2023 – (m)ein Jahr der Extreme

Mikhail Nilov

Nach langer Zeit der Stille, auch hier auf dem Blog, bleibt mal wieder ein bisschen Luft zum Durchschnaufen, Weihnachten steht kurz bevor. Wie jedes Jahr hat es der Schluss-Spurt bis zum Weihnachtsurlaub noch einmal in sich. Was mir von diesem Jahr auf die Schnelle in Erinnerung bleibt?

Schlechte Nachrichten und trotzdem Dankbarkeit

Mein 40. Geburtstag, und damit mein Start ins 41. Lebensjahr – dass dieses Jahr nun explizit MEIN Jahr geworden wäre, kann ich nicht sagen. Es gab viele Momente, in denen mir die Luft ausging, und oft habe ich vor den Nachrichten gesessen und es aus weltpolitischen Gründen kurz mal bereut, ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben. Zu viel schlechte Nachrichten prasselten 2023 auf uns alle ein. The struggle is real, leider überall auf der Welt.

Aber dann auch wieder: Dankbarkeit, dafür dass alle die ich kenne und liebe, gesund und wohlbehalten sind, dass ich mir angesichts der zerbombten Ukraine und des fortschreitenden Klimawandels (noch) keine Sorgen um die essenziellen Dinge des Lebens wie genug zu essen, einen Schlafplatz und Sicherheit für Leib und Leben machen muss.

Das heftige Comeback von Corona

Corona erlebte dieses Jahr ein schnelles und heftiges Comeback mit Ansage, uns erwischte es im Herbst zum zweiten oder vielleicht sogar dritten Mal, so genau weiß ich das gar nicht. Beruflich war dieses Jahr ein wildes Rodeo mit vielen neuen Herausforderungen, bei dem ich versuchte, nicht aus dem Sattel zu fallen. Einige blaue Flecke habe ich mir bildlich gesprochen trotzdem zugezogen, jedoch hat mir dieses turbulente Jahr auch gezeigt, wo meine Prioritäten sind und dass es auf Dauer ungesund ist, die eigenen Kraftgrenzen immer wieder aufs Neue auszudehnen.

Wir haben die Hitzewelle im Sommer geritten und uns unzählige Male in der badewannenwarmen Adria versucht abzukühlen. Zum ersten Mal schwammen wir in 28 Grad warmem Wasser und realisierten, dass das von nun an tatsächlich die Zukunft sein könnte, wenn das so weitergeht mit unserem Planeten. Das Lieblingsland Italien bezaubert mich zwar nach wie vor jedes Mal wieder, aber auch hier gehen die Spuren der Zeit nicht einfach vorbei. Unerträgliche Hitze in den Mittagsstunden vertrieb uns vom Strand, und selbst abends saßen wir noch bei fast 30 Grad auf unserer kleinen Veranda.

Kleine und große Kämpfe: die Wackelzahnpubertät

Und im Lauf des Sommers wurde aus unserem kleinen Haudegen ein Vorschulkind, das sich noch viel mehr als zuvor seiner eigenen Meinung und seines größer werdenden Körpers bewusst wurde. Das Jahr 2023 stand für unseren kleinen Mann komplett im Zeichen der Autonomie. Wir haben so viele kleine und große Kämpfe ausgefochten, Grenzen gezogen und neu ausgehandelt, und auch schwere Grübeleien gehabt, in denen wir uns nicht sicher waren, ob unser Weg, ihn zu erziehen, der richtige ist. Hätte ich nicht von vielen Freunden mit gleichaltrigen Kindern dasselbe gehört, ich wäre mir sicher gewesen, dass jemand unser Kind unbemerkt über Nacht gegen einen dauerrebellierenden Wutbürger ausgetauscht hat.

Wie sehr seine Welt sich gerade ändert, merke ich jeden Tag aufs Neue an 1000 Kleinigkeiten. Er erkämpft sich berechtigerweise sein eigenes Universum, schafft sich Raum und entwickelt sich mit Lichtgeschwindigkeit zu dem Menschen, der er für den Rest seines Lebens sein wird. Dass wir als Eltern dabei sein dürfen, ihm dabei zusehen und ihn begleiten dürfen bei seiner Identitätsfindung, ist wohl das kostbarste Geschenk meines Lebens. Dass es unendlich viele Nerven kostet, ist aber auch klar und wird wohl kein Elternpaar abstreiten, egal ob ein tobendes Vorschulkind oder ein genervter Teenager am Esstisch sitzt.

Manchmal muss man sich zurückziehen, um Ruhe zu finden

Während wir alle unsere privaten kleinen Kämpfe auszufechten haben, haut uns die Welt weiterhin die Schlagworte des Jahres nur so um die Ohren: Angriff auf Israel, Krieg in Gaza, Ampelkrise, künstliche Intelligenz, plötzlicher Wintereinbruch in Bayern, und so weiter und so fort. Es passieren so viele Dinge gleichzeitig, dass mir manchmal gar nichts anderes übrigbleibt, als mich aus der unendlichen Nachrichtenspirale auszuklinken, um Ruhe zu finden.

Eine neue Zeitrechnung beginnt

Auch bei uns wird sich 2024 einiges ändern. Im kommenden Jahr steht für meinen Sohn die wahrscheinlich größte Veränderung seines bisherigen Lebens an, der Schulbeginn. Das wird für uns alle ein neues Zeitalter, und ich gestehe, dass ich großen Respekt vor dieser Veränderung habe. Klar ist aber auch, dass es ihm eine neue Welt erschließen wird, neues Wissen, neue Wege und neue Freundschaften.

Wir als Familie schnaufen jetzt, am Ende dieses fordernden Jahres, noch einmal durch, und sammeln Kräfte für diese neue Ära. Gesund bleiben, sich um die Liebsten kümmern, ein offenes Ohr haben und bei all dem sich selbst nicht vergessen – das sind die Ziele, die mich dieses und sicher auch nächstes Jahr begleiten werden.

Für mich eigentlich schon genug für ein ganzes Leben.

Summertime… and the living is… anstrengend.

pexels by Roy Reyna

Dieser Sommer hat es wirklich in sich: Rekordhitze, Corona-Comeback, und eine Kinderkrankheit nach der anderen… da hilft nur, es irgendwie mit Humor zu nehmen und sich ein paar altbewährte Kalendersprüche immer wieder vorzusagen.

Wo bitte ist das Sommerloch?

Vielleicht ist es auch nur meine ganz eigene Empfindung, aber von Sommerloch kann dieses Jahr irgendwie keine Rede sein. Das Klima hat uns die Zähne gezeigt in Form von fast unerträglichen Hitzewellen, was ein Spielen mit dem Kind draußen teilweise nicht möglich machte. Netter kleiner Zusatz an der Stelle: das Naturschwimmbad bei uns um die Ecke hatte die letzten Wochen wegen zu hoher Keimbelastung geschlossen.

Irgendwann hatte sich die sonst eisige Isar im Becken tatsächlich auf Badewannentemperatur erhitzt – ob das am beigefügten Babypippi liegt, sei dahingestellt. Die dahinwabernden grünen Algen im Becken jedenfalls rochen leicht muffig.

Ein Heuballen weht durch die einsamen Straßen

Blieb also nur das Kinderplanschbecken, in das mit Müh und Not mein Sohn reinpasst. Für mich erträgliche Temperaturen gab es frühestens ab 16.30, vorher braucht man unsere Terrasse gar nicht zu betreten wegen akuter Hitzeblasengefahr an den Füßen. Es ist wirklich niemand draußen um die Mittagszeit, toter als unser Innenhof ist nur noch eine Westernstadt, in der zu High Noon ein Heuballen verlassen durch die Straßen weht.

Wenn gen abends überall das Klirren gegeneinanderstoßender Aperolgläser die bleierne Stille durchbricht, kommt langsam das Leben zurück in die Straßen. Aber aufgepasst bei zu viel Geselligkeit: Viele trinken zwar schon wieder mit einem Augenzwinkern eiskaltes Coronabier, weil was soll man sonst machen… aber wir wissen ja, dass das Virus sich auch grad nur an irgendeinen kühlen Ort zurückgezogen hat – bereit, im Herbst bei sinkenden Temperaturen wieder voll aufzudrehen und uns hämisch zuzugrinsen.

Beruhigend: Die Schulen bleiben auf!

Es häufen sich schon wieder die Corona-Fälle in meinem Umfeld, und Herr Lauterbachs Medienpräsenz nimmt wieder zu. Nein, nicht der Schauspieler, der Gesundheitsminister. Ein neues Infektionsschutzgesetz steht in den Startlöchern, das uns diesmal aber auch wirklich zeigen soll, wie gut wir auf die nächste Welle vorbereitet sind. Die Schulen bleiben auf, so die Ansage. Wie viel das aber bringt, wenn die Hälfte der Kinder und ihre Familien mit Corona zu Hause sitzen, nobody knows.

Und die Kinderkrankheiten? Für dieses Jahr haben wir, respektive ich, diverse Erkältungen, das Epstein-Barr-Virus, zwei Magen-Darm-Verstimmungen und die Hand-Mund-Fußkrankheit bereits abgehakt, und ach ja im Februar war ja Corona. Die letzten Tage (ohne Kindergarten, der hat zu) waren bestimmt von einer erneuten fiesen Erkältung, die mein Sohn und mein Mann gut, ich weniger gut wegsteckte.

Wir nehmen nur ausgesuchte Spezialitäten mit

An dieser Stelle muss ich es leider mal sagen: Ich kann den Spruch „Ihr nehmt aber auch alles mit“ nicht mehr hören. Nein, wir nehmen nicht ALLES mit, sondern nur ausgesuchte Spezialitäten. Unser Sohn geht in einen Kindergarten mit Kita im selben Haus, das heißt ein Großteil der im KiGa eingeschleppten Krankheiten wurde von Geschwisterkindern aus der Kita bereits liebevoll vorgetestet und dann vertrauensvoll an die Größeren weitergegeben.

Das gepaart mit der anständigen Gruppengröße von 24 Kindern und nochmal derselben Gruppengröße im Zimmer nebenan. Wie viele Kinder sich morgens und nachmittags zu den Bring- und Abholzeiten gleichzeitig in der Garderobe anziehen und anniesen, kann ich nur erraten. Wer hier nicht alle paar Wochen krank ist, muss Superman sein.

Die Lautstärke schwillt an, die Nerven werden dünner

Was sonst noch los war? Sohnemann entdeckt mehr und mehr, wieviel Spaß es macht, einfach „Weil ich es will!“ zu brüllen, wann immer seinen Wünschen nicht sofort entsprochen oder deren Sinnhaftigkeit in Frage gestellt wird. Auch bei mir ist die Lautstärke, parallel zu den immer dünner werdenden Nerven, immer öfter mal angeschwollen. Versucht man, ihn von etwas abzuhalten, zählt er (vermutlich) innerlich bis 5 und macht es dann noch genau 5 Mal.

Meine Kraft reicht nicht mehr für Diskussionen, nur mehr für Ansagen. Dass das ein Kind in der Autonomiephase nicht versteht, ist mir klar. Dennoch kann ich gerade nicht so auf ihn eingehen, wie es vermutlich richtig wäre. Mir bleibt nur, mich in 80 % der Diskussionen hart zusammenzureißen, und die restlichen 20 % Geschrei und Strafen-Angedrohe mit ihm hinterher zu besprechen, wenn wir uns wieder beruhigt haben.

Kalendersprüche helfen einfach immer!

Manchmal beruhigt sich auch einfach gar nichts, und die Stimmung bleibt mies. That’s life, denke ich mir dann, nobody’s perfect und noch tausend andere Kalendersprüche, Mama ist eben auch nur ein Mensch. Und noch dazu einer der sich dank Husten „anhört wie der Marlboro Man“. Naja, wie sagte schon meine Mutter immer? Zu irgendwas muss es ja gut sein.

Warum bekommen wir eigentlich noch Kinder?

Photo by Tatiana Syrikova from Pexels

Wann immer ich mit kinderlosen Freundinnen über Kinder spreche, kommt irgendwann die Frage auf, warum eigentlich überhaupt Kinder? Die Welt macht gerade einiges durch, die Jahrhundertereignisse häufen sich, jetzt gibt es sogar Krieg. Dazu kommen der private Stress, die Sorgen, die Kosten… ja, warum eigentlich?

Ich war innerlich Null darauf vorbereitet

Als ich schwanger wurde, brach für mich im ersten Moment eine Welt zusammen. Es kam recht unerwartet, ich hatte es nicht darauf angelegt und war innerlich Null darauf vorbereitet. Ich genoss mein Leben in Freiheit und ohne Einschränkungen.

Zwar hatte ich dann 10 Monate Zeit, um mich auf die Ankunft des neuen Erdlings einzustellen, aber NIEMAND, wirklich niemand kann uns vorbereiten auf das Gefühl, wenn das Kind dann endlich da ist. Diese Erschöpfung, diese Überforderung, diese Neugier auf das kleine Wesen da in deinen Armen. Ich gebe zu, die alles überflutende Liebe auf den ersten Blick konnte ich nach mehreren Stunden Wehensturm und einem nicht geplanten Kaiserschnitt nicht gleich empfinden.

Vorher selbstbestimmt, dann ohnmächtig

Ich war vor der Geburt ein selbstbestimmter Mensch gewesen, und währenddessen ohnmächtig dem ausgeliefert, was da in meinem Körper und außerhalb passierte. Als ich mit meinem neugeborenen Sohn nach Hause kam, war ich erstmal wie betäubt.

Zum ersten Mal in deinem Leben übernehmen wir voll und ganz Verantwortung für ein Menschenleben. Und gefühlt die ganze Welt sieht uns dabei zu und beurteilt, ob wir unsere Sache auch gut machen. Mein strengster und unerbittlichster Kritiker sollte in den nächsten Wochen und Monaten aber ich selbst sein. Ich gab diesem kleinen Wesen alles, was ich hatte, und noch mehr.

Die Grenze war nach oben offen

Und doch häuften sich die Momente, in denen ich dachte, es sei nicht genug. Die Liebe, die ich empfand, sei nicht genug. Die Zuwendung, das Stillen, das Tragen und Streicheln, es gab keine Grenze nach oben, keinen Feierabend, keinen Abstand von diesem kleinen Menschen. Ich war permanent im Ausnahmezustand, rund um die Uhr zuständig und völlig erschöpft.

Der kleine Kerl war kein Anfängerbaby, er ging gleich aufs Ganze. Neugierig, unruhig, und von meiner leider recht unsensiblen Nachsorge-Hebamme als „Zappelphilipp“ gleich in eine Schublade sortiert, machte er es mir schwer, auch nur wenige Minuten am Tag zu entspannen.

Leider können wir einem anderen Menschen, selbst wenn die Person noch so einfühlsam ist, nie ganz klarmachen, was für ein Gefühl es ist, diese Verantwortung als Mutter am eigenen Leib zu spüren. Natürlich gibt es Personen, die im selben Maße Verantwortung übernehmen für ein Neugeborenes, dazu muss man nicht stillen oder gebären können.

Keine Gruppe wird so hart beurteilt

Es gibt in unserer Gesellschaft kaum eine Personengruppe, die für Ihre Dienste an anderen Menschen mehr in den Himmel gehoben und gleichzeitig brutaler beurteilt wird als die der „klassischen“ Mutter. Die Verantwortung als Mutter kennt keine Grenzen, im Grunde wird man ein Leben lang dafür zur Rechenschaft gezogen, was für einen kleinen und später großen Menschen man da „produziert“ hat – im Guten wie im Schlechten.

Ich kannte mich in den nächsten Monaten und Jahren selbst nicht mehr richtig, und schenkte mir selbst sicher nicht die Aufmerksamkeit, die ich gebraucht hätte. Nach der Elternzeit wunderten sich meine Kolleginnen darüber, warum ich mir Dinge nicht merken konnte, warum man mir alles mehrmals erklären musste. Hätten sie in meinen Kopf sehen können, hätten sie dort zwei unterschiedliche Hälften gesehen.

Zwei ungleiche Hälften ergeben erstmal Chaos

Die Kinder-Hälfte und die Arbeits-Hälfte. Und hätten vielleicht verstanden, dass zwei ungleiche Hälften nicht ein Ganzes ergeben, sondern einfach nur Chaos. Wieviel Kraft es mich jeden einzelnen Tag gekostet hat, zuerst der einen Hälfte, und dann der anderen Hälfte so gut es geht gerecht zu werden. Und dabei immer wieder das Gefühl zu haben, zu scheitern.

Jetzt ist mein Sohn gerade vier Jahre alt, und mein altes Ich kommt langsam zurück – mit ein paar hilfreichen neuen Skills. Die sogenannte Stilldemenz ist nur noch eine blasse Erinnerung, die zerrissenen Nächte der Baby- und Kleinkindzeit eines von vielen Puzzleteilen, die irgendwann das Bild seiner Kindheit ergeben werden. Wann immer ich die Fotos ansehe, die wir kurz nach seiner Geburt gemacht haben, merke ich, wie ich diese Zeit immer mehr in meiner Erinnerung verkläre. Und ich wünsche mir, dass ich die Baby-Zeit mit ihm so hätte genießen können, wie ich es heute vermutlich täte.

Die Entscheidung für ein Kind ist endgültig

Es gab oft genug Momente, in denen ich nicht mehr konnte. Mich einfach ins Badezimmer einschließen und ihn schreien lassen wollte. Niemandes Bedürfnisse mehr erfüllen wollte. Aber ein Kind kann man nicht zurückgeben. Die Entscheidung, es auf die Welt zu holen, ist unwiderruflich. Und das macht Angst. Warum tun wir es also trotzdem? Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet und ob wir die Entscheidung vielleicht ein Leben lang bereuen?

Die Momente, die ich bisher ohne meinen Sohn war, haben mir die Antwort darauf gegeben. Versteht mich nicht falsch: Ich habe die freie Zeit genossen, ausgekostet und mir gewünscht, dass sie noch länger andauert. Habe alles getan, was ich sonst in seiner Gegenwart nicht tun kann. Und habe mich wieder so gefühlt wie damals, bevor es ihn gab. Mein altes Ich ist mit Schalk im Nacken hervorgekommen und hat mich zum Tanzen aufgefordert.

Auf einmal war mein Herz leer ohne ihn

Doch dann, wenn ich meine Freiheit genug ausgekostet hatte, war mein Herz auf einmal leer ohne ihn. Ich hatte alles ohne ihn getan, aber es war nicht mehr genug. Erst als er wieder durch die Tür rannte und mich anlächelte, war der Herzschmerz vorbei. Er ist ich, und ich bin er. Wir sind zwei Hälften, die immer verbunden sein werden.

Die Liebe für ihn ist die größte und ehrlichste Liebe, die ich jemals empfunden habe. Und die Liebe, die ich von ihm bekomme, bringt mein Herz zum Schmelzen. Deshalb bekommen wir Kinder.

Wütend sein, ja oder nein?

Weibliche Wut: Dass es sowas gibt, und dass diese Wut sogar ziemlich groß werden kann – dieses Bewusstsein sickert in der Gesellschaft nur langsam durch. Die Wut vor allem von Müttern ist nämlich immer noch etwas, das die Mütter bitte mit sich selbst ausmachen sollen.

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Mein Sohn war diese Woche mit einer entzündeten Lippe zuhause. Die Ärztin hatte uns gesagt, das kommt vom Knibbeln. Immer wieder hatte ich meinen Sohn zurechtgewiesen, ihn gebeten, nicht daran zu zupfen. Und nun: entzündete, geschwollene, blutverkrustete Oberlippe, mehrere Tage lang erhöhte Temperatur und Fieber. Laune im Keller, schlaflose Nächte, Eltern am Anschlag, Großeltern höchst besorgt. Und ach ja – Home Office nebenbei natürlich.

Vier Tage lang waren ich und mein Sohn ununterbrochen zusammen, jede Sekunde, auch nachts lagen ich oder mein Mann bei ihm. Dennoch klebte er hauptsächlich an mir, denn ich rannte, machte und tat alles, damit es ihm besser ging. Schnitt Obst in Mini-Stückchen, und fütterte ihn wie ein Meerschweinchen damit, zog ihm selbstgekochte Hühnersuppe in eine dicke Spritze und flößte ihm auf diese Weise Flüssigkeit ein, als er vor Schmerzen den Mund nicht bewegen konnte.

Nach vier Tagen zuhause kam die Wut

Schlief nachts auf 20 Zentimetern, damit er neben mir genug Platz hat in seinem unruhigen, fiebrigen Schlaf. Hielt ihn nachmittags mit Puzzles, Schokolade, Büchern und auch ziemlich viel Youtube Kids bei Laune. Schmierte zwischendurch immer wieder die geschwollene Lippe ein, ging mit ihm aufs Klo, kochte abends noch das Essen.

Und dann, nachdem ich vier Tage lang das Haus nicht verlassen hatte, kam die Wut. Ich hatte ihn nachmittags lange schlafen lassen, um mir selbst mal eine Pause zu gönnen. Abends bekam ich die Quittung – ich saß von halb 9 bis kurz vor 10 an seinem Bett, erzählte eine Gutenacht-Geschichte nach der anderen.

Einfach nichts mehr hören

Er gähnte und gähnte, konnte aber nicht in den Schlaf finden. Kam dann auf die Idee, seine Bettdecke aus dem Bett zu strampeln und sich mitten im Zimmer auf den Boden zu legen. Die folgenden fünf Minuten kann ich nur mit Magenschmerzen beschreiben. Ich schrie ihn an, schrie ihm meine ganze Erschöpfung und Frustration ins Gesicht.

Warf ihm vor, dass ich den ganzen Tag für ihn da gewesen sei. Und jetzt willst du zum Dank dafür nicht einschlafen? Hob ihn hoch und setzte ihn in sein Bett zurück. Er schrie, ich solle ihn in Ruhe lasse, dann ging ich aus dem Zimmer. Drinnen schrie er weiter. Ich ignorierte es. Legte mich einfach auf mein Bett und hörte nichts mehr.

Nach der Wut kommt die Scham

Nach der Wut kommt als Mutter immer die Scham. Wenige Sekunden nach meinem Wutausbruch dachte ich sofort an die Nachbarn über uns, die sicherlich jedes meiner bösen Worte gehört hatten. Ich schämte mich vor mir selbst, vor ihnen, vor meinem Sohn, im Grunde vor der ganzen Welt. Ich schämte mich, weil ich meinem Sohn, der so viel kleiner und schwächer ist als ich, ungezügelt meine Wut gezeigt hatte. Und ich schämte mich, weil ich diesen kurzen Moment des Kontrollverlustes, des völligen Loslassens und Rauslassens meiner Emotionen, genossen hatte. Weil ich mich für ein paar Sekunden endlich wieder wie ich selbst gefühlt hatte. Wie ein Mensch, der wütend ist. Eigentlich die normalste Sache der Welt, sollte man meinen.

Es gibt mittlerweile viele Frauen, die ihre Wut in guten und aufwühlenden Texten beschrieben haben. Das ist wichtig, denn nur so können wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch Frauen „nur“ Menschen sind. Warum ist es aber für uns Mütter so verdammt schwer, einfach nur Menschen zu sein?

Elfenprinzessin oder böser Zauberer?

Bei mir ist es so: Jedes Mal, wenn ich wütend bin auf mein Kind, und ihn das spüren lasse, stelle ich mir vor, dass sein Weltbild bröckelt. Seine Mutter, der Engel ohne Flügel – eine wütende Furie, die ihm vielleicht sogar Angst macht. Erst ist Mama eine Elfenprinzessin mit unendlicher Geduld, dann wird sie auf einmal zu Saruman und lässt ihre Orks los. Ich stelle dann auch mich selbst als Mutter in Frage, meine Liebe zu meinem Sohn. Eine monumentale Entzauberung, oder? Eine Entzauberung, für die ich nicht verantwortlich sein möchte, es aber dennoch bin.

Dass große Wut und grenzenlose Liebe sehr wohl nebeneinander und gleichzeitig in uns Menschen existieren können, das ist schon lange bekannt und wird eigentlich allen zugestanden, bloß den Müttern nicht.

Ein bisschen ist diese Entzauberung wie der Moment, wenn wir als Teenager unsere Eltern endlich in einem realististischen Licht sehen. Fast immer müde, vielleicht zerstritten, oft genervt, teilweise vom Leben desillusioniert. Von Entscheidungen überfordert. Und so oft auf dem falschen Dampfer was ihre Pläne für unser Leben anging. Neben der Fassungslosigkeit, dass unsere Eltern, und vor allem unsere Mütter, Menschen aus Fleisch und Blut sind, bemerken wir aber vielleicht auch ein anderes Gefühl: Erleichterung. Denn wenn unsere Mütter und Väter nicht perfekt sind, warum zum Teufel sollten wir es dann sein müssen?

Mimose, Weichei und Co.

Auch hier: Viel Arbeitsbedarf, besonders bei Mädchen. Erwachsenen Frauen (und auch Männern) meiner Generation wurde als Kindern oft gesagt, dass sie sich nicht so anstellen sollen. Das Wort „Mimose“ flog mir früher immer dann an den Kopf, wenn ich für ein Mädchen unerwünschte Gefühle wie Wut oder Trotz zeigte. Bei den Jungs war es andersherum: Sie durften nicht zu weich, zu nachgiebig oder vorsichtig sein, sonst drohte der Ausschluss aus der männlichen Welt.

Als erwachsene Frau entkommt man diesem Vorwurf leider immer noch nicht. Gibt es doch genug Männer, die Drama im Anmarsch sehen, wenn Frauen ihre Fassade fallen lassen und echte Gefühle zeigen. Oder wenn sie einfach nur im Alltag ihre persönlichen Grenzen zeigen und verteidigen. „Hysterisch“, „Sensibelchen“ und so weiter – Frauen haben angeblich immer ein zu viel an Gefühlen. Und erst recht wir Mütter, die permanent im Hormonrausch agierende weinerliche Unterart der normalen Frau.

Das Weibliche weicht von der Norm ab

Dass immer noch viele Männer das so empfinden, kann ich mir nur so erklären, dass sie automatisch alles, das von ihren eigenen, auf Sparsamkeit getrimmten Emotionen abweicht, als „anders“, „zuviel“ und damit überfordernd empfinden. So wie eben immer schon das Weibliche als das Andere, das von der männlichen Norm abweichende angesehen wird. Wie toxisch es auf der Welt werden kann, wenn erwachsene Männer an der Macht sind, die als Kinder keine echten Gefühle zeigen durften, davon möchte ich gar nicht erst anfangen.

Nachdem sein Vater zu ihm ins Zimmer kam und beruhigend auf ihn einsprach, ging ich nochmal hinein zu meinem völlig aufgelösten Sohn. Der alte Leitsatz „Gehe niemals zerstritten ins Bett“ schoss mir durch den Kopf. Ich wollte seine und meine Welt wieder kitten. Er wollte mich nicht sehen, schickte mich aus dem Zimmer. Ich erklärte ihm, wie müde ich sei, und dass ich darum so geschrien hätte. Ich zeigte ihm mein wahres, erschöpftes, ehrliches Gesicht. Und sagte ihm „Ich hab dich lieb“. Er hörte mir aufmerksam zu. Wir umarmten uns, und er schlief endlich ein. Ich goss mir in der Küche ein Glas Wein ein und rauchte draußen eine Zigarette. Über mir toste der erste Wintersturm.

Ein neues Blog? Warum das denn…

Gerade erst ist Olav Scholz vermutlich zum neuen König von Deutschland gewählt worden, die 7-Tages-Inzidenz ist seit Tagen mal wieder leicht gestiegen, und der Herbst klopft ziemlich laut an unsere Haustüren.

Zeitgleich zu diesen wichtigen Ereignissen möchte ich euch hier auf meinem Blog begrüßen – und damit letztendlich in meinem Kopf. DankeMama ist ein Safe Space für verrückte Gedanken, vertrackte Überlegungen, gewagte Thesen und ungefragte Meinungsäußerungen.

Hier möchte ich euch zeigen, dass ihr mit euren mütterlichen Neurosen und menschlichen Makeln nicht allein seid. Ihr wünscht eure Kinder manchmal ganz weit weg? Ist ok. Ihr seid glücklich verheiratet und findet trotzdem den Postboten heiß? Ja, so ist das Leben. Ein lautes DankeMama gibt es hier trotzdem für euch und alle Mamas und Omas da draußen.

No Time for Stuss!

Und da wir uns als Mütter sowieso den lieben langen Tag zusammenreißen, gebe ich mir hier die Erlaubnis, einfach mal ehrlich zu sein. Vermutlich wird hier von meiner Seite ziemlich viel gemotzt, gemeckert und gelästert werden, denn dieses Recht nehme ich mir als Verfasserin dieses Blogs nun mal raus. Alles persönliche Meinung, nix davon müsst ihr teilen oder auch nur kommentieren. Dennoch lege ich Wert auf Fairness und Anstand, und halte nichts davon, das Internet mit Pöbeleien und unreflektiertem Stuss zu einem noch feindseligeren Ort zu machen, als er für uns Frauen ohnehin schon ist.

Und ja, ich bin Feministin und kann mir trotzdem vorstellen, dass es da draußen viele gute und anständige Männer gibt, die nicht jeden Tag nur aufstehen, um uns Frauen das Leben zur Hölle zu machen, sondern so wie wir an echter Gleichberechtigung und Teilhabe interessiert sind. Nichtsdestotrotz gibt es für uns alle noch soooo viel zu tun, damit dieser Platz auf der Welt, den wir uns teilen, für uns und auch unsere Kinder lebenswert ist.

Lasst uns gemeinsam kämpfen und nicht aufgeben, aber bitte mit Humor! Und Daumen drücken, dass Herr Scholz und seine Regierung es nicht total verkackt.