe die Entscheidung meiner Eltern. Auch ich werde in nächster Zeit aus der Kirche austreten. Ich möchte einer Institution, die soviel Leid angerichtet hat, und mich als Frau wie eine Dienerin behandelt, nicht noch mein Geld hinterhertragen. Auch wenn das heißt, mich von einem Teil meiner Jugend zu trennen, an den ich mich im Großen und Ganzen gern erinnere. Und mich von dem Gedanken zu verabschieden, dass meine Eltern doch bitte alles immer so lassen sollten, wie es war.
Ich selbst habe eigentlich nie an Gott geglaubt, schon gar nicht explizit an einen als männlich definierten Gott, wie mir im Nachhinein klar wird. All das Beten, Singen und Beichten in meiner Jugend hat in meiner Seele oder meinem Kopf nicht den katholischen Glauben verankert, der in der Kirche gelehrt wird.
Behandle Menschen, wie du selbst behandelt werden willst
Stattdessen bilde ich mir ein, dass ich ein paar Werte mitgenommen habe, die mir bis heute wichtig sind, und die ich gern an meinen Sohn weitergeben möchte. Schlicht und einfach ein paar Gebote, von denen das einfachste lautet, behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Diese Gebote müssen nicht in Steintafeln gemeißelt sein, damit ich sie ernst nehme.
Mein Patensohn ist jetzt 14 Jahre alt, wurde vor kurzem mittem im Pandemiechaos gefirmt und engagiert sich in seiner Kirchengemeinde. Er ist – zumindest empfinde ich es so – nicht besonders religiös und hört in seiner Freizeit am liebsten US-Gangsterrap. Gerade ist er unglücklich in ein Mädchen aus seiner Klasse verliebt, und ich schätze er wird mit dem Sex eher nicht bis zur Ehe warten.
Einfach nur irgendwo dazugehören
Ich weiß nicht, ob er wirklich an die Existenz eines Gottes glaubt. Ich denke, auch er möchte einfach nur irgendwo dazugehören. Seine Firmung war vermutlich das letzte Mal, dass ich als Katholikin einen Fuß in eine Kirche gesetzt habe.
Meine Eltern haben ihren Frieden mit ihrer Entscheidung geschlossen. Meine Mutter sagte, sie könne ja trotzdem noch in eine Kirche gehen, wenn ihr danach sei. Die Wurzeln sind noch da, aber die Wut ist eben einfach zu groß.
Immer wieder höre ich von Leuten, die aus der Großstadt weggezogen sind, wie froh sie sind, diesen Schritt gewagt zu haben. Und immer wieder frage ich mich, ob es für uns auch das Richtige wäre.
Die Jahre vergehen wie im Flug, und nun sind es nur noch dreieinhalb Jahre, dann ist mein Kind schon ein Schulkind. Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, aus der großen Stadt wegzuziehen. Finden zumindest immer mehr Menschen in meinem Umfeld.
Der gute alte Traum vom Eigenheim
Kaum eine Bekannte, die nicht davon träumt, mit ihrer Familie der Großstadt zu entfliehen und sich den „Traum vom Eigenheim“ zu erfüllen. Immer mehr Freunde, die sich bis an ihr Lebensende verschulden, um endlich ihr Reihenhäuschen in der Peripherie beziehen zu können.
Sogar Familienangehörige von mir versuchten neulich auf einer Feier, uns mit einer Fülle an guten und weniger guten Argumenten von der Sinnlosigkeit der Großstadt zu überzeugen. Es sei „höchste Zeit für uns“, dort wegzuziehen.
Einfach bei Dr. Walter über den Zaun hüpfen
Im Vorort gäbe keine Brennpunkte, keine gefährlichen Straßen, keine Ängste ob „falscher“ Kontakte, an die das Kind geraten könnte. Einzig die Teenager-Gang, die ab und zu an der S-Bahn abhängt, die sei nicht so schön. Hier sei jeder sicher, jeder aufgehoben und geborgen in einem Verbund aus Familie, Freunden und Nachbarn.
Mühsam einen Arzttermin organisieren? Überflüssig, schließlich kenne man Dr. Walter persönlich und könnte bei Ohrenschmerzen einfach über den Gartenzaun hüpfen, um sich nachts um eins die Diagnose stellen zu lassen.
Genau das jagt mir Angst ein
Verwirrt stellte ich fest, dass genau das mir Angst einjagte.
Ich bin in einer eng verbundenen Familie aufgewachsen, wir fuhren zusammen in den Urlaub und feierten alle Feiertage und Geburtstage des Jahres zusammen. Anders kannte ich es als Kind nicht. Irgendwann hörte das auf, und ich vermisste es eine zeitlang sehr und tue das auch heute noch ab und zu.
Aber könnte ich mir vorstellen, mein Stück Autonomie für ein dicht gewebtes Netz aufzugeben, in dem ein Faden in den anderen übergeht?
Garten an Garten, Tür an Tür
Meine Bedürfnisse als Erwachsene sind anders als die eines Kindes. Ich möchte mir die Menschen, die ich dauerhaft in mein Leben lasse, selbst aussuchen. Ich möchte mich nicht mit den Nachbarn links und rechts von mir anfreunden müssen, weil das Leben Garten an Garten und Haustür an Haustür sonst unerträglich wäre.
Falls in meiner kleinen Familie mal nicht alles rosig läuft, möchte ich mich nicht vor den Eltern der Klassenkameraden meines Kindes rechtfertigen, nur weil in einem kleinen Ort jeder alles irgendwann erfährt.
Der ständige Kampf um Kontakte
Was ich aber genießen könnte, wäre das Bewusstsein, nicht immer wieder um Kontakte kämpfen zu müssen, wie man sich das in einer großen Stadt irgendwann automatisch so angewöhnt. Sich darauf verlassen zu können, dass Menschen, die man lieb gewonnen hat, auch morgen und vielleicht sogar übermorgen noch mit dir zusammen Kaffee im einzigen Café des Ortes trinken.
Einfach weil auch sie sich für dieses Leben entschieden haben, und es nun mit allen Konsequenzen durchziehen. „Allein schon wegen der Kinder“, wie es immer heißt.
Die vielen Abschiede der letzten Jahre, die mühsame Suche nach gemeinsamen Terminen für Treffen, in dem Wissen dass mindestens wieder Monate vergehen werden, bis man sich wiedersieht, wenn überhaupt.
Orte wie Menschen liebgewinnen
Vielleicht wäre es auch schön, die Hektik der großen Stadt gegen etwas Entschleunigung zu tauschen. Erinnerungen aufzubauen, weil man Orte liebgewinnt wie Menschen. Im Sommer immer an den selben Badesee zu fahren, und im Winter den kleinen Weihnachtsmarkt des Ortes zu besuchen.
Traditionen aufzubauen, die nicht von außen vorgegeben werden, sondern eigene. Vielleicht wäre es schön, irgendwo endgültig Wurzeln zu schlagen, nach Jahren der Wanderschaft von einem Viertel ins nächste und wieder ins nächste.
Vielleicht. Sagen zu können: Wenn ihr mich sucht, ihr findet mich hier. Und das wird auch erstmal so bleiben.