Was, wenn Maaaaamaaaa nicht mehr kann?

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Als ich mich neulich mit einer Freundin traf, die zwei Kinder hat, fiel mir auf, wie unglaublich erschöpft sie war. An Erschöpfung und Müdigkeit im „normalen“ Maß haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt, aber was, wenn der Beinahe-Burnout zum Dauerzustand wird?

Das Hamsterrad lässt grüßen

Das Hamsterrad lässt grüßen: Das dachte ich mir, als ich meine langjährige Freundin seit über einem Jahr mal wieder zu Gesicht bekam. Sie wirkte komplett ausgepowert, erschöpft, und nervlich am Ende. Das jüngere Kind, ein zweijähriges Mädchen, hielt sie jede Minute beschäftigt, der 5-jährige Junge war ebenfalls ein „Actionkind“, das sich kurz mal 5 Minuten zum Essen hinsetzen konnte, aber dann sofort wieder aufsprang und auf den Spielplatz wollte.

Meine Freundin und ihr Mann sprangen abwechselnd auf und rannten genervt rufend den umhertobenden Kindern hinterher, das Essen wurde kalt.

Einfach mal „nur sitzen“

Solche Situationen kenne ich von meinem Kind. Man sehnt ein paar Minuten Ruhe herbei, möchte einfach mal „nur sitzen“ und essen oder sich kurz unterhalten. Aber das Kind hat Hummeln im Hintern, und einmal mehr ertappen wir uns vielleicht dabei, wehmütig an die Zeit vor den Kindern zu denken, in der wir einfach nur stundenlang mit Freunden sitzen und uns in Ruhe austauschen konnten.

In der wir unsere Gespräche nicht in kleine Häppchen packen mussten, weil man länger als ein paar Minuten nie zusammen am Tisch sitzen kann. Zwischen „Julian, lass deine Schwester jetzt auch mal schaukeln“ und „Setz dich bitte jetzt hin und iss“ sprachen wir kurz über den letzten Ärger mit der Schwiegermutter, eine Antwort konnte ich nicht geben, denn da hängt der kleine Sohn schon kopfüber am Klettergerüst und ruft nach Maaaaaamaaaaaaa….

Trauma in der Corona-Zeit

Und irgendwo zwischen Kaiserschmarren und umgekippter Apfelschorle kommt dann auch ihre Fehlgeburt zur Sprache, die sie vor der zweiten Schwangerschaft hatte. Dieses traumatische Erlebnis mitten in der Corona-Zeit, das sie noch gar nicht richtig verarbeiten konnte. Die Enttäuschung darüber, wie wenig ihr Mann wirklich nachfühlen konnte, was da in ihr vorging. Sie wischt es weg, erledigt, vergangen, und geht zur Toilette.

Gezahlt wird in Etappen, denn bei drei kleinen Kindern muss immer eines dringend aufs Klo oder Windeln wechseln, und der Zeitpunkt muss abgepasst werden, denn irgendwer hat keine Wechselwäsche eingepackt, falls was danebengeht, und dann muss das Kind mit nasser Hose rumlaufen, und so warm ist es ja jetzt auch noch nicht, wir sind hier auf dem Berg…

Kleine Wesen mit eigenem Willen

Kinder sind so, und Kinder sind anders, und niemand weiß, was für eine kleine Persönlichkeit da auf die Welt kommt, wie sehr sie uns fordern und an unsere Grenzen bringen wird.

Das alles wird uns klar, wenn wir das kleine Wesen an unserer Seite zum ersten Mal wirklich als eigenständige Persönlichkeit betrachten. Mit Macken, Marotten und Vorlieben, und vor allem mit einem eigenen Willen.

Dennoch tut es mir weh, wenn ich die Erschöpfung sehe, die meiner Freundin im Gesicht geschrieben steht. Ihr Mann wirkt auch müde, aber er ist – trotz gerade begonnener beruflicher Selbstständigkeit – längst nicht so am Limit wie sie.

Sie hält an ihrem Traum fest

Trotzdem denkt sie über ein drittes Kind nach. Denn das war immer schon ihr Traum, drei Kinder. An diesem Traum hält sie fest, auch wenn das bedeutet, sich finanziell, körperlich und psychisch komplett an die Grenzen und darüber hinaus zu bringen.

Und die Erschöpfung, die Müdigkeit?

„Wir fahren jetzt auch bald mal ein paar Wochen weg“, sagt sie. Sie schaut mit einem schmalen Lächeln ihren Mann an, „Freust du dich schon?“ Doch der hat keine Zeit zu antworten, er hebt gerade Schnitzel-Stückchen vom Boden auf.

Good cop, bad cop… muss das sein?

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Kennt ihr das auch? Vorausgesetzt ihr erzieht euer Kind zusammen mit einer anderen Person, ist immer einer der „good cop“, einer der „bad cop“. Diese Dynamik raubt mir manchmal den letzten Nerv.

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Situationen wie diese haben wir zuhauf: Kind möchte etwas Bestimmtes nicht tun (Zähneputzen, Anziehen etc.), ein Elternteil möchte das Geplante trotzdem durchsetzen, die Situation schraubt sich hoch und zack! Das Kind kommt angerannt und sucht beim anderen Elternteil nach Bestätigung oder Trost. In unserer Konstellation bin das meistens ich, die dann als Puffer zwischen den verhärteten Fronten steht. Eine Situation, die mich jedes Mal wieder etwas ratlos zurücklässt, denn ich habe in diesem Fall die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Biete ich dem Kind den gewünschten Trost, habe ich das Gefühl, meinem Partner in den Rücken zu fallen. Biete ich die tröstende Schulter nicht an, habe ich Angst, die Bindung zu meinem Kind zu gefährden oder ihm in seiner Not nicht beizustehen. Wie ich es mache, scheint es falsch zu sein.

Bis drei zählen und abwarten

Und der Partner? Nach dem Motto „Du hast mich jetzt genug angeschrien“ in Richtung Kind verlässt er ebenfalls sauer die Szenerie und mir bleibt dann wieder nur – bis drei zu zählen, denn dann kommt unter Garantie das wütende Kind angestampft und will sich an meiner Schulter ausheulen.

Dass mein Partner nach 5 Minuten Frontal-Angeschrienwerden seine Grenze zieht und die Situation verlässt, kann man ihm schlecht vorwerfen. Was mich jedoch wütend macht, ist die Argumentation, dass das Kind ja sowieso einen der beiden Elternteile bevorzugt, und das andere Elternteil dagegen nichts tun kann – und also auch keine Verantwortung übernimmt für Konfliktlösungen.

Wir leisten genug Beziehungsarbeit

Ich bin die Rolle der ewigen Vermittlerin leid. Erwiesenermaßen leisten wir Frauen daheim ja mehr als genug Beziehungs- und Sorgearbeit.

Wir fühlen uns meist dafür verantwortlich, dass die Stimmung daheim gut ist – selbst wenn das auf Kosten unseres eigenen Energiehaushaltes geht. Wir spielen Mutter Theresa, obwohl wir innerlich auch am liebsten schreien würden. Wir puffern die Gefühle der Kleinen und auch der Großen ab, nicht selten rücksichtslos gegenüber unseren eigenen Gefühlen.

Der eigentliche Job wird auch gleich noch gemacht

Oft ist es dann so, dass der verständnisvollere Elternteil auch noch gleich die zu erledigende Aufgabe übernimmt, wegen der der ganze Stress überhaupt angefangen hat. Also morgens schnell das Kind anziehen, abends das Kind doch noch zum Zähneputzen und danach ins Bett bringen, und und und. Das bedeutet unterm Strich nicht nur, anstrengende Gefühlsarbeit beim Kind zu leisten, sondern auch noch Arbeiten on top zu übernehmen, die eigentlich der Partner oder die Partnerin hätte machen sollen.

Was aber tun, wenn solche Extrem-Situationen fast täglich aufkommen? Wenn das Kind genau weiß, es muss nur zu Mama/Papa laufen, und schon ist der eigentliche Konflikt vorbei? Dann bleibt beim Kind das Wissen hängen, dass es einen „guten“ und einen „bösen“ Elternteil gibt.

Können Kinder ihre Eltern wirklich ausspielen?

Können Kinder ihre Eltern wirklich „gegeneinander ausspielen“, wie ich es schon so oft besonders von der älteren Generation gehört habe?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich weiß aber: Mein Kind möchte seine Eltern nicht willentlich gegeneinander aufbringen. Mein Kind leidet darunter, wenn mein Partner und ich uns streiten und die Luft dick ist. Mein Kind möchte, dass seine Gefühle aufgefangen und ja, auch begleitet werden.

Nicht geklärte Konflikte sind belastend

Selbst wenn es in höchster Wut nur noch „Geh weg“ und „Lass mich in Ruhe“ brüllt, so bleibt doch das Grundbedürfnis nach Trost und Linderung bestehen. Dieses Bedürfnis dürfen wir Eltern nicht ignorieren. Oft genug habe ich es als Kind selbst erlebt, wie belastend es sein kann, wenn Konflikte nicht beigelegt und heftige Konflikte nicht geklärt, sondern „ausgeschwiegen“ und ignoriert werden. Diese Konflikte sind dann wie kleine, schmerzhafte Schnitte, die über Tage hinweg wehtun.

Das Kind also in der Situation nicht allein zu lassen, steht für mich außer Frage. Und doch bleibt manchmal der Rest eines Zweifels – Kinder sind schließlich auch sehr lernfähige Wesen, die schnell begreifen, welches Elternteil das nachgiebigere und welches das strengere ist. So ganz weiß ich also auch nicht, was man tun kann, um die Dynamik „good cop, bad cop“ aufzubrechen.

Es gibt immer eine Nr. 1 und eine Nr. 2

Dass verschiedene Personen auch verschiedene Charaktere sind, und damit auch gegenüber dem Kind verschiedene Rollen besetzen, ist ja nur natürlich. Sonst wäre jeder Mensch in seinen Beziehungen ja komplett austauschbar. Und dass es in den meisten Eltern-Kind-Beziehungen eine Person gibt, die Bezugsperson Nr.1 ist, und eine, die die zweite Geige spielt, ist auch klar.

In den meisten Fällen sind es nun mal immer noch die Mütter, die den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen und damit auch am meisten Erfahrung im Umgang mit dem Kind anhäufen.

Auch wir Mütter müssen das erst lernen

Hier fällt mir als Lösung, um die Überanspruchung von Bezugsperson 1 zu vermeiden, nur eines ein: die Nr.2 muss sich engagiert einbringen und versuchen, ebenfalls „Trostkompetenz“ zu erwerben. Trösten und beruhigen muss man nämlich lernen, denn jedes Kind ist anders.  

Auch wir Mütter können das nicht von Natur aus gut, sondern lernen es im Alltag mit dem Kind. Und was bleibt für mich zu tun? Vielleicht einfach, gelassen zu bleiben, da zu sein aber nicht immer sofort zu versuchen, den Konflikt beizulegen. Sondern auch mal darauf zu vertrauen, dass die Streithähne das „unter sich ausmachen“. Und dabei vielleicht auch etwas Wertvolles für den nächsten Konflikt mitnehmen – nämlich, dass sie nicht immer Mama brauchen, um den Streit beizulegen.

Warum bekommen wir eigentlich noch Kinder?

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Wann immer ich mit kinderlosen Freundinnen über Kinder spreche, kommt irgendwann die Frage auf, warum eigentlich überhaupt Kinder? Die Welt macht gerade einiges durch, die Jahrhundertereignisse häufen sich, jetzt gibt es sogar Krieg. Dazu kommen der private Stress, die Sorgen, die Kosten… ja, warum eigentlich?

Ich war innerlich Null darauf vorbereitet

Als ich schwanger wurde, brach für mich im ersten Moment eine Welt zusammen. Es kam recht unerwartet, ich hatte es nicht darauf angelegt und war innerlich Null darauf vorbereitet. Ich genoss mein Leben in Freiheit und ohne Einschränkungen.

Zwar hatte ich dann 10 Monate Zeit, um mich auf die Ankunft des neuen Erdlings einzustellen, aber NIEMAND, wirklich niemand kann uns vorbereiten auf das Gefühl, wenn das Kind dann endlich da ist. Diese Erschöpfung, diese Überforderung, diese Neugier auf das kleine Wesen da in deinen Armen. Ich gebe zu, die alles überflutende Liebe auf den ersten Blick konnte ich nach mehreren Stunden Wehensturm und einem nicht geplanten Kaiserschnitt nicht gleich empfinden.

Vorher selbstbestimmt, dann ohnmächtig

Ich war vor der Geburt ein selbstbestimmter Mensch gewesen, und währenddessen ohnmächtig dem ausgeliefert, was da in meinem Körper und außerhalb passierte. Als ich mit meinem neugeborenen Sohn nach Hause kam, war ich erstmal wie betäubt.

Zum ersten Mal in deinem Leben übernehmen wir voll und ganz Verantwortung für ein Menschenleben. Und gefühlt die ganze Welt sieht uns dabei zu und beurteilt, ob wir unsere Sache auch gut machen. Mein strengster und unerbittlichster Kritiker sollte in den nächsten Wochen und Monaten aber ich selbst sein. Ich gab diesem kleinen Wesen alles, was ich hatte, und noch mehr.

Die Grenze war nach oben offen

Und doch häuften sich die Momente, in denen ich dachte, es sei nicht genug. Die Liebe, die ich empfand, sei nicht genug. Die Zuwendung, das Stillen, das Tragen und Streicheln, es gab keine Grenze nach oben, keinen Feierabend, keinen Abstand von diesem kleinen Menschen. Ich war permanent im Ausnahmezustand, rund um die Uhr zuständig und völlig erschöpft.

Der kleine Kerl war kein Anfängerbaby, er ging gleich aufs Ganze. Neugierig, unruhig, und von meiner leider recht unsensiblen Nachsorge-Hebamme als „Zappelphilipp“ gleich in eine Schublade sortiert, machte er es mir schwer, auch nur wenige Minuten am Tag zu entspannen.

Leider können wir einem anderen Menschen, selbst wenn die Person noch so einfühlsam ist, nie ganz klarmachen, was für ein Gefühl es ist, diese Verantwortung als Mutter am eigenen Leib zu spüren. Natürlich gibt es Personen, die im selben Maße Verantwortung übernehmen für ein Neugeborenes, dazu muss man nicht stillen oder gebären können.

Keine Gruppe wird so hart beurteilt

Es gibt in unserer Gesellschaft kaum eine Personengruppe, die für Ihre Dienste an anderen Menschen mehr in den Himmel gehoben und gleichzeitig brutaler beurteilt wird als die der „klassischen“ Mutter. Die Verantwortung als Mutter kennt keine Grenzen, im Grunde wird man ein Leben lang dafür zur Rechenschaft gezogen, was für einen kleinen und später großen Menschen man da „produziert“ hat – im Guten wie im Schlechten.

Ich kannte mich in den nächsten Monaten und Jahren selbst nicht mehr richtig, und schenkte mir selbst sicher nicht die Aufmerksamkeit, die ich gebraucht hätte. Nach der Elternzeit wunderten sich meine Kolleginnen darüber, warum ich mir Dinge nicht merken konnte, warum man mir alles mehrmals erklären musste. Hätten sie in meinen Kopf sehen können, hätten sie dort zwei unterschiedliche Hälften gesehen.

Zwei ungleiche Hälften ergeben erstmal Chaos

Die Kinder-Hälfte und die Arbeits-Hälfte. Und hätten vielleicht verstanden, dass zwei ungleiche Hälften nicht ein Ganzes ergeben, sondern einfach nur Chaos. Wieviel Kraft es mich jeden einzelnen Tag gekostet hat, zuerst der einen Hälfte, und dann der anderen Hälfte so gut es geht gerecht zu werden. Und dabei immer wieder das Gefühl zu haben, zu scheitern.

Jetzt ist mein Sohn gerade vier Jahre alt, und mein altes Ich kommt langsam zurück – mit ein paar hilfreichen neuen Skills. Die sogenannte Stilldemenz ist nur noch eine blasse Erinnerung, die zerrissenen Nächte der Baby- und Kleinkindzeit eines von vielen Puzzleteilen, die irgendwann das Bild seiner Kindheit ergeben werden. Wann immer ich die Fotos ansehe, die wir kurz nach seiner Geburt gemacht haben, merke ich, wie ich diese Zeit immer mehr in meiner Erinnerung verkläre. Und ich wünsche mir, dass ich die Baby-Zeit mit ihm so hätte genießen können, wie ich es heute vermutlich täte.

Die Entscheidung für ein Kind ist endgültig

Es gab oft genug Momente, in denen ich nicht mehr konnte. Mich einfach ins Badezimmer einschließen und ihn schreien lassen wollte. Niemandes Bedürfnisse mehr erfüllen wollte. Aber ein Kind kann man nicht zurückgeben. Die Entscheidung, es auf die Welt zu holen, ist unwiderruflich. Und das macht Angst. Warum tun wir es also trotzdem? Ohne wirklich zu wissen, was uns erwartet und ob wir die Entscheidung vielleicht ein Leben lang bereuen?

Die Momente, die ich bisher ohne meinen Sohn war, haben mir die Antwort darauf gegeben. Versteht mich nicht falsch: Ich habe die freie Zeit genossen, ausgekostet und mir gewünscht, dass sie noch länger andauert. Habe alles getan, was ich sonst in seiner Gegenwart nicht tun kann. Und habe mich wieder so gefühlt wie damals, bevor es ihn gab. Mein altes Ich ist mit Schalk im Nacken hervorgekommen und hat mich zum Tanzen aufgefordert.

Auf einmal war mein Herz leer ohne ihn

Doch dann, wenn ich meine Freiheit genug ausgekostet hatte, war mein Herz auf einmal leer ohne ihn. Ich hatte alles ohne ihn getan, aber es war nicht mehr genug. Erst als er wieder durch die Tür rannte und mich anlächelte, war der Herzschmerz vorbei. Er ist ich, und ich bin er. Wir sind zwei Hälften, die immer verbunden sein werden.

Die Liebe für ihn ist die größte und ehrlichste Liebe, die ich jemals empfunden habe. Und die Liebe, die ich von ihm bekomme, bringt mein Herz zum Schmelzen. Deshalb bekommen wir Kinder.

Wütend sein, ja oder nein?

Weibliche Wut: Dass es sowas gibt, und dass diese Wut sogar ziemlich groß werden kann – dieses Bewusstsein sickert in der Gesellschaft nur langsam durch. Die Wut vor allem von Müttern ist nämlich immer noch etwas, das die Mütter bitte mit sich selbst ausmachen sollen.

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Mein Sohn war diese Woche mit einer entzündeten Lippe zuhause. Die Ärztin hatte uns gesagt, das kommt vom Knibbeln. Immer wieder hatte ich meinen Sohn zurechtgewiesen, ihn gebeten, nicht daran zu zupfen. Und nun: entzündete, geschwollene, blutverkrustete Oberlippe, mehrere Tage lang erhöhte Temperatur und Fieber. Laune im Keller, schlaflose Nächte, Eltern am Anschlag, Großeltern höchst besorgt. Und ach ja – Home Office nebenbei natürlich.

Vier Tage lang waren ich und mein Sohn ununterbrochen zusammen, jede Sekunde, auch nachts lagen ich oder mein Mann bei ihm. Dennoch klebte er hauptsächlich an mir, denn ich rannte, machte und tat alles, damit es ihm besser ging. Schnitt Obst in Mini-Stückchen, und fütterte ihn wie ein Meerschweinchen damit, zog ihm selbstgekochte Hühnersuppe in eine dicke Spritze und flößte ihm auf diese Weise Flüssigkeit ein, als er vor Schmerzen den Mund nicht bewegen konnte.

Nach vier Tagen zuhause kam die Wut

Schlief nachts auf 20 Zentimetern, damit er neben mir genug Platz hat in seinem unruhigen, fiebrigen Schlaf. Hielt ihn nachmittags mit Puzzles, Schokolade, Büchern und auch ziemlich viel Youtube Kids bei Laune. Schmierte zwischendurch immer wieder die geschwollene Lippe ein, ging mit ihm aufs Klo, kochte abends noch das Essen.

Und dann, nachdem ich vier Tage lang das Haus nicht verlassen hatte, kam die Wut. Ich hatte ihn nachmittags lange schlafen lassen, um mir selbst mal eine Pause zu gönnen. Abends bekam ich die Quittung – ich saß von halb 9 bis kurz vor 10 an seinem Bett, erzählte eine Gutenacht-Geschichte nach der anderen.

Einfach nichts mehr hören

Er gähnte und gähnte, konnte aber nicht in den Schlaf finden. Kam dann auf die Idee, seine Bettdecke aus dem Bett zu strampeln und sich mitten im Zimmer auf den Boden zu legen. Die folgenden fünf Minuten kann ich nur mit Magenschmerzen beschreiben. Ich schrie ihn an, schrie ihm meine ganze Erschöpfung und Frustration ins Gesicht.

Warf ihm vor, dass ich den ganzen Tag für ihn da gewesen sei. Und jetzt willst du zum Dank dafür nicht einschlafen? Hob ihn hoch und setzte ihn in sein Bett zurück. Er schrie, ich solle ihn in Ruhe lasse, dann ging ich aus dem Zimmer. Drinnen schrie er weiter. Ich ignorierte es. Legte mich einfach auf mein Bett und hörte nichts mehr.

Nach der Wut kommt die Scham

Nach der Wut kommt als Mutter immer die Scham. Wenige Sekunden nach meinem Wutausbruch dachte ich sofort an die Nachbarn über uns, die sicherlich jedes meiner bösen Worte gehört hatten. Ich schämte mich vor mir selbst, vor ihnen, vor meinem Sohn, im Grunde vor der ganzen Welt. Ich schämte mich, weil ich meinem Sohn, der so viel kleiner und schwächer ist als ich, ungezügelt meine Wut gezeigt hatte. Und ich schämte mich, weil ich diesen kurzen Moment des Kontrollverlustes, des völligen Loslassens und Rauslassens meiner Emotionen, genossen hatte. Weil ich mich für ein paar Sekunden endlich wieder wie ich selbst gefühlt hatte. Wie ein Mensch, der wütend ist. Eigentlich die normalste Sache der Welt, sollte man meinen.

Es gibt mittlerweile viele Frauen, die ihre Wut in guten und aufwühlenden Texten beschrieben haben. Das ist wichtig, denn nur so können wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch Frauen „nur“ Menschen sind. Warum ist es aber für uns Mütter so verdammt schwer, einfach nur Menschen zu sein?

Elfenprinzessin oder böser Zauberer?

Bei mir ist es so: Jedes Mal, wenn ich wütend bin auf mein Kind, und ihn das spüren lasse, stelle ich mir vor, dass sein Weltbild bröckelt. Seine Mutter, der Engel ohne Flügel – eine wütende Furie, die ihm vielleicht sogar Angst macht. Erst ist Mama eine Elfenprinzessin mit unendlicher Geduld, dann wird sie auf einmal zu Saruman und lässt ihre Orks los. Ich stelle dann auch mich selbst als Mutter in Frage, meine Liebe zu meinem Sohn. Eine monumentale Entzauberung, oder? Eine Entzauberung, für die ich nicht verantwortlich sein möchte, es aber dennoch bin.

Dass große Wut und grenzenlose Liebe sehr wohl nebeneinander und gleichzeitig in uns Menschen existieren können, das ist schon lange bekannt und wird eigentlich allen zugestanden, bloß den Müttern nicht.

Ein bisschen ist diese Entzauberung wie der Moment, wenn wir als Teenager unsere Eltern endlich in einem realististischen Licht sehen. Fast immer müde, vielleicht zerstritten, oft genervt, teilweise vom Leben desillusioniert. Von Entscheidungen überfordert. Und so oft auf dem falschen Dampfer was ihre Pläne für unser Leben anging. Neben der Fassungslosigkeit, dass unsere Eltern, und vor allem unsere Mütter, Menschen aus Fleisch und Blut sind, bemerken wir aber vielleicht auch ein anderes Gefühl: Erleichterung. Denn wenn unsere Mütter und Väter nicht perfekt sind, warum zum Teufel sollten wir es dann sein müssen?

Mimose, Weichei und Co.

Auch hier: Viel Arbeitsbedarf, besonders bei Mädchen. Erwachsenen Frauen (und auch Männern) meiner Generation wurde als Kindern oft gesagt, dass sie sich nicht so anstellen sollen. Das Wort „Mimose“ flog mir früher immer dann an den Kopf, wenn ich für ein Mädchen unerwünschte Gefühle wie Wut oder Trotz zeigte. Bei den Jungs war es andersherum: Sie durften nicht zu weich, zu nachgiebig oder vorsichtig sein, sonst drohte der Ausschluss aus der männlichen Welt.

Als erwachsene Frau entkommt man diesem Vorwurf leider immer noch nicht. Gibt es doch genug Männer, die Drama im Anmarsch sehen, wenn Frauen ihre Fassade fallen lassen und echte Gefühle zeigen. Oder wenn sie einfach nur im Alltag ihre persönlichen Grenzen zeigen und verteidigen. „Hysterisch“, „Sensibelchen“ und so weiter – Frauen haben angeblich immer ein zu viel an Gefühlen. Und erst recht wir Mütter, die permanent im Hormonrausch agierende weinerliche Unterart der normalen Frau.

Das Weibliche weicht von der Norm ab

Dass immer noch viele Männer das so empfinden, kann ich mir nur so erklären, dass sie automatisch alles, das von ihren eigenen, auf Sparsamkeit getrimmten Emotionen abweicht, als „anders“, „zuviel“ und damit überfordernd empfinden. So wie eben immer schon das Weibliche als das Andere, das von der männlichen Norm abweichende angesehen wird. Wie toxisch es auf der Welt werden kann, wenn erwachsene Männer an der Macht sind, die als Kinder keine echten Gefühle zeigen durften, davon möchte ich gar nicht erst anfangen.

Nachdem sein Vater zu ihm ins Zimmer kam und beruhigend auf ihn einsprach, ging ich nochmal hinein zu meinem völlig aufgelösten Sohn. Der alte Leitsatz „Gehe niemals zerstritten ins Bett“ schoss mir durch den Kopf. Ich wollte seine und meine Welt wieder kitten. Er wollte mich nicht sehen, schickte mich aus dem Zimmer. Ich erklärte ihm, wie müde ich sei, und dass ich darum so geschrien hätte. Ich zeigte ihm mein wahres, erschöpftes, ehrliches Gesicht. Und sagte ihm „Ich hab dich lieb“. Er hörte mir aufmerksam zu. Wir umarmten uns, und er schlief endlich ein. Ich goss mir in der Küche ein Glas Wein ein und rauchte draußen eine Zigarette. Über mir toste der erste Wintersturm.

Warum geben wir Frauen eigentlich immer so viel?

Die Erschöpfung der Frauen von heute ist mittlerweile fast schon Normalzustand. Überall wird über die ausgelaugte Frau und Mutter von heute diskutiert. Warum hören wir nicht endlich auf damit, uns emotional völlig zu verausgaben?

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Frauen, insbesondere Mütter und andere pflegende Personen, sind bereits im letzten Coronawinter an ihre Grenzen gekommen. Sehr viele von uns auch darüber hinaus. Und der nächste harte Winter steht uns schon bevor. Die Erschöpfung, die in der gleichzeitigen Belastung durch Erwerbsarbeit und Care-Arbeit während Corona ihren Höhepunkt fand, ist seit Jahren Thema in feministischen Diskussionen. Langsam findet das Thema nun auch Eingang in die Mainstream-Medien.

Viele sehen den Grund für die Erschöpfung darin, dass Frauen durch gesellschaftliche Erwartungen nicht nur dazu genötigt werden, ZU VIEL zu geben – sie werden dafür in vielerlei Hinsicht auch noch abgewertet.

Vom Ehrenamt zur Ariermutter

Die Frau als das sich ewig unterordnende, dienende Geschlecht – dieses Bild gibt es, seit es Religion gibt. Frauen dürfen in der heutigen katholischen Kirche zwar nach wie vor gerne Ehrenämter ausführen, verfügen aber trotzdem über lächerlich wenig Gestaltungsmacht. Hier und überall lautet das Motto: Gib gerne, denn dazu bist du geschaffen, aber erwarte nicht, dass du dafür etwas zurückbekommst. Im Nationalsozialismus fand dieses Frauenbild in der „deutschen Ariermutter“, die ihr Leben in den Dienst des Führers stellen, aber bitte keinerlei Ansprüche anmelden sollte, seinen Höhepunkt.

Heute stehen Frauen zwar nicht mehr ausschließlich (wenngleich meist noch neben dem Job) am Herd, aber die Rolle der Sorgenden hat sich fast 1:1 aufs Berufsleben übertragen. Dass Frauen wie selbstverständlich einen Großteil der miserabel bezahlten Jobs in Pflege und Kinderbetreuung übernehmen, heißt noch lange nicht, dass sie hier irgendeine Gestaltungsmacht hätten. Von Anerkennung kann ebenfalls nicht die Rede sein.

Das Ziel: Menschen zu helfen

Sorgen, aufopfern, kümmern – alles Dinge, die von uns erwartet werden, seit wir kleine Mädchen sind. Wenn Männer solche Berufe ausüben, geht damit fast automatisch ein hoher Status einher. Bestes Beispiel: der Arzt. Die Pflegerin, die Hebamme und die Krankenschwester können von so einem Status nur träumen, allenfalls reicht ihr Berufsbild als Projektionsfläche für männliche Fantasien. Dabei ist der Arztberuf an sich in meinen Augen ebenfalls ein „dienender Beruf“, dem zwar ein langes, anspruchsvolles Studium vorausgeht, der aber letzten Endes nur ein Ziel hat: Menschen zu helfen, und das jeden Tag.

Das ewige Aufopfern des weiblichen Geschlechts läuft aber nicht nur in Kirche und Job so, sondern auch im Privatleben: Ich kenne unzählige starke Frauen, die sich zuhause bis zur Erschöpfung um ihren Partner und die Kinder kümmern. Nicht nur übernehmen sie fast den kompletten Haushalt und betreuen (meist in Teilzeitjobs) nachmittags die Kinder, sondern sie fühlen sich auch noch für das mentale Wohl der Familie verantwortlich.

Der „Puffer“, der die schlechten Gefühle der anderen auf magische Weise in sich aufsaugt und abfedert. Und trotzdem noch die Energie aufbringt, mal kurz durchzusaugen und das Klo zu putzen. Am Ende sind meist auch noch sie es, die beim Paartherapeuten anrufen, um die Ehe zu retten.

Wenn Familienväter hingegen Zeit mit Ihren Kindern verbringen oder tatsächlich die Hälfte oder mehr Anteil an der Hausarbeit übernehmen, sich also in die Rolle des klassisch weiblichen Kümmerers begeben, ernten sie dafür von allen Seiten Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und vergessen in der Regel auch nicht, sich ausgiebig selbst für ihr außergewöhnlich hohes Engagement zu loben.

Der Partner wird wieder zum Kind

Frauen ohne Kinder hingegen haben zwar nicht die Verantwortung für einen kleinen Menschen zu tragen, aber der Tenor ist bei vielen: Ich fühle mich für meinen Partner verantwortlich wie für ein Kind. In vielen Gesprächen mit Freundinnen war das der Grund Nummer eins für Unzufriedenheit und letzten Endes das Ende der Beziehung: Frauen rutschen dem Partner gegenüber in die Mami-Rolle, ohne es zu wollen.

Wie leicht es vielen Männern fällt, im Gegenzug wieder zurück in die Kinderrolle zu schlüpfen, ist erstaunlich, aber nachvollziehbar, denn: so bequem. Zugespitzt gesagt, wer immer nimmt, ohne auf emotionaler Ebene je etwas dafür zurückgeben zu müssen, der gewöhnt sich irgendwann an diesen himmlischen Zustand. Leider schwindet dann auch oft der Respekt für den Gebenden, denn der bzw. die scheint es ja gern zu tun.

Liebe wird selbstverständlich

Die Währung Liebe und Sorge wird so in vielen Beziehungen immer selbstverständlicher. Wenn Mann dann im Gegenzug einmal im Jahr Blumen mitbringt oder „Ich liebe dich“ sagt, ist das eine sensationelle Geste der Zuwendung, die gerne gewürdigt, aber bitte nicht zu oft wiederholt werden darf, damit Frau sich nicht zu sehr an diesen Luxus gewöhnt.

Männer, die ohne sich zurückzuhalten oder aufzurechnen einfach Liebe geben, sind scheinbar eine Seltenheit. Wir Frauen werden schon von klein an darauf vorbereitet, dass die Suche nach diesem männlichen „Einhorn“ eine Herkulesaufgabe ist. Und bis wir „ihn“ gefunden haben, geben wir einfach weiterhin noch ein bisschen mehr von uns.