Toxisch, oder einfach nur das Leben?

Immer mehr Verhaltensweisen, Beziehungen und Freundschaften bezeichnen wir heutzutage als toxisch. Ein anderer Ausdruck für „Das tut mir einfach nicht gut“. Wir erleben eigentlich ständig solche Situationen. Die Frage ist nur, wie geht man damit richtig um?

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Erinnern wir uns doch mal: Die eine Jugendfreundin, die immer eifersüchtig auf uns war und die halbe Clique gegen uns aufhetzte? Der Ex, der uns an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht hat? Oder das eine Familienmitglied, das die Stimmung bei Feiern innerhalb von Sekunden kippen lassen konnte… Vielleicht sogar die eigene Mutter oder der eigene Bruder.

Sie machen uns klein, schwach und verletzlich

Toxische Menschen würden wir sie heute nennen. Überall wimmelt es davon: toxische Beziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften. Als toxisch bezeichnen wir heutzutage alles, das uns nicht guttut. Menschen und Situationen, die uns schwach, klein und verletzlich machen. Die uns an uns selbst zweifeln lassen, und mit ihrem Verhalten das Zeug dazu haben, das Schlechteste in uns hervorzubringen. Die uns zu jemandem werden lassen, den wir selbst nicht mehr mögen. Die in uns vielleicht sogar traumatische Erinnerungen wecken.

Es tut im Nachhinein gut, für das was wir im Leben durchgemacht haben, eine Benennung, eine Einordnung zu haben. Vieles davon, was man sich im Lauf eines Lebens gefallen lässt, verdient wirklich die Bezeichnung „giftig“.

Hass, Aggression, verbale und körperliche Gewalt und misogynes Verhalten begegnen gerade uns Frauen täglich, sowohl im Internet als auch im realen Leben. Nahezu jede Frau in meinem Bekannten- und Freundeskreis kann mindestens eine Beziehung oder Begegnung vorweisen, in der sie gedemütigt, kleingemacht, vielleicht sogar beleidigt oder im schlimmsten Fall körperlich angegriffen wurde.

Mit manchen Momenten werden wir nicht fertig

Wenn ich meinen persönlichen Giftschrank öffne, springen mir daraus vom Kindergarten bis zur jüngsten Vergangenheit alle möglichen Menschen entgegen, die Wunden hinterlassen haben. Momente und Situationen, mit denen ich mehr schlecht als recht oder eben gar nicht richtig fertiggeworden bin. Enttäuschungen, die sich eingebrannt haben, und in meinem Kopf ein „Nie wieder so etwas!“ verursacht haben. Kleine Narben und große Wunden, die einfach nicht mehr heilen wollen, verursacht durch Menschen, denen ich auf meinem Weg begegnet bin.

Der Gedanke an diese Altlasten ist heute immer noch unangenehm, und wir alle verdrängen diese Geister der Vergangenheit nur zu gerne.

Verdrängen ist auf Dauer nicht gesund

Dass Verdrängen auf Dauer nicht gesund ist, können wir mittlerweile in jedem mittelguten Ratgeber nachlesen. Immer mehr Menschen gehen zum Therapeuten, um die bösen Geister und Gedanken zurückzudrängen, damit sie nicht mehr unser Leben und Handeln bestimmen.

Doch nicht alles verdient diese Bezeichnung. Manchmal ist es auch einfach das Leben, das uns in Situationen bringt, die toxisch enden.

Wir lassen zu, dass Menschen um uns herum sind, von denen wir spüren, dass sie uns nicht guttun. Wir begeben uns in Situationen, die wir nicht kontrollieren können, und haben trotzdem oft nicht die Kraft, uns daraus zu befreien. Wir treffen Entscheidungen, bei denen wir von Anfang an kein gutes Bauchgefühl haben. Oder wir haben einfach keine Wahl. Manchmal werden wir auch von genau den Menschen magisch angezogen, die unsere schwachen Seiten ausnutzen. Unbewältigte Kindheitstraumata lassen grüßen.

Wer wollte uns wirklich ruinieren?

Von diesen leidvollen Erfahrungen abgesehen, gibt es aber in jedem Leben auch immer Grau- und Zwischentöne. Wenn die Welt nur noch aus toxischen Menschen zu bestehen scheint, sollten wir uns fragen: Wie viele von den Menschen, die uns in unserem Leben begegnet sind, hatten wirklich die Absicht, uns zu ruinieren? Wer war uns von Anfang an böse gesonnen?

Vieles von dem, was uns passiert ist, war vielleicht schlicht das harte, ungebremste Leben. Nicht jede Beziehungs-Bruchlandung und jede abgebrochene Freundschaft lässt sich im Nachhinein mit dem Etikett „toxisch“ versehen.

Einfach niemand ist eine Insel

Nobody is an island, und dieser Spruch ist nur zu wahr. Jeder von uns befindet sich in einem sozialen Gefüge, in einem Beziehungs- und Bindungsgeflecht, aus dem wir uns nicht einfach ausklinken können, außer wir ziehen wirklich auf eine einsame Insel.

Alles was wir tun oder lassen, hat direkt oder indirekt Auswirkungen auf unsere Mitmenschen. Und vielleicht hat auch mich eine andere Person irgendwann einmal aus ihrem Leben gestrichen, weil ich für sie toxisch war. Vielleicht habe auch ich Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die andere verletzt und verunsichert haben, aus Unwissenheit, Ignoranz oder als falsche Reaktion auf das Verhalten meines Gegenübers.

Die Beziehung mit uns selbst ist oft toxisch

Und vielleicht ist sogar die Beziehung, die wir mit uns selbst als Frauen haben, manchmal vergiftet. Weil wir uns selbst oft genug nicht wertschätzen, unsere Körper nicht akzeptieren, nicht auf uns Acht geben und unsere eigenen Grenzen nicht respektieren. Anderen ihr übergriffiges oder rücksichtsloses Verhalten durchgehen lassen und uns dann selbst dafür verachten.

Täglich eine kleine Dosis Gift macht also in diesem Fall nicht irgendwann immun, sondern schwach. Aber solange wir nicht Gift für uns selbst sind, können wir auch die toxischen Einflüsse von anderen abwehren – und uns an den Menschen und Situationen freuen, die uns einfach nur guttun.

Fake it till you make it!

Selbst erfolgreiche und selbstbewusste Frauen kämpfen ihr Leben lang mit starken Selbstzweifeln – das sogenannte Hochstapler-Syndrom. Auch ich kenne das Gefühl sehr gut. Warum wir uns immer wieder selbst klein machen.

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In einer Zeit vor Corona und dem Home Office gab es Momente, da beneidete ich meine männlichen Kollegen in jedem Meeting. Sie forderten selbstbewusst Redezeit ein, erhoben ihre Stimmen und bekamen am Ende, was sie wollten. Der Kollege mit den verworrensten Gedankengängen verteidigte diese in der Regel am glühendsten.

Nonsense reden? Kein Problem!

Er trug seine Argumente derart überzeugt vor, dass niemand es wagte, ihm ins Wort zu fallen und die Sache abzukürzen. Oft genug fiel er anderen, kompetenteren Kolleginnen ins Wort. Er verzapfte den größten Nonsense und schien sich dabei rundum wunderbar zu fühlen. Auf magische Weise kam dadurch auch sonst niemand auf die Idee, ihn oder seine Position in Frage zu stellen.

Warum ich und viele meiner Kolleginnen es nicht genauso machten? Weil wir niemandes Zeit vergeuden wollten. Weil wir damit rechneten, dass sobald wir den Mund aufmachen, jemand unsere Meinung in Frage stellen oder unsere Argumente auseinandernehmen würde. Dass in letzter Konsequenz jemand zu uns sagen würde: Du hast doch gar keine Ahnung, worum es hier geht. Warum mischst du dich ein?

Angst, nicht am richtigen Platz zu sein

Diese Angst, eigentlich nicht am richtigen Platz zu sein, seine Erfolge nicht verdient zu haben und deshalb kein Recht auf ein selbstbewusstes Auftreten zu haben – diese Angst kennt Studien zufolge jeder zweite von uns, oder hat zumindest einmal im Leben dieses Gefühl. Hochstapler-Syndrom oder auf Englisch, Impostor Syndrome nennt sich das.

Frauen sind dabei genauso betroffen wie Männer, sie gehen nur anders damit um. Kein Wunder, schließlich leben wir in einer Welt, die es Frauen jeden Tag aufs Neue schwer macht, sich ihren Platz zu erstreiten. Wir sind es gewöhnt, Tag für Tag sowohl äußerlich als auch beruflich mit den härtesten gesellschaftlichen Kriterien bewertet zu werden – und meistens in irgendeinem Punkt nicht zu genügen.

Klappt etwas, ist es Zufall

Irgendjemand ist immer da, der unsere Schwachpunkte aufdeckt und sich voller Lust in unserer Achillesferse verbeißt, nur damit wir am Ende schwach und entmutigt aufgeben. Ob im Beruf oder selbst im Straßenverkehr, wir werden unterschätzt. Klappt doch mal etwas, dann war das Glück oder Zufall, aber kein eigenes Können.

Klingt drastisch und leicht übertrieben? Dann einfach mal eine kleine Übung für zwischendurch: Wie oft am Tag tun oder sagen wir Dinge nicht, weil wir Angst vor einem schlechten Urteil haben? Weil wir keinen Unmut auf uns ziehen und uns ins Abseits schießen wollen? Oder weil wir unsere Meinung schlicht für unwichtig erachten?

Ich selbst bekomme Beklemmungen, wenn ich als einzige Frau in einem Raum voller Männer meine Position verteidigen soll. Automatisch gehe ich davon aus, dass alle um mich herum kompetenter, durchsetzungsstärker oder einfach schlauer sind als ich.

Der Reflex, sich klein zu machen

Klassischer Fall: das Bewerbungsgespräch. Fake it till you make it ist ja ganz schön, aber wenn es um das berufliche Fortkommen in einem neuen Job und damit ja auch um die nächste Zeit im Leben geht, setzt bei mir oft genug der Reflex ein, mich selbst kleiner zu machen als ich bin.

Und schlagartig ist alles Wissen, das ich mir hart erarbeitet habe, sind alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, nichts mehr wert. Das Reptilienhirn sendet Angst in meine Magengrube und ich stelle innerlich jeden Satz, den ich sage, dreimal in Frage. Lasse mich runterziehen von dem Gefühl, den anwesenden Personen etwas vorzuspielen, das ich nicht bin, und Kenntnisse vorzugaukeln, die ich nicht habe. Und warte auf den Moment, an dem ich als fehl am Platz enttarnt werde. „Wir dachten, sie hätten hier bereits Vorkenntnisse?“ ist so ein Horrorsatz.

Die Strategie: noch härter an sich arbeiten

In unzähligen Gesprächen mit Freundinnen habe ich herausgefunden, dass ich damit nicht allein bin. Es lässt sich nur selten jemand anmerken. Menschen, die in ihrem Leben schon soviel erlebt und gemeistert haben, dass sie darüber ein Buch schreiben könnten – sie sitzen mir gegenüber und das ganze Gesicht ist ein einziger qualvoller Selbstzweifel. Oft genug ist die Strategie bei Frauen dann, einfach noch härter an sich selbst zu arbeiten. Noch mehr Selbstoptimierung, noch strengere Regeln für uns selbst und größerer Einsatz für die Sache, damit niemand auf die Idee kommt, uns Hochstaplertum zu unterstellen.

Ein bisschen fake heißt nicht ganz fake

In solchen Situationen für einen Moment ganz zu mir selbst zurückzukehren, ist meine Strategie. Mir selbst im Schnelldurchlauf ein paar Momente aufzuzählen, auf die ich stolz bin. Situationen, in denen ich mich bewiesen habe. Und mir selbst klarzumachen, dass ein bisschen faken im Gegenzug nicht heißt, dass man von vorne bis hinten fake ist – sondern dass es ein Mittel zum Zweck ist, um weiter zu kommen, in einer Welt die uns das weiterkommen sehr schwer macht.

Dass ich genauso wie alle anderen das Recht habe, Dinge nicht zu wissen und dazuzulernen. Und dass es in Ordnung ist, den Platz einzunehmen, der richtig für mich ist, mit allen meinen Stärken und Schwächen. Wirklich unfähig ist nur, wer aus seinen Fehlern nichts lernt.

Achtung, der Helikopter kommt!

Warum stellen wir Mütter (und Väter?) uns immer so schnell in Frage, wenn andere Konzepte, Vorstellungen und Erwartungen auf die unseren prallen? So geschehen diese Woche im Kindergarten meines Sohnes.

Gummibärchen zum Abschied

Mein Sohn hatte nach dem Urlaub große Probleme, sich wieder an den Gedanken eines Kindergarten-Alltags zu gewöhnen. Er weigerte sich morgens, aus dem Haus zu gehen. Mein Mann und ich versuchten mit schmerzendem Herzen, ihm den Abschied so leicht wie möglich zu machen. Gummibärchen und Schokobons wanderten in Kinderhände, es half trotzdem nichts.

Als mein Mann ihn mit Müh und Not morgens abgeliefert hatte, blieben wir beide ratlos und mit einem unguten Gefühl in der Magengegend zurück.

Mittags beim Abholen hieß es dann, mein Sohn hätte den Tag im Kindergarten sehr gut gemeistert und Spaß gehabt. Allerdings sollten wir das Abgeben morgens nicht unnötig in die Länge ziehen, einfach kurz verabschieden und gehen, da wir es dem Kind sonst nur unnötig schwer machten.

Dieses Thema verfolgt uns schon seit den ersten Kita-Tagen. Ist es TOO MUCH, sich bei seinem Kind noch richtig verabschieden zu wollen? Ist es vielleicht sogar ein Zeichen von unnötiger Schwäche, nochmal in den Arm zu nehmen, zu drücken, zu beruhigen, wenn das Kind sich partout nicht trennen kann oder will?

Wieviel ist zuviel?

Immer wieder bekommen wir Eltern von den Erzieherinnen das Gefühl des TOO MUCH vermittelt, wenn auch durch die Blume. Zuweilen komme ich mir vor wie eine Hundebesitzerin, die ihren geliebten Vierbeiner im Tierheim abgeben soll und verzweifelt versucht, sein klägliches Jaulen nicht zu hören.

Nicht zögern, Stärke zeigen, keine Gefühle nach außen lassen sondern: einfach gehen. Das Kind in der für es gerade negativen, vielleicht sogar bedrohlichen Situation zurücklassen. Mein Mann konnte das diese Woche nicht. Und ich? Ich hätte es auch nicht gekonnt, sondern bin stattdessen froh, dass das Abholen mittags keine Abschieds- sondern eine Wiedersehenssituation ist.

Als ich der Erzieherin erklärte, dass bereits bei uns Zuhause schlechte Stimmung herrschte und unser Sohn offensichtlich nicht aufbrechen wollte, nickte sie nur gleichgültig. Für sie offenbar kein Grund, ein Drama zu machen.

Als sie mich dann auch noch darauf hinwies, dass mein Sohn immer „sehr lange“ brauchen würde, um sich für das Spielen im Garten anzuziehen, platzte mir unter meiner Maske der Kragen. Ich erklärte ihr, dass ich kein Problem darin sähe, wenn ein dreieinhalb Jahre altes Kind zum Anziehen von Jacke und Schuhen etwas länger bräuchte. Dass ich mir für meinen Sohn Unterstützung wünsche. Und dass unsere Priorität momentan nicht beim Jackenanziehen läge, sondern darin, dass er sich im Kindergarten gut und sicher fühlt.

Bin ich eine Helikopter-Mutter?

Die Erzieherin war offensichtlich von meiner Reaktion überrrascht und wurde sofort defensiv. Sie hätte mich ja nur darauf hinweisen wollen. Irgendwie bekam ich zum Abschied noch halbwegs die Kurve und ging mit hochrotem Kopf und einem stillen Kind an der Hand nach Hause. War ich nun eine Helikopter-Mutter? Mein Mann ein Helikopter-Dad?

Für Eltern kleiner Kinder gibt es momentan kaum ein abwertenderes Wort als „Helikoptereltern“. Niemand möchte sich nachsagen lassen, er oder sie könne sich vom Kind nicht abgrenzen, wenn es nötig ist. Keiner möchte wie eine Klette an seinem Kind hängen und es in seiner Entwicklung behindern.

Zugegeben, wenn es Zuhause schnell(er) gehen soll, helfe ich meinem Sohn in die Turnschuhe und halte für ihn die Jacke fest, damit er in die Ärmel kommt. Mein Mann verabschiedet sich im Kindergarten jeden Morgen mit Küsschen und Umarmung von unserem Sohn, und bleibt auch ein paar Sekunden an der Tür stehen, wenn dem Kleinen der Abschied schwer fällt. Bisher kam mir auch nie der Gedanke, dass das falsch sein könnte.

Alle wunderten sich über die Kindergärtnerin

Natürlich fragte ich an dem Tag auch andere Eltern, wie sie die Situation einschätzten. Alle gaben mir Recht. Sie hätten es auch nicht übers Herz gebracht, nach einem schwierigen Morgen einfach zu gehen. Und wunderten sich über die Ansprüche der Kindergärtnerin an ein Kleinkind.

Dachten wir nicht, wir hätten die „Kinder dürfen nicht verweichlichen“-Pädagogik der Nachkriegsjahre hinter uns gelassen? Warum trifft es uns dann so, wenn uns ein ZUVIEL an Liebe und Fürsorge unterstellt wird? Und trotzdem kämpfen wir wie die Löwen, wenn wir das Gefühl haben, unserem Kind wird unrecht getan. Ich bin gespannt, ob dieses Gefühl nachlässt, wenn das Kind älter wird – oder ob wir eben für immer mit diesem Zwiespalt leben müssen, und einfach irgendwann lernen, loszulassen.