Warum bekommen wir eigentlich noch Kinder?

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Wann immer ich mit kinderlosen Freundinnen über Kinder spreche, kommt irgendwann die Frage auf, warum eigentlich überhaupt Kinder? Die Welt macht gerade einiges durch, die Jahrhundertereignisse häufen sich, jetzt gibt es sogar Krieg. Dazu kommen der private Stress, die Sorgen, die Kosten… ja, warum eigentlich?

Ich war innerlich Null darauf vorbereitet

Als ich schwanger wurde, brach für mich im ersten Moment eine Welt zusammen. Es kam recht unerwartet, ich hatte es nicht darauf angelegt und war innerlich Null darauf vorbereitet. Ich genoss mein Leben in Freiheit und ohne Einschränkungen.

Zwar hatte ich dann 10 Monate Zeit, um mich auf die Ankunft des neuen Erdlings einzustellen, aber NIEMAND, wirklich niemand kann uns vorbereiten auf das Gefühl, wenn das Kind dann endlich da ist. Diese Erschöpfung, diese Überforderung, diese Neugier auf das kleine Wesen da in deinen Armen. Ich gebe zu, die alles überflutende Liebe auf den ersten Blick konnte ich nach mehreren Stunden Wehensturm und einem nicht geplanten Kaiserschnitt nicht gleich empfinden.

Vorher selbstbestimmt, dann ohnmächtig

Ich war vor der Geburt ein selbstbestimmter Mensch gewesen, und währenddessen ohnmächtig dem ausgeliefert, was da in meinem Körper und außerhalb passierte. Als ich mit meinem neugeborenen Sohn nach Hause kam, war ich erstmal wie betäubt.

Zum ersten Mal in deinem Leben übernehmen wir voll und ganz Verantwortung für ein Menschenleben. Und gefühlt die ganze Welt sieht uns dabei zu und beurteilt, ob wir unsere Sache auch gut machen. Mein strengster und unerbittlichster Kritiker sollte in den nächsten Wochen und Monaten aber ich selbst sein. Ich gab diesem kleinen Wesen alles, was ich hatte, und noch mehr.

Die Grenze war nach oben offen

Und doch häuften sich die Momente, in denen ich dachte, es sei nicht genug. Die Liebe, die ich empfand, sei nicht genug. Die Zuwendung, das Stillen, das Tragen und Streicheln, es gab keine Grenze nach oben, keinen Feierabend, keinen Abstand von diesem kleinen Menschen. Ich war permanent im Ausnahmezustand, rund um die Uhr zuständig und völlig erschöpft.

Der kleine Kerl war kein Anfängerbaby, er ging gleich aufs Ganze. Neugierig, unruhig, und von meiner leider recht unsensiblen Nachsorge-Hebamme als „Zappelphilipp“ gleich in eine Schublade sortiert, machte er es mir schwer, auch nur wenige Minuten am Tag zu entspannen.

Leider können wir einem anderen Menschen, selbst wenn die Person noch so einfühlsam ist, nie ganz klarmachen, was für ein Gefühl es ist, diese Verantwortung als Mutter am eigenen Leib zu spüren. Natürlich gibt es Personen, die im selben Maße Verantwortung übernehmen für ein Neugeborenes, dazu muss man nicht stillen oder gebären können.

Keine Gruppe wird so hart beurteilt

Es gibt in unserer Gesellschaft kaum eine Personengruppe, die für Ihre Dienste an anderen Menschen mehr in den Himmel gehoben und gleichzeitig brutaler beurteilt wird als die der „klassischen“ Mutter. Die Verantwortung als Mutter kennt keine Grenzen, im Grunde wird man ein Leben lang dafür zur Rechenschaft gezogen, was für einen kleinen und später großen Menschen man da „produziert“ hat – im Guten wie im Schlechten.

Ich kannte mich in den nächsten Monaten und Jahren selbst nicht mehr richtig, und schenkte mir selbst sicher nicht die Aufmerksamkeit, die ich gebraucht hätte. Nach der Elternzeit wunderten sich meine Kolleginnen darüber, warum ich mir Dinge nicht merken konnte, warum man mir alles mehrmals erklären musste. Hätten sie in meinen Kopf sehen können, hätten sie dort zwei unterschiedliche Hälften gesehen.

Zwei ungleiche Hälften ergeben erstmal Chaos

Die Kinder-Hälfte und die Arbeits-Hälfte. Und hätten vielleicht verstanden, dass zwei ungleiche Hälften nicht ein Ganzes ergeben, sondern einfach nur Chaos. Wieviel Kraft es mich jeden einzelnen Tag gekostet hat, zuerst der einen Hälfte, und dann der anderen Hälfte so gut es geht gerecht zu werden. Und dabei immer wieder das Gefühl zu haben, zu scheitern.

Jetzt ist mein Sohn gerade vier Jahre alt, und mein altes Ich kommt langsam zurück – mit ein paar hilfreichen neuen Skills. Die sogenannte Stilldemenz ist nur noch eine blasse Erinnerung, die zerrissenen Nächte der Baby- und Kleinkindzeit eines von vielen Puzzleteilen, die irgendwann das Bild seiner Kindheit ergeben werden. Wann immer ich die Fotos ansehe, die wir kurz nach seiner Geburt gemacht haben, merke ich, wie ich diese Zeit immer mehr in meiner Erinnerung verkläre. Und ich wünsche mir, dass ich die Baby-Zeit mit ihm so hätte genießen können, wie ich es heute vermutlich täte.

Die Entscheidung für ein Kind ist endgültig

Es gab oft genug Momente, in denen ich nicht mehr konnte. Mich einfach ins Badezimmer einschließen und ihn schreien lassen wollte. Niemandes Bedürfnisse mehr erfüllen wollte. Aber ein Kind kann man nicht zurückgeben. Die Entscheidung, es auf die Welt zu holen, ist unwiderruflich. Und das macht Angst. Warum tun wir es also trotzdem? Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet und ob wir die Entscheidung vielleicht ein Leben lang bereuen?

Die Momente, die ich bisher ohne meinen Sohn war, haben mir die Antwort darauf gegeben. Versteht mich nicht falsch: Ich habe die freie Zeit genossen, ausgekostet und mir gewünscht, dass sie noch länger andauert. Habe alles getan, was ich sonst in seiner Gegenwart nicht tun kann. Und habe mich wieder so gefühlt wie damals, bevor es ihn gab. Mein altes Ich ist mit Schalk im Nacken hervorgekommen und hat mich zum Tanzen aufgefordert.

Auf einmal war mein Herz leer ohne ihn

Doch dann, wenn ich meine Freiheit genug ausgekostet hatte, war mein Herz auf einmal leer ohne ihn. Ich hatte alles ohne ihn getan, aber es war nicht mehr genug. Erst als er wieder durch die Tür rannte und mich anlächelte, war der Herzschmerz vorbei. Er ist ich, und ich bin er. Wir sind zwei Hälften, die immer verbunden sein werden.

Die Liebe für ihn ist die größte und ehrlichste Liebe, die ich jemals empfunden habe. Und die Liebe, die ich von ihm bekomme, bringt mein Herz zum Schmelzen. Deshalb bekommen wir Kinder.

Warum geben wir Frauen eigentlich immer so viel?

Die Erschöpfung der Frauen von heute ist mittlerweile fast schon Normalzustand. Überall wird über die ausgelaugte Frau und Mutter von heute diskutiert. Warum hören wir nicht endlich auf damit, uns emotional völlig zu verausgaben?

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Frauen, insbesondere Mütter und andere pflegende Personen, sind bereits im letzten Coronawinter an ihre Grenzen gekommen. Sehr viele von uns auch darüber hinaus. Und der nächste harte Winter steht uns schon bevor. Die Erschöpfung, die in der gleichzeitigen Belastung durch Erwerbsarbeit und Care-Arbeit während Corona ihren Höhepunkt fand, ist seit Jahren Thema in feministischen Diskussionen. Langsam findet das Thema nun auch Eingang in die Mainstream-Medien.

Viele sehen den Grund für die Erschöpfung darin, dass Frauen durch gesellschaftliche Erwartungen nicht nur dazu genötigt werden, ZU VIEL zu geben – sie werden dafür in vielerlei Hinsicht auch noch abgewertet.

Vom Ehrenamt zur Ariermutter

Die Frau als das sich ewig unterordnende, dienende Geschlecht – dieses Bild gibt es, seit es Religion gibt. Frauen dürfen in der heutigen katholischen Kirche zwar nach wie vor gerne Ehrenämter ausführen, verfügen aber trotzdem über lächerlich wenig Gestaltungsmacht. Hier und überall lautet das Motto: Gib gerne, denn dazu bist du geschaffen, aber erwarte nicht, dass du dafür etwas zurückbekommst. Im Nationalsozialismus fand dieses Frauenbild in der „deutschen Ariermutter“, die ihr Leben in den Dienst des Führers stellen, aber bitte keinerlei Ansprüche anmelden sollte, seinen Höhepunkt.

Heute stehen Frauen zwar nicht mehr ausschließlich (wenngleich meist noch neben dem Job) am Herd, aber die Rolle der Sorgenden hat sich fast 1:1 aufs Berufsleben übertragen. Dass Frauen wie selbstverständlich einen Großteil der miserabel bezahlten Jobs in Pflege und Kinderbetreuung übernehmen, heißt noch lange nicht, dass sie hier irgendeine Gestaltungsmacht hätten. Von Anerkennung kann ebenfalls nicht die Rede sein.

Das Ziel: Menschen zu helfen

Sorgen, aufopfern, kümmern – alles Dinge, die von uns erwartet werden, seit wir kleine Mädchen sind. Wenn Männer solche Berufe ausüben, geht damit fast automatisch ein hoher Status einher. Bestes Beispiel: der Arzt. Die Pflegerin, die Hebamme und die Krankenschwester können von so einem Status nur träumen, allenfalls reicht ihr Berufsbild als Projektionsfläche für männliche Fantasien. Dabei ist der Arztberuf an sich in meinen Augen ebenfalls ein „dienender Beruf“, dem zwar ein langes, anspruchsvolles Studium vorausgeht, der aber letzten Endes nur ein Ziel hat: Menschen zu helfen, und das jeden Tag.

Das ewige Aufopfern des weiblichen Geschlechts läuft aber nicht nur in Kirche und Job so, sondern auch im Privatleben: Ich kenne unzählige starke Frauen, die sich zuhause bis zur Erschöpfung um ihren Partner und die Kinder kümmern. Nicht nur übernehmen sie fast den kompletten Haushalt und betreuen (meist in Teilzeitjobs) nachmittags die Kinder, sondern sie fühlen sich auch noch für das mentale Wohl der Familie verantwortlich.

Der „Puffer“, der die schlechten Gefühle der anderen auf magische Weise in sich aufsaugt und abfedert. Und trotzdem noch die Energie aufbringt, mal kurz durchzusaugen und das Klo zu putzen. Am Ende sind meist auch noch sie es, die beim Paartherapeuten anrufen, um die Ehe zu retten.

Wenn Familienväter hingegen Zeit mit Ihren Kindern verbringen oder tatsächlich die Hälfte oder mehr Anteil an der Hausarbeit übernehmen, sich also in die Rolle des klassisch weiblichen Kümmerers begeben, ernten sie dafür von allen Seiten Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und vergessen in der Regel auch nicht, sich ausgiebig selbst für ihr außergewöhnlich hohes Engagement zu loben.

Der Partner wird wieder zum Kind

Frauen ohne Kinder hingegen haben zwar nicht die Verantwortung für einen kleinen Menschen zu tragen, aber der Tenor ist bei vielen: Ich fühle mich für meinen Partner verantwortlich wie für ein Kind. In vielen Gesprächen mit Freundinnen war das der Grund Nummer eins für Unzufriedenheit und letzten Endes das Ende der Beziehung: Frauen rutschen dem Partner gegenüber in die Mami-Rolle, ohne es zu wollen.

Wie leicht es vielen Männern fällt, im Gegenzug wieder zurück in die Kinderrolle zu schlüpfen, ist erstaunlich, aber nachvollziehbar, denn: so bequem. Zugespitzt gesagt, wer immer nimmt, ohne auf emotionaler Ebene je etwas dafür zurückgeben zu müssen, der gewöhnt sich irgendwann an diesen himmlischen Zustand. Leider schwindet dann auch oft der Respekt für den Gebenden, denn der bzw. die scheint es ja gern zu tun.

Liebe wird selbstverständlich

Die Währung Liebe und Sorge wird so in vielen Beziehungen immer selbstverständlicher. Wenn Mann dann im Gegenzug einmal im Jahr Blumen mitbringt oder „Ich liebe dich“ sagt, ist das eine sensationelle Geste der Zuwendung, die gerne gewürdigt, aber bitte nicht zu oft wiederholt werden darf, damit Frau sich nicht zu sehr an diesen Luxus gewöhnt.

Männer, die ohne sich zurückzuhalten oder aufzurechnen einfach Liebe geben, sind scheinbar eine Seltenheit. Wir Frauen werden schon von klein an darauf vorbereitet, dass die Suche nach diesem männlichen „Einhorn“ eine Herkulesaufgabe ist. Und bis wir „ihn“ gefunden haben, geben wir einfach weiterhin noch ein bisschen mehr von uns.